Samstag, 23. Oktober 2010

Gedanken über den durchlaufenen Weg und die Zukunft – „Mir scheint, dass man auf einen positiven Weg der Erneuerung hoffen kann und muss.“


Am 19. Oktober 2010 schrieb Erzbischof De Paolis einen Brief an alle Mitglieder der Legionäre Christi und des Regnum Christi.

Msgr. Velasio De Paolis CS bei Papst Benedikt XVI.Am vergangenem Dienstag, dem 19. Oktober 2010, wandte sich Erzbischof De Paolis, seit Juli 2010 päpstlicher Delegat für die Legionäre Christi, in einem persönlichen Brief an alle Mitglieder der Ordensgemeinschaft der Legionäre Christi und der Apostolatsbewegung Regnum Christi. In vier Abschnitten gegliedert, äußert er Gedanken über den durchlaufenen Weg und die Zukunft der Kongregation und der Apostolatsbewegung, und lädt zur Reflexion darüber ein.

Gleich zu Beginn seiner Zeilen bedankt sich De Paolis bei all jenen, die in den letzten Monaten mit ihm in Kontakt getreten sind, ihm geschrieben und getroffen haben, „Ich bin sicher, dass alle von dem Wunsch bewegt sind, für das Gute zu wirken“.

Auf die Phase der apostolischen Visitation folgt die neue Phase des Wiederaufbaus und der Erneuerung. Wir sind berufen, diese Phase nun anzugehen.“

Im ersten Abschnitt des Briefes erklärt und vervollständigt der Delegat das Bild seiner Aufgabe – der Begleitung der Kongregation auf dem Weg der Erneuerung – die ihm vom Heiligen Vater übertragen wurde und schon im Dekret des Heiligen Stuhls vom 21. Juni 2010 vorgezeichnet worden war. Unter anderem verweist er darauf, dass die päpstliche Verlautbarung die aktuellen Oberen anerkennt und sie bestätigt. Er informiert auch noch einmal über die kürzlich erfolgte Ernennung von vier Beratern:

  • S.E. Mons. Brian Farrell LC, Sekretär des Päpstlichen Rates für die Förderung der Einheit der Christen.
  • P. Gianfranco Ghirlanda SI, ehemals Rektor der Päpstlichen Universität Gregoriana.
  • Mons. Mario Marchesi, Generalvikar der Diözese Cremona.
  • P. Agostino Montan CSI, Direktor des Büros für das geweihte Leben der Diözese Rom und Vize-Dekan der Fakultät für Theologie an der Päpstlichen Universität Lateranense.

Er gibt ferner eine Präzisierung, was die Bewegung Regnum Christi betrifft, besonders für die gottgeweihten Mitglieder: S.E. Mons. Ricardo Blázquez, Erzbischof von Valladolid, wurde als Visitator der gottgeweihten Mitglieder in der Bewegung Regnum Christi eingesetzt. Diese Visitation wird unter der Verantwortung des Päpstlichen Delegaten und in Abstimmung mit seiner Verantwortung für die ganze Legion Christi und die Bewegung Regnum Christi durchgeführt.

Die Notwendigkeit, sich so viel Zeit wie nötig zu nehmen“

Im zweiten Abschnitt gibt Erzbischof De Paolis Neuigkeiten der letzten Monate bekannt. Dabei berichtet er u.a. vom Inhalt der Gespräche und den verschiedenen Begegnungen mit der Generaldirektion, dem Generaldirektor und den Territorialdirektoren. Insbesondere gibt er die Einrichtung von drei Kommissionen bekannt: Kommission zur Prüfung der Konstitutionen, Kommission zur Annäherung derer, die auf irgendeine Weise Ansprüche gegen die Legion erheben sowie eine Kommission für wirtschaftliche Fragen.

Das Charisma scheint zweifellos ausreichend klar und präzise und aktuell wie eh und je zu sein. Reflexion und Vertiefung sind erforderlich.“

Im dritten Abschnitt wendet sich der Delegat „spezifischen Punkten von größerer Bedeutung“ zu. Das sind die Geschichte des Gründers und die Reaktion der Legionäre Christi, die aktuellen Oberen und ihre Verantwortung und das Charisma der Kongregation.

Mir scheint, dass man auf einen positiven Weg der Erneuerung hoffen kann und muss.“

Im vierten Abschnitt folgen abschließende Überlegungen. De Paolis weißt dabei noch einmal auf den „Schock“ hin, der von den Taten des Gründers verursacht wurde. Die Kongregation hätte jedoch nicht nur überlebt, sondern sei in ihrer Vitalität fast völlig intakt, „Die Fähigkeit, ihre Situation auf einer übernatürlichen Ebene zu verstehen, hat es ihnen erlaubt, nicht vom Weg abzukommen und sich völlig zu verirren. Der Polarstern der Treue zur Kirche und des Gehorsams gegenüber dem Papst hat sie vor Entmutigung und Desertation bewahrt“.

Bei den Legionären ginge es nun auch darum, „sich mehr den neuen Entwicklungen im Verständnis der Ordensdisziplin und der Ausübung der Autorität, die sich in der Zeit nach dem Konzil ergeben haben, zu öffnen“. Ohne jedoch über das „Ziel hinauszuschießen und einen Mechanismus auszulösen, der zu einem Nachlassen in der Disziplin und im geistlichen Leben führt“

Am Ende seiner Zeilen erneuert der päpstliche Delegat der Legionäre Christi und des Regnum Christi sein Aufforderung an alle, in dieser Zeit das Gebet zu vertiefen: „Der Engel des Herrn sagte zum Propheten Elija: ‚Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich‘ (1 Kön 19,7)“.

Im Folgenden finden Sie den Brief im Wortlaut (Originaltext in italienischer Sprache, Übersetzung ins Deutsche durch die Ordensgemeinschaft).

***

Rom, 19. Oktober 2010

An die Legionäre Christi
und an die gottgeweihten Mitglieder des Regnum Christi

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn,

seit dem ersten Brief, den ich Euch am 10. Juli geschickt habe, am Beginn der Aufgabe, die mir der Heilige Vater im Hinblick auf die Legionäre Christi und die mit ihnen verbundene Bewegung Regnum Christi anvertrauen wollte, sind drei Monate vergangen. Es handelte sich um die Zeit der Sommerferien, während der eher weniger gearbeitet wird. Trotzdem war es eine wertvolle Zeit für den begonnenen Weg. Viele haben sich an mich gewandt, indem sie mir geschrieben haben oder sich persönlich mit mir trafen. Es waren viele. Leider konnte ich nicht alle jene anhören, die es wünschten. Aber ich hoffe, dass der Weg, der voraussichtlich noch lang dauern wird, es bald erlaubt. Ich konnte auch so vielen nicht antworten, die ihre Stimme schriftlich vernehmen ließen. Nicht wenige haben mir ihre Glückwünsche und Grüße zukommen lassen. Natürlich kann ich nicht jedem persönlich antworten.

