Mittwoch, 5. März 2014

Liebe, Zuversicht und Hoffnung


Interview mit dem neuen Generaldirektor der Legionäre Christi, P. Eduardo Robles Gil LC

Ich wünsche mir, dass Christus uns mit Liebe, Zuversicht und Hoffnung erfüllt.”

Ein Gespräch mit P. Eduardo Robles Gil LC, dem neuen Generaldirektor der Legionäre Christi und des Regnum Christi. Das Interview führte P. Benjamin Clariond LC kurz nach der Wahl, die am 20. Januar 2014 in Rom stattgefunden hatte und deren Ergebnis am 6. Februar durch Papst Franziskus bestätigt wurde.

Nachdem das Generalkapitel P. Eduardo Robles Gil LC am 20. Januar zum Generaldirektor der Legionäre Christi gewählt hatte, führte  P. Benjamín Clariond, mit ihm dieses Interview.

* * *

P. Eduardo, nicht alle kennen Sie. Deswegen würde ich gerne mit dieser Frage beginnen: Pater Eduardo Robles Gil, wer sind Sie?

P. Eduardo: Zunächst bedanke ich mich für dieses erste Interview für unsere Mitglieder und Freunde. Weil wir Brüder und Schwestern sind, wollte ich mich zuerst an die Legionäre Christi und an die Mitglieder der Bewegung wenden. Ich möchte, dass sie die Möglichkeit haben, mich kennen zu lernen und dass auch ich sie dann nach und nach kennen lerne. Alle bitte ich um ein Gebet.

Wer ich bin? Ich bin ein Mitglied des Regnum Christi. Ich antworte so, weil es die Begegnung mit Christus im Regnum Christi war, die in gewisser Weise mein ganzes Leben geprägt hat.

Ich wurde in eine christliche Familie hineingeboren, die ihren Glauben praktizierte. Mein Vater starb, als ich dreieinhalb Jahre alt war. Daraufhin zogen meine Großmutter und deren Schwester zu uns und wir lebten miteinander. Sie waren tief religiös. Meine Mutter besitzt einen sehr großen, geerdeten, realistischen Glauben, und das war es, was meine Kindheit entscheidend prägte.

Meine ganze Schulzeit habe ich im „Cumbres-Institut” verbracht und dort lernte ich die Legionäre Christi kennen. Ich hatte einen Onkel, der Jesuit war – ein sehr guter und heiligmäßiger Priester – sowie einen Onkel, der bei den Maristen war. Doch Jesus Christus habe ich besonders bei den Legionären Christi gefunden, als ich der Bewegung Regnum Christi beitrat. Wenn ich also sagen soll, wer ich bin, bezeichne ich mich als Mitglied des Regnum Christi, als jemand, der seine Berufung in der Bewegung fand, um sich ganz Gott zu weihen und Priester zu sein.

Während eines großen Teils Ihres Ordenslebens war P. Maciel Generaldirektor. Welche Beziehung hatten Sie zu ihm?

P. Eduardo: Von 1977 bis 1983 habe ich in Rom studiert und damals kam er in die Via Aurelia 677, lebte im Haus, aber war nicht allzu oft da. Während meiner Studienzeit in Rom suchten ein Mitbruder und ich einen Platz für den Bau des neuen Kollegs. Unsere Aufgabe war es, das Grundstück zu suchen, auf dem heute das Kolleg Mater Ecclesiae steht. Manchmal traf ich mich mit dem Gründer, um ihn über den Stand dieser Arbeit zu informieren.

Danach arbeitete ich nicht mehr direkt mit ihm zusammen. Nach meiner Priesterweihe ging ich für zwei Jahre nach Spanien und später für vier Jahre nach Brasilien. Als ich Territorialverwalter in Mexiko war, hatte ich zwei Jahre lang wieder mehr Umgang mit ihm, aber man kann nicht sagen, dass eine große Nähe bestand.

Also, wie alle Legionäre, die wir seine Arbeit als Gründer im Blickfeld hatten und sein Doppelleben nicht kannten, empfand ich für ihn Bewunderung.

Und auf welche Weise hat sich für Sie angesichts der Tatsachen, die aus seinem Leben bekannt wurden, die Gestalt des Gründers neu bestimmt?

P. Eduardo: Schon 1997, als die ersten Nachrichten veröffentlicht wurden, habe ich mich gefragt: „Wenn das wahr wäre, was würdest du dann tun?” Ausgehend vom Gebet und meinem Gewissen beschloss ich: Gott hat mich zum Priestertum in der Kongregation der Legionäre Christi berufen. Wenn das, was man über den Gründer sagt, wahr sein sollte, würde ich auch weiterhin Priester und Legionär Christi bleiben. Damals handelte es sich einfach um eine hypothetische Annahme.

Als die Kongregation für die Glaubenslehre 2006 ihre Stellungnahme bezüglich des Gründers veröffentlichte, war ich innerlich überzeugt, dass das, was man über ihn sagte, wahrscheinlich der Wahrheit entsprach. Ich konnte ehrlich gesagt nicht glauben, dass die Kirche eine Veröffentlichung dieser Art leichtfertig vornehmen würde. Trotzdem empfand ich noch Zweifel, denn das entsprach nicht dem, was ich vom Gründer wusste.

Als dann bestätigt wurde, dass diese Dinge der Wahrheit entsprachen, machte ich nach einer anfänglich schmerzlichen Phase einen inneren Prozess durch, der mir die Verarbeitung erleichterte und es mir ermöglichte, als Priester und Diener der Barmherzigkeit, alles dem Erbarmen Gottes anzuvertrauen. Natürlich empfand ich tiefes Bedauern, vor allem aufgrund des Leids, das Menschen zugefügt worden war. Gott schenkte mir die Gnade, zu vergeben und eine neue Seite aufzuschlagen. Von da an habe ich meine Arbeit fortgesetzt.

Sie waren Mitglied der „Begegnungskommission”, die von Kardinal De Paolis für all jene eingerichtet worden war, die durch das Fehlverhalten von P. Maciel verletzt wurden. Welche Erfahrungen haben Sie bei der Erfüllung dieser Aufgabe gemacht?

P. Eduardo: Zunächst muss man die Menschen verstehen, die Opfer eines Missbrauchs geworden sind: So etwas hinterlässt im Leben sehr schmerzhafte Spuren, die kaum zu löschen ist. Bei vielen verschwinden sie nie. Ich empfand Schmerz und Traurigkeit, als ich die Folgen der Handlungen vor Augen hatte. Niemand darf sie auf die leichte Schulter nehmen.

