„Veränderung und Kontinuität“
Im Folgendem veröffentlichen wir das Editorial von P. Sylvester Heeremann LC, Territorialdirektor für West– und Mitteleuropa, aus dem aktuellen „L“-Magazin (02–2011). Darin erläutert der Ordensobere den laufenden Prozess der Revision der Ordensregel der Legionäre Christi und die Revision der Statuten des gottgeweihten Lebens im Regnum Christi.
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„Ein neues Kapitel in unserer Geschichte“ – unter diesem Titel berichten wir seit Mai 2010 auf unserer Website und im Magazin „L“ über die Entwicklungen in der Bewegung Regnum Christi und bei den Legionären Christi. In diesem Leitsatz kommen bereits die beiden wesentlichen Inhalte zum Ausdruck: Veränderung und Kontinuität.
Die Erkenntnisse über die Verfehlungen unseres Gründers haben eine Krise ausgelöst, die, wie jede Krise, auch Gelegenheit zu einer Neubesinnung und einem Neuanfang ist. Mit der Hilfe der Kirche und konkret des Heiligen Vaters ist es unserer Gemeinschaft, Gott sei Dank, gelungen, das der schweren Situation innewohnende Gnadenpotential freizulegen und es nach und nach zu nutzen. Unter der umsichtigen Leitung des päpstlichen Delegaten Kardinal De Paolis und seiner Ratgeber wurden verschiedene Projekte in Angriff genommen. In den vorherigen Ausgaben unserer Zeitschrift haben wir vor allem über diejenigen Maßnahmen und Entwicklungen berichtet, die der Aufarbeitung der Vergangenheit gedient haben. Jetzt ist es mir wichtig, Ihnen ein Verständnis dafür zu vermitteln, welche Weichenstellungen für die Legionäre Christi und das Regnum Christi vorgenommen wurden und welche Gründe dahinter stecken.
Dabei geht es vor allem um zwei große Themen, die eng miteinander verknüpft sind, nämlich die Revision der Ordensregel der Legionäre Christi und die Revision der Statuten des gottgeweihten Lebens im Regnum Christi. Erstere hat bereits begonnen, letztere hat Kardinal De Paolis am 15. Oktober in seinem Brief zum Abschluss der Visitation des gottgeweihten Lebens angekündigt. Nur die Legionäre Christi und die gottgeweihten Mitglieder des Regnum Christi sind direkt von diesen Vorgängen betroffen. Aber viele, die uns freundschaftlich verbunden sind und v.a. die Laienmitglieder des Regnum Christi sind sehr daran interessiert, uns auf diesem Weg zu begleiten und möchten verstehen, worum es dabei geht.
Zu allererst gilt es, die Bedeutung einer Ordensregel, die bei den jüngeren Ordensgemeinschaften Konstitutionen und bei anderen Gemeinschaften des gottgeweihten Lebens auch Statuten genannt wird, zu verstehen. Es handelt sich dabei um das wichtigste Dokument einer Gemeinschaft in der Kirche, eine Art Grundgesetz, das gewissermaßen das Erbgut beschreibt und diejenigen Regeln festsetzt, die alle Mitglieder des Ordens zu allen Zeiten und an allen Orten zu leben haben. Dabei geht es um die Identität und Mission der Gemeinschaft, die Eckpunkte der Spiritualität, die Art und Weise, wie die Gelübde von Keuschheit, Armut und Gehorsam gelebt werden, die Ausbildungsetappen und grundsätzliche Fragen der Leitung und Verwaltung. Die Ordensregel bedarf der Anerkennung durch den Heiligen Stuhl, der allein die Autorität hat, über die Authentizität von Charismen in der Kirche zu entscheiden. Eine Ordensregel darf, wegen ihrer grundlegenden Bedeutung für die Bewahrung des Charismas einer Gemeinschaft, auch nur mit Erlaubnis des Heiligen Stuhls geändert werden. Änderungen sind aber manchmal notwendig, weil eine Ordensregel ein von Menschen verfasster Text ist, der die Gabe des Heiligen Geistes immer nur annähernd und stets unvollkommen ausdrücken kann.
