Dienstag, 23. Februar 2010

Zum Beginn der Fastenzeit 2010


Brief von P. Álvaro Corcuera LC zum Beginn der Fastenzeit. Zentrales Thema ist die Barmherzigkeit.

P. Álvaro Corcuera LCP. Álvaro Corcuera, der Generaldirektor der Kongregation der Legionäre Christi und der Bewegung Regnum Christi schrieb am Aschermittwoch aus Anlass des Beginnes der Fastenzeit einen Brief an die Mitglieder und Freunde der Bewegung. Zentrales Thema dieses Briefes ist die Barmherzigkeit.

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An alle Mitglieder und Freunde
der Bewegung Regnum Christi
anlässlich des Beginns
der österlichen Fastenzeit 2010

Aschermittwoch, 17. Februar 2010


Liebe Freunde in Christus!

Wie gerne nehme ich diesen Anlass wahr, Ihnen zu schreiben und von Herzen für Ihre Gebete und Ihre Nähe zu danken! Ihr christliches Lebenszeugnis und Ihr Einsatz für Gott und den Nächsten zeigen, dass der Heilige Geist in Ihren Seelen wohnt. Es ist ein Segen, Sie zu Brüdern und Schwestern zu haben und als eine große Familie in der gemeinsamen Erfahrung der Liebe Christi geeint zu sein. Diese Liebe ist es, die unser Leben lenkt.

Der Beginn der Fastenzeit bietet mir ein weiteres Mal die Gelegenheit, Ihnen über die verschiedenen Tugenden zu schreiben, die wir im Evangelium finden und die unser Leben prägen. Diese Zeit des Kirchenjahres ist nach kirchlicher Tradition eine Zeit des Gebets, der Buße und der Werke der Barmherzigkeit. Wir begleiten Christus nach Jerusalem hinauf. Er liebt uns, und er vertraut uns so sehr, dass er uns einlädt, ihm auf seinem Kreuzweg dichtauf zu folgen. Dabei haben wir die Auferstehung immer im Blick. Unser Leben ist ein beständiger Kreuzweg; wir gehen mit Christus von Station zu Station. Die Kraft der Liebe treibt uns voran.

In diesem Zusammenhang möchte ich mit Ihnen gemeinsam über einen zentralen Aspekt der christlichen Spiritualität nachdenken: die Barmherzigkeit. „Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden“ (Mt 5,7). Ich glaube, diese fünfte Seligpreisung ist die Quintessenz der gesamten Frohen Botschaft.

Die Quelle der Barmherzigkeit

Gott ist die Quelle der Barmherzigkeit. Der Vater hat sich unseres Elends erbarmt und uns seinen Sohn gesandt: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3,16). Und Jesus Christus war zeit seines irdischen Lebens der Inbegriff der Barmherzigkeit: Er hat den Sündern vergeben, die Kranken geheilt, die Hungernden gespeist, und er ist für uns am Kreuz gestorben und auferstanden. „Auf diese Weise – in Christus und durch Christus – wird Gott auch in seinem Erbarmen besonders sichtbar“ (Johannes Paul II., Dives in misericordia, Nr. 2). „Denn die Liebe Gottes“, so sagt uns der heilige Paulus, „ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,5). Der Heilige Geist also ist es, der uns Barmherzigkeit empfinden lässt. Unser Leben ist ein Geschenk der Barmherzigkeit Gottes. Wir dürfen jubeln und ihm danken, denn er hat uns aus Liebe geschaffen und nimmt uns liebevoll bei der Hand. Unzählige Male hat Johannes Paul II. uns daran erinnert, dass die Liebe stärker ist als die Furcht. Die Sünde und das Böse haben eine Grenze: die Barmherzigkeit Gottes!

Wenn Christus uns bittet, barmherzig zu sein, nennt er uns gleichzeitig auch den Grund und das Urbild dieser Barmherzigkeit: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!“ (Lk 6,36). Wir können diese Seligpreisung nur umsetzen, wenn wir die Barmherzigkeit vorher selbst erfahren haben. Zeugen der Barmherzigkeit zu sein heißt, den barmherzigen Gott aus eigener Anschauung zu kennen, jenen Gott, der langmütig ist und reich an Huld. Es hilft sehr, die Barmherzigkeitsgleichnisse aus dem Lukasevangelium zur Hand zu nehmen und das verborgene Antlitz Gottes zu entdecken (vgl. Lk 15). Dieser Gott ist ein liebender Vater: Er sucht das verlorene Schaf, er wartet auf den Sohn, der von zuhause fortgegangen ist, und er geht sogar auf den anderen Sohn zu, dem seine Barmherzigkeit ein Dorn im Auge ist.

So verhält sich Gott auch uns gegenüber, jedem von uns. Er sieht uns mit unendlicher Liebe an. Er hat zärtlich auf uns Acht. Er folgt uns mit Geduld. Und wenn wir in die Irre gehen, dann eilt er uns entgegen, um uns auf seine Schultern zu nehmen und uns wieder sicher nach Hause zu bringen. Das ist das Urbild und der Grund aller Barmherzigkeit. Die Barmherzigkeit ist Gottes charakteristischste Eigenschaft. Der heilige Paulus hat diese Barmherzigkeit Gottes am eigenen Leib erfahren, als ihm, ohne dass er es verdient hätte und aus reiner Gnade auf dem Weg nach Damaskus die Begegnung mit Christus zuteilwurde. Vom selben Augenblick an wird er zu einem unermüdlichen Boten dieser Barmherzigkeit. Den Galatern verkündet er „den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“ (Gal 2,20); den Ephesern schreibt er von Gott, „der voll Erbarmen ist“ (Eph 2,4); und den Römern erklärt er: „Wie ihr einst Gott ungehorsam wart, jetzt aber infolge ihres Ungehorsams Erbarmen gefunden habt, so sind sie infolge des Erbarmens, das ihr gefunden habt, ungehorsam geworden, damit jetzt auch sie Erbarmen finden. Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, um sich aller zu erbarmen“ (Röm 11,3032). Er hat die Barmherzigkeit Gottes erfahren, und jetzt kann er diese Erfahrung nicht für sich behalten und nicht verschweigen. So wird er zu einem Apostel der Barmherzigkeit Gottes.

Dieser barmherzige Blick Gottes also ist es, der uns den Nächsten so sehen lässt, wie Christus ihn sieht. Der Christ lernt, seine Mitmenschen mit den Augen Jesu zu sehen. Deshalb schreibt Papst Benedikt XVI.: „Sein Freund ist mein Freund. Ich sehe durch das Äußere hindurch sein inneres Warten auf einen Gestus der Liebe - auf Zuwendung[…]. Ich sehe mit Christus und kann dem anderen mehr geben als die äußerlich notwendigen Dinge: den Blick der Liebe, den er braucht. […] Nur meine Bereitschaft, auf den Nächsten zuzugehen, ihm Liebe zu erweisen, macht mich auch fühlsam Gott gegenüber. Nur der Dienst am Nächsten öffnet mir die Augen dafür, was Gott für mich tut und wie er mich liebt“ (Deus caritas est, Nr. 18).

Der barmherzige Samariter

Dieses Gleichnis erzählt uns Jesus im Evangelium, um zu veranschaulichen, wer unser Nächster ist und wie echte Barmherzigkeit aussieht. Lesen wir es ruhig noch einmal, denn es kann reiche Frucht in uns bringen: „Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halb tot liegen. Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter. Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter. Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme. Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde? Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!“ (Lk 10,3037).

Die Kirchenväter haben sich in vielen verschiedenen Kommentaren zu diesem Abschnitt geäußert. Wir alle, Männer und Frauen, sind auf diesem Weg von Jerusalem nach Jericho unterwegs. Der Samariter, der stehenbleibt und sich um den Verletzten kümmert, ist Christus: Er verspürt Mitleid, verbindet seine Wunden, hebt ihn auf sein Reittier, bringt ihn zur Herberge und bezahlt den Wirt, damit der für den Mann sorgt. Die Herberge ist die Kirche. Dort kümmert man sich um den Mann und pflegt ihn gesund. Dieses Gleichnis bedeutet, dass wir Christen alle dazu berufen sind, wie dieser Samariter zu handeln und uns von ganzem Herzen unserer Mitmenschen zu erbarmen, die vom Bösen angegriffen und von der Sünde verletzt worden sind.

Der barmherzige Samariter, so hat Johannes Paul II. es uns erklärt, „ist jeder Mensch, der vor dem Leiden eines Mitmenschen, was auch immer es sein mag, innehält. Dieses Innehalten bedeutet nicht Neugier, sondern Bereitschaft. […] Ein guter Samariter ist jeder Mensch, der für das Leiden des anderen empfänglich ist, der Mensch, der beim Unglück des Nächsten »Mitleid empfindet«“ (Salvifici doloris, Nr. 28). Dieses Gleichnis ist ein Appell, uns vom Unglück des anderen ergreifen zu lassen und nicht abzustumpfen gegen das körperliche oder seelische Leid unserer Mitmenschen. Wir können doch angesichts von so viel Leid nicht unbeteiligt bleiben!