Doch die Erfahrung, mit jenen ins Gespräch zu kommen, die gelitten hatten, und mich ihnen zu nähern, hat mir dabei geholfen, sie zu verstehen und zu versuchen, das Ausmaß des Schmerzes eines leidenden Menschen zu erfassen. In den Fällen, mit denen ich in Berührung gekommen bin, konnten wir miteinander sprechen, um Verzeihung bitten und auf dem Weg der Versöhnung voran kommen.

Sie haben von 1977 bis 1983 in Rom studiert. Ihre Ausbildung war recht schnell beendet. Stellen Sie aufgrund der relativ kurzen Vorbereitungszeit auf das Priestertum bei sich Lücken fest?

P. Eduardo: In unserer Kongregation durchläuft jeder einen persönlichen Ausbildungsweg. Deswegen kann man nicht sagen, dass es eine Art Prototyp gibt, obwohl einige gemeinsame Richtlinien existieren. Im Vergleich zu anderen in der Kongregation gehört mein Ausbildungsweg zu den kürzeren. Als ich ins gottgeweihte Leben im Regnum Christi eintrat, nahm ich an vielen Ausbildungskursen teil, die wir im Noviziat und während der klassischen Studien absolvieren. Das tat ich jedoch, ohne dem so viel Zeit zu widmen – vor allem was die Fächer der klassischen Studien angeht.

Als ich das gottgeweihte Leben begann, hatte ich schon den Studiengang „Ingenieurwesen” an der Universität Anáhuac abgeschlossen. Als Gottgeweihter durchlief ich zwei Ausbildungsjahre. Ich kam 1977 in Rom an, um Philosophie zu studieren und da ich schon ein Lizenziat besaß, konnte ich an der Universität Gregoriana in drei Jahren die Lizenz in Philosophie abschließen.

Anschließend erwarb ich an der Universität des hl. Thomas von Aquin in Rom mein Diplom in Theologie. Danach absolvierte ich in Absprache mit dem Studienpräfekt der Kongregation, wie es damals in Spanien üblich war, die Studien für das Pastoraljahr, ohne an einer Universität inskripiert zu sein.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um allen Patres zu danken, die meine Oberen und Ausbilder gewesen sind. Beim Heilig-Geist-Amt, mit dem das Generalkapitel begann, waren einige anwesend, die mich 1977 in Rom empfangen haben. Es ist sehr aufbauend, sie 37 Jahre später immer noch treu und aktiv zu sehen.

Welche Stelle in der Heiligen Schrift ist für Sie am inspirierendsten oder welche hat ihnen im Leben am meisten geholfen?

P. Eduardo: Eigentlich mag ich das nicht, wenn ich sagen soll, was mir am meisten gefällt oder was mich am meisten beeinflusst hat. Meine Aufmerksamkeit hat jedoch immer die Stelle beim Propheten Jeremias (die auch auf meinem Weihekärtchen steht) auf sich gezogen, wo es heißt: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen”. Das hat mein Leben geprägt und wenn ich hier stehe, dann ist das so, weil Gott dies für mich bestimmt hat. Auch die Szene im Evangelium von Jesus im Ölgarten, wo Christus gegen sich selbst ankämpfen muss, hat mich sehr beeindruckt: „Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein Wille geschehe, sondern der deine…”

Und in der Tat, als der Kardinal mich fragte, ob ich die Wahl annehme, habe ich nicht gesagt, dass ich sie annehme, sondern dass ich gehorche – in erster Linie Gott, der durch die höchste Instanz der Kongregation, das Generalkapitel, repräsentiert wird. Ich tue es im Vertrauen auf Gott, der mich durch das Kapitel zur Nachfolge auffordert.

Was haben Sie in den Tagen vor Ihrer Wahl, als Sie sich auch bewusst wurden, dass man Sie wählen könnte, vielleicht während der Wahlen, erlebt?

P. Eduardo: Wie soll ich das beantworten? Als ich Mexiko nach Rom aufbrach, hat mir jemand gesagt: „Kommen Sie wieder!” Das habe ich als einen Scherz betrachtet. Später haben mich dann einige Kapitelväter gefragt, ob ich bereit wäre, die Wahl anzunehmen, falls sie auf mich fallen würde. Daran kann man schon erkennen, dass jemand an einen denkt. Auch daran, dass dich einer fragt, wie es dir gesundheitlich geht. Ich habe dann geantwortet, dass es mir den Umständen entsprechend gut ginge. Das war es auch, was mich in Erwägung ziehen ließ, dass so etwas passieren könnte…

Die Tagungen des Kapitels nahmen ihren Lauf und im Gespräch über die verschiedenen Themen wurde mir klar, dass dies möglicherweise geschehen könnte. Ich sprach darüber mit Jesus Christus und mit der Jungfrau Maria.

Jetzt, wo Sie von der Jungfrau Maria sprechen: Welche Erfahrungen haben Sie als Priester mit Maria?

P. Eduardo: Sie ist ständig da. Ich praktiziere nicht viele Andachtsübungen, doch habe ich einen sehr starken Glauben an die Gegenwart Gottes und an die der allerseligsten Jungfrau im Leben eines Priesters und in meinem persönlichen Leben. Über die Jungfrau Maria kann ich sagen, dass sie mir zeigt, was es heißt, bedingungslos zu lieben und und dass ich voll auf ihre Fürsprache vertrauen kann.

Das allererste Mal, als ich ernsthaft und mit Reife über die Berufung nachdachte, befand ich mich in der „Villa von Guadalupe” (Anmerkung: Bezeichnung für die Basilika der Jungfrau von Guadalupe in Mexiko-Stadt geweiht), und zwar in der alten, denn das war damals die einzige, die es gab. Und dort wurde mir beim Gebet zu Maria klar, dass Gott womöglich wollte, dass ich Priester werde.

Glauben Sie, dass mit dem Generalkapitel alle Aufgaben erfüllt sein werden, die der Heilige Stuhl den Legionären Christi nach der Apostolischen Visitation aufgegeben hatte? Oder gibt es noch offene Aufgaben?