Gerne nutze ich die Gelegenheit, um mich bei all jenen zu bedanken, die mit mir in Kontakt getreten sind: Bei jenen, die mir einfach einen Gruß und einen Glückwunsch zukommen lassen wollten; bei jenen, die die Geschichte ihrer Berufung erzählen und ihre Absicht ausdrücken wollten, der eigenen Berufung zum Ordensleben und zum Priestertum in der Legion sowie Gott und der Kirche treu zu bleiben; bei jenen, die ihre Vorschläge für den Weg der Erneuerung, den zu durchlaufen wir berufen sind, vorgebracht haben, sei es, um auf Gefahren hinzuweisen, die bestehen, wenn man vor allem vom Wunsch nach Wandel getrieben wird, sei es, um zur Änderung und Erneuerung der Kongregation zu ermutigen. Ich bin sicher, dass alle von dem Verlangen bewegt sind, für das Gute zu wirken; und zweifelsohne betonen alle Aspekte, die auf dem Weg in Betracht zu ziehen sind.

Ich möchte zur Reflexion einladen. Jeder einzelne von uns ist, auch beim besten Willen, normalerweise einseitig in der eigenen Sicht der Dinge und der Bewertung der Erfordernisse einer Erneuerung; deshalb ist es notwendig, dass jeder auch auf die anderen schaut und offen und verfügbar für die Überlegungen der anderen ist, statt gegensätzliche Positionen zu schaffen, um die eigene Sicht der Dinge durchzusetzen. Ausgehend von den Überlegungen und den Beiträgen aller sind wir zu einer Unterscheidung gerufen, die uns auf einen Weg des Wandels in der Kontinuität des Lebens der Kongregation führt. Tatsächlich lässt sich nicht leugnen, dass nicht wenige Dinge nach einer ernsthaften Abwägung geändert oder verbessert; andere, und zwar die Wesentlichen, die das Ordensleben und das Priestertum betreffen, bewahrt und gefördert werden müssen.

Wichtig ist vor allem, dass sich jeder leiten lässt von der Sehnsucht nach dem Guten und vom Wunsch, sich immer mehr zum Herrn zu bekehren, um für seinen Willen verfügbar zu sein und auf dem Weg der Treue und Heiligkeit gemäß der eigenen Berufung, unter der Führung der Kirche, fortzuschreiten. Wenn wir vereint und mit gegenseitigem Respekt vorgehen, wird der Weg schnell und sicher sein; wenn wir uns vom Willen, uns durchzusetzen und den anderen die eigenen Ideen aufzuerlegen, ergreifen lassen, ist der Schiffbruch sicher.

Daher ist die Verantwortung groß und jeder muss sie vor dem eigenen Gewissen, vor Gott, vor der Kirche und der Kongregation spüren. Mit diesem Geist und mit dieser Ermutigung sende ich Euch diesen Brief, mit dem ich einige Neuigkeiten und einige Gedanken über den durchlaufenen Weg und über die Zukunftsperspektiven mitteile.

I. Vervollständigung der Zuständigkeiten für die Begleitung

1. Bei der Vorlage des päpstlichen Ernennungsbriefes habe ich präzisiert, dass später mit der Veröffentlichung der Verlautbarung des Staatssekretärs, mit Datum vom 9. Juli 2010, weitere Bestimmungen mitgeteilt würden. Es handelt sich um eine Verlautbarung, die Euch schon übermittelt wurde und die Ihr schon kennt. In dieser Verlautbarung wird ein wesentlicher Punkt präzisiert, den man sich vergegenwärtigen sollte: Mit der Ernennung des Päpstlichen Delegaten wird die Legion nicht unter die Aufsicht eines „Kommissars“ gestellt, sondern sie wird vom Päpstlichen Delegaten auf ihrem Weg begleitet. Tatsächlich erkennt die Päpstliche Verlautbarung die aktuellen Oberen an und bestätigt sie. Das bedeutet einerseits, dass die Oberen gemäß der Norm der Konstitutionen im Amt bleiben, und andererseits, dass sie in Übereinstimmung mit dem Päpstlichen Delegaten vorgehen sollen. Das bedeutet auch, dass die erste Instanz für die Behandlung der Probleme der Legion die Oberen sind. Die Ordensleute sind eingeladen sich zuerst an diese zu wenden.

2. Gleichzeitig habe ich präzisiert, dass meine Funktion erst dann vollständig in Kraft treten kann, wenn mir die Berater zur Seite gestellt werden, die mir bei meiner Aufgabe als Päpstlicher Delegat helfen. In diesen Tagen wurde die Ernennung dieser Berater veröffentlicht. Es sind:

  • S.E. Mons. Brian Farrell LC, Sekretär des Päpstlichen Rates für die Förderung der Einheit der Christen.
  • P. Gianfranco Ghirlanda SI, ehemals Rektor der Päpstlichen Universität Gregoriana.
  • Mons. Mario Marchesi, Generalvikar der Diözese Cremona.
  • P. Agostino Montan, CSI, Direktor des Büros für das geweihte Leben in der Diözese Rom und Vize-Dekan der Fakultät für Theologie an der Päpstlichen Universität Lateranense.

3. Es gibt auch eine Präzisierung, was die Bewegung Regnum Christi betrifft, besonders für die gottgeweihten Mitglieder. S.E. Mons. Ricardo Blázquez, Erzbischof von Valladolid, wurde als Visitator der gottgeweihten Mitglieder der Bewegung Regnum Christi eingesetzt. Diese Visitation wird unter der Verantwortung des Päpstlichen Delegaten und in Abstimmung mit seiner Verantwortung für die ganze Legion Christi und die Bewegung Regnum Christi durchgeführt. Die Bewegung Regnum Christi ist ein wertvolles Gut, das untrennbar mit der Legion verbunden ist. Diese muss sich für jene verantwortlich fühlen und sich weiter um sie kümmern; aber auch diese Beziehung wird Gegenstand einer gelassenen Überlegung sein und ist Teil des Weges der Erneuerung, der die Legion selbst und ihre Konstitutionen betrifft, auch in Bezug auf die Mitglieder des Regnum Christi.

4. Beginn einer neuen Phase

Ich präzisiere desweiteren, dass mein Auftrag als Päpstlicher Delegat auch nicht der eines apostolischen Visitators ist, der die grundlegende Aufgabe hätte, Personen zu treffen, Informationen zu sammeln, um ein Bild der wahren Situation zu haben und der zuständigen Autorität Vorschläge zu unterbreiten, um Situationen, die nicht dem evangelischen Ideal des Ordenslebens entsprechen, in Ordnung zu bringen.

Die Aufgabe des Visitators wurde von den fünf Bischöfen erfüllt, die vom Heiligen Vater beauftragt wurden, eine Visitation der ganzen Kongregation durchzuführen.

