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Samstag, 1. Oktober 2005

Wenn man sich Gott ganz überlässt


Die Berufungsgeschichte von Armin Georg Nagel

Armin Georg NagelNur wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen würde, wenn sie sich ihm ganz überließen (Ignatius von Loyola)

In der Vergangenheit wurde ich des Öfteren gefragt: Hast Du immer schon Priester werden wollen?, oder: Wie war das denn mit deiner Berufung zum Priestertum? Das sind Fragen, die in wenigen Worten schwer zu beantworten sind, denn es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die man nicht erklären kann, zumindest nicht kurz und bündig. So bleibt auch die Berufung des Menschen durch Gott letztlich ein Geheimnis, dem man sich nur tastend annähern kann. Wenn ich nun in diesem Beitrag meine Berufungsgeschichte erzähle, dann geschieht dies im Bewusstsein, dass das, was erzählt wird, immer nur ein Stammeln bleibt und dass im Grunde genommen etwas Unsagbares gesagt wird.

Alles fing an, als ich Anfang September 1995 mit einer guten Bekannten nach Rom in den Urlaub fahren wollte. Es war wohl Gottes Fügung, dass ich etwa zwei Wochen vor Beginn unserer Romfahrt in der Deutschen Tagespost einen interessanten Artikel las. Der Artikel berichtete von einem europäischen Jugendtreffen in Loreto, einem bekannten italienischen Marienwallfahrtsort direkt an der Adria. Zu diesem Jugendtreffen wurden 300.000 junge Menschen aus allen Ländern Europas erwartet. Auch Papst Johannes Paul II. sollte zu diesem gigantischen Ereignis kommen. Und das Erstaunlichste an der Sache war, dass dieses Jugendtreffen zu der Zeit geplant war, in der ich mit meiner Bekannten nach Rom fahren wollte. Wir beschlossen also, zuerst einen Abstecher nach Loreto zu machen und von dort aus dann in die Ewige Stadt zu fahren. Ich ahnte damals nicht, dass dieser Abstecher mein Leben derart ändern würde.

Für mich war es ein bewegendes Erlebnis, all die jungen Menschen zu sehen, die aus vielen europäischen Ländern nach Loreto gepilgert waren, um zusammen mit dem Papst für ein christliches Europa zu beten. Ich erlebte zum ersten Mal, was es heißt, katholisch zu sein, d.h. zu einer Kirche zu gehören, die die ganze Welt umfasst. Auch durfte ich erleben, dass die Kirche lebendig ist, dass sie ein junges Gesicht hat, ja dass es geradezu eine Aufbruchsstimmung in unserer Kirche gibt und viele junge Menschen auf der Welt bereit sind, ihr Leben an Christus und seiner Botschaft auszurichten. Es war aus heutiger Sicht wiederum eine Fügung Gottes, dass meine Bekannte und ich, als wir in Loreto eintrafen, von einem Deutsch sprechenden italienischen Priester, der das Jugendtreffen mitorganisiert hatte, die beiden letzten Eintrittskarten bekamen, die noch übrig waren. Es waren Karten ganz vorne an der Altarinsel, die sich direkt am Meer befand. Und dann begann die für mich unvergessliche Vigilfeier mit Papst Johannes Paul II. Es war der Abend des 9. September 1995. Folgt Christus nach, der durch sein Kreuz die Welt erlöst hat! Diese einfachen Worte, die der Heilige Vater auf Deutsch gesprochen hat, haben bei mir eingeschlagen wie ein Blitz. Folgt Christus nach, der durch sein Kreuz die Welt erlöst hat! Eigentlich ein ganz harmloser Satz, wie er in jeder Sonntagspredigt vorkommen könnte. Aber an jenem Abend hatte ich das Gefühl, dass dieser Satz für mich bestimmt war für mich ganz persönlich. Diese Worte, gesprochen aus dem Mund des Heiligen Vaters, haben mein Herz berührt, mich innerlich erschüttert, mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich wusste, dass sich an diesem Abend etwas in meinem Leben verändert hatte. Mir wurde schlagartig bewusst, dass Christsein mehr bedeutet als sonntags zur Hl. Messe zu gehen. Christsein bedeutet, seinen Alltag ganz und gar von Christus bestimmen zu lassen, IHN ganz in den Mittelpunkt seines Lebens zu stellen. Ich erkannte, wie mittelmäßig und lau ich doch viele Jahre lang war. Freilich, ich ging jeden Sonntag in die Kirche. Der Kirchgang am Sonntag gehörte in unserer Familie schon seit eh und je dazu. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich erst an diesem Abend verstand, um was es im Christentum eigentlich geht, dass Christsein kein Gewand ist, das man sich sonntags anzieht, um es dann für den Rest der Woche wieder in den Schrank zu hängen. Mir wurde klar, dass Gott nicht nur einen Teil von mir will, sondern mich selbst ganz. Folgt Christus nach, der durch sein Kreuz die Welt erlöst hat!. Ja ich wollte von nun an meine ganze Existenz auf Christus gründen, der für mich am Kreuz gestorben ist. Und dann tauchte plötzlich wie aus heiterem Himmel die Frage auf: Soll ich Priester werden? Will Gott vielleicht, dass ich ihm mein ganzes Leben schenke, ihm mit ungeteiltem Herzen diene? Diese Frage machte mich innerlich total unruhig und ließ mich von nun an nicht mehr los.