P. Eduardo: Das Kapitel zieht einen Schlussstrich und stellt zugleich einen Neuanfang dar. So erleben es viele Kapitelväter und so haben wir es im Kapitelsaal zum Ausdruck gebracht. Doch damit es wirklich ein Neuanfang wird, müssen wir den Herausforderungen der Vergangenheit ihren angemessenen Platz geben. Deswegen wollte das Kapitel eine Botschaft an die Legionäre Christi, an die Mitglieder des Regnum Christi und an alle, die unsere jüngere Geschichte mitverfolgt haben, veröffentlichen. Wir können die Vergangenheit nicht löschen, aber wir müssen aus ihr lernen, die Tatsachen bedauern, auf Gottes Erbarmen vertrauen und – wie der hl. Paulus – dem Ziel entgegeneilen, um Christus zu erlangen.

Wir haben in diesen Jahren Fortschritte gemacht, doch kann man nicht behaupten, die Aufgabe sei schon abschließend bewältigt. Der Papst hat uns durch seinen Delegaten einige Anweisungen gegeben und in einigen Dingen müssen wir unsere Denkweise ändern. Das verlangt ständig nach Umkehr. Andererseits ist die Kirche heilig und zugleich stets reformbedürftig. Wir können nie behaupten, dass wir als Einzelpersonen schon ganz bekehrt sind, noch dass wir als Institution ganz geläutert und erneuert sind. Das ist etwas, was die neue Ordensleitung während der nächsten Jahre vorantreiben muss: die stete Arbeit an einer Läuterung, an der wir alle teilnehmen. Wir möchten einen Neuanfang, bei dem wir alle gemeinsam mit Leidenschaft danach streben, den Menschen Gutes zu tun und ihnen dabei zu helfen, die Liebe Christi und seine Barmherzigkeit zu erkennen.

Sie sind der Nachfolger von P. Alvaro Corcuera und in gewisser Weise lösen Sie auch P. Sylvester Heereman ab. Möchten Sie ein paar Worte an die beiden richten?

P. Eduardo: Mit P. Álvaro verbindet mich seit vielen Jahren eine große Freundschaft. 1975 sind wir gemeinsam ins gottgeweihte Leben des Regnum Christi eingetreten. Wir kannten uns jedoch schon vorher. Mit der Freundschaft verbinden sich Achtung und Bewunderung sowie in diesen letzten Jahren eine tiefe Dankbarkeit. Seine beispielhafte Güte und Nähe zu allen empfinde ich als motivierend.

Mit P. Sylvester habe ich in den letzen Monaten durch die Leitungsarbeit viel Umgang gehabt, insbesondere seit ich im August letzten Jahres Territorialdirektor geworden bin. Ich bewundere seinen klaren Kopf und seine Beherztheit. Ich hoffe, dass wir jetzt gemeinsam in dieser Zeit der Erneuerung der Kongregation als Ordensleitung dienen und zum Wohl der Kirche dem Apostolat einen Impuls geben können.

Sie haben in Spanien, Brasilien und Mexiko gearbeitet. Was haben Sie von diesen Ländern gelernt?

P. Eduardo: Bisher habe ich noch nicht darüber nachgedacht, was ich speziell in jedem Land gelernt habe…! Ich versuche allgemein, optimistisch zu sein und mich dort wohl zu fühlen, wo mich gerade mein Auftrag hinführt…

In Spanien habe ich die ersten beiden Jahre meines priesterlichen Dienstes verbracht. Dort begann ich zu lernen, was es heißt, Priester und Beichtvater zu sein. Es war sehr bereichernd, die Barmherzigkeit Gottes zu erfahren und sein Werkzeug zu können.

In Brasilien hatte ich den Auftrag, eine Gründung durchzuführen. Wir kamen dort als die ersten Legionäre Christi an und begannen bei null. Dort erfuhr ich, wie schwer es ist, das Regnum Christi und Apostolatswerke über Wasser zu halten. Nur Gott allein weiß, wie viele Stunden ich als Verwalter 1989 der Aufgabe gewidmet habe, die erste Schule auf die Beine zu stellen, deren Einweihung ich dann nicht miterlebte, obwohl ich die  verschiedenen Genehmigungen dafür erworben hatte. Von meiner Zeit in Brasilien bewahre ich liebevolle Erinnerungen. Einige Patres aus Mexiko nehmen mich auf die Schippe, wenn ich über Brasilien rede. Sie fragen mich dann, ob ich es noch abwarten könne, endlich wieder nach Brasilien zu kommen, denn es ist ein Land, in dem die Kirche lebendig ist und wo man sehr großen Glauben hat. Da es das Land mit den meisten Katholiken ist, ist es wichtig, dass die Legionäre Christi dort vertreten sind und viel von diesem Geist lernen, einem frohen Geist, mit dem die Brasilianer die Freude des Glaubens leben.

Ich habe auch in Italien gelebt. Obwohl ich in keinem weiteren Land Europas gewesen bin, lebe ich hier mit Legionären Christi aus verschiedenen Ländern zusammen und das betrachte ich als eine Bereicherung für unsere geistliche Familie. Ich möchte an dieser Stelle auch  Nordamerika erwähnen, das eine wichtige Rolle in der Welt und in der Kirche spielt. 1993 durfte ich in den USA einige Monate verbringen. Ich hoffe, dass ich bald auch diese Orte besuchen kann, von denen wir alle viel lernen können.

Wie haben Sie überhaupt erkannt, dass Gott Sie zum Priestertum und zu den Legionären Christi berufen möchte?

P. Eduardo: Es ist wirklich schwierig, dafür einen genauen Moment zu bestimmen. Meine persönliche Beziehung zu Gott hat sich im Regnum Christi entwickelt und unser Herr rief mich immer näher zu sich. Ab einem bestimmten Zeitpunkt hatte ich die Vermutung, dass Gott mich in die Gemeinschaft der Legionäre Christi beruft. Es folgten zwei Jahre inneren Kampfes, eine Zeit der Suche, mit einigen Aufs und Abs. Durch das Gebet, die geistliche Leitung und den Kontakt mit anderen Legionären Christi, zu denen auch der Gründer gehörte, erhielt ich die Gnade, Gottes Einladung mit einem Ja beantworten zu können.

Ein Schwerpunkt des Wirkens der Legionäre Christi liegt auf der Ausbildung. Sie sind Rektor an verschiedenen Schulen gewesen. Was können Sie uns über das Apostolat des Regnum Christi in diesem Bereich sagen?