Jene Aufgabe hat fast ein Jahr in Anspruch genommen. Das Ergebnis wurde dem Heiligen Vater vorgelegt, der mit der Ernennung Seines Delegaten den weiteren Weg angezeigt hat, der nicht mehr in dem des Visitators oder Kommissars besteht, sondern in der Aufgabe, den Weg der Erneuerung zu begleiten, besonders mit Blick auf ein Außerordentliches Generalkapitel, das einen konstitutionellen Text erarbeiten muss, der dem Apostolischen Stuhl vorgelegt werden soll. Es handelt sich um einen Weg, der von den Indikationen, die aus der apostolischen Visitation hervorgegangen sind und die sich der Heiligen Stuhl zu Eigen gemacht hat, ausgehen muss, damit wir auf ihrer Basis der notwendigen Erneuerung entgegengehen.

Dies ist eine Aufgabe, die alle betrifft, und deshalb müssen alle beteiligt sein und Verantwortung übernehmen. Aber es ist offensichtlich, dass diese Aufgabe vor allem den Oberen zukommt, die gerufen sind, die Mitglieder bei dieser Erneuerung auf aktive und geordnete Weise zu organisieren, anzuregen, zu motivieren und zu beteiligen. Auf diesem Abschnitt des Weges ist es extrem wichtig, dass die Oberen ihre Aufgabe gut erfüllen.

Das ist auch die hauptsächliche Hilfe, die zu bieten der Päpstliche Delegat gerufen ist. Zu Beginn dieser neuen Phase des Weges hat der Heilige Vater sein Vertrauen in die Kongregation bekräftigt; dieses Vertrauen kann nur zum Erfolg führen, wenn darauf das Vertrauen der Legionäre folgt, die herzlich eingeladen sind, Verdächtigungen und Misstrauen abzulegen und konkret und positiv für das Wohl der Legion zu arbeiten, ohne in der Vergangenheit zu verweilen und ohne Spaltungen zu fördern. Auf die Phase der apostolischen Visitation folgt die neue Phase des Wiederaufbaus und der Erneuerung. Wir sind berufen, diese Phase nun anzugehen.

II. Neuigkeiten und Bewertungen

1. In den drei Monaten seit Veröffentlichung meiner Ernennung und der meiner Berater traf ich, obwohl wir uns in der Sommerzeit und damit in der Ferienzeit befanden, verschiedene Male mit den Oberen der Kongregation zusammen, sei es, um einige dringliche Fragen zu behandeln, die ab und zu aufgekommen sind, oder um Erwartungen zu beantworten, die in der Luft waren, oder um praktische Fragen genauer zu beantworten.

2. So traf ich einige Male mit der Generaldirektion und kürzlich mit dem Generaldirektor und den Territorialdirektoren, die sich in Rom befanden, zusammen. Dabei ging es nicht so sehr um Entscheidungen. Diese vertagten wir bis zur Ernennung der vier Berater des Päpstlichen Delegaten. Wir haben viel mehr über allgemeine Aspekte nachgedacht und begonnen, einige Fragen auszumachen, die beantwortet werden müssen; wir haben über die Vorgehensweise, über zu lösende Probleme etc. nachgedacht. Wir stellten, wenn auch nur sehr synthetisch, einige Elemente vor, die durch die Reflexion der Visitatoren der Kongregation aufgekommen sind. Wir sprachen von der Beziehung zwischen der persönlichen Geschichte des Gründers und der charismatischen und spirituellen Realität der Legion. Wir versuchten auch, erste Überlegungen zur Frage der Ausübung der Autorität innerhalb der Legion anzustellen; über das Thema der Gewissensfreiheit, der Beichtväter und der geistlichen Leiter; wir dachten über den bevorstehenden Weg der Prüfung der Konstitutionen nach, mit einem speziellen Bezug auf ihre Struktur in der Beziehung zwischen konstitutionalen und anderen Normen. Desweiteren versuchten wir, die Beziehung zwischen den Oberen der Legion und dem Päpstlichen Delegaten deutlich zu machen; und andere Themen der Leitung der Kongregation.

3. Wir konnten einige Bereiche ausmachen, die voraussichtlich die Einsetzung einer Kommission nötig machen: vor allem die Kommission zur Prüfung der Konstitutionen. Es werden wohl auch eine Kommission zur Annäherung derer, die auf irgendeine Weise Ansprüche gegen die Legion erheben sowie eine Kommission für wirtschaftliche Fragen nötig sein.

4. Wir sprachen auch darüber, wie lange der ganze Prozess wohl dauern wird. Von Seiten der Legionäre erkennt man den Wunsch schnell voranzukommen. Aber wir bestanden darauf, dass wir uns so viel Zeit wie nötig nehmen müssen. Wir rechnen mit mindestens zwei oder drei Jahren, vielleicht sogar mehr.

5. Bei den vielen Briefen, die mich erreicht haben, handelt es sich meist um positive Reaktionen. Sie bedanken sich beim Heiligen Vater für sein Eingreifen und für die Ernennung des päpstlichen Delegaten; sie drücken aus, dass sie gerne mit dem Delegaten zusammenarbeiten wollen, und versichern ihr Gebet; sie danken dem Herrn für die empfangene Berufung und drücken Vertrauen in die Kongregation der Legionäre aus, in der sie bleiben wollen. Die Seminaristen haben sich meistens darauf beschränkt, ihren Willen, in der Berufung zu beharren, deutlich zu machen. Ein paar Priester haben auch Vorschläge eingebracht oder Betroffenheit, Zweifel und Sorgen geäußert, besonders was die Regelung und die Praxis des forum internum betrifft, bezüglich der Ausübung der Autorität und der Ernennung oder Versetzung der Oberen; bezüglich der Ausbildung; der ein oder andere hat um eine Zeit des Nachdenkens extra domum gebeten, oder wollte die Kongregation verlassen. 

III. Einige spezifische Punkte von größerer Bedeutung

1. Geschichte des Gründers und Reaktion der Legionäre

Die meisten Legionäre haben angesichts der Geschichte des Gründers gut reagiert. Sie haben Gott erneut für ihre Berufung gedankt und all das Gute, das die Legion getan hat und noch tut, erwogen. Im Übrigen wurde die Legion von der Kirche approbiert und es ist nicht möglich, sie nicht als Werk Gottes, im Dienst seines Reiches und der Kirche, anzusehen. Man kann die Verantwortung des Gründers nicht einfach auf die Legion Christi übertragen.

2. Die aktuellen Oberen und ihre Verantwortung

Mehrfach und von verschiedenen Seiten wurde darauf aufmerksam gemacht, dass die Fehler des Gründers den aktuellen Oberen nicht hätten verborgen bleiben können. Durch ihr Schweigen hätten sie also gelogen. Aber wir wissen, dass diese Frage nicht so einfach ist. Die verschiedenen Anklagen, die seit den 90er Jahren in Zeitungen veröffentlicht wurden, waren wohlbekannt, auch den Oberen der Kongregation. Aber es ist etwas ganz anderes, Beweise dafür zu haben, dass sie begründet sind, und noch viel mehr, Gewissheit zu haben. Diese haben sie nur viel später und schrittweise erhalten. In Fällen dieser Art ist die Kommunikation nicht einfach. Es ist wichtig, für die notwendige Zusammenarbeit das Vertrauen wiederzugewinnen.