Nach diesem Erlebnis in Loreto fuhr ich mit meiner Bekannten wie ursprünglich geplant nach Rom. Es war das erste Mal, dass ich die Ewige Stadt besuchte, und ich war überwältigt von der Schönheit der altehrwürdigen Kirchen und Gebäude. Am meisten beeindruckten mich die Katakomben, jener Ort, an dem sich die Christen vom 2.-4. Jahrhundert n. Chr. beerdigen ließen. Beim Abschied von der Stadt war ich mir sicher, dass ich eines Tages wieder hierher zurückkommen würde

Als ich zu Hause angekommen war, begann für mich der Alltag wieder. Doch ich merkte, dass ich nicht mehr derselbe war wie vor der Loretofahrt. Und plötzlich kam da wieder der Gedanke mit dem Priestertum in mir auf. Ich begann damit, diesen Gedanken zu verdrängen, ihn weit von mir weg zu schieben. Priester werden, ich?! Das kann doch wohl nicht sein! Das ist sicherlich nur eine Einbildung. Ja, natürlich: Vermutlich hat mich das Erlebnis beim Jugendtreffen in Loreto so begeistert, dass ich jetzt in der Anfangseuphorie diesen Gedanken habe. Das wird sich schon wieder legen! Es legte sich nicht. Je weiter ich diese Frage von mir weg schob, desto bohrender wurde sie. Ich spürte in mir eine große Sehnsucht nach Gott, hatte zugleich aber große Angst. Angst davor, IHM wirklich alles zu übergeben, mich mit Haut und Haaren IHM zur Verfügung zu stellen. Priester werden! Warum gerade ich, Herr? Such dir doch einen anderen! Ich bin dafür doch nicht geeignet. Mit derartigen Ausreden versuchte ich mich innerlich zu beruhigen. Aber schon bald merkte ich, dass irgendetwas geschehen musste. Vor allem war es an der Zeit, meiner Familie mitzuteilen, was mich innerlich beschäftigte und nicht mehr zur Ruhe kommen ließ. Und das war nicht leicht. Schließlich nahm ich allen Mut zusammen und erzählte meinen Eltern und Geschwistern von meinem Zustand. Und dann vertraute ich mich meinem Heimatpfarrer an, der mir in dieser Zeit der Unruhe und des Suchens sehr geholfen hat. Ich stieß auf einen Spruch des Hl. Ignatius von Loyola, des Gründers des Jesuitenordens, der mich seither jeden Tag begleitet: Nur wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen würde, wenn sie sich ihm ganz überließen. Ich war bereit, mich auf dieses Abenteuer einzulassen, den großen Schritt zu wagen und alles auf eine Karte zu setzen. Und ich war gespannt, wohin Gott mich führen würde.