Der Heilige Vater hat die Legionäre Christi am Ende der apostolischen Visitation gebeten, die 1983 von Papst Johannes Paul II. anerkannten Konstitutionen zu überarbeiten, wobei die bisherigen Konstitutionen bis zum nächsten Generalkapitel in Kraft bleiben. Auch wenn diese Vorgabe im Fall der Legionäre Christi in den Kontext der Gründerkrise fällt, ist eine Revision der Ordensregel doch kein Einzelfall. So wurden nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil alle Orden dazu angehalten, ihre Regel nach den Maßgaben des Konzils zu überarbeiten. Eine solche Revision erstrebt, dass die Regel der Gemeinschaft und den einzelnen Mitgliedern noch besser als bisher dabei hilft, das eigene Leben und Wirken in kreativer Treue zum Evangelium und zum eigenen Gründungscharisma zu gestalten. Etwaige Anpassungen können z.B. darauf abzielen, auf geänderte Umstände, die bei der ersten Approbation der Konstitutionen nicht gegeben waren, geeignete Antworten zu geben. Es kann auch sein, dass die Erfahrung gelehrt hat, dass manche Vorgaben der Ordensregel nicht zweckmäßig waren, oder dass der Erfahrungsschatz der Universalkirche nicht hinreichend beachtet wurde.
Im Fall der Revision der Konstitutionen der Legionäre Christi sind verschiedene Elemente im Spiel. So geht es z.B. auch um die Aktualisierung einiger Normen, die noch vom alten Kodex des Kirchenrechts von 1917 inspiriert waren, welcher auf Konzilsbeschluss überarbeitet und 1983 in Kraft gesetzt wurde, nur wenige Monate vor Approbation unserer Konstitutionen.
Das wichtigste Anliegen, das der päpstliche Delegat uns auf den Weg gegeben hat, ist die Unterscheidung zwischen für das Charisma konstitutiven Regeln und anderen sekundären Normen, die eher die konkrete Anwendung betreffen. Unsere derzeit gültigen Konstitutionen enthalten eine Vielzahl von konkreten disziplinären Vorgaben, z.B. über die Anzahl von Spielfilmen, die in einer Gemeinschaft pro Jahr gezeigt werden, oder auch detaillierte verwaltungstechnische Anweisungen. Derartige Vorgaben können für eine Ordensgemeinschaft durchaus sinnvoll und sogar notwendig sein, um das Gemeinschaftsleben zu regeln oder einen Ausbildungsweg zu definieren. Sie gehören aber nicht in die Konstitutionen, so wie die Straßenverkehrsregeln nicht im Grundgesetz eines Landes behandelt werden sollen. Daher sind auch in Ordensgemeinschaften für detaillierte Vorgaben sekundäre Regelwerke vorgesehen, die z.B. von einem General– oder einem Provinzkapitel in Eigenverantwortung promulgiert und auch geändert werden können. Diese Unterscheidung zwischen für das Charisma wesentlichen Elementen und solchen, die leichter anpassbar sein sollten, ist wichtig, damit eine Gemeinschaft einen klaren Bezugspunkt hat, der es erleichtert, immer wieder neu ein gesundes Gleichgewicht zwischen Einheit und Vielfalt, zwischen Universalität und Inkulturation, zwischen Treue zum Ursprung und notwendigen Anpassungen an geänderte Umstände zu finden. Auch für das geistliche Leben des Einzelnen ist die Hierarchisierung der Regeln von Bedeutung, damit der Ordensmensch sich in seinem geistlichen Leben nicht in einer Vielzahl von Vorschriften verheddert oder es auf die minutiöse Erfüllung von Regeln reduziert.