Zuweilen erschreckt uns die Vorstellung, etwas zu geben – und vor allem uns selbst zu geben, wie es der barmherzige Samariter im Gleichnis getan hat. Doch je mehr wir uns hingeben, desto glücklicher sind wir. Vor zwei Jahren hat Papst Benedikt XVI. sich während seines Urlaubs mit dem Klerus von Bozen getroffen und spontan auf die Fragen der Priester und Seminaristen geantwortet. Bei dieser Gelegenheit hat er unter anderem Folgendes gesagt: „Gerade indem wir für den anderen da sind, sind wir am besten für uns selber da“ (Begegnung mit dem Klerus der Diözese Bozen-Brixen, 6. August 2008). Wir sind dazu berufen, Barmherzigkeit zu üben. Mutter Teresa von Kalkutta hat ein wunderbares Gebet verfasst, das dieselbe Botschaft enthält: Die beste Methode, unser eigenes Kreuz zu vergessen, ist, das Kreuz der anderen mitzutragen – wie Simon von Zyrene es getan hat:

„Herr, wenn ich Hunger habe, schick mir jemanden, der der Nahrung bedarf;
Wenn ich Durst habe, schick mir jemanden, der Wasser braucht;
Wenn mir kalt ist, schick mir jemanden, der Wärme nötig hat;
Wenn ich leide, schick mir jemanden, der Trost braucht;
Wenn mein Kreuz schwer auf mir lastet, lass mich das Kreuz eines anderen mittragen;
Wenn ich arm bin, gib mir einen Bedürftigen zur Seite;
Wenn ich in Eile bin, schick mir jemanden, der meine Zeit in Anspruch nimmt;
Wenn ich gedemütigt werde, gib mir die Gelegenheit, jemanden zu loben;
Wenn ich mutlos bin, schick mir jemanden, dem ich Mut machen kann;
Wenn ich das Verständnis der anderen einfordere, schick mir jemanden, der mein Verständnis braucht;
Wenn ich mich nach Fürsorge sehne, schick mir jemanden, für den ich sorgen kann;
Wenn ich nur an mich denke, lenke meine Aufmerksamkeit auf einen anderen Menschen;
Mach uns würdig, Herr, unseren Mitmenschen zu dienen. Gib ihnen aus unseren Händen nicht nur das tägliche Brot, sondern auch unsere barmherzige Liebe, die ein Abbild deiner Liebe ist.“

Die Werke der Barmherzigkeit

Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen“ (Mt 25,3436). Aus diesen Worten Christi im Evangelium haben sich im Denken und in der Katechese der Kirche die sogenannten leiblichen und geistigen „Werke der Barmherzigkeit“ entwickelt, die wir als Kinder vermutlich alle schon einmal auswendig kannten. Der Dienst am Nächsten ist nicht abstrakt, sondern sehr konkret. Zu den leiblichen Werken der Barmherzigkeit gehört es, die Kranken zu besuchen und zu pflegen, die Hungrigen zu speisen, den Dürstenden zu trinken zu geben, die Fremden aufzunehmen, die Nackten zu bekleiden, die Gefangenen zu besuchen und die Toten zu begraben. Zu den geistigen Werken der Barmherzigkeit gehört es, die Unwissenden zu lehren, den Zweifelnden recht zu raten, die Sünder zurechtzuweisen, denen, die uns beleidigen, gerne zu verzeihen, die Betrübten zu trösten, die Fehler des Nächsten geduldig zu ertragen und für die Lebenden und die Toten zu beten.

Wir sehen also, dass die Werke der Barmherzigkeit keine schönen Theorien, Gefühle oder Worte sind: Es sind Werke. Wer die Not seines Nächsten sieht und mit ihm mitleidet, wird menschlicher, christlicher, glücklicher. „Die Güte eines Menschen kommt ihm selbst zugute, der Hartherzige schneidet sich ins eigene Fleisch“ (Spr 11,17). Christus selbst lehrt uns in der Schilderung des Weltgerichts: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Was sagen diese Werke der Barmherzigkeit uns heute? Dass mein Nächster Christus ist, der sich mir zeigt und mir die Chance gibt, Verständnis mit Verständnis zu vergelten, Barmherzigkeit mit Barmherzigkeit, Vergebung mit Vergebung, Tröstung mit Tröstung…

Es würde zu weit führen, an dieser Stelle auf alle Werke der Barmherzigkeit einzugehen; deshalb will ich mich auf einige wenige beschränken.

Die Fehler des Nächsten geduldig ertragen

Wir alle haben in unserem Alltag immer wieder unter den Fehlern unserer Mitmenschen zu leiden. Es hängt von uns selber ab, ob wir sie geduldig ertragen und sie uns heiligen, ob wir zornig werden oder ob wir einfach resignieren. Sie geduldig zu ertragen heißt, mit großer Vollkommenheit zu lieben. „Die Liebe ist langmütig…“ (1 Kor 13,4). Die echte Geduld erwächst aus der Liebe. Wie ein Vater sein Kind bei der Hand nimmt und es auf die Schwierigkeiten und Prüfungen des Lebens vorbereitet, so nimmt Gott auch uns bei der Hand und formt unser Herz so, dass es seinem Herzen – dem Herzen des Guten Hirten – ähnelt. Leider haben wir es aber nicht immer nur mit „Fehlern“, sondern manchmal auch mit Verhaltensweisen zu tun, die die Würde unseres Mitmenschen direkt verletzen. Dann können wir dreierlei tun: Schaden nach Möglichkeit verhindern, unserem Nächsten helfen, sich zu bessern, und uns selbst klug zurücknehmen und nicht in den Vordergrund drängen.

Die Geduld hat die Macht, uns zu heiligen. Offenbar wissen wir aber gar nicht, wie groß diese Macht tatsächlich ist, denn sonst wären wir unendlich dankbar für jeden Menschen, der uns mit seinen Fehlern und Eigenarten auf die Nerven geht. Unser Herr serviert uns die Chancen zu unserer Heiligung auf einem silbernen Tablett. Gott umgibt uns mit Menschen, deren Fehler wir geduldig ertragen dürfen! Wie es in einem Gebet heißt, das dem heiligen Franziskus zugeschrieben wird: „Mein Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Hinzu kommt, dass wir uns dann auch selber prüfen und uns fragen würden, mit welchen Eigenheiten wir vielleicht unserem Nächsten auf die Nerven fallen. Und dann würden wir anfangen, weniger für uns selbst als vielmehr für unsere Mitmenschen zu leben, ihnen zu dienen und sie zu lieben.

Ein Breviertext, den wir Priester am vergangenen Samstag gelesen haben, handelte davon, dass die Liebe das Allerwichtigste ist. Dort hieß es: „Seien wir mitleidig, mildtätig gegenüber unseren Brüdern, ertragen wir ihre Schwächen, versuchen wir, ihre Laster verschwinden zu lassen“ (Predigt des seligen Isaak von Stella, PL 194, 1292). Die heilige Therese vom Kinde Jesu hegte eine große Abneigung gegen eine andere Nonne ihrer Ordensgemeinschaft. Sie hatte sich ihre Mitschwestern nicht ausgesucht. Die Heilige selbst erzählt uns in ihrer Autobiographie, wie sie versuchte, diese Schwester so zu behandeln, als würde sie sie über alles lieben: Sie betete für sie, versuchte ihr zu dienen, wo es nur ging, und immer, wenn sie ihr gerne eine barsche Antwort erteilt hätte, rang sie sich stattdessen ein liebenswürdiges Lächeln ab. Und wenn die Versuchung zur Ungeduld besonders heftig war, so erzählt sie, dann sei sie geflohen „wie ein Soldat, der desertiert“. So errang sie in ihrer Beziehung zu dieser Ordensfrau einen Sieg nach dem anderen. Beispiele wie dieses lehren uns, uns nicht mit der Defensive zu begnügen. Wer nur versucht, nicht ungeduldig zu werden und die anderen nicht grob zu behandeln, macht es sich zu einfach. Die Heilige von Lisieux dagegen entschloss sich, den Stier bei den Hörnern zu packen und ihrer Mitschwester mit besonderer Zuneigung und Herzlichkeit zu begegnen. Das gelang ihr so gut, dass diese schließlich glaubte, die kleine heilige Therese sei ihre allerbeste Freundin. Das ist eine ganz konkrete und praktische Art, das Böse mit dem Guten zu besiegen. Die Schwächen unseres Nächsten geben uns die Kraft, uns aus der Knechtschaft unseres Egoismus zu befreien, sie reißen uns heraus aus unserem Ich und unserer Eigenart und führen uns auf den Weg der Selbstvergessenheit. Und dieser Weg ist der Weg des inneren Friedens.