Im November 1995 nahm ich Kontakt mit dem Direktor des Collegium Borromaeum, dem Theologenkonvikt der Erzdiözese Freiburg auf. Ich wusste, dass ich nur dann eine Antwort auf meine Fragen bekommen konnte, wenn ich mich selbst auf den Weg machte. So besuchte ich ein Informationswochenende für junge Männer, die in sich die Berufung zum Priestertum spürten. Ich lernte viele Theologiestudenten kennen, die eigentlich einen ganz normalen Eindruck machten und wie ich eine tiefe Sehnsucht nach Gott in ihrem Herzen trugen. Dieser Besuch im Collegium Borromaeum hat mich auf meinem Weg bestärkt und mir viel Mut gemacht. Im Juni 1996 war ich mir dann sicher, dass ich es wagen wollte: Ich meldete mich als Priesteramtskandidat in Freiburg an und schrieb mich an der Universität für das Fach Theologie ein. Bis heute habe ich diesen Schritt nie bereut.

Während des ersten Semesters, des sog. Propädeutikums,  arbeitete ich vier Vormittage in der Woche in einer Einrichtung der Obdachlosenhilfe mit. Einer der Obdachlosen sagte einmal bei einer Adventsfeier zu mir: Wenn du einmal Priester bist, dann vergiss nie, dass es Menschen gibt, denen es so richtig dreckig geht. Dieser Satz hat sich tief in mein Herz eingeprägt.

Das Studium der Theologie, das ich im April 1997 begann, bereitete mir viel Freude. Neben den theologischen Studien bemühte ich mich um ein intensives geistliches Leben. Ich lernte, wie wertvoll und gut es ist, täglich die Hl. Messe mitzufeiern und dem Herrn im Gebet nahe zu sein. Die bohrenden Fragen, die mich anfangs quälten, vor allem die Frage nach der Ehelosigkeit, verloren bald an Schwere und Bedrohlichkeit. Ich merkte, dass dieser Weg, den ich eingeschlagen hatte, mir innerlich Gelassenheit und Ruhe verschafft und dass ich trotz des Verzichtes auf eine eigene Familie unendlich viel von Gott geschenkt bekomme. Ein besonderes Geschenk, das mir zuteil wurde, ist die Erfahrung, was wahre Freundschaft bedeutet. So erkannte ich, dass ich als Priester eben nicht einsam und alleine bin, sondern durchaus in sehr intensiven Beziehungen zu anderen Menschen stehen kann, ja dass gerade der priesterliche Zölibat und der Verzicht auf eine eigene Familie mich frei machen für andere Menschen. Es geht eben darum, als Priester Christus gleich zu werden, IHN in allem nachzuahmen, sein Leben nach dem Bild und Beispiel Christi zu gestalten und dies bis in die Lebensform der Ehelosigkeit hinein.

Im Februar 2000 legte ich an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg die Theologische Vorprüfung ab. Danach verbrachte ich als Praktikant ein Semester in der Pfarrei St. Josef in Rheinfelden, wo ich meine ersten Erfahrungen in der Gemeindeseelsorge und im Schulunterricht machte.

Es ist Bestandteil des Ausbildungsprogramms im Priesterseminar, nach der Vorprüfung für ein Jahr in eine andere Stadt zu ziehen, um dort an einer anderen Hochschule mit dem Theologiestudium fortzufahren. Ich habe mich damals zusammen mit vier weiteren Freiburger Seminaristen für Rom entschieden. So begann ich im Oktober 2000 mit dem Studium an der Päpstlichen Universität Gregoriana. Ich freute mich sehr darüber, ein Jahr lang in der Stadt studieren zu können, in der ich fünf Jahre zuvor mit meiner Bekannten meinen Urlaub verbracht hatte, ein Urlaub, der mein Leben in eine völlig andere Richtung gelenkt hatte. Doch schon nach einem halben Jahr in Rom geschah wieder etwas für mich völlig Unvorhergesehenes: Ich hatte in Rom ein Gespräch mit dem Direktor des Freiburger Theologenkonvikts. Er fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, in den nächsten Jahren in Rom zu bleiben und dort mein Studium fortzusetzen. Ich hatte zwei Wochen Zeit mich zu entscheiden. Nach zahlreichen Gesprächen mit meiner Familie und mit befreundeten Priestern sagte ich schließlich zu. So hieß es für mich im August 2001 Abschied zu nehmen Abschied von meiner Familie, Abschied von lieben Menschen und Freunden, Abschied von meiner Heimat. Ich wusste nicht, was mich in Rom im Pontificium Collegium Germanicum et Hungaricum, wo ich für die nächsten Jahre leben sollte, erwarten würde. Ehrlich gesagt hatte ich schon etwas Angst vor den großen Erwartungen, die mein Bischof und die Diözese Freiburg in mich setzten. Aber ich war mir sicher, dass Gott mir beistehen und mir helfen würde.