P. Eduardo: Die Kirche hat sich immer um die Ausbildung gekümmert. Papst Benedikt XVI. sprach von einem „Ausbildungsnotstand”. Bei der Ausbildung geht es um die Entwicklung des Verstandes, der Intelligenz, des Geistes. Im Regnum Christi drücken wir manchmal die Christuserfahrung zusammenfassend so aus: Jesus Christus kennenlernen, ihn lieben und ihm nachfolgen. In einer Schule kann man versuchen, jenen Teil vom Glauben weiterzugeben, der durch Unterricht vermittelt werden kann. Das ist dann die erste Erfahrung vom Glauben außerhalb der eigenen vier Wände und soll der Liebe zu Jesus Christus dienen, dass Gott da ist und zu unserem Leben gehört.

In der katholischen Kirche treffen wir auf gläubige Menschen, die an die Existenz Gottes glauben. Doch nicht immer handelt es sich um einen Gott, der allzu viel mit dem praktischen Leben zu tun hat, nicht um einen Christus, der einen erfüllt und dem Leben Sinn verleiht. In einer katholischen Schule, in einer Schule des Regnum Christi, kann man diese Erfahrung wirklich machen: Mein eigenes Leben ist verbunden mit Jesus Christus, den ich nicht nur in meiner Familie, sondern auch in den Einrichtungen des Regnum Christi kennen gelernt habe.

An dieser Stelle möchte ich meine Anerkennung für die Arbeit so vieler Legionäre Christi, gottgeweihter Frauen und Männer und nicht-gottgeweihter Laien aussprechen, die sich für die Ausbildung der Jugend, der Kinder und der Familien einsetzen. Es bleibt noch viel zu tun, doch es ist schön, zu betrachten, was Gott durch unsere Schwestern und Brüder, die sich ihm ganz zur Verfügung stellen, in den Seelen der Menschen erreicht. Ihr Einsatz erbaut mich sehr.

In den letzten Jahren gab es Priester und Mitbrüder, die die Kongregation verlassen haben. Wie stehen Sie zu ihnen?

P. Eduardo: An die Priester und Mitbrüder, die unsere Gemeinschaft verlassen haben, richte ich von Herzen einen Gruß. Sie haben eine Entscheidung getroffen und das müssen wir respektieren. In einem bestimmten Moment haben sie gesehen, dass sie es nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten, weiter in der Kongregation zu bleiben. Wir müssen ihre Entscheidung respektieren. Ich glaube, dass es vieles gibt, was wir, die wir Christus bei den Legionären Christi nachfolgen, und diejenigen, die das an anderer Stelle tun, gemeinsam haben. Wir müssen füreinander beten.

Es gibt viele ehemalige Legionäre Christi, die ich in meinem Leben kennen gelernt habe. Ich war ihr Ordensoberer, wir haben miteinander gearbeitet. Jedes Mal, wenn jemand geht, wird man von einer gewissen Traurigkeit ergriffen. Ich bringe ihnen aufrichtiges Wohlwollen entgegen und betrachte sie auch weiterhin als Brüder und Freunde. Ich grüße sie alle und bitte sie um ihr Gebet.

Würden Sie trotz der Dinge, die in der Kongregation in den letzten Jahren passiert sind, einem jungen Mann, der über eine Berufung nachdenkt, heute raten, bei den Legionären Christi einzutreten?

P. Eduardo: Ich glaube, dass die Legionäre Christi eine Phase der Läuterung und Erneuerung durchlaufen. Es hat eine institutionelle Krise gegeben. Einer solchen Institution anzugehören, bietet demjenigen, der in sie eintreten will, eine gewisse Garantie. Inwiefern? – Wir sind eine Kongregation, die nicht vom Erfolg gekennzeichnet ist, sondern vom Kreuz unseres Herrn Jesus Christus und vom Kreuz unserer eigenen Schwächen. Wer hier eintreten will, der wird auf eine Kongregation stoßen, die in Treue zur katholischen Kirche in der Nachfolge Christi leben will. Ich glaube, dass Interessenten in diesem Sinne hier einen angemessenen Ort finden können.

Möchten Sie den Legionären Christi und den Mitgliedern des Regnum Christi noch irgendeine besondere Botschaft schicken? Was erwarten Sie von ihnen in den nächsten sechs Jahren?

P. Eduardo: Ich nahm die Wahl zum Generaldirektor an, nicht nur weil ich sehr auf Gott und die Kirche vertraue, sondern auch weil ich den Menschen vertraue: den Legionären Christi, den gottgeweihten Frauen und Männern, den Mitgliedern des Regnum Christi. Entsprechend ihrer Lebensstände und Lebensverhältnisse, zu denen sie berufen wurden, geben sie ihr Leben hin. Wenn ich gedacht hätte, ich sei allein, hätte ich die Wahl nicht annehmen können.

Was ich von den Ordensmitgliedern erwarte? Ich hoffe, dass sie weiterhin mit Zuversicht arbeiten, mitwirken, ihr Leben in die Waagschale werfen, denn unseren Weg gehen wir gemeinsam. Zusammen mit dem Generalrat kommt mir die Aufgabe der Ordensleitung zu, doch gehen wir unseren Weg gemeinsam. Wir alle rudern in diesem Boot, wir alle arbeiten, wir alle lieben Christus.

Die große und spannende Herausforderung besteht heute darin, eins zu sein: Sie besteht in der Einheit innerhalb der Legionäre Christi und in der Einheit und Zusammenarbeit in der Sendung mit den gottgeweihten Frauen und Männern des Regnum Christi und auch mit allen Mitgliedern der Bewegung. Auf uns warten Jahre der Geduld, der Stärke und kreativer Nächstenliebe. Das wünscht sich Christus: „Sie sollen eins sein!” Allein auf diese Weise werden wir der Kirche und dem Regnum Christi in rechter Weise dienen.

Was ich mir wünsche? Das, was ich gelernt habe, als ich 1972 ins Regnum Christi eintrat: Dass Christus in den Herzen der Menschen herrschen möge. Wir möchten, dass die Begegnung mit Christus die Menschen ganz zu ihrer Erfüllung bringe und dass immer mehr Menschen mit dem Herrn in Berührung kommen und dass so das Leben in der Familie, am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft sich verwandle. Ich wünsche mir, dass Christus uns mit Liebe, Zuversicht und Hoffnung erfüllt.

Vielen Dank für dieses Interview.