Zuweilen geraten wir in Schwierigkeiten oder in Situationen, die wir nicht ändern können, die uns quälen und unter denen wir leiden. Wenn wir solche Situationen von Christus und vom Evangelium her betrachten, dann wissen wir, dass sie kein Unglück, sondern ein Gottesgeschenk sind. Gott lädt uns ein, in allem, was uns widerfährt, seine liebende Hand zu entdecken. Ihm entgeht nichts. Er hat die Haare auf unserem Kopf gezählt – um wie viel besser kennt er dann wohl die Menschen und Situationen, unter denen wir leiden! Die besten Zutaten zu einem heiligen und authentischen Leben sind Geduld, Ausdauer und Verständnis im wirklichen, alltäglichen Leben. Nehmen wir uns fest vor, mit allem und allen geduldig zu sein; die Fehler des Nächsten, seinen Charakter, seine Schwächen, seine Eigenarten innerlich zu akzeptieren. Den Nächsten anzunehmen und zu lieben, wie er ist, nicht, wie ich ihn mir wünsche oder wie ich ihn gerne hätte. Wenn Gott mir diesen Menschen zur Seite gestellt hat, wenn Gott zulässt, dass er in meinem Umfeld lebt oder arbeitet, dann wird er mir auch die nötige Gnade geben, um ihn zu akzeptieren und zu lieben, wie er ist. Das setzt aber auch voraus, dass wir uns selbst kennen, dass wir uns selbst mit unseren guten und weniger guten Eigenschaften annehmen und dass wir täglich an uns arbeiten, immer wieder neu beginnen und immer besser werden. Die Tugenden sind nichts Statisches: Sie wollen wachsen! Gott hat uns geschaffen, damit wir heilig werden. Wir alle sind zur Heiligkeit berufen, und jede Schwierigkeit, die uns begegnet, ist eine Chance, dieser Berufung zu entsprechen und vollkommen zu sein, wie unser Vater im Himmel vollkommen ist. Die Leidenschaft drängt uns, heilig zu werden, und diese Heiligkeit ist kein individuelles Projekt, sondern eine Antwort der Liebe auf die unendliche und zärtliche Liebe Gottes, der uns nach seinem Bild geschaffen hat.

Denen, die uns beleidigen, gerne verzeihen

Eine der bedeutendsten Gesten Papst Johannes Pauls II. im Heiligen Jahr 2000 war der Tag der Vergebung, den er am ersten Fastensonntag dieses Jahres ausrief. Es war zwar nicht das erste Mal, dass Johannes Paul II. für die Sünden der Söhne und Töchter der Kirche um Vergebung bat, doch es war das erste Mal, dass er dieser Vergebungsbitte eine eigene Feier widmete. Ich erinnere mich noch daran, wie Kardinal Bernardin Gantin zu Beginn der Zeremonie im Petersdom an die Christen appellierte, ihr Gedächtnis zu läutern. Dann bekannte der damalige Kardinal Joseph Ratzinger, dass auch Menschen der Kirche mitunter auf Methoden zurückgegriffen haben, die dem Evangelium nicht entsprechen. Kardinal Roger Etchegaray bat um Vergebung für die Spaltung der Christen. Einer nach dem anderen traten die verschiedenen Kardinäle vor und baten um Vergebung für bestimmte Sünden. „Wir vergeben und bitten um Vergebung“, sagte der Papst in seiner Predigt. „Möge dieser Jubiläumstag allen Gläubigen die Frucht der gewährten und empfangenen Vergebung schenken. Auf diese Weise werden die Christen mit geläutertem Gedächtnis und versöhnt als glaubwürdigere Zeugen der Hoffnung in das dritte Jahrtausend eintreten können“ (Johannes Paul II., Tag der Vergebung, 12. März 2000). Es war eine zutiefst bedeutungsvolle Zeremonie. Sie bat um Vergebung und vergab all jenen, die die Christen aller Epochen angegriffen, verfolgt und gemartert haben.

Vergebung war für Johannes Paul II. nicht nur eine Idee oder Theorie und auch kein Weg, sich oberflächlich vor der Wahrheit oder der Gerechtigkeit zu drücken. Vergebung war für ihn eine Notwendigkeit, ein christlicher Imperativ, eine Konsequenz aus dem neuen Gebot der Liebe. Er selbst hat uns darin ein Beispiel gegeben, als er von ganzem Herzen jenem Mann vergab, der am 13. Mai 1981 einen Anschlag auf sein Leben verübt hatte. Sobald er das Krankenhaus verlassen durfte, ging er ins Gefängnis, besuchte und umarmte ihn. In einer ähnlichen Geste empfing Benedikt XVI. vor wenigen Wochen die Frau, die zu Beginn der letzten Weihnachtsmesse versucht hatte, ihn anzugreifen. Diese großen Gesten der Vergebung kommen jedoch nicht aus dem Nichts, sondern haben eine Vorgeschichte in den vielen kleinen Vergebungen des Alltags. Wie sollen wir lernen, die schweren Beleidigungen zu vergeben, wenn wir nicht in der Lage sind, den anderen ihre kleinen Sticheleien von ganzem Herzen verzeihen?

Die Vergebung ist eine der authentischsten Ausdrucksformen der Liebe. Wenn Gott Liebe ist, können wir auch sagen, dass Gott Vergebung ist. Nichts macht Gott so glücklich wie das Vergeben. Er vergibt immer. Er vergibt allen. Er vergibt alles. Er vergibt und vergisst. Die einzige Bedingung, die er uns stellt, ist, dass wir uns durch die Reue seiner Vergebung öffnen. Deshalb lehrt uns das Katechismuskompendium: „Um Gottes Barmherzigkeit annehmen zu können, müssen wir unsere Verfehlungen bekennen und unsere Sünden bereuen. Gott selbst deckt durch sein Wort und seinen Geist unsere Sünden auf, schenkt uns die Wahrheit des Gewissens und die Hoffnung auf Vergebung“ (Nr. 391). Wir Menschen müssen alle für unsere Sünden um Vergebung bitten und nach dem Vorbild Christi auch selbst vergeben. Ohne die Vergebung verliert unser christlicher Glaube seine Daseinsberechtigung.

Sich der Barmherzigkeit öffnen bedeutet, seine Fehler einzugestehen, sie im Geist der Demut zu akzeptieren und Gott und dem Menschen mit reuigem Herzen zu begegnen, denn nur ein reuiges Herz ist offen für das größte Geschenk, das ein Mensch empfangen kann: die Vergebung Gottes, der reich ist an Erbarmen. Unser Herr Jesus Christus hat, als er uns das Vaterunser gelehrt hat, die Vergebung Gottes auf ewig an die Vergebung gebunden, die wir selbst unserem Mitmenschen schenken: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Wie könnten wir unserem Schuldiger nicht vergeben, wenn wir doch selbst die ungeschuldete Vergebung Gottes erfahren haben? Im Evangelium erzählt Jesus Christus uns das Gleichnis des Dieners, dem der König aus Mitleid eine Schuld von zehntausend Talenten erlässt und der seinerseits nicht bereit ist, einem anderen Diener seine Schuld von hundert Denaren zu erlassen. Er packt und würgt ihn und herrscht ihn an: „Bezahl, was du mir schuldig bist!“ Er achtet nicht auf die flehenden Bitten des anderen, sondern lässt ihn ins Gefängnis werfen, bis er seine Schuld bezahlt. Dieses Verhalten stößt uns alle ab. War ihm nicht selbst vergeben worden? Hätte er dann nicht auch bereit sein müssen, anderen zu vergeben? Und so endet auch das Gleichnis mit sehr deutlichen Worten: „Du elender Diener! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich so angefleht hast. Hättest nicht auch du mit jenem, der gemeinsam mit dir in meinem Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?“ (vgl. Mt 18,2335).

Ich denke, es hilft uns allen, uns das Erbarmen vor Augen zu führen, das Gott jedem einzelnen von uns schenkt. Wenn wir spüren, dass unsere Schuld eigentlich viel zu groß ist, um beglichen zu werden, dann freuen wir uns umso mehr über unsere ungeschuldete Erlösung. Eine Seele, die sich über das Geschenk der Vergebung freut, wird sich schwerlich dem Nächsten verschließen, der sie gekränkt hat. Der beste Weg zur Vergebung führt über die Vergebung, die man selbst erfahren hat. Wer nicht vergibt, beleidigt nicht nur Gott und den Mitmenschen, sondern fügt sich auch selbst großen Schaden zu. Die Unversöhnlichkeit ist für die Seele das, was der Krebs für den Körper ist. Wir müssen ihn herausschneiden, ihn so schnell wie möglich ausmerzen, wenn wir nicht wollen, dass er alles überwuchert. Ein Groll, den wir in unserem Inneren zulassen, frisst an uns, wird von Tag zu Tag größer und ruft immer nur größere Abneigung und Bitterkeit hervor. Wer sein Innerstes vor dem Mitmenschen verschließt, liebt irgendwann nur noch sich selbst; der Stolz überflutet seine Seele und erfüllt das Herz mit tiefer Trauer und Unzufriedenheit. Frieden findet nur der Mensch, der aufrichtig um Vergebung bitten und selbst von ganzem Herzen vergeben kann. Ohne diese innere Haltung wird es ihm sehr viel schwerer fallen, in aller Demut und Einfachheit vor den Herrn hinzutreten, seine Bedürftigkeit einzugestehen und Gottes Erbarmen zu empfangen. Wer nicht vergibt, beraubt sich selbst, ohne es zu wollen, der befreienden Erfahrung der Vergebung. Wie sehr bewegen uns Menschen, denen Unrecht getan worden ist und die den Tätern vergeben können! Und wie nahe ist Gott jenen Menschen, die demütig auf andere zugehen und sie um Vergebung bitten!