Wie kann man sich den Revisionsprozess konkret vorstellen? Ungefähr einmal im Monat nimmt sich jede Hausgemeinschaft der Legionäre Christi einen Tag für diese Arbeit Zeit. Auf der Tagesordnung steht jedes Mal ein Kapitel der Ordensregel, z.B. die Spiritualität der Gemeinschaft, das Leben der evangelischen Räte, die Zulassungsbedingungen für neue Mitglieder, die Ausbildungsabschnitte, etc. Eine vom päpstlichen Delegaten geleitete Kommission hat für jedes Thema eine Diskussionsgrundlage erarbeitet, die einen Überblick über den geschichtlichen Hintergrund und vor allem erste Orientierungen dazu liefert, welche Aspekte der aktuellen Regel einer besonderen Prüfung bedürfen. Bevor die Sitzungen beginnen, versammeln wir uns meist zur gemeinsamen Feier der heiligen Messe und einer anschließenden stillen eucharistischen Anbetung. Die Begegnung mit Jesus Christus im Gebet ist eine unerlässliche Voraussetzung dafür, dass die gemeinsamen Überlegungen und Diskussionen auch wirklich vom guten Geist geprägt und so fruchtbar sein können. Alle Mitglieder der Gemeinschaft nehmen unabhängig von Alter, Amt oder Ausbildungsstufe an den Gesprächen teil. So kommen sehr unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen zu Wort. Zuerst tauschen wir uns allgemein über das Thema des Tages aus: Wie wir es bisher verstanden und gelebt haben, welche Stärken und Schwächen wir als Gemeinschaft in dieser Frage haben, etc. Anschließend wird jede Nummer einzeln dahingehend besprochen, ob der Inhalt überhaupt in die Konstitutionen oder eher in sekundäre Regelwerke gehört, und ob die Vorgaben verbesserungswürdig oder vielleicht sogar überflüssig sind. Der Austausch findet in einer Atmosphäre von großer Ehrlichkeit und gegenseitigem Respekt statt. So sind diese Tage eine echte Schule des Zuhörens, des Sich-Mitteilens, der Unterscheidung der Geister. Am Ende des Tages findet eine Abstimmung über die verschiedenen Vorschläge statt, deren Ergebnis mitsamt dem Sitzungsprotokoll an die zentrale Kommission in Rom geschickt wird.
Die zentrale Kommission in Rom sammelt die Ergebnisse aus den über hundert Gemeinschaften der Legionäre Christi auf der Welt und erarbeitet auf dieser Grundlage einen Vorschlag für einen neuen Text der Ordensregel. Dieser Entwurf wird dann erneut zur Diskussion und Abstimmung in den einzelnen Ordensprovinzen versandt, bevor das nächste Generalkapitel der Gemeinschaft voraussichtlich 2014 die neue Ordensregel beschließen und dem Heiligen Stuhl zur endgültigen Approbation vorlegen wird. Wenn man diesen Weg mit rein menschlichen Augen betrachtet, dann könnte er zumindest ineffizient und vielleicht sogar unmöglich erscheinen. Wie sollen sich über 1000 Männer auf eine gemeinsame Lebensregel einigen? Sicher wäre es unmöglich, einen Text zu finden, der allen Vorschlägen entspricht. Es geht aber auch nicht darum, dass verschiedene Interessengruppen den kleinsten gemeinsamen Nenner aushandeln. Noch weniger handelt es sich um einen demokratischen Prozess, in dem ganz simpel die Mehrheit entscheidet. Vielmehr ist es ein gemeinsames Hören auf den Heiligen Geist und die Kirche, um noch besser zu verstehen, worin unsere Berufung, unser Lebensideal besteht, das wir schon seit vielen Jahren gelebt und erfahren haben.
Die gottgeweihten Männer und Frauen des Regnum Christi werden in Kürze einen ähnlichen Prozess beginnen, der allerdings um einige zusätzliche Fragestellungen erweitert ist, wie z.B. die nach der kanonischen Rechtsform, die sie als Einzelgruppen innerhalb des Regnum Christi in Zukunft annehmen, und wie sich das Verhältnis zu den Legionären Christi gestalten wird.
Wir befinden uns als geistliche Familie des Regnum Christi, der die Legionäre Christi, die gottgeweihten Männer und Frauen, sowie viele Laien in der Welt angehören, in einem Prozess des kirchenrechtlichen „Erwachsenwerdens“. Viele der neuen geistlichen Gemeinschaften befinden sich in einer ähnlichen Situation, da sie oft Strukturen entwickelt haben, die nicht ohne Weiteres eins zu eins in das derzeit geltende Kirchenrecht zu übersetzen sind. In dieser Zeit erleben wir auf neue und unerwartete Weise, dass unsere Generation eine besondere Verantwortung dafür hat, dass die Gemeinschaft auch in Zukunft das empfangene Charisma treu lebt und ihre Aufgabe und Sendung in Kirche und Gesellschaft erfüllt. Es ist kein leichter Weg, er ist nicht frei von eigenen Gefahren und Versuchungen – aber wir sind darauf unter der Führung des Heiligen Vaters und in der Begleitung von vielen Menschen guten Willens unterwegs. Bitte begleiten auch Sie uns weiterhin mit Ihrem Gebet und Ihrer Unterstützung.
P. Sylvester Heereman LC
Territorialdirektor
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