 


Liebe, Zuversicht und Hoffnung

Liebe, Zuversicht und Hoffnung

Ich wünsche mir, dass Christus uns mit Liebe, Zuversicht und Hoffnung erfüllt.”

Ein Gespräch mit P. Eduardo Robles Gil LC, dem neuen Generaldirektor der Legionäre Christi und des Regnum Christi. Das Interview führte P. Benjamin Clariond LC kurz nach der Wahl, die am 20. Januar 2014 in Rom stattgefunden hatte und deren Ergebnis am 6. Februar durch Papst Franziskus bestätigt wurde.

Nachdem das Generalkapitel P. Eduardo Robles Gil LC am 20. Januar zum Generaldirektor der Legionäre Christi gewählt hatte, führte  P. Benjamín Clariond, mit ihm dieses Interview.

* * *

P. Eduardo, nicht alle kennen Sie. Deswegen würde ich gerne mit dieser Frage beginnen: Pater Eduardo Robles Gil, wer sind Sie?

P. Eduardo: Zunächst bedanke ich mich für dieses erste Interview für unsere Mitglieder und Freunde. Weil wir Brüder und Schwestern sind, wollte ich mich zuerst an die Legionäre Christi und an die Mitglieder der Bewegung wenden. Ich möchte, dass sie die Möglichkeit haben, mich kennen zu lernen und dass auch ich sie dann nach und nach kennen lerne. Alle bitte ich um ein Gebet.

Wer ich bin? Ich bin ein Mitglied des Regnum Christi. Ich antworte so, weil es die Begegnung mit Christus im Regnum Christi war, die in gewisser Weise mein ganzes Leben geprägt hat.

Ich wurde in eine christliche Familie hineingeboren, die ihren Glauben praktizierte. Mein Vater starb, als ich dreieinhalb Jahre alt war. Daraufhin zogen meine Großmutter und deren Schwester zu uns und wir lebten miteinander. Sie waren tief religiös. Meine Mutter besitzt einen sehr großen, geerdeten, realistischen Glauben, und das war es, was meine Kindheit entscheidend prägte.

Meine ganze Schulzeit habe ich im „Cumbres-Institut” verbracht und dort lernte ich die Legionäre Christi kennen. Ich hatte einen Onkel, der Jesuit war – ein sehr guter und heiligmäßiger Priester – sowie einen Onkel, der bei den Maristen war. Doch Jesus Christus habe ich besonders bei den Legionären Christi gefunden, als ich der Bewegung Regnum Christi beitrat. Wenn ich also sagen soll, wer ich bin, bezeichne ich mich als Mitglied des Regnum Christi, als jemand, der seine Berufung in der Bewegung fand, um sich ganz Gott zu weihen und Priester zu sein.

Während eines großen Teils Ihres Ordenslebens war P. Maciel Generaldirektor. Welche Beziehung hatten Sie zu ihm?

P. Eduardo: Von 1977 bis 1983 habe ich in Rom studiert und damals kam er in die Via Aurelia 677, lebte im Haus, aber war nicht allzu oft da. Während meiner Studienzeit in Rom suchten ein Mitbruder und ich einen Platz für den Bau des neuen Kollegs. Unsere Aufgabe war es, das Grundstück zu suchen, auf dem heute das Kolleg Mater Ecclesiae steht. Manchmal traf ich mich mit dem Gründer, um ihn über den Stand dieser Arbeit zu informieren.

Danach arbeitete ich nicht mehr direkt mit ihm zusammen. Nach meiner Priesterweihe ging ich für zwei Jahre nach Spanien und später für vier Jahre nach Brasilien. Als ich Territorialverwalter in Mexiko war, hatte ich zwei Jahre lang wieder mehr Umgang mit ihm, aber man kann nicht sagen, dass eine große Nähe bestand.

Also, wie alle Legionäre, die wir seine Arbeit als Gründer im Blickfeld hatten und sein Doppelleben nicht kannten, empfand ich für ihn Bewunderung.

Und auf welche Weise hat sich für Sie angesichts der Tatsachen, die aus seinem Leben bekannt wurden, die Gestalt des Gründers neu bestimmt?

P. Eduardo: Schon 1997, als die ersten Nachrichten veröffentlicht wurden, habe ich mich gefragt: „Wenn das wahr wäre, was würdest du dann tun?” Ausgehend vom Gebet und meinem Gewissen beschloss ich: Gott hat mich zum Priestertum in der Kongregation der Legionäre Christi berufen. Wenn das, was man über den Gründer sagt, wahr sein sollte, würde ich auch weiterhin Priester und Legionär Christi bleiben. Damals handelte es sich einfach um eine hypothetische Annahme.

Als die Kongregation für die Glaubenslehre 2006 ihre Stellungnahme bezüglich des Gründers veröffentlichte, war ich innerlich überzeugt, dass das, was man über ihn sagte, wahrscheinlich der Wahrheit entsprach. Ich konnte ehrlich gesagt nicht glauben, dass die Kirche eine Veröffentlichung dieser Art leichtfertig vornehmen würde. Trotzdem empfand ich noch Zweifel, denn das entsprach nicht dem, was ich vom Gründer wusste.

Als dann bestätigt wurde, dass diese Dinge der Wahrheit entsprachen, machte ich nach einer anfänglich schmerzlichen Phase einen inneren Prozess durch, der mir die Verarbeitung erleichterte und es mir ermöglichte, als Priester und Diener der Barmherzigkeit, alles dem Erbarmen Gottes anzuvertrauen. Natürlich empfand ich tiefes Bedauern, vor allem aufgrund des Leids, das Menschen zugefügt worden war. Gott schenkte mir die Gnade, zu vergeben und eine neue Seite aufzuschlagen. Von da an habe ich meine Arbeit fortgesetzt.

Sie waren Mitglied der „Begegnungskommission”, die von Kardinal De Paolis für all jene eingerichtet worden war, die durch das Fehlverhalten von P. Maciel verletzt wurden. Welche Erfahrungen haben Sie bei der Erfüllung dieser Aufgabe gemacht?

P. Eduardo: Zunächst muss man die Menschen verstehen, die Opfer eines Missbrauchs geworden sind: So etwas hinterlässt im Leben sehr schmerzhafte Spuren, die kaum zu löschen ist. Bei vielen verschwinden sie nie. Ich empfand Schmerz und Traurigkeit, als ich die Folgen der Handlungen vor Augen hatte. Niemand darf sie auf die leichte Schulter nehmen.