So durfte ich weitere Jahre in Rom verbringen und an der Päpstlichen Universität Gregoriana mein Theologiestudium fortsetzen. Nach dem Baccalaureat in Theologie wurde ich am 19. Dezember 2004 in St. Peter im Schwarzwald zum Diakon geweiht. Danach folgte ein Diakonatsjahr in den Pfarreien St. Bernhard und St. Martin in Karlsruhe. Und dann war es soweit: Am 10. Oktober 2005 empfing ich durch die Hand des Erzbischofs von Hamburg, Dr. Werner Thissen, in der Kirche SantIgnazio in Rom die Priesterweihe. Zwei Wochen davor pilgerte ich noch einmal nach Loreto, wo zehn Jahre zuvor die Geschichte meiner Priesterberufung ihren Anfang genommen hatte. Noch heute trage ich das Erlebnis vom September 1995 wie einen Schatz in meinem Herzen.

Wenn ich zurückschaue auf die letzten zehn Jahre, dann kann ich eigentlich nur staunen. Staunen darüber, wie Gott mich durch diese Zeit hindurch geführt und mich in seiner Gnade überreich beschenkt hat. Ich bin bei euch alle Tage, bis zur Vollendung der Welt (Mt 28,20). Dieser Satz, den Christus am Ende des Matthäusevangeliums zu seinen Jüngern spricht und den ich mir als Primizspruch ausgewählt habe, lässt mich zuversichtlich und voll Freude in die Zukunft gehen.

Armin Georg Nagel, Priester des Erzbistums Freiburg


Wenn man sich Gott ganz überlässt

Wenn man sich Gott ganz überlässt

Armin Georg NagelNur wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen würde, wenn sie sich ihm ganz überließen (Ignatius von Loyola)

In der Vergangenheit wurde ich des Öfteren gefragt: Hast Du immer schon Priester werden wollen?, oder: Wie war das denn mit deiner Berufung zum Priestertum? Das sind Fragen, die in wenigen Worten schwer zu beantworten sind, denn es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die man nicht erklären kann, zumindest nicht kurz und bündig. So bleibt auch die Berufung des Menschen durch Gott letztlich ein Geheimnis, dem man sich nur tastend annähern kann. Wenn ich nun in diesem Beitrag meine Berufungsgeschichte erzähle, dann geschieht dies im Bewusstsein, dass das, was erzählt wird, immer nur ein Stammeln bleibt und dass im Grunde genommen etwas Unsagbares gesagt wird.

Alles fing an, als ich Anfang September 1995 mit einer guten Bekannten nach Rom in den Urlaub fahren wollte. Es war wohl Gottes Fügung, dass ich etwa zwei Wochen vor Beginn unserer Romfahrt in der Deutschen Tagespost einen interessanten Artikel las. Der Artikel berichtete von einem europäischen Jugendtreffen in Loreto, einem bekannten italienischen Marienwallfahrtsort direkt an der Adria. Zu diesem Jugendtreffen wurden 300.000 junge Menschen aus allen Ländern Europas erwartet. Auch Papst Johannes Paul II. sollte zu diesem gigantischen Ereignis kommen. Und das Erstaunlichste an der Sache war, dass dieses Jugendtreffen zu der Zeit geplant war, in der ich mit meiner Bekannten nach Rom fahren wollte. Wir beschlossen also, zuerst einen Abstecher nach Loreto zu machen und von dort aus dann in die Ewige Stadt zu fahren. Ich ahnte damals nicht, dass dieser Abstecher mein Leben derart ändern würde.