Mit dem Groll ist es wie mit jeder beliebigen Krankheit: Vorbeugen ist besser als Heilen. Lassen wir ihn gar nicht erst zu! Es ist ganz natürlich, dass wir uns spontan ärgern, wenn jemand uns kränkt. Doch Christus befreit uns von dieser Traurigkeit der Seele. Zu vergeben und um Vergebung zu bitten ist typisch christlich: „Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal“ (Mt 18,22). Der Christ zieht seine Kraft aus dem Gebet, aus der Betrachtung seines Vorbilds Jesu Christi; er zieht seine Kraft aus der Eucharistie und dem Bußsakrament; er zieht seine Kraft aus der Fürsprache der heiligen Gottesmutter, der gütigen Jungfrau Maria. Von Herzen vergeben zu können ist etwas Wunderbares. Natürlich ist es nicht leicht, immer gütig und mitleidig zu sein, doch der Lohn sind Seelenfrieden und ein ruhiges Gewissen. Wir werden offen für die Vergebung Gottes, und sie ist unser allerkostbarster Schatz. Und mit der Zeit…, wer weiß? Oft vermögen Güte und Mitleid sogar das verhärtete Herz unseres Nächsten zu erweichen, sodass er bereut und um Vergebung bittet. Der Christ ist dazu berufen, sich nicht vom Bösen besiegen zu lassen, sondern „das Böse durch das Gute“ zu besiegen (Röm 12,21).

Die Betrübten trösten

Das Leben eines Menschen kann von der Geburt bis zum Tod von physischem und seelischem Leid begleitet sein. Gegen das physische Leid gibt es Tabletten und Schmerzmittel. Doch was vermag den moralischen Schmerz zu lindern? Nach dem Tod seines Freundes sei er „sich selbst zur großen Frage geworden“, erzählt der heilige Augustinus in seinen Bekenntnissen. Was kann man tun gegen eine solche Sinnlosigkeit? Und wenn Gott selbst dem Herzen fehlt, ist der Schmerz noch entsetzlicher: Die Seele leidet ohne Gott.

Die Traurigkeit ist ein Gemütszustand und sozusagen das Ergebnis von Gedanken und Gefühlen, die wir in unserem Herzen zulassen oder sogar aktiv begünstigen. Wir werden unsere Gefühlswelt niemals ganz und gar kontrollieren können, doch eines steht fest: Wenn wir Gedanken der Hoffnung hegen, wird unser Leben froh sein; und wenn wir Gedanken der Mutlosigkeit und des Pessimismus hegen, werden wir traurig sein. Wir sehen also, dass es bis zu einem gewissen Grade möglich ist, unsere eigenen Gemütszustände zu „erziehen“, indem wir genau darauf achten, welchen Gedanken wir in unserem Herzen Raum geben. Im Allgemeinen können wir die Freude „ergreifen“ und die Traurigkeit „wegschieben“. Es gibt auch Zustände der Traurigkeit oder Depression, die man nicht einfach nur mit Willenskraft überwinden kann und die medizinisch behandelt werden müssen. Seien wir den Betroffenen, unseren herzlich geliebten Brüdern und Schwestern, besonders nahe und begegnen wir ihnen mit viel Verständnis und Geduld!

Gott weiß, dass der Mensch zur Traurigkeit neigt. Deshalb hat der heilige Paulus uns etwas hinterlassen, das man „das Gebot der Freude“ nennen könnte. In seinem Brief an die Philipper schreibt er: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!“ (Phil 4,4). Auch die Kirche ist sensibel für die Traurigkeit und die Betrübnisse der Menschen. Deswegen gehört es zu den Werken der Barmherzigkeit, die Betrübten zu trösten. Jeder Christ sollte zu einem Engel des Trosts werden wie dem, der sich Jesus am Ölberg näherte; zu einem Tröster wie Simon von Zyrene oder Veronika, die die Leiden des Herrn auf dem Kreuzweg zu lindern suchten. Es ist doch so leicht, andere zu trösten! Oft braucht es nur ein Wort, ein Lächeln, eine Umarmung. Manchmal muss man gar nichts sagen, sondern nur da sein wie Maria, deren Anwesenheit unter dem Kreuz für ihren Sohn so tröstlich war. „Gott, der Herr, wischt die Tränen ab von jedem Gesicht“, verkündet der Prophet Jesaja. Und auch wir können die Tränen von den Gesichtern unserer Mitmenschen abwischen!

Der dauerhafteste und wirkungsvollste Trost aber besteht darin, den leidenden Menschen zu Jesus zu bringen. Dann sind nicht mehr wir diejenigen, die sprechen. Dann spricht Christus selbst durch uns zu dem Herzen des Trauernden. Das hat Marta von Betanien für ihre Schwester Maria getan, die untröstlich war über den Tod ihres Bruders Lazarus. „Der Meister ist da und lässt dich rufen“ (Joh 11,28). Das Beste, was wir für die Leidenden tun können, ist, ihnen zu zeigen, dass Jesus Christus da ist und sie ruft. Er wartet nur darauf, dass sie zu ihm kommen und ihm ihr Herz öffnen. Es gibt kein Problem, das man nicht vor dem Allerheiligsten lösen könnte. Es gibt keine Traurigkeit, für die die Eucharistie keinen Trost bereithielte.

Die lauretanische Litanei, die wir normalerweise nach dem Rosenkranz beten, nennt Maria die „Trösterin der Betrübten“. Maria will von unseren Lippen ein inbrünstiges Salve Regina hören, mit dem wir „trauernd und weinend in diesem Tal der Tränen“ zu ihr seufzen. Sie kann und will alle Bitternis und jeden Schmerz lindern. Wer fühlt sich in den Armen seiner Mutter nicht getröstet und beruhigt? Das Leben eines Christen kann von Kreuz und Leid geprägt sein, aber es ist kein trauriges Leben. Das ist das große Paradox. Der heilige Paulus lehrt uns, „dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll“ (Röm 8,18). Ohne Hoffnung ist das Leiden unerträglich. Doch dank der Hoffnung können wir das Leid in Gebet umwandeln, und im Gebet finden wir Trost. Deshalb schreibt der heilige Paulus in übersprudelnder Hoffnungsfreude an die Korinther: „Uns wird Leid zugefügt und doch sind wir jederzeit fröhlich; wir sind arm und machen doch viele reich; wir haben nichts und haben doch alles“ (2 Kor 6,10).

Dieser innere Reichtum gibt uns die Kraft, die Betrübten zu trösten und mit der Vorfreude auf die künftige Herrlichkeit zu erfüllen. Im vergangenen Jahr sind die Patres José de Jesús Rodríguez und John Coady verstorben. Wie haben sie gelitten! Und doch wissen wir alle, dass sie bis zu ihrem letzten Atemzug andere getröstet, angespornt, gestärkt und begleitet haben. Das ist die wunderbare und geheimnisvolle Kraft der Liebe, die alles vermag, die alles erträgt, allem standhält, alles hingibt (vgl. 1 Kor 13,7). Oft droht die Traurigkeit unser Herz zu überfluten. Dennoch besteht unsere Lebensaufgabe darin, zu ermutigen, zu stärken und zu trösten, wie Jesus es im Garten Getsemani getan hat. Die übernatürliche Hoffnung erfüllt uns mit einer Freude, die so real ist, dass keine gegenwärtige Traurigkeit sie überschatten kann. Was hat nicht Christus beim Letzten Abendmahl alles getan, um seine Jünger zu trösten! Sie sollten entdecken, dass sie eine Freude in sich trugen, die ihnen nichts und niemand entreißen konnte: „Amen, amen, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet bekümmert sein, aber euer Kummer wird sich in Freude verwandeln.[…] So seid auch ihr jetzt bekümmert, aber ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen und niemand nimmt euch eure Freude“ (Joh 16,2022). Die Freude ist ein Erkennungsmerkmal des Christentums. Deshalb waren die Heiligen immer froh. Ich kenne viele Menschen, die mit dem Herzen immer bei Gott sind, und ihre Freude ist zutiefst beeindruckend. Wer Gott hat, hat alles.

Liebe Freunde und Mitglieder des Regnum Christi, Gott will, dass wir Christus in diesen Tagen der Fastenzeit noch näher kommen. Er ist die Quelle der wahren Barmherzigkeit. Nur in ihm werden wir lernen, selbst barmherzig zu sein, wie unser himmlischer Vater barmherzig ist, und nur in ihm werden wir fähig sein, an unseren Mitmenschen Barmherzigkeit zu üben, wie es der gute Samariter getan hat. Man könnte noch so vieles über diese schöne Tugend sagen, und ich bin sicher, dass jeder von Ihnen aus diesen Überlegungen einen konkreten Nutzen zu ziehen weiß. Ich danke Ihnen von Herzen für ihre Begeisterung und ihr Engagement, die mir so viel bedeuten. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen dafür bin! Eine Familie liebt umso mehr, je mehr sie leidet. Größerer Schmerz heißt größere Liebe. Maria, die Mutter der Barmherzigkeit, soll sie immer segnen und aus ihrem Zuhause Orte des Friedens, der Liebe, der Vergebung und des Verständnisses machen. Immer im Gebet verbunden grüßt Sie herzlichst in Christus Ihr

Álvaro Corcuera LC



(Übersetzung des spanischsprachigen Originals)


Zum Beginn der Fastenzeit 2010

Zum Beginn der Fastenzeit 2010

P. Álvaro Corcuera LCP. Álvaro Corcuera, der Generaldirektor der Kongregation der Legionäre Christi und der Bewegung Regnum Christi schrieb am Aschermittwoch aus Anlass des Beginnes der Fastenzeit einen Brief an die Mitglieder und Freunde der Bewegung. Zentrales Thema dieses Briefes ist die Barmherzigkeit.