Doch die Erfahrung, mit jenen ins Gespräch zu kommen, die gelitten hatten, und mich ihnen zu nähern, hat mir dabei geholfen, sie zu verstehen und zu versuchen, das Ausmaß des Schmerzes eines leidenden Menschen zu erfassen. In den Fällen, mit denen ich in Berührung gekommen bin, konnten wir miteinander sprechen, um Verzeihung bitten und auf dem Weg der Versöhnung voran kommen.

Sie haben von 1977 bis 1983 in Rom studiert. Ihre Ausbildung war recht schnell beendet. Stellen Sie aufgrund der relativ kurzen Vorbereitungszeit auf das Priestertum bei sich Lücken fest?

P. Eduardo: In unserer Kongregation durchläuft jeder einen persönlichen Ausbildungsweg. Deswegen kann man nicht sagen, dass es eine Art Prototyp gibt, obwohl einige gemeinsame Richtlinien existieren. Im Vergleich zu anderen in der Kongregation gehört mein Ausbildungsweg zu den kürzeren. Als ich ins gottgeweihte Leben im Regnum Christi eintrat, nahm ich an vielen Ausbildungskursen teil, die wir im Noviziat und während der klassischen Studien absolvieren. Das tat ich jedoch, ohne dem so viel Zeit zu widmen – vor allem was die Fächer der klassischen Studien angeht.

Als ich das gottgeweihte Leben begann, hatte ich schon den Studiengang „Ingenieurwesen” an der Universität Anáhuac abgeschlossen. Als Gottgeweihter durchlief ich zwei Ausbildungsjahre. Ich kam 1977 in Rom an, um Philosophie zu studieren und da ich schon ein Lizenziat besaß, konnte ich an der Universität Gregoriana in drei Jahren die Lizenz in Philosophie abschließen.

Anschließend erwarb ich an der Universität des hl. Thomas von Aquin in Rom mein Diplom in Theologie. Danach absolvierte ich in Absprache mit dem Studienpräfekt der Kongregation, wie es damals in Spanien üblich war, die Studien für das Pastoraljahr, ohne an einer Universität inskripiert zu sein.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um allen Patres zu danken, die meine Oberen und Ausbilder gewesen sind. Beim Heilig-Geist-Amt, mit dem das Generalkapitel begann, waren einige anwesend, die mich 1977 in Rom empfangen haben. Es ist sehr aufbauend, sie 37 Jahre später immer noch treu und aktiv zu sehen.

Welche Stelle in der Heiligen Schrift ist für Sie am inspirierendsten oder welche hat ihnen im Leben am meisten geholfen?

P. Eduardo: Eigentlich mag ich das nicht, wenn ich sagen soll, was mir am meisten gefällt oder was mich am meisten beeinflusst hat. Meine Aufmerksamkeit hat jedoch immer die Stelle beim Propheten Jeremias (die auch auf meinem Weihekärtchen steht) auf sich gezogen, wo es heißt: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen”. Das hat mein Leben geprägt und wenn ich hier stehe, dann ist das so, weil Gott dies für mich bestimmt hat. Auch die Szene im Evangelium von Jesus im Ölgarten, wo Christus gegen sich selbst ankämpfen muss, hat mich sehr beeindruckt: „Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein Wille geschehe, sondern der deine…”

Und in der Tat, als der Kardinal mich fragte, ob ich die Wahl annehme, habe ich nicht gesagt, dass ich sie annehme, sondern dass ich gehorche – in erster Linie Gott, der durch die höchste Instanz der Kongregation, das Generalkapitel, repräsentiert wird. Ich tue es im Vertrauen auf Gott, der mich durch das Kapitel zur Nachfolge auffordert.

Was haben Sie in den Tagen vor Ihrer Wahl, als Sie sich auch bewusst wurden, dass man Sie wählen könnte, vielleicht während der Wahlen, erlebt?

P. Eduardo: Wie soll ich das beantworten? Als ich Mexiko nach Rom aufbrach, hat mir jemand gesagt: „Kommen Sie wieder!” Das habe ich als einen Scherz betrachtet. Später haben mich dann einige Kapitelväter gefragt, ob ich bereit wäre, die Wahl anzunehmen, falls sie auf mich fallen würde. Daran kann man schon erkennen, dass jemand an einen denkt. Auch daran, dass dich einer fragt, wie es dir gesundheitlich geht. Ich habe dann geantwortet, dass es mir den Umständen entsprechend gut ginge. Das war es auch, was mich in Erwägung ziehen ließ, dass so etwas passieren könnte…

Die Tagungen des Kapitels nahmen ihren Lauf und im Gespräch über die verschiedenen Themen wurde mir klar, dass dies möglicherweise geschehen könnte. Ich sprach darüber mit Jesus Christus und mit der Jungfrau Maria.

Jetzt, wo Sie von der Jungfrau Maria sprechen: Welche Erfahrungen haben Sie als Priester mit Maria?

P. Eduardo: Sie ist ständig da. Ich praktiziere nicht viele Andachtsübungen, doch habe ich einen sehr starken Glauben an die Gegenwart Gottes und an die der allerseligsten Jungfrau im Leben eines Priesters und in meinem persönlichen Leben. Über die Jungfrau Maria kann ich sagen, dass sie mir zeigt, was es heißt, bedingungslos zu lieben und und dass ich voll auf ihre Fürsprache vertrauen kann.

Das allererste Mal, als ich ernsthaft und mit Reife über die Berufung nachdachte, befand ich mich in der „Villa von Guadalupe” (Anmerkung: Bezeichnung für die Basilika der Jungfrau von Guadalupe in Mexiko-Stadt geweiht), und zwar in der alten, denn das war damals die einzige, die es gab. Und dort wurde mir beim Gebet zu Maria klar, dass Gott womöglich wollte, dass ich Priester werde.

Glauben Sie, dass mit dem Generalkapitel alle Aufgaben erfüllt sein werden, die der Heilige Stuhl den Legionären Christi nach der Apostolischen Visitation aufgegeben hatte? Oder gibt es noch offene Aufgaben?