Für mich war es ein bewegendes Erlebnis, all die jungen Menschen zu sehen, die aus vielen europäischen Ländern nach Loreto gepilgert waren, um zusammen mit dem Papst für ein christliches Europa zu beten. Ich erlebte zum ersten Mal, was es heißt, katholisch zu sein, d.h. zu einer Kirche zu gehören, die die ganze Welt umfasst. Auch durfte ich erleben, dass die Kirche lebendig ist, dass sie ein junges Gesicht hat, ja dass es geradezu eine Aufbruchsstimmung in unserer Kirche gibt und viele junge Menschen auf der Welt bereit sind, ihr Leben an Christus und seiner Botschaft auszurichten. Es war aus heutiger Sicht wiederum eine Fügung Gottes, dass meine Bekannte und ich, als wir in Loreto eintrafen, von einem Deutsch sprechenden italienischen Priester, der das Jugendtreffen mitorganisiert hatte, die beiden letzten Eintrittskarten bekamen, die noch übrig waren. Es waren Karten ganz vorne an der Altarinsel, die sich direkt am Meer befand. Und dann begann die für mich unvergessliche Vigilfeier mit Papst Johannes Paul II. Es war der Abend des 9. September 1995. Folgt Christus nach, der durch sein Kreuz die Welt erlöst hat! Diese einfachen Worte, die der Heilige Vater auf Deutsch gesprochen hat, haben bei mir eingeschlagen wie ein Blitz. Folgt Christus nach, der durch sein Kreuz die Welt erlöst hat! Eigentlich ein ganz harmloser Satz, wie er in jeder Sonntagspredigt vorkommen könnte. Aber an jenem Abend hatte ich das Gefühl, dass dieser Satz für mich bestimmt war für mich ganz persönlich. Diese Worte, gesprochen aus dem Mund des Heiligen Vaters, haben mein Herz berührt, mich innerlich erschüttert, mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich wusste, dass sich an diesem Abend etwas in meinem Leben verändert hatte. Mir wurde schlagartig bewusst, dass Christsein mehr bedeutet als sonntags zur Hl. Messe zu gehen. Christsein bedeutet, seinen Alltag ganz und gar von Christus bestimmen zu lassen, IHN ganz in den Mittelpunkt seines Lebens zu stellen. Ich erkannte, wie mittelmäßig und lau ich doch viele Jahre lang war. Freilich, ich ging jeden Sonntag in die Kirche. Der Kirchgang am Sonntag gehörte in unserer Familie schon seit eh und je dazu. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich erst an diesem Abend verstand, um was es im Christentum eigentlich geht, dass Christsein kein Gewand ist, das man sich sonntags anzieht, um es dann für den Rest der Woche wieder in den Schrank zu hängen. Mir wurde klar, dass Gott nicht nur einen Teil von mir will, sondern mich selbst ganz. Folgt Christus nach, der durch sein Kreuz die Welt erlöst hat!. Ja ich wollte von nun an meine ganze Existenz auf Christus gründen, der für mich am Kreuz gestorben ist. Und dann tauchte plötzlich wie aus heiterem Himmel die Frage auf: Soll ich Priester werden? Will Gott vielleicht, dass ich ihm mein ganzes Leben schenke, ihm mit ungeteiltem Herzen diene? Diese Frage machte mich innerlich total unruhig und ließ mich von nun an nicht mehr los.

Nach diesem Erlebnis in Loreto fuhr ich mit meiner Bekannten wie ursprünglich geplant nach Rom. Es war das erste Mal, dass ich die Ewige Stadt besuchte, und ich war überwältigt von der Schönheit der altehrwürdigen Kirchen und Gebäude. Am meisten beeindruckten mich die Katakomben, jener Ort, an dem sich die Christen vom 2.-4. Jahrhundert n. Chr. beerdigen ließen. Beim Abschied von der Stadt war ich mir sicher, dass ich eines Tages wieder hierher zurückkommen würde