3. Das Charisma der Legion

Eine andere sehr gewichtige Frage ist die des Charismas der Legion. Die fehlende Unterscheidung zwischen konstitutionellen Normen und Rechtsnormen hat der Identifikation des eigentlichen Charismas möglicherweise geschadet. Aber es scheint zweifellos ausreichend klar und präzise und aktuell wie eh und je zu sein. Reflexion und Vertiefung sind erforderlich.

Wir wollen nur einen Punkt erwähnen. Die heutige Kultur ist säkularisiert, infiziert von Immanentismus und Relativismus. Diese Mentalität charakterisiert unsere Kultur und die Menschen, die heute Meinungsmacher sind oder sich für die Träger der Kultur halten. Es ist eine Frage der Kultur und daher eine Frage des Leaderships, d.h. der Leute, in deren Händen die Leitung der Gesellschaft liegt. Wir leben in einer Gesellschaft, die kaum mehr Persönlichkeiten mit einer tief christlichen und deutlich katholischen Kultur hervorbringt. Gleichzeitig wissen wir, dass der Glaube nicht auf die rein persönliche Ebene beschränkt werden kann.

Damit die heutige Gesellschaft christianisiert werden kann, brauchen wir Menschen, die die Verantwortung für die Gesellschaft von morgen übernehmen können, die sich in den Schulen und Universitäten ausbilden, und Priester, Gottgeweihte und engagierte, gut ausgebildete Laien, Apostel der Neuevangelisierung.

Die Vergangenheit muss uns dabei anleiten, uns in die Gegenwart einzufügen. Die Kirche hat die Vergangenheit geprägt und durch Klöster, Universitäten, Bildung und die Kultur zu einer christlichen Sicht des Lebens beigetragen. Dies bekräftigt die Kirche, wenn sie von der Neuevangelisierung spricht und ein neues Dikasterium für die Neuevangelisierung plant. Ich denke, dass die Kongregation der Legionäre Christi genau auf diesem Gebiet ihren Platz im Dienst der Kirche findet. Und das lässt das Beste für die Zukunft hoffen.

IV. Abschließende Überlegung

Mir scheint, dass man auf einen positiven Weg der Erneuerung hoffen kann und muss. Es gibt so viele Zeichen am Horizont, die auf einen guten Ausgang am Ende des Weges hoffen lassen. Der Schock, der von den Taten des Gründers verursacht wurde, hatte eine derart furchtbare Wirkung, dass er die Kongregation selbst hätte vernichten können, was im Übrigen viele prophezeiten. Sie hat jedoch nicht nur überlebt, sondern sie ist in ihrer Vitalität fast völlig intakt. Die große Mehrheit der Legionäre hat es verstanden, die Geschichte der eigenen Berufung nicht so sehr in Beziehung zum Gründer, sondern in Beziehung zum Mysterium Christi und der Kirche zu lesen, und die eigene Treue zu Christus in der Kirche, in der Legion zu erneuern.

Die Fähigkeit, ihre Situation auf einer übernatürlichen Ebene zu verstehen, hat es ihnen erlaubt, nicht vom Weg abzukommen und sich völlig zu verirren. Der Polarstern der Treue zur Kirche und des Gehorsams gegenüber dem Papst hat sie vor Entmutigung und Desertation bewahrt. Nicht wenige haben von ihrer Reaktion auf die Ereignisse erzählt. Der Großteil bestätigt, dass sie nicht gezögert haben, die eigene Treue und Beharrlichkeit vor Gott und der Kirche zu erneuern. Mehr als einer hat mir mitgeteilt, dass seine erste Reaktion Ärger und fast Wut war, verbunden mit dem Gefühl, verraten worden zu sein; aber später hat er sich erholt. Manch einer hat es sogar in Betracht gezogen, die Legion zu verlassen, um in eine Diözese einzutreten. Aber es waren alles in allem nur wenige, die diesen Weg gewählt haben.

Bei den Neueintritten war ein gewisser Rückgang zu verzeichnen. In diesem Fall kamen die Schwierigkeiten vor allem von den Eltern, die in der großen Aufregung, die von den Medien verursacht worden war, nicht ausreichend zwischen der Wahrheit und den Falschmeldungen zu unterscheiden wussten. Leider hat sich auch der eine oder andere Legionär von den Turbulenzen der öffentlichen Meinung erschüttern lassen und sich als Folge davon nicht mehr um die Förderung von Berufungen bemüht.

Auf dem Weg, der noch zurückzulegen ist, wartet vielleicht eine Gefahr, die nicht unerwähnt bleiben soll, und die typischerweise in Situationen dieser Art auftritt. Im Fall der Legion Christi erleben wir eine Art von Paradox. Bei den anderen Instituten des gottgeweihten Lebens ist oft im Zuge der Erneuerungen, zu denen das Konzil  aufgerufen hatte, in der Zeit danach ein bedauernswerter Verfall der Disziplin und des Sinnes für die Autorität aufgetreten. Dies hat dann zu einer gewissen Nachlässigkeit im Leben der evangelischen Räte und zu einer gewaltigen Berufungskrise geführt; und das obwohl im gleichen Zeitraum die Theologie des Ordensleben mit großem Gewinn weiterentwickelt wurde. Bei den Legionären ist eher das Gegenteil der Fall: für sie geht es darum, sich mehr den neuen Entwicklungen im Verständnis der Ordensdisziplin und der Ausübung der Autorität, die sich in der Zeit nach dem Konzil ergeben haben, zu öffnen. Die Gefahr, dabei über das Ziel hinauszuschießen und einen Mechanismus auszulösen, der zu einem Nachlassen in der Disziplin und im geistlichen Leben führt, ist dabei in der Tat gegeben. Letzteres ist bei dem einen oder anderen Priester oder Ordensmann aufgetreten. Auch der Generaldirektor selbst hat diese Gefahr vor Augen und hat daher auch gegenüber dem Papst, dem er den Gehorsam und die Treue der Legionäre versicherte, dem Wunsch Ausdruck verliehen, dass das Institut auf dem Weg der Erneuerung vor dieser Gefahr bewahrt bleibe – der Gefahr, dass diese Erneuerung in Disziplinlosigkeit und Lauheit umschlage.