P. Eduardo: Das Kapitel zieht einen Schlussstrich und stellt zugleich einen Neuanfang dar. So erleben es viele Kapitelväter und so haben wir es im Kapitelsaal zum Ausdruck gebracht. Doch damit es wirklich ein Neuanfang wird, müssen wir den Herausforderungen der Vergangenheit ihren angemessenen Platz geben. Deswegen wollte das Kapitel eine Botschaft an die Legionäre Christi, an die Mitglieder des Regnum Christi und an alle, die unsere jüngere Geschichte mitverfolgt haben, veröffentlichen. Wir können die Vergangenheit nicht löschen, aber wir müssen aus ihr lernen, die Tatsachen bedauern, auf Gottes Erbarmen vertrauen und – wie der hl. Paulus – dem Ziel entgegeneilen, um Christus zu erlangen.

Wir haben in diesen Jahren Fortschritte gemacht, doch kann man nicht behaupten, die Aufgabe sei schon abschließend bewältigt. Der Papst hat uns durch seinen Delegaten einige Anweisungen gegeben und in einigen Dingen müssen wir unsere Denkweise ändern. Das verlangt ständig nach Umkehr. Andererseits ist die Kirche heilig und zugleich stets reformbedürftig. Wir können nie behaupten, dass wir als Einzelpersonen schon ganz bekehrt sind, noch dass wir als Institution ganz geläutert und erneuert sind. Das ist etwas, was die neue Ordensleitung während der nächsten Jahre vorantreiben muss: die stete Arbeit an einer Läuterung, an der wir alle teilnehmen. Wir möchten einen Neuanfang, bei dem wir alle gemeinsam mit Leidenschaft danach streben, den Menschen Gutes zu tun und ihnen dabei zu helfen, die Liebe Christi und seine Barmherzigkeit zu erkennen.

Sie sind der Nachfolger von P. Alvaro Corcuera und in gewisser Weise lösen Sie auch P. Sylvester Heereman ab. Möchten Sie ein paar Worte an die beiden richten?

P. Eduardo: Mit P. Álvaro verbindet mich seit vielen Jahren eine große Freundschaft. 1975 sind wir gemeinsam ins gottgeweihte Leben des Regnum Christi eingetreten. Wir kannten uns jedoch schon vorher. Mit der Freundschaft verbinden sich Achtung und Bewunderung sowie in diesen letzten Jahren eine tiefe Dankbarkeit. Seine beispielhafte Güte und Nähe zu allen empfinde ich als motivierend.

Mit P. Sylvester habe ich in den letzen Monaten durch die Leitungsarbeit viel Umgang gehabt, insbesondere seit ich im August letzten Jahres Territorialdirektor geworden bin. Ich bewundere seinen klaren Kopf und seine Beherztheit. Ich hoffe, dass wir jetzt gemeinsam in dieser Zeit der Erneuerung der Kongregation als Ordensleitung dienen und zum Wohl der Kirche dem Apostolat einen Impuls geben können.

Sie haben in Spanien, Brasilien und Mexiko gearbeitet. Was haben Sie von diesen Ländern gelernt?

P. Eduardo: Bisher habe ich noch nicht darüber nachgedacht, was ich speziell in jedem Land gelernt habe…! Ich versuche allgemein, optimistisch zu sein und mich dort wohl zu fühlen, wo mich gerade mein Auftrag hinführt…

In Spanien habe ich die ersten beiden Jahre meines priesterlichen Dienstes verbracht. Dort begann ich zu lernen, was es heißt, Priester und Beichtvater zu sein. Es war sehr bereichernd, die Barmherzigkeit Gottes zu erfahren und sein Werkzeug zu können.

In Brasilien hatte ich den Auftrag, eine Gründung durchzuführen. Wir kamen dort als die ersten Legionäre Christi an und begannen bei null. Dort erfuhr ich, wie schwer es ist, das Regnum Christi und Apostolatswerke über Wasser zu halten. Nur Gott allein weiß, wie viele Stunden ich als Verwalter 1989 der Aufgabe gewidmet habe, die erste Schule auf die Beine zu stellen, deren Einweihung ich dann nicht miterlebte, obwohl ich die  verschiedenen Genehmigungen dafür erworben hatte. Von meiner Zeit in Brasilien bewahre ich liebevolle Erinnerungen. Einige Patres aus Mexiko nehmen mich auf die Schippe, wenn ich über Brasilien rede. Sie fragen mich dann, ob ich es noch abwarten könne, endlich wieder nach Brasilien zu kommen, denn es ist ein Land, in dem die Kirche lebendig ist und wo man sehr großen Glauben hat. Da es das Land mit den meisten Katholiken ist, ist es wichtig, dass die Legionäre Christi dort vertreten sind und viel von diesem Geist lernen, einem frohen Geist, mit dem die Brasilianer die Freude des Glaubens leben.

Ich habe auch in Italien gelebt. Obwohl ich in keinem weiteren Land Europas gewesen bin, lebe ich hier mit Legionären Christi aus verschiedenen Ländern zusammen und das betrachte ich als eine Bereicherung für unsere geistliche Familie. Ich möchte an dieser Stelle auch  Nordamerika erwähnen, das eine wichtige Rolle in der Welt und in der Kirche spielt. 1993 durfte ich in den USA einige Monate verbringen. Ich hoffe, dass ich bald auch diese Orte besuchen kann, von denen wir alle viel lernen können.

Wie haben Sie überhaupt erkannt, dass Gott Sie zum Priestertum und zu den Legionären Christi berufen möchte?

P. Eduardo: Es ist wirklich schwierig, dafür einen genauen Moment zu bestimmen. Meine persönliche Beziehung zu Gott hat sich im Regnum Christi entwickelt und unser Herr rief mich immer näher zu sich. Ab einem bestimmten Zeitpunkt hatte ich die Vermutung, dass Gott mich in die Gemeinschaft der Legionäre Christi beruft. Es folgten zwei Jahre inneren Kampfes, eine Zeit der Suche, mit einigen Aufs und Abs. Durch das Gebet, die geistliche Leitung und den Kontakt mit anderen Legionären Christi, zu denen auch der Gründer gehörte, erhielt ich die Gnade, Gottes Einladung mit einem Ja beantworten zu können.

Ein Schwerpunkt des Wirkens der Legionäre Christi liegt auf der Ausbildung. Sie sind Rektor an verschiedenen Schulen gewesen. Was können Sie uns über das Apostolat des Regnum Christi in diesem Bereich sagen?