Als ich zu Hause angekommen war, begann für mich der Alltag wieder. Doch ich merkte, dass ich nicht mehr derselbe war wie vor der Loretofahrt. Und plötzlich kam da wieder der Gedanke mit dem Priestertum in mir auf. Ich begann damit, diesen Gedanken zu verdrängen, ihn weit von mir weg zu schieben. Priester werden, ich?! Das kann doch wohl nicht sein! Das ist sicherlich nur eine Einbildung. Ja, natürlich: Vermutlich hat mich das Erlebnis beim Jugendtreffen in Loreto so begeistert, dass ich jetzt in der Anfangseuphorie diesen Gedanken habe. Das wird sich schon wieder legen! Es legte sich nicht. Je weiter ich diese Frage von mir weg schob, desto bohrender wurde sie. Ich spürte in mir eine große Sehnsucht nach Gott, hatte zugleich aber große Angst. Angst davor, IHM wirklich alles zu übergeben, mich mit Haut und Haaren IHM zur Verfügung zu stellen. Priester werden! Warum gerade ich, Herr? Such dir doch einen anderen! Ich bin dafür doch nicht geeignet. Mit derartigen Ausreden versuchte ich mich innerlich zu beruhigen. Aber schon bald merkte ich, dass irgendetwas geschehen musste. Vor allem war es an der Zeit, meiner Familie mitzuteilen, was mich innerlich beschäftigte und nicht mehr zur Ruhe kommen ließ. Und das war nicht leicht. Schließlich nahm ich allen Mut zusammen und erzählte meinen Eltern und Geschwistern von meinem Zustand. Und dann vertraute ich mich meinem Heimatpfarrer an, der mir in dieser Zeit der Unruhe und des Suchens sehr geholfen hat. Ich stieß auf einen Spruch des Hl. Ignatius von Loyola, des Gründers des Jesuitenordens, der mich seither jeden Tag begleitet: Nur wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen würde, wenn sie sich ihm ganz überließen. Ich war bereit, mich auf dieses Abenteuer einzulassen, den großen Schritt zu wagen und alles auf eine Karte zu setzen. Und ich war gespannt, wohin Gott mich führen würde.

Im November 1995 nahm ich Kontakt mit dem Direktor des Collegium Borromaeum, dem Theologenkonvikt der Erzdiözese Freiburg auf. Ich wusste, dass ich nur dann eine Antwort auf meine Fragen bekommen konnte, wenn ich mich selbst auf den Weg machte. So besuchte ich ein Informationswochenende für junge Männer, die in sich die Berufung zum Priestertum spürten. Ich lernte viele Theologiestudenten kennen, die eigentlich einen ganz normalen Eindruck machten und wie ich eine tiefe Sehnsucht nach Gott in ihrem Herzen trugen. Dieser Besuch im Collegium Borromaeum hat mich auf meinem Weg bestärkt und mir viel Mut gemacht. Im Juni 1996 war ich mir dann sicher, dass ich es wagen wollte: Ich meldete mich als Priesteramtskandidat in Freiburg an und schrieb mich an der Universität für das Fach Theologie ein. Bis heute habe ich diesen Schritt nie bereut.

Während des ersten Semesters, des sog. Propädeutikums,  arbeitete ich vier Vormittage in der Woche in einer Einrichtung der Obdachlosenhilfe mit. Einer der Obdachlosen sagte einmal bei einer Adventsfeier zu mir: Wenn du einmal Priester bist, dann vergiss nie, dass es Menschen gibt, denen es so richtig dreckig geht. Dieser Satz hat sich tief in mein Herz eingeprägt.

Das Studium der Theologie, das ich im April 1997 begann, bereitete mir viel Freude. Neben den theologischen Studien bemühte ich mich um ein intensives geistliches Leben. Ich lernte, wie wertvoll und gut es ist, täglich die Hl. Messe mitzufeiern und dem Herrn im Gebet nahe zu sein. Die bohrenden Fragen, die mich anfangs quälten, vor allem die Frage nach der Ehelosigkeit, verloren bald an Schwere und Bedrohlichkeit. Ich merkte, dass dieser Weg, den ich eingeschlagen hatte, mir innerlich Gelassenheit und Ruhe verschafft und dass ich trotz des Verzichtes auf eine eigene Familie unendlich viel von Gott geschenkt bekomme. Ein besonderes Geschenk, das mir zuteil wurde, ist die Erfahrung, was wahre Freundschaft bedeutet. So erkannte ich, dass ich als Priester eben nicht einsam und alleine bin, sondern durchaus in sehr intensiven Beziehungen zu anderen Menschen stehen kann, ja dass gerade der priesterliche Zölibat und der Verzicht auf eine eigene Familie mich frei machen für andere Menschen. Es geht eben darum, als Priester Christus gleich zu werden, IHN in allem nachzuahmen, sein Leben nach dem Bild und Beispiel Christi zu gestalten und dies bis in die Lebensform der Ehelosigkeit hinein.