Ich erneuere meine Aufforderung an Euch alle, in dieser Zeit das Gebet zu vertiefen. Der Engel des Herrn sagte zum Propheten Elija: „Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich“ (1 Kön 19,7). So treten auch wir voll Zuversicht hin zur unerschöpflichen Quelle der Eucharistie, wo Christus selbst unsere Stütze und unser Gefährte auf dem Weg ist. Möge Gott Euch alle segnen! Euer ergebenster

+Velasio De Paolis CS


Gedanken über den durchlaufenen Weg und die Zukunft – „Mir scheint, dass man auf einen positiven Weg der Erneuerung hoffen kann und muss.“

Gedanken über den durchlaufenen Weg und die Zukunft – „Mir scheint, dass man auf einen positiven Weg der Erneuerung hoffen kann und muss.“

Msgr. Velasio De Paolis CS bei Papst Benedikt XVI.Am vergangenem Dienstag, dem 19. Oktober 2010, wandte sich Erzbischof De Paolis, seit Juli 2010 päpstlicher Delegat für die Legionäre Christi, in einem persönlichen Brief an alle Mitglieder der Ordensgemeinschaft der Legionäre Christi und der Apostolatsbewegung Regnum Christi. In vier Abschnitten gegliedert, äußert er Gedanken über den durchlaufenen Weg und die Zukunft der Kongregation und der Apostolatsbewegung, und lädt zur Reflexion darüber ein.

Gleich zu Beginn seiner Zeilen bedankt sich De Paolis bei all jenen, die in den letzten Monaten mit ihm in Kontakt getreten sind, ihm geschrieben und getroffen haben, „Ich bin sicher, dass alle von dem Wunsch bewegt sind, für das Gute zu wirken“.

Auf die Phase der apostolischen Visitation folgt die neue Phase des Wiederaufbaus und der Erneuerung. Wir sind berufen, diese Phase nun anzugehen.“

Im ersten Abschnitt des Briefes erklärt und vervollständigt der Delegat das Bild seiner Aufgabe – der Begleitung der Kongregation auf dem Weg der Erneuerung – die ihm vom Heiligen Vater übertragen wurde und schon im Dekret des Heiligen Stuhls vom 21. Juni 2010 vorgezeichnet worden war. Unter anderem verweist er darauf, dass die päpstliche Verlautbarung die aktuellen Oberen anerkennt und sie bestätigt. Er informiert auch noch einmal über die kürzlich erfolgte Ernennung von vier Beratern:

  • S.E. Mons. Brian Farrell LC, Sekretär des Päpstlichen Rates für die Förderung der Einheit der Christen.
  • P. Gianfranco Ghirlanda SI, ehemals Rektor der Päpstlichen Universität Gregoriana.
  • Mons. Mario Marchesi, Generalvikar der Diözese Cremona.
  • P. Agostino Montan CSI, Direktor des Büros für das geweihte Leben der Diözese Rom und Vize-Dekan der Fakultät für Theologie an der Päpstlichen Universität Lateranense.

Er gibt ferner eine Präzisierung, was die Bewegung Regnum Christi betrifft, besonders für die gottgeweihten Mitglieder: S.E. Mons. Ricardo Blázquez, Erzbischof von Valladolid, wurde als Visitator der gottgeweihten Mitglieder in der Bewegung Regnum Christi eingesetzt. Diese Visitation wird unter der Verantwortung des Päpstlichen Delegaten und in Abstimmung mit seiner Verantwortung für die ganze Legion Christi und die Bewegung Regnum Christi durchgeführt.

Die Notwendigkeit, sich so viel Zeit wie nötig zu nehmen“

Im zweiten Abschnitt gibt Erzbischof De Paolis Neuigkeiten der letzten Monate bekannt. Dabei berichtet er u.a. vom Inhalt der Gespräche und den verschiedenen Begegnungen mit der Generaldirektion, dem Generaldirektor und den Territorialdirektoren. Insbesondere gibt er die Einrichtung von drei Kommissionen bekannt: Kommission zur Prüfung der Konstitutionen, Kommission zur Annäherung derer, die auf irgendeine Weise Ansprüche gegen die Legion erheben sowie eine Kommission für wirtschaftliche Fragen.

Das Charisma scheint zweifellos ausreichend klar und präzise und aktuell wie eh und je zu sein. Reflexion und Vertiefung sind erforderlich.“

Im dritten Abschnitt wendet sich der Delegat „spezifischen Punkten von größerer Bedeutung“ zu. Das sind die Geschichte des Gründers und die Reaktion der Legionäre Christi, die aktuellen Oberen und ihre Verantwortung und das Charisma der Kongregation.

Mir scheint, dass man auf einen positiven Weg der Erneuerung hoffen kann und muss.“

Im vierten Abschnitt folgen abschließende Überlegungen. De Paolis weißt dabei noch einmal auf den „Schock“ hin, der von den Taten des Gründers verursacht wurde. Die Kongregation hätte jedoch nicht nur überlebt, sondern sei in ihrer Vitalität fast völlig intakt, „Die Fähigkeit, ihre Situation auf einer übernatürlichen Ebene zu verstehen, hat es ihnen erlaubt, nicht vom Weg abzukommen und sich völlig zu verirren. Der Polarstern der Treue zur Kirche und des Gehorsams gegenüber dem Papst hat sie vor Entmutigung und Desertation bewahrt“.

Bei den Legionären ginge es nun auch darum, „sich mehr den neuen Entwicklungen im Verständnis der Ordensdisziplin und der Ausübung der Autorität, die sich in der Zeit nach dem Konzil ergeben haben, zu öffnen“. Ohne jedoch über das „Ziel hinauszuschießen und einen Mechanismus auszulösen, der zu einem Nachlassen in der Disziplin und im geistlichen Leben führt“

Am Ende seiner Zeilen erneuert der päpstliche Delegat der Legionäre Christi und des Regnum Christi sein Aufforderung an alle, in dieser Zeit das Gebet zu vertiefen: „Der Engel des Herrn sagte zum Propheten Elija: ‚Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich‘ (1 Kön 19,7)“.

Im Folgenden finden Sie den Brief im Wortlaut (Originaltext in italienischer Sprache, Übersetzung ins Deutsche durch die Ordensgemeinschaft).

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Rom, 19. Oktober 2010

An die Legionäre Christi
und an die gottgeweihten Mitglieder des Regnum Christi

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn,

seit dem ersten Brief, den ich Euch am 10. Juli geschickt habe, am Beginn der Aufgabe, die mir der Heilige Vater im Hinblick auf die Legionäre Christi und die mit ihnen verbundene Bewegung Regnum Christi anvertrauen wollte, sind drei Monate vergangen. Es handelte sich um die Zeit der Sommerferien, während der eher weniger gearbeitet wird. Trotzdem war es eine wertvolle Zeit für den begonnenen Weg. Viele haben sich an mich gewandt, indem sie mir geschrieben haben oder sich persönlich mit mir trafen. Es waren viele. Leider konnte ich nicht alle jene anhören, die es wünschten. Aber ich hoffe, dass der Weg, der voraussichtlich noch lang dauern wird, es bald erlaubt. Ich konnte auch so vielen nicht antworten, die ihre Stimme schriftlich vernehmen ließen. Nicht wenige haben mir ihre Glückwünsche und Grüße zukommen lassen. Natürlich kann ich nicht jedem persönlich antworten.