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An alle Mitglieder und Freunde
der Bewegung Regnum Christi
anlässlich des Beginns
der österlichen Fastenzeit 2010

Aschermittwoch, 17. Februar 2010


Liebe Freunde in Christus!

Wie gerne nehme ich diesen Anlass wahr, Ihnen zu schreiben und von Herzen für Ihre Gebete und Ihre Nähe zu danken! Ihr christliches Lebenszeugnis und Ihr Einsatz für Gott und den Nächsten zeigen, dass der Heilige Geist in Ihren Seelen wohnt. Es ist ein Segen, Sie zu Brüdern und Schwestern zu haben und als eine große Familie in der gemeinsamen Erfahrung der Liebe Christi geeint zu sein. Diese Liebe ist es, die unser Leben lenkt.

Der Beginn der Fastenzeit bietet mir ein weiteres Mal die Gelegenheit, Ihnen über die verschiedenen Tugenden zu schreiben, die wir im Evangelium finden und die unser Leben prägen. Diese Zeit des Kirchenjahres ist nach kirchlicher Tradition eine Zeit des Gebets, der Buße und der Werke der Barmherzigkeit. Wir begleiten Christus nach Jerusalem hinauf. Er liebt uns, und er vertraut uns so sehr, dass er uns einlädt, ihm auf seinem Kreuzweg dichtauf zu folgen. Dabei haben wir die Auferstehung immer im Blick. Unser Leben ist ein beständiger Kreuzweg; wir gehen mit Christus von Station zu Station. Die Kraft der Liebe treibt uns voran.

In diesem Zusammenhang möchte ich mit Ihnen gemeinsam über einen zentralen Aspekt der christlichen Spiritualität nachdenken: die Barmherzigkeit. „Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden“ (Mt 5,7). Ich glaube, diese fünfte Seligpreisung ist die Quintessenz der gesamten Frohen Botschaft.

Die Quelle der Barmherzigkeit

Gott ist die Quelle der Barmherzigkeit. Der Vater hat sich unseres Elends erbarmt und uns seinen Sohn gesandt: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3,16). Und Jesus Christus war zeit seines irdischen Lebens der Inbegriff der Barmherzigkeit: Er hat den Sündern vergeben, die Kranken geheilt, die Hungernden gespeist, und er ist für uns am Kreuz gestorben und auferstanden. „Auf diese Weise – in Christus und durch Christus – wird Gott auch in seinem Erbarmen besonders sichtbar“ (Johannes Paul II., Dives in misericordia, Nr. 2). „Denn die Liebe Gottes“, so sagt uns der heilige Paulus, „ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,5). Der Heilige Geist also ist es, der uns Barmherzigkeit empfinden lässt. Unser Leben ist ein Geschenk der Barmherzigkeit Gottes. Wir dürfen jubeln und ihm danken, denn er hat uns aus Liebe geschaffen und nimmt uns liebevoll bei der Hand. Unzählige Male hat Johannes Paul II. uns daran erinnert, dass die Liebe stärker ist als die Furcht. Die Sünde und das Böse haben eine Grenze: die Barmherzigkeit Gottes!

Wenn Christus uns bittet, barmherzig zu sein, nennt er uns gleichzeitig auch den Grund und das Urbild dieser Barmherzigkeit: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!“ (Lk 6,36). Wir können diese Seligpreisung nur umsetzen, wenn wir die Barmherzigkeit vorher selbst erfahren haben. Zeugen der Barmherzigkeit zu sein heißt, den barmherzigen Gott aus eigener Anschauung zu kennen, jenen Gott, der langmütig ist und reich an Huld. Es hilft sehr, die Barmherzigkeitsgleichnisse aus dem Lukasevangelium zur Hand zu nehmen und das verborgene Antlitz Gottes zu entdecken (vgl. Lk 15). Dieser Gott ist ein liebender Vater: Er sucht das verlorene Schaf, er wartet auf den Sohn, der von zuhause fortgegangen ist, und er geht sogar auf den anderen Sohn zu, dem seine Barmherzigkeit ein Dorn im Auge ist.

So verhält sich Gott auch uns gegenüber, jedem von uns. Er sieht uns mit unendlicher Liebe an. Er hat zärtlich auf uns Acht. Er folgt uns mit Geduld. Und wenn wir in die Irre gehen, dann eilt er uns entgegen, um uns auf seine Schultern zu nehmen und uns wieder sicher nach Hause zu bringen. Das ist das Urbild und der Grund aller Barmherzigkeit. Die Barmherzigkeit ist Gottes charakteristischste Eigenschaft. Der heilige Paulus hat diese Barmherzigkeit Gottes am eigenen Leib erfahren, als ihm, ohne dass er es verdient hätte und aus reiner Gnade auf dem Weg nach Damaskus die Begegnung mit Christus zuteilwurde. Vom selben Augenblick an wird er zu einem unermüdlichen Boten dieser Barmherzigkeit. Den Galatern verkündet er „den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“ (Gal 2,20); den Ephesern schreibt er von Gott, „der voll Erbarmen ist“ (Eph 2,4); und den Römern erklärt er: „Wie ihr einst Gott ungehorsam wart, jetzt aber infolge ihres Ungehorsams Erbarmen gefunden habt, so sind sie infolge des Erbarmens, das ihr gefunden habt, ungehorsam geworden, damit jetzt auch sie Erbarmen finden. Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, um sich aller zu erbarmen“ (Röm 11,3032). Er hat die Barmherzigkeit Gottes erfahren, und jetzt kann er diese Erfahrung nicht für sich behalten und nicht verschweigen. So wird er zu einem Apostel der Barmherzigkeit Gottes.

Dieser barmherzige Blick Gottes also ist es, der uns den Nächsten so sehen lässt, wie Christus ihn sieht. Der Christ lernt, seine Mitmenschen mit den Augen Jesu zu sehen. Deshalb schreibt Papst Benedikt XVI.: „Sein Freund ist mein Freund. Ich sehe durch das Äußere hindurch sein inneres Warten auf einen Gestus der Liebe - auf Zuwendung[…]. Ich sehe mit Christus und kann dem anderen mehr geben als die äußerlich notwendigen Dinge: den Blick der Liebe, den er braucht. […] Nur meine Bereitschaft, auf den Nächsten zuzugehen, ihm Liebe zu erweisen, macht mich auch fühlsam Gott gegenüber. Nur der Dienst am Nächsten öffnet mir die Augen dafür, was Gott für mich tut und wie er mich liebt“ (Deus caritas est, Nr. 18).

Der barmherzige Samariter

Dieses Gleichnis erzählt uns Jesus im Evangelium, um zu veranschaulichen, wer unser Nächster ist und wie echte Barmherzigkeit aussieht. Lesen wir es ruhig noch einmal, denn es kann reiche Frucht in uns bringen: „Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halb tot liegen. Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter. Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter. Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme. Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde? Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!“ (Lk 10,3037).

Die Kirchenväter haben sich in vielen verschiedenen Kommentaren zu diesem Abschnitt geäußert. Wir alle, Männer und Frauen, sind auf diesem Weg von Jerusalem nach Jericho unterwegs. Der Samariter, der stehenbleibt und sich um den Verletzten kümmert, ist Christus: Er verspürt Mitleid, verbindet seine Wunden, hebt ihn auf sein Reittier, bringt ihn zur Herberge und bezahlt den Wirt, damit der für den Mann sorgt. Die Herberge ist die Kirche. Dort kümmert man sich um den Mann und pflegt ihn gesund. Dieses Gleichnis bedeutet, dass wir Christen alle dazu berufen sind, wie dieser Samariter zu handeln und uns von ganzem Herzen unserer Mitmenschen zu erbarmen, die vom Bösen angegriffen und von der Sünde verletzt worden sind.

Der barmherzige Samariter, so hat Johannes Paul II. es uns erklärt, „ist jeder Mensch, der vor dem Leiden eines Mitmenschen, was auch immer es sein mag, innehält. Dieses Innehalten bedeutet nicht Neugier, sondern Bereitschaft. […] Ein guter Samariter ist jeder Mensch, der für das Leiden des anderen empfänglich ist, der Mensch, der beim Unglück des Nächsten »Mitleid empfindet«“ (Salvifici doloris, Nr. 28). Dieses Gleichnis ist ein Appell, uns vom Unglück des anderen ergreifen zu lassen und nicht abzustumpfen gegen das körperliche oder seelische Leid unserer Mitmenschen. Wir können doch angesichts von so viel Leid nicht unbeteiligt bleiben!