P. Eduardo: Die Kirche hat sich immer um die Ausbildung gekümmert. Papst Benedikt XVI. sprach von einem „Ausbildungsnotstand”. Bei der Ausbildung geht es um die Entwicklung des Verstandes, der Intelligenz, des Geistes. Im Regnum Christi drücken wir manchmal die Christuserfahrung zusammenfassend so aus: Jesus Christus kennenlernen, ihn lieben und ihm nachfolgen. In einer Schule kann man versuchen, jenen Teil vom Glauben weiterzugeben, der durch Unterricht vermittelt werden kann. Das ist dann die erste Erfahrung vom Glauben außerhalb der eigenen vier Wände und soll der Liebe zu Jesus Christus dienen, dass Gott da ist und zu unserem Leben gehört.

In der katholischen Kirche treffen wir auf gläubige Menschen, die an die Existenz Gottes glauben. Doch nicht immer handelt es sich um einen Gott, der allzu viel mit dem praktischen Leben zu tun hat, nicht um einen Christus, der einen erfüllt und dem Leben Sinn verleiht. In einer katholischen Schule, in einer Schule des Regnum Christi, kann man diese Erfahrung wirklich machen: Mein eigenes Leben ist verbunden mit Jesus Christus, den ich nicht nur in meiner Familie, sondern auch in den Einrichtungen des Regnum Christi kennen gelernt habe.

An dieser Stelle möchte ich meine Anerkennung für die Arbeit so vieler Legionäre Christi, gottgeweihter Frauen und Männer und nicht-gottgeweihter Laien aussprechen, die sich für die Ausbildung der Jugend, der Kinder und der Familien einsetzen. Es bleibt noch viel zu tun, doch es ist schön, zu betrachten, was Gott durch unsere Schwestern und Brüder, die sich ihm ganz zur Verfügung stellen, in den Seelen der Menschen erreicht. Ihr Einsatz erbaut mich sehr.

In den letzten Jahren gab es Priester und Mitbrüder, die die Kongregation verlassen haben. Wie stehen Sie zu ihnen?

P. Eduardo: An die Priester und Mitbrüder, die unsere Gemeinschaft verlassen haben, richte ich von Herzen einen Gruß. Sie haben eine Entscheidung getroffen und das müssen wir respektieren. In einem bestimmten Moment haben sie gesehen, dass sie es nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten, weiter in der Kongregation zu bleiben. Wir müssen ihre Entscheidung respektieren. Ich glaube, dass es vieles gibt, was wir, die wir Christus bei den Legionären Christi nachfolgen, und diejenigen, die das an anderer Stelle tun, gemeinsam haben. Wir müssen füreinander beten.

Es gibt viele ehemalige Legionäre Christi, die ich in meinem Leben kennen gelernt habe. Ich war ihr Ordensoberer, wir haben miteinander gearbeitet. Jedes Mal, wenn jemand geht, wird man von einer gewissen Traurigkeit ergriffen. Ich bringe ihnen aufrichtiges Wohlwollen entgegen und betrachte sie auch weiterhin als Brüder und Freunde. Ich grüße sie alle und bitte sie um ihr Gebet.

Würden Sie trotz der Dinge, die in der Kongregation in den letzten Jahren passiert sind, einem jungen Mann, der über eine Berufung nachdenkt, heute raten, bei den Legionären Christi einzutreten?

P. Eduardo: Ich glaube, dass die Legionäre Christi eine Phase der Läuterung und Erneuerung durchlaufen. Es hat eine institutionelle Krise gegeben. Einer solchen Institution anzugehören, bietet demjenigen, der in sie eintreten will, eine gewisse Garantie. Inwiefern? – Wir sind eine Kongregation, die nicht vom Erfolg gekennzeichnet ist, sondern vom Kreuz unseres Herrn Jesus Christus und vom Kreuz unserer eigenen Schwächen. Wer hier eintreten will, der wird auf eine Kongregation stoßen, die in Treue zur katholischen Kirche in der Nachfolge Christi leben will. Ich glaube, dass Interessenten in diesem Sinne hier einen angemessenen Ort finden können.

Möchten Sie den Legionären Christi und den Mitgliedern des Regnum Christi noch irgendeine besondere Botschaft schicken? Was erwarten Sie von ihnen in den nächsten sechs Jahren?

P. Eduardo: Ich nahm die Wahl zum Generaldirektor an, nicht nur weil ich sehr auf Gott und die Kirche vertraue, sondern auch weil ich den Menschen vertraue: den Legionären Christi, den gottgeweihten Frauen und Männern, den Mitgliedern des Regnum Christi. Entsprechend ihrer Lebensstände und Lebensverhältnisse, zu denen sie berufen wurden, geben sie ihr Leben hin. Wenn ich gedacht hätte, ich sei allein, hätte ich die Wahl nicht annehmen können.

Was ich von den Ordensmitgliedern erwarte? Ich hoffe, dass sie weiterhin mit Zuversicht arbeiten, mitwirken, ihr Leben in die Waagschale werfen, denn unseren Weg gehen wir gemeinsam. Zusammen mit dem Generalrat kommt mir die Aufgabe der Ordensleitung zu, doch gehen wir unseren Weg gemeinsam. Wir alle rudern in diesem Boot, wir alle arbeiten, wir alle lieben Christus.

Die große und spannende Herausforderung besteht heute darin, eins zu sein: Sie besteht in der Einheit innerhalb der Legionäre Christi und in der Einheit und Zusammenarbeit in der Sendung mit den gottgeweihten Frauen und Männern des Regnum Christi und auch mit allen Mitgliedern der Bewegung. Auf uns warten Jahre der Geduld, der Stärke und kreativer Nächstenliebe. Das wünscht sich Christus: „Sie sollen eins sein!” Allein auf diese Weise werden wir der Kirche und dem Regnum Christi in rechter Weise dienen.

Was ich mir wünsche? Das, was ich gelernt habe, als ich 1972 ins Regnum Christi eintrat: Dass Christus in den Herzen der Menschen herrschen möge. Wir möchten, dass die Begegnung mit Christus die Menschen ganz zu ihrer Erfüllung bringe und dass immer mehr Menschen mit dem Herrn in Berührung kommen und dass so das Leben in der Familie, am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft sich verwandle. Ich wünsche mir, dass Christus uns mit Liebe, Zuversicht und Hoffnung erfüllt.

Vielen Dank für dieses Interview.

 

 

Interview mit dem neuen Generaldirektor der Legionäre Christi, P. Eduardo Robles Gil LC

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Mittwoch, 5. März 2014

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