Gerne nutze ich die Gelegenheit, um mich bei all jenen zu bedanken, die mit mir in Kontakt getreten sind: Bei jenen, die mir einfach einen Gruß und einen Glückwunsch zukommen lassen wollten; bei jenen, die die Geschichte ihrer Berufung erzählen und ihre Absicht ausdrücken wollten, der eigenen Berufung zum Ordensleben und zum Priestertum in der Legion sowie Gott und der Kirche treu zu bleiben; bei jenen, die ihre Vorschläge für den Weg der Erneuerung, den zu durchlaufen wir berufen sind, vorgebracht haben, sei es, um auf Gefahren hinzuweisen, die bestehen, wenn man vor allem vom Wunsch nach Wandel getrieben wird, sei es, um zur Änderung und Erneuerung der Kongregation zu ermutigen. Ich bin sicher, dass alle von dem Verlangen bewegt sind, für das Gute zu wirken; und zweifelsohne betonen alle Aspekte, die auf dem Weg in Betracht zu ziehen sind.

Ich möchte zur Reflexion einladen. Jeder einzelne von uns ist, auch beim besten Willen, normalerweise einseitig in der eigenen Sicht der Dinge und der Bewertung der Erfordernisse einer Erneuerung; deshalb ist es notwendig, dass jeder auch auf die anderen schaut und offen und verfügbar für die Überlegungen der anderen ist, statt gegensätzliche Positionen zu schaffen, um die eigene Sicht der Dinge durchzusetzen. Ausgehend von den Überlegungen und den Beiträgen aller sind wir zu einer Unterscheidung gerufen, die uns auf einen Weg des Wandels in der Kontinuität des Lebens der Kongregation führt. Tatsächlich lässt sich nicht leugnen, dass nicht wenige Dinge nach einer ernsthaften Abwägung geändert oder verbessert; andere, und zwar die Wesentlichen, die das Ordensleben und das Priestertum betreffen, bewahrt und gefördert werden müssen.

Wichtig ist vor allem, dass sich jeder leiten lässt von der Sehnsucht nach dem Guten und vom Wunsch, sich immer mehr zum Herrn zu bekehren, um für seinen Willen verfügbar zu sein und auf dem Weg der Treue und Heiligkeit gemäß der eigenen Berufung, unter der Führung der Kirche, fortzuschreiten. Wenn wir vereint und mit gegenseitigem Respekt vorgehen, wird der Weg schnell und sicher sein; wenn wir uns vom Willen, uns durchzusetzen und den anderen die eigenen Ideen aufzuerlegen, ergreifen lassen, ist der Schiffbruch sicher.

Daher ist die Verantwortung groß und jeder muss sie vor dem eigenen Gewissen, vor Gott, vor der Kirche und der Kongregation spüren. Mit diesem Geist und mit dieser Ermutigung sende ich Euch diesen Brief, mit dem ich einige Neuigkeiten und einige Gedanken über den durchlaufenen Weg und über die Zukunftsperspektiven mitteile.

I. Vervollständigung der Zuständigkeiten für die Begleitung

1. Bei der Vorlage des päpstlichen Ernennungsbriefes habe ich präzisiert, dass später mit der Veröffentlichung der Verlautbarung des Staatssekretärs, mit Datum vom 9. Juli 2010, weitere Bestimmungen mitgeteilt würden. Es handelt sich um eine Verlautbarung, die Euch schon übermittelt wurde und die Ihr schon kennt. In dieser Verlautbarung wird ein wesentlicher Punkt präzisiert, den man sich vergegenwärtigen sollte: Mit der Ernennung des Päpstlichen Delegaten wird die Legion nicht unter die Aufsicht eines „Kommissars“ gestellt, sondern sie wird vom Päpstlichen Delegaten auf ihrem Weg begleitet. Tatsächlich erkennt die Päpstliche Verlautbarung die aktuellen Oberen an und bestätigt sie. Das bedeutet einerseits, dass die Oberen gemäß der Norm der Konstitutionen im Amt bleiben, und andererseits, dass sie in Übereinstimmung mit dem Päpstlichen Delegaten vorgehen sollen. Das bedeutet auch, dass die erste Instanz für die Behandlung der Probleme der Legion die Oberen sind. Die Ordensleute sind eingeladen sich zuerst an diese zu wenden.

2. Gleichzeitig habe ich präzisiert, dass meine Funktion erst dann vollständig in Kraft treten kann, wenn mir die Berater zur Seite gestellt werden, die mir bei meiner Aufgabe als Päpstlicher Delegat helfen. In diesen Tagen wurde die Ernennung dieser Berater veröffentlicht. Es sind:

  • S.E. Mons. Brian Farrell LC, Sekretär des Päpstlichen Rates für die Förderung der Einheit der Christen.
  • P. Gianfranco Ghirlanda SI, ehemals Rektor der Päpstlichen Universität Gregoriana.
  • Mons. Mario Marchesi, Generalvikar der Diözese Cremona.
  • P. Agostino Montan, CSI, Direktor des Büros für das geweihte Leben in der Diözese Rom und Vize-Dekan der Fakultät für Theologie an der Päpstlichen Universität Lateranense.

3. Es gibt auch eine Präzisierung, was die Bewegung Regnum Christi betrifft, besonders für die gottgeweihten Mitglieder. S.E. Mons. Ricardo Blázquez, Erzbischof von Valladolid, wurde als Visitator der gottgeweihten Mitglieder der Bewegung Regnum Christi eingesetzt. Diese Visitation wird unter der Verantwortung des Päpstlichen Delegaten und in Abstimmung mit seiner Verantwortung für die ganze Legion Christi und die Bewegung Regnum Christi durchgeführt. Die Bewegung Regnum Christi ist ein wertvolles Gut, das untrennbar mit der Legion verbunden ist. Diese muss sich für jene verantwortlich fühlen und sich weiter um sie kümmern; aber auch diese Beziehung wird Gegenstand einer gelassenen Überlegung sein und ist Teil des Weges der Erneuerung, der die Legion selbst und ihre Konstitutionen betrifft, auch in Bezug auf die Mitglieder des Regnum Christi.

4. Beginn einer neuen Phase

Ich präzisiere desweiteren, dass mein Auftrag als Päpstlicher Delegat auch nicht der eines apostolischen Visitators ist, der die grundlegende Aufgabe hätte, Personen zu treffen, Informationen zu sammeln, um ein Bild der wahren Situation zu haben und der zuständigen Autorität Vorschläge zu unterbreiten, um Situationen, die nicht dem evangelischen Ideal des Ordenslebens entsprechen, in Ordnung zu bringen.

Die Aufgabe des Visitators wurde von den fünf Bischöfen erfüllt, die vom Heiligen Vater beauftragt wurden, eine Visitation der ganzen Kongregation durchzuführen.