Zuweilen erschreckt uns die Vorstellung, etwas zu geben – und vor allem uns selbst zu geben, wie es der barmherzige Samariter im Gleichnis getan hat. Doch je mehr wir uns hingeben, desto glücklicher sind wir. Vor zwei Jahren hat Papst Benedikt XVI. sich während seines Urlaubs mit dem Klerus von Bozen getroffen und spontan auf die Fragen der Priester und Seminaristen geantwortet. Bei dieser Gelegenheit hat er unter anderem Folgendes gesagt: „Gerade indem wir für den anderen da sind, sind wir am besten für uns selber da“ (Begegnung mit dem Klerus der Diözese Bozen-Brixen, 6. August 2008). Wir sind dazu berufen, Barmherzigkeit zu üben. Mutter Teresa von Kalkutta hat ein wunderbares Gebet verfasst, das dieselbe Botschaft enthält: Die beste Methode, unser eigenes Kreuz zu vergessen, ist, das Kreuz der anderen mitzutragen – wie Simon von Zyrene es getan hat:

„Herr, wenn ich Hunger habe, schick mir jemanden, der der Nahrung bedarf;
Wenn ich Durst habe, schick mir jemanden, der Wasser braucht;
Wenn mir kalt ist, schick mir jemanden, der Wärme nötig hat;
Wenn ich leide, schick mir jemanden, der Trost braucht;
Wenn mein Kreuz schwer auf mir lastet, lass mich das Kreuz eines anderen mittragen;
Wenn ich arm bin, gib mir einen Bedürftigen zur Seite;
Wenn ich in Eile bin, schick mir jemanden, der meine Zeit in Anspruch nimmt;
Wenn ich gedemütigt werde, gib mir die Gelegenheit, jemanden zu loben;
Wenn ich mutlos bin, schick mir jemanden, dem ich Mut machen kann;
Wenn ich das Verständnis der anderen einfordere, schick mir jemanden, der mein Verständnis braucht;
Wenn ich mich nach Fürsorge sehne, schick mir jemanden, für den ich sorgen kann;
Wenn ich nur an mich denke, lenke meine Aufmerksamkeit auf einen anderen Menschen;
Mach uns würdig, Herr, unseren Mitmenschen zu dienen. Gib ihnen aus unseren Händen nicht nur das tägliche Brot, sondern auch unsere barmherzige Liebe, die ein Abbild deiner Liebe ist.“

Die Werke der Barmherzigkeit

Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen“ (Mt 25,3436). Aus diesen Worten Christi im Evangelium haben sich im Denken und in der Katechese der Kirche die sogenannten leiblichen und geistigen „Werke der Barmherzigkeit“ entwickelt, die wir als Kinder vermutlich alle schon einmal auswendig kannten. Der Dienst am Nächsten ist nicht abstrakt, sondern sehr konkret. Zu den leiblichen Werken der Barmherzigkeit gehört es, die Kranken zu besuchen und zu pflegen, die Hungrigen zu speisen, den Dürstenden zu trinken zu geben, die Fremden aufzunehmen, die Nackten zu bekleiden, die Gefangenen zu besuchen und die Toten zu begraben. Zu den geistigen Werken der Barmherzigkeit gehört es, die Unwissenden zu lehren, den Zweifelnden recht zu raten, die Sünder zurechtzuweisen, denen, die uns beleidigen, gerne zu verzeihen, die Betrübten zu trösten, die Fehler des Nächsten geduldig zu ertragen und für die Lebenden und die Toten zu beten.

Wir sehen also, dass die Werke der Barmherzigkeit keine schönen Theorien, Gefühle oder Worte sind: Es sind Werke. Wer die Not seines Nächsten sieht und mit ihm mitleidet, wird menschlicher, christlicher, glücklicher. „Die Güte eines Menschen kommt ihm selbst zugute, der Hartherzige schneidet sich ins eigene Fleisch“ (Spr 11,17). Christus selbst lehrt uns in der Schilderung des Weltgerichts: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Was sagen diese Werke der Barmherzigkeit uns heute? Dass mein Nächster Christus ist, der sich mir zeigt und mir die Chance gibt, Verständnis mit Verständnis zu vergelten, Barmherzigkeit mit Barmherzigkeit, Vergebung mit Vergebung, Tröstung mit Tröstung…

Es würde zu weit führen, an dieser Stelle auf alle Werke der Barmherzigkeit einzugehen; deshalb will ich mich auf einige wenige beschränken.

Die Fehler des Nächsten geduldig ertragen

Wir alle haben in unserem Alltag immer wieder unter den Fehlern unserer Mitmenschen zu leiden. Es hängt von uns selber ab, ob wir sie geduldig ertragen und sie uns heiligen, ob wir zornig werden oder ob wir einfach resignieren. Sie geduldig zu ertragen heißt, mit großer Vollkommenheit zu lieben. „Die Liebe ist langmütig…“ (1 Kor 13,4). Die echte Geduld erwächst aus der Liebe. Wie ein Vater sein Kind bei der Hand nimmt und es auf die Schwierigkeiten und Prüfungen des Lebens vorbereitet, so nimmt Gott auch uns bei der Hand und formt unser Herz so, dass es seinem Herzen – dem Herzen des Guten Hirten – ähnelt. Leider haben wir es aber nicht immer nur mit „Fehlern“, sondern manchmal auch mit Verhaltensweisen zu tun, die die Würde unseres Mitmenschen direkt verletzen. Dann können wir dreierlei tun: Schaden nach Möglichkeit verhindern, unserem Nächsten helfen, sich zu bessern, und uns selbst klug zurücknehmen und nicht in den Vordergrund drängen.

Die Geduld hat die Macht, uns zu heiligen. Offenbar wissen wir aber gar nicht, wie groß diese Macht tatsächlich ist, denn sonst wären wir unendlich dankbar für jeden Menschen, der uns mit seinen Fehlern und Eigenarten auf die Nerven geht. Unser Herr serviert uns die Chancen zu unserer Heiligung auf einem silbernen Tablett. Gott umgibt uns mit Menschen, deren Fehler wir geduldig ertragen dürfen! Wie es in einem Gebet heißt, das dem heiligen Franziskus zugeschrieben wird: „Mein Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Hinzu kommt, dass wir uns dann auch selber prüfen und uns fragen würden, mit welchen Eigenheiten wir vielleicht unserem Nächsten auf die Nerven fallen. Und dann würden wir anfangen, weniger für uns selbst als vielmehr für unsere Mitmenschen zu leben, ihnen zu dienen und sie zu lieben.

Ein Breviertext, den wir Priester am vergangenen Samstag gelesen haben, handelte davon, dass die Liebe das Allerwichtigste ist. Dort hieß es: „Seien wir mitleidig, mildtätig gegenüber unseren Brüdern, ertragen wir ihre Schwächen, versuchen wir, ihre Laster verschwinden zu lassen“ (Predigt des seligen Isaak von Stella, PL 194, 1292). Die heilige Therese vom Kinde Jesu hegte eine große Abneigung gegen eine andere Nonne ihrer Ordensgemeinschaft. Sie hatte sich ihre Mitschwestern nicht ausgesucht. Die Heilige selbst erzählt uns in ihrer Autobiographie, wie sie versuchte, diese Schwester so zu behandeln, als würde sie sie über alles lieben: Sie betete für sie, versuchte ihr zu dienen, wo es nur ging, und immer, wenn sie ihr gerne eine barsche Antwort erteilt hätte, rang sie sich stattdessen ein liebenswürdiges Lächeln ab. Und wenn die Versuchung zur Ungeduld besonders heftig war, so erzählt sie, dann sei sie geflohen „wie ein Soldat, der desertiert“. So errang sie in ihrer Beziehung zu dieser Ordensfrau einen Sieg nach dem anderen. Beispiele wie dieses lehren uns, uns nicht mit der Defensive zu begnügen. Wer nur versucht, nicht ungeduldig zu werden und die anderen nicht grob zu behandeln, macht es sich zu einfach. Die Heilige von Lisieux dagegen entschloss sich, den Stier bei den Hörnern zu packen und ihrer Mitschwester mit besonderer Zuneigung und Herzlichkeit zu begegnen. Das gelang ihr so gut, dass diese schließlich glaubte, die kleine heilige Therese sei ihre allerbeste Freundin. Das ist eine ganz konkrete und praktische Art, das Böse mit dem Guten zu besiegen. Die Schwächen unseres Nächsten geben uns die Kraft, uns aus der Knechtschaft unseres Egoismus zu befreien, sie reißen uns heraus aus unserem Ich und unserer Eigenart und führen uns auf den Weg der Selbstvergessenheit. Und dieser Weg ist der Weg des inneren Friedens.