Im Februar 2000 legte ich an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg die Theologische Vorprüfung ab. Danach verbrachte ich als Praktikant ein Semester in der Pfarrei St. Josef in Rheinfelden, wo ich meine ersten Erfahrungen in der Gemeindeseelsorge und im Schulunterricht machte.

Es ist Bestandteil des Ausbildungsprogramms im Priesterseminar, nach der Vorprüfung für ein Jahr in eine andere Stadt zu ziehen, um dort an einer anderen Hochschule mit dem Theologiestudium fortzufahren. Ich habe mich damals zusammen mit vier weiteren Freiburger Seminaristen für Rom entschieden. So begann ich im Oktober 2000 mit dem Studium an der Päpstlichen Universität Gregoriana. Ich freute mich sehr darüber, ein Jahr lang in der Stadt studieren zu können, in der ich fünf Jahre zuvor mit meiner Bekannten meinen Urlaub verbracht hatte, ein Urlaub, der mein Leben in eine völlig andere Richtung gelenkt hatte. Doch schon nach einem halben Jahr in Rom geschah wieder etwas für mich völlig Unvorhergesehenes: Ich hatte in Rom ein Gespräch mit dem Direktor des Freiburger Theologenkonvikts. Er fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, in den nächsten Jahren in Rom zu bleiben und dort mein Studium fortzusetzen. Ich hatte zwei Wochen Zeit mich zu entscheiden. Nach zahlreichen Gesprächen mit meiner Familie und mit befreundeten Priestern sagte ich schließlich zu. So hieß es für mich im August 2001 Abschied zu nehmen Abschied von meiner Familie, Abschied von lieben Menschen und Freunden, Abschied von meiner Heimat. Ich wusste nicht, was mich in Rom im Pontificium Collegium Germanicum et Hungaricum, wo ich für die nächsten Jahre leben sollte, erwarten würde. Ehrlich gesagt hatte ich schon etwas Angst vor den großen Erwartungen, die mein Bischof und die Diözese Freiburg in mich setzten. Aber ich war mir sicher, dass Gott mir beistehen und mir helfen würde.

So durfte ich weitere Jahre in Rom verbringen und an der Päpstlichen Universität Gregoriana mein Theologiestudium fortsetzen. Nach dem Baccalaureat in Theologie wurde ich am 19. Dezember 2004 in St. Peter im Schwarzwald zum Diakon geweiht. Danach folgte ein Diakonatsjahr in den Pfarreien St. Bernhard und St. Martin in Karlsruhe. Und dann war es soweit: Am 10. Oktober 2005 empfing ich durch die Hand des Erzbischofs von Hamburg, Dr. Werner Thissen, in der Kirche SantIgnazio in Rom die Priesterweihe. Zwei Wochen davor pilgerte ich noch einmal nach Loreto, wo zehn Jahre zuvor die Geschichte meiner Priesterberufung ihren Anfang genommen hatte. Noch heute trage ich das Erlebnis vom September 1995 wie einen Schatz in meinem Herzen.

Wenn ich zurückschaue auf die letzten zehn Jahre, dann kann ich eigentlich nur staunen. Staunen darüber, wie Gott mich durch diese Zeit hindurch geführt und mich in seiner Gnade überreich beschenkt hat. Ich bin bei euch alle Tage, bis zur Vollendung der Welt (Mt 28,20). Dieser Satz, den Christus am Ende des Matthäusevangeliums zu seinen Jüngern spricht und den ich mir als Primizspruch ausgewählt habe, lässt mich zuversichtlich und voll Freude in die Zukunft gehen.

Armin Georg Nagel, Priester des Erzbistums Freiburg

 

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