Jene Aufgabe hat fast ein Jahr in Anspruch genommen. Das Ergebnis wurde dem Heiligen Vater vorgelegt, der mit der Ernennung Seines Delegaten den weiteren Weg angezeigt hat, der nicht mehr in dem des Visitators oder Kommissars besteht, sondern in der Aufgabe, den Weg der Erneuerung zu begleiten, besonders mit Blick auf ein Außerordentliches Generalkapitel, das einen konstitutionellen Text erarbeiten muss, der dem Apostolischen Stuhl vorgelegt werden soll. Es handelt sich um einen Weg, der von den Indikationen, die aus der apostolischen Visitation hervorgegangen sind und die sich der Heiligen Stuhl zu Eigen gemacht hat, ausgehen muss, damit wir auf ihrer Basis der notwendigen Erneuerung entgegengehen.

Dies ist eine Aufgabe, die alle betrifft, und deshalb müssen alle beteiligt sein und Verantwortung übernehmen. Aber es ist offensichtlich, dass diese Aufgabe vor allem den Oberen zukommt, die gerufen sind, die Mitglieder bei dieser Erneuerung auf aktive und geordnete Weise zu organisieren, anzuregen, zu motivieren und zu beteiligen. Auf diesem Abschnitt des Weges ist es extrem wichtig, dass die Oberen ihre Aufgabe gut erfüllen.

Das ist auch die hauptsächliche Hilfe, die zu bieten der Päpstliche Delegat gerufen ist. Zu Beginn dieser neuen Phase des Weges hat der Heilige Vater sein Vertrauen in die Kongregation bekräftigt; dieses Vertrauen kann nur zum Erfolg führen, wenn darauf das Vertrauen der Legionäre folgt, die herzlich eingeladen sind, Verdächtigungen und Misstrauen abzulegen und konkret und positiv für das Wohl der Legion zu arbeiten, ohne in der Vergangenheit zu verweilen und ohne Spaltungen zu fördern. Auf die Phase der apostolischen Visitation folgt die neue Phase des Wiederaufbaus und der Erneuerung. Wir sind berufen, diese Phase nun anzugehen.

II. Neuigkeiten und Bewertungen

1. In den drei Monaten seit Veröffentlichung meiner Ernennung und der meiner Berater traf ich, obwohl wir uns in der Sommerzeit und damit in der Ferienzeit befanden, verschiedene Male mit den Oberen der Kongregation zusammen, sei es, um einige dringliche Fragen zu behandeln, die ab und zu aufgekommen sind, oder um Erwartungen zu beantworten, die in der Luft waren, oder um praktische Fragen genauer zu beantworten.

2. So traf ich einige Male mit der Generaldirektion und kürzlich mit dem Generaldirektor und den Territorialdirektoren, die sich in Rom befanden, zusammen. Dabei ging es nicht so sehr um Entscheidungen. Diese vertagten wir bis zur Ernennung der vier Berater des Päpstlichen Delegaten. Wir haben viel mehr über allgemeine Aspekte nachgedacht und begonnen, einige Fragen auszumachen, die beantwortet werden müssen; wir haben über die Vorgehensweise, über zu lösende Probleme etc. nachgedacht. Wir stellten, wenn auch nur sehr synthetisch, einige Elemente vor, die durch die Reflexion der Visitatoren der Kongregation aufgekommen sind. Wir sprachen von der Beziehung zwischen der persönlichen Geschichte des Gründers und der charismatischen und spirituellen Realität der Legion. Wir versuchten auch, erste Überlegungen zur Frage der Ausübung der Autorität innerhalb der Legion anzustellen; über das Thema der Gewissensfreiheit, der Beichtväter und der geistlichen Leiter; wir dachten über den bevorstehenden Weg der Prüfung der Konstitutionen nach, mit einem speziellen Bezug auf ihre Struktur in der Beziehung zwischen konstitutionalen und anderen Normen. Desweiteren versuchten wir, die Beziehung zwischen den Oberen der Legion und dem Päpstlichen Delegaten deutlich zu machen; und andere Themen der Leitung der Kongregation.

3. Wir konnten einige Bereiche ausmachen, die voraussichtlich die Einsetzung einer Kommission nötig machen: vor allem die Kommission zur Prüfung der Konstitutionen. Es werden wohl auch eine Kommission zur Annäherung derer, die auf irgendeine Weise Ansprüche gegen die Legion erheben sowie eine Kommission für wirtschaftliche Fragen nötig sein.

4. Wir sprachen auch darüber, wie lange der ganze Prozess wohl dauern wird. Von Seiten der Legionäre erkennt man den Wunsch schnell voranzukommen. Aber wir bestanden darauf, dass wir uns so viel Zeit wie nötig nehmen müssen. Wir rechnen mit mindestens zwei oder drei Jahren, vielleicht sogar mehr.

5. Bei den vielen Briefen, die mich erreicht haben, handelt es sich meist um positive Reaktionen. Sie bedanken sich beim Heiligen Vater für sein Eingreifen und für die Ernennung des päpstlichen Delegaten; sie drücken aus, dass sie gerne mit dem Delegaten zusammenarbeiten wollen, und versichern ihr Gebet; sie danken dem Herrn für die empfangene Berufung und drücken Vertrauen in die Kongregation der Legionäre aus, in der sie bleiben wollen. Die Seminaristen haben sich meistens darauf beschränkt, ihren Willen, in der Berufung zu beharren, deutlich zu machen. Ein paar Priester haben auch Vorschläge eingebracht oder Betroffenheit, Zweifel und Sorgen geäußert, besonders was die Regelung und die Praxis des forum internum betrifft, bezüglich der Ausübung der Autorität und der Ernennung oder Versetzung der Oberen; bezüglich der Ausbildung; der ein oder andere hat um eine Zeit des Nachdenkens extra domum gebeten, oder wollte die Kongregation verlassen. 

III. Einige spezifische Punkte von größerer Bedeutung

1. Geschichte des Gründers und Reaktion der Legionäre

Die meisten Legionäre haben angesichts der Geschichte des Gründers gut reagiert. Sie haben Gott erneut für ihre Berufung gedankt und all das Gute, das die Legion getan hat und noch tut, erwogen. Im Übrigen wurde die Legion von der Kirche approbiert und es ist nicht möglich, sie nicht als Werk Gottes, im Dienst seines Reiches und der Kirche, anzusehen. Man kann die Verantwortung des Gründers nicht einfach auf die Legion Christi übertragen.

2. Die aktuellen Oberen und ihre Verantwortung

Mehrfach und von verschiedenen Seiten wurde darauf aufmerksam gemacht, dass die Fehler des Gründers den aktuellen Oberen nicht hätten verborgen bleiben können. Durch ihr Schweigen hätten sie also gelogen. Aber wir wissen, dass diese Frage nicht so einfach ist. Die verschiedenen Anklagen, die seit den 90er Jahren in Zeitungen veröffentlicht wurden, waren wohlbekannt, auch den Oberen der Kongregation. Aber es ist etwas ganz anderes, Beweise dafür zu haben, dass sie begründet sind, und noch viel mehr, Gewissheit zu haben. Diese haben sie nur viel später und schrittweise erhalten. In Fällen dieser Art ist die Kommunikation nicht einfach. Es ist wichtig, für die notwendige Zusammenarbeit das Vertrauen wiederzugewinnen.