Zuweilen geraten wir in Schwierigkeiten oder in Situationen, die wir nicht ändern können, die uns quälen und unter denen wir leiden. Wenn wir solche Situationen von Christus und vom Evangelium her betrachten, dann wissen wir, dass sie kein Unglück, sondern ein Gottesgeschenk sind. Gott lädt uns ein, in allem, was uns widerfährt, seine liebende Hand zu entdecken. Ihm entgeht nichts. Er hat die Haare auf unserem Kopf gezählt – um wie viel besser kennt er dann wohl die Menschen und Situationen, unter denen wir leiden! Die besten Zutaten zu einem heiligen und authentischen Leben sind Geduld, Ausdauer und Verständnis im wirklichen, alltäglichen Leben. Nehmen wir uns fest vor, mit allem und allen geduldig zu sein; die Fehler des Nächsten, seinen Charakter, seine Schwächen, seine Eigenarten innerlich zu akzeptieren. Den Nächsten anzunehmen und zu lieben, wie er ist, nicht, wie ich ihn mir wünsche oder wie ich ihn gerne hätte. Wenn Gott mir diesen Menschen zur Seite gestellt hat, wenn Gott zulässt, dass er in meinem Umfeld lebt oder arbeitet, dann wird er mir auch die nötige Gnade geben, um ihn zu akzeptieren und zu lieben, wie er ist. Das setzt aber auch voraus, dass wir uns selbst kennen, dass wir uns selbst mit unseren guten und weniger guten Eigenschaften annehmen und dass wir täglich an uns arbeiten, immer wieder neu beginnen und immer besser werden. Die Tugenden sind nichts Statisches: Sie wollen wachsen! Gott hat uns geschaffen, damit wir heilig werden. Wir alle sind zur Heiligkeit berufen, und jede Schwierigkeit, die uns begegnet, ist eine Chance, dieser Berufung zu entsprechen und vollkommen zu sein, wie unser Vater im Himmel vollkommen ist. Die Leidenschaft drängt uns, heilig zu werden, und diese Heiligkeit ist kein individuelles Projekt, sondern eine Antwort der Liebe auf die unendliche und zärtliche Liebe Gottes, der uns nach seinem Bild geschaffen hat.

Denen, die uns beleidigen, gerne verzeihen

Eine der bedeutendsten Gesten Papst Johannes Pauls II. im Heiligen Jahr 2000 war der Tag der Vergebung, den er am ersten Fastensonntag dieses Jahres ausrief. Es war zwar nicht das erste Mal, dass Johannes Paul II. für die Sünden der Söhne und Töchter der Kirche um Vergebung bat, doch es war das erste Mal, dass er dieser Vergebungsbitte eine eigene Feier widmete. Ich erinnere mich noch daran, wie Kardinal Bernardin Gantin zu Beginn der Zeremonie im Petersdom an die Christen appellierte, ihr Gedächtnis zu läutern. Dann bekannte der damalige Kardinal Joseph Ratzinger, dass auch Menschen der Kirche mitunter auf Methoden zurückgegriffen haben, die dem Evangelium nicht entsprechen. Kardinal Roger Etchegaray bat um Vergebung für die Spaltung der Christen. Einer nach dem anderen traten die verschiedenen Kardinäle vor und baten um Vergebung für bestimmte Sünden. „Wir vergeben und bitten um Vergebung“, sagte der Papst in seiner Predigt. „Möge dieser Jubiläumstag allen Gläubigen die Frucht der gewährten und empfangenen Vergebung schenken. Auf diese Weise werden die Christen mit geläutertem Gedächtnis und versöhnt als glaubwürdigere Zeugen der Hoffnung in das dritte Jahrtausend eintreten können“ (Johannes Paul II., Tag der Vergebung, 12. März 2000). Es war eine zutiefst bedeutungsvolle Zeremonie. Sie bat um Vergebung und vergab all jenen, die die Christen aller Epochen angegriffen, verfolgt und gemartert haben.

Vergebung war für Johannes Paul II. nicht nur eine Idee oder Theorie und auch kein Weg, sich oberflächlich vor der Wahrheit oder der Gerechtigkeit zu drücken. Vergebung war für ihn eine Notwendigkeit, ein christlicher Imperativ, eine Konsequenz aus dem neuen Gebot der Liebe. Er selbst hat uns darin ein Beispiel gegeben, als er von ganzem Herzen jenem Mann vergab, der am 13. Mai 1981 einen Anschlag auf sein Leben verübt hatte. Sobald er das Krankenhaus verlassen durfte, ging er ins Gefängnis, besuchte und umarmte ihn. In einer ähnlichen Geste empfing Benedikt XVI. vor wenigen Wochen die Frau, die zu Beginn der letzten Weihnachtsmesse versucht hatte, ihn anzugreifen. Diese großen Gesten der Vergebung kommen jedoch nicht aus dem Nichts, sondern haben eine Vorgeschichte in den vielen kleinen Vergebungen des Alltags. Wie sollen wir lernen, die schweren Beleidigungen zu vergeben, wenn wir nicht in der Lage sind, den anderen ihre kleinen Sticheleien von ganzem Herzen verzeihen?

Die Vergebung ist eine der authentischsten Ausdrucksformen der Liebe. Wenn Gott Liebe ist, können wir auch sagen, dass Gott Vergebung ist. Nichts macht Gott so glücklich wie das Vergeben. Er vergibt immer. Er vergibt allen. Er vergibt alles. Er vergibt und vergisst. Die einzige Bedingung, die er uns stellt, ist, dass wir uns durch die Reue seiner Vergebung öffnen. Deshalb lehrt uns das Katechismuskompendium: „Um Gottes Barmherzigkeit annehmen zu können, müssen wir unsere Verfehlungen bekennen und unsere Sünden bereuen. Gott selbst deckt durch sein Wort und seinen Geist unsere Sünden auf, schenkt uns die Wahrheit des Gewissens und die Hoffnung auf Vergebung“ (Nr. 391). Wir Menschen müssen alle für unsere Sünden um Vergebung bitten und nach dem Vorbild Christi auch selbst vergeben. Ohne die Vergebung verliert unser christlicher Glaube seine Daseinsberechtigung.

Sich der Barmherzigkeit öffnen bedeutet, seine Fehler einzugestehen, sie im Geist der Demut zu akzeptieren und Gott und dem Menschen mit reuigem Herzen zu begegnen, denn nur ein reuiges Herz ist offen für das größte Geschenk, das ein Mensch empfangen kann: die Vergebung Gottes, der reich ist an Erbarmen. Unser Herr Jesus Christus hat, als er uns das Vaterunser gelehrt hat, die Vergebung Gottes auf ewig an die Vergebung gebunden, die wir selbst unserem Mitmenschen schenken: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Wie könnten wir unserem Schuldiger nicht vergeben, wenn wir doch selbst die ungeschuldete Vergebung Gottes erfahren haben? Im Evangelium erzählt Jesus Christus uns das Gleichnis des Dieners, dem der König aus Mitleid eine Schuld von zehntausend Talenten erlässt und der seinerseits nicht bereit ist, einem anderen Diener seine Schuld von hundert Denaren zu erlassen. Er packt und würgt ihn und herrscht ihn an: „Bezahl, was du mir schuldig bist!“ Er achtet nicht auf die flehenden Bitten des anderen, sondern lässt ihn ins Gefängnis werfen, bis er seine Schuld bezahlt. Dieses Verhalten stößt uns alle ab. War ihm nicht selbst vergeben worden? Hätte er dann nicht auch bereit sein müssen, anderen zu vergeben? Und so endet auch das Gleichnis mit sehr deutlichen Worten: „Du elender Diener! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich so angefleht hast. Hättest nicht auch du mit jenem, der gemeinsam mit dir in meinem Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?“ (vgl. Mt 18,2335).

Ich denke, es hilft uns allen, uns das Erbarmen vor Augen zu führen, das Gott jedem einzelnen von uns schenkt. Wenn wir spüren, dass unsere Schuld eigentlich viel zu groß ist, um beglichen zu werden, dann freuen wir uns umso mehr über unsere ungeschuldete Erlösung. Eine Seele, die sich über das Geschenk der Vergebung freut, wird sich schwerlich dem Nächsten verschließen, der sie gekränkt hat. Der beste Weg zur Vergebung führt über die Vergebung, die man selbst erfahren hat. Wer nicht vergibt, beleidigt nicht nur Gott und den Mitmenschen, sondern fügt sich auch selbst großen Schaden zu. Die Unversöhnlichkeit ist für die Seele das, was der Krebs für den Körper ist. Wir müssen ihn herausschneiden, ihn so schnell wie möglich ausmerzen, wenn wir nicht wollen, dass er alles überwuchert. Ein Groll, den wir in unserem Inneren zulassen, frisst an uns, wird von Tag zu Tag größer und ruft immer nur größere Abneigung und Bitterkeit hervor. Wer sein Innerstes vor dem Mitmenschen verschließt, liebt irgendwann nur noch sich selbst; der Stolz überflutet seine Seele und erfüllt das Herz mit tiefer Trauer und Unzufriedenheit. Frieden findet nur der Mensch, der aufrichtig um Vergebung bitten und selbst von ganzem Herzen vergeben kann. Ohne diese innere Haltung wird es ihm sehr viel schwerer fallen, in aller Demut und Einfachheit vor den Herrn hinzutreten, seine Bedürftigkeit einzugestehen und Gottes Erbarmen zu empfangen. Wer nicht vergibt, beraubt sich selbst, ohne es zu wollen, der befreienden Erfahrung der Vergebung. Wie sehr bewegen uns Menschen, denen Unrecht getan worden ist und die den Tätern vergeben können! Und wie nahe ist Gott jenen Menschen, die demütig auf andere zugehen und sie um Vergebung bitten!