3. Das Charisma der Legion

Eine andere sehr gewichtige Frage ist die des Charismas der Legion. Die fehlende Unterscheidung zwischen konstitutionellen Normen und Rechtsnormen hat der Identifikation des eigentlichen Charismas möglicherweise geschadet. Aber es scheint zweifellos ausreichend klar und präzise und aktuell wie eh und je zu sein. Reflexion und Vertiefung sind erforderlich.

Wir wollen nur einen Punkt erwähnen. Die heutige Kultur ist säkularisiert, infiziert von Immanentismus und Relativismus. Diese Mentalität charakterisiert unsere Kultur und die Menschen, die heute Meinungsmacher sind oder sich für die Träger der Kultur halten. Es ist eine Frage der Kultur und daher eine Frage des Leaderships, d.h. der Leute, in deren Händen die Leitung der Gesellschaft liegt. Wir leben in einer Gesellschaft, die kaum mehr Persönlichkeiten mit einer tief christlichen und deutlich katholischen Kultur hervorbringt. Gleichzeitig wissen wir, dass der Glaube nicht auf die rein persönliche Ebene beschränkt werden kann.

Damit die heutige Gesellschaft christianisiert werden kann, brauchen wir Menschen, die die Verantwortung für die Gesellschaft von morgen übernehmen können, die sich in den Schulen und Universitäten ausbilden, und Priester, Gottgeweihte und engagierte, gut ausgebildete Laien, Apostel der Neuevangelisierung.

Die Vergangenheit muss uns dabei anleiten, uns in die Gegenwart einzufügen. Die Kirche hat die Vergangenheit geprägt und durch Klöster, Universitäten, Bildung und die Kultur zu einer christlichen Sicht des Lebens beigetragen. Dies bekräftigt die Kirche, wenn sie von der Neuevangelisierung spricht und ein neues Dikasterium für die Neuevangelisierung plant. Ich denke, dass die Kongregation der Legionäre Christi genau auf diesem Gebiet ihren Platz im Dienst der Kirche findet. Und das lässt das Beste für die Zukunft hoffen.

IV. Abschließende Überlegung

Mir scheint, dass man auf einen positiven Weg der Erneuerung hoffen kann und muss. Es gibt so viele Zeichen am Horizont, die auf einen guten Ausgang am Ende des Weges hoffen lassen. Der Schock, der von den Taten des Gründers verursacht wurde, hatte eine derart furchtbare Wirkung, dass er die Kongregation selbst hätte vernichten können, was im Übrigen viele prophezeiten. Sie hat jedoch nicht nur überlebt, sondern sie ist in ihrer Vitalität fast völlig intakt. Die große Mehrheit der Legionäre hat es verstanden, die Geschichte der eigenen Berufung nicht so sehr in Beziehung zum Gründer, sondern in Beziehung zum Mysterium Christi und der Kirche zu lesen, und die eigene Treue zu Christus in der Kirche, in der Legion zu erneuern.

Die Fähigkeit, ihre Situation auf einer übernatürlichen Ebene zu verstehen, hat es ihnen erlaubt, nicht vom Weg abzukommen und sich völlig zu verirren. Der Polarstern der Treue zur Kirche und des Gehorsams gegenüber dem Papst hat sie vor Entmutigung und Desertation bewahrt. Nicht wenige haben von ihrer Reaktion auf die Ereignisse erzählt. Der Großteil bestätigt, dass sie nicht gezögert haben, die eigene Treue und Beharrlichkeit vor Gott und der Kirche zu erneuern. Mehr als einer hat mir mitgeteilt, dass seine erste Reaktion Ärger und fast Wut war, verbunden mit dem Gefühl, verraten worden zu sein; aber später hat er sich erholt. Manch einer hat es sogar in Betracht gezogen, die Legion zu verlassen, um in eine Diözese einzutreten. Aber es waren alles in allem nur wenige, die diesen Weg gewählt haben.

Bei den Neueintritten war ein gewisser Rückgang zu verzeichnen. In diesem Fall kamen die Schwierigkeiten vor allem von den Eltern, die in der großen Aufregung, die von den Medien verursacht worden war, nicht ausreichend zwischen der Wahrheit und den Falschmeldungen zu unterscheiden wussten. Leider hat sich auch der eine oder andere Legionär von den Turbulenzen der öffentlichen Meinung erschüttern lassen und sich als Folge davon nicht mehr um die Förderung von Berufungen bemüht.

Auf dem Weg, der noch zurückzulegen ist, wartet vielleicht eine Gefahr, die nicht unerwähnt bleiben soll, und die typischerweise in Situationen dieser Art auftritt. Im Fall der Legion Christi erleben wir eine Art von Paradox. Bei den anderen Instituten des gottgeweihten Lebens ist oft im Zuge der Erneuerungen, zu denen das Konzil  aufgerufen hatte, in der Zeit danach ein bedauernswerter Verfall der Disziplin und des Sinnes für die Autorität aufgetreten. Dies hat dann zu einer gewissen Nachlässigkeit im Leben der evangelischen Räte und zu einer gewaltigen Berufungskrise geführt; und das obwohl im gleichen Zeitraum die Theologie des Ordensleben mit großem Gewinn weiterentwickelt wurde. Bei den Legionären ist eher das Gegenteil der Fall: für sie geht es darum, sich mehr den neuen Entwicklungen im Verständnis der Ordensdisziplin und der Ausübung der Autorität, die sich in der Zeit nach dem Konzil ergeben haben, zu öffnen. Die Gefahr, dabei über das Ziel hinauszuschießen und einen Mechanismus auszulösen, der zu einem Nachlassen in der Disziplin und im geistlichen Leben führt, ist dabei in der Tat gegeben. Letzteres ist bei dem einen oder anderen Priester oder Ordensmann aufgetreten. Auch der Generaldirektor selbst hat diese Gefahr vor Augen und hat daher auch gegenüber dem Papst, dem er den Gehorsam und die Treue der Legionäre versicherte, dem Wunsch Ausdruck verliehen, dass das Institut auf dem Weg der Erneuerung vor dieser Gefahr bewahrt bleibe – der Gefahr, dass diese Erneuerung in Disziplinlosigkeit und Lauheit umschlage.

Ich erneuere meine Aufforderung an Euch alle, in dieser Zeit das Gebet zu vertiefen. Der Engel des Herrn sagte zum Propheten Elija: „Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich“ (1 Kön 19,7). So treten auch wir voll Zuversicht hin zur unerschöpflichen Quelle der Eucharistie, wo Christus selbst unsere Stütze und unser Gefährte auf dem Weg ist. Möge Gott Euch alle segnen! Euer ergebenster

+Velasio De Paolis CS

 

Am 19. Oktober 2010 schrieb Erzbischof De Paolis einen Brief an alle Mitglieder der Legionäre Christi und des Regnum Christi.

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Samstag, 23. Oktober 2010

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http://www.regnumchristi.org/de/component/k2/item/174-gedanken-ueber-den-durchlaufenen-weg-und-die-zukunft/

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