Mit dem Groll ist es wie mit jeder beliebigen Krankheit: Vorbeugen ist besser als Heilen. Lassen wir ihn gar nicht erst zu! Es ist ganz natürlich, dass wir uns spontan ärgern, wenn jemand uns kränkt. Doch Christus befreit uns von dieser Traurigkeit der Seele. Zu vergeben und um Vergebung zu bitten ist typisch christlich: „Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal“ (Mt 18,22). Der Christ zieht seine Kraft aus dem Gebet, aus der Betrachtung seines Vorbilds Jesu Christi; er zieht seine Kraft aus der Eucharistie und dem Bußsakrament; er zieht seine Kraft aus der Fürsprache der heiligen Gottesmutter, der gütigen Jungfrau Maria. Von Herzen vergeben zu können ist etwas Wunderbares. Natürlich ist es nicht leicht, immer gütig und mitleidig zu sein, doch der Lohn sind Seelenfrieden und ein ruhiges Gewissen. Wir werden offen für die Vergebung Gottes, und sie ist unser allerkostbarster Schatz. Und mit der Zeit…, wer weiß? Oft vermögen Güte und Mitleid sogar das verhärtete Herz unseres Nächsten zu erweichen, sodass er bereut und um Vergebung bittet. Der Christ ist dazu berufen, sich nicht vom Bösen besiegen zu lassen, sondern „das Böse durch das Gute“ zu besiegen (Röm 12,21).

Die Betrübten trösten

Das Leben eines Menschen kann von der Geburt bis zum Tod von physischem und seelischem Leid begleitet sein. Gegen das physische Leid gibt es Tabletten und Schmerzmittel. Doch was vermag den moralischen Schmerz zu lindern? Nach dem Tod seines Freundes sei er „sich selbst zur großen Frage geworden“, erzählt der heilige Augustinus in seinen Bekenntnissen. Was kann man tun gegen eine solche Sinnlosigkeit? Und wenn Gott selbst dem Herzen fehlt, ist der Schmerz noch entsetzlicher: Die Seele leidet ohne Gott.

Die Traurigkeit ist ein Gemütszustand und sozusagen das Ergebnis von Gedanken und Gefühlen, die wir in unserem Herzen zulassen oder sogar aktiv begünstigen. Wir werden unsere Gefühlswelt niemals ganz und gar kontrollieren können, doch eines steht fest: Wenn wir Gedanken der Hoffnung hegen, wird unser Leben froh sein; und wenn wir Gedanken der Mutlosigkeit und des Pessimismus hegen, werden wir traurig sein. Wir sehen also, dass es bis zu einem gewissen Grade möglich ist, unsere eigenen Gemütszustände zu „erziehen“, indem wir genau darauf achten, welchen Gedanken wir in unserem Herzen Raum geben. Im Allgemeinen können wir die Freude „ergreifen“ und die Traurigkeit „wegschieben“. Es gibt auch Zustände der Traurigkeit oder Depression, die man nicht einfach nur mit Willenskraft überwinden kann und die medizinisch behandelt werden müssen. Seien wir den Betroffenen, unseren herzlich geliebten Brüdern und Schwestern, besonders nahe und begegnen wir ihnen mit viel Verständnis und Geduld!

Gott weiß, dass der Mensch zur Traurigkeit neigt. Deshalb hat der heilige Paulus uns etwas hinterlassen, das man „das Gebot der Freude“ nennen könnte. In seinem Brief an die Philipper schreibt er: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!“ (Phil 4,4). Auch die Kirche ist sensibel für die Traurigkeit und die Betrübnisse der Menschen. Deswegen gehört es zu den Werken der Barmherzigkeit, die Betrübten zu trösten. Jeder Christ sollte zu einem Engel des Trosts werden wie dem, der sich Jesus am Ölberg näherte; zu einem Tröster wie Simon von Zyrene oder Veronika, die die Leiden des Herrn auf dem Kreuzweg zu lindern suchten. Es ist doch so leicht, andere zu trösten! Oft braucht es nur ein Wort, ein Lächeln, eine Umarmung. Manchmal muss man gar nichts sagen, sondern nur da sein wie Maria, deren Anwesenheit unter dem Kreuz für ihren Sohn so tröstlich war. „Gott, der Herr, wischt die Tränen ab von jedem Gesicht“, verkündet der Prophet Jesaja. Und auch wir können die Tränen von den Gesichtern unserer Mitmenschen abwischen!

Der dauerhafteste und wirkungsvollste Trost aber besteht darin, den leidenden Menschen zu Jesus zu bringen. Dann sind nicht mehr wir diejenigen, die sprechen. Dann spricht Christus selbst durch uns zu dem Herzen des Trauernden. Das hat Marta von Betanien für ihre Schwester Maria getan, die untröstlich war über den Tod ihres Bruders Lazarus. „Der Meister ist da und lässt dich rufen“ (Joh 11,28). Das Beste, was wir für die Leidenden tun können, ist, ihnen zu zeigen, dass Jesus Christus da ist und sie ruft. Er wartet nur darauf, dass sie zu ihm kommen und ihm ihr Herz öffnen. Es gibt kein Problem, das man nicht vor dem Allerheiligsten lösen könnte. Es gibt keine Traurigkeit, für die die Eucharistie keinen Trost bereithielte.

Die lauretanische Litanei, die wir normalerweise nach dem Rosenkranz beten, nennt Maria die „Trösterin der Betrübten“. Maria will von unseren Lippen ein inbrünstiges Salve Regina hören, mit dem wir „trauernd und weinend in diesem Tal der Tränen“ zu ihr seufzen. Sie kann und will alle Bitternis und jeden Schmerz lindern. Wer fühlt sich in den Armen seiner Mutter nicht getröstet und beruhigt? Das Leben eines Christen kann von Kreuz und Leid geprägt sein, aber es ist kein trauriges Leben. Das ist das große Paradox. Der heilige Paulus lehrt uns, „dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll“ (Röm 8,18). Ohne Hoffnung ist das Leiden unerträglich. Doch dank der Hoffnung können wir das Leid in Gebet umwandeln, und im Gebet finden wir Trost. Deshalb schreibt der heilige Paulus in übersprudelnder Hoffnungsfreude an die Korinther: „Uns wird Leid zugefügt und doch sind wir jederzeit fröhlich; wir sind arm und machen doch viele reich; wir haben nichts und haben doch alles“ (2 Kor 6,10).

Dieser innere Reichtum gibt uns die Kraft, die Betrübten zu trösten und mit der Vorfreude auf die künftige Herrlichkeit zu erfüllen. Im vergangenen Jahr sind die Patres José de Jesús Rodríguez und John Coady verstorben. Wie haben sie gelitten! Und doch wissen wir alle, dass sie bis zu ihrem letzten Atemzug andere getröstet, angespornt, gestärkt und begleitet haben. Das ist die wunderbare und geheimnisvolle Kraft der Liebe, die alles vermag, die alles erträgt, allem standhält, alles hingibt (vgl. 1 Kor 13,7). Oft droht die Traurigkeit unser Herz zu überfluten. Dennoch besteht unsere Lebensaufgabe darin, zu ermutigen, zu stärken und zu trösten, wie Jesus es im Garten Getsemani getan hat. Die übernatürliche Hoffnung erfüllt uns mit einer Freude, die so real ist, dass keine gegenwärtige Traurigkeit sie überschatten kann. Was hat nicht Christus beim Letzten Abendmahl alles getan, um seine Jünger zu trösten! Sie sollten entdecken, dass sie eine Freude in sich trugen, die ihnen nichts und niemand entreißen konnte: „Amen, amen, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet bekümmert sein, aber euer Kummer wird sich in Freude verwandeln.[…] So seid auch ihr jetzt bekümmert, aber ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen und niemand nimmt euch eure Freude“ (Joh 16,2022). Die Freude ist ein Erkennungsmerkmal des Christentums. Deshalb waren die Heiligen immer froh. Ich kenne viele Menschen, die mit dem Herzen immer bei Gott sind, und ihre Freude ist zutiefst beeindruckend. Wer Gott hat, hat alles.

Liebe Freunde und Mitglieder des Regnum Christi, Gott will, dass wir Christus in diesen Tagen der Fastenzeit noch näher kommen. Er ist die Quelle der wahren Barmherzigkeit. Nur in ihm werden wir lernen, selbst barmherzig zu sein, wie unser himmlischer Vater barmherzig ist, und nur in ihm werden wir fähig sein, an unseren Mitmenschen Barmherzigkeit zu üben, wie es der gute Samariter getan hat. Man könnte noch so vieles über diese schöne Tugend sagen, und ich bin sicher, dass jeder von Ihnen aus diesen Überlegungen einen konkreten Nutzen zu ziehen weiß. Ich danke Ihnen von Herzen für ihre Begeisterung und ihr Engagement, die mir so viel bedeuten. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen dafür bin! Eine Familie liebt umso mehr, je mehr sie leidet. Größerer Schmerz heißt größere Liebe. Maria, die Mutter der Barmherzigkeit, soll sie immer segnen und aus ihrem Zuhause Orte des Friedens, der Liebe, der Vergebung und des Verständnisses machen. Immer im Gebet verbunden grüßt Sie herzlichst in Christus Ihr

Álvaro Corcuera LC



(Übersetzung des spanischsprachigen Originals)

 

Brief von P. Álvaro Corcuera LC zum Beginn der Fastenzeit. Zentrales Thema ist die Barmherzigkeit.

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Dienstag, 23. Februar 2010

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