Gott kommt uns entgegen
Weihnachten ist der Anfang einer neuen Begegnung von Gott und Mensch. In Jesus Christus hat sich Gott selbst aufgemacht, um uns zu suchen und zu finden und zwar auf eine Weise, die uns angemessen ist, nämlich von Mensch zu Mensch. Gott ist in unsere Welt, in unser Leben hineingekommen, um für uns greifbar, hörbar und verständlich zu werden. Er will uns begegnen.
An Weihnachten feiern wir daher nicht nur einen Glaubenssatz, nämlich den über die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Wir gedenken auch nicht einfach eines vergangenen Ereignisses.
Nein, wir sind vielmehr dazu aufgerufen, die persönliche Begegnung mit ihm zu suchen. Genau zu diesem Zweck ist er ja gekommen: Er will mir begegnen und zwar im Hier und Jetzt! Der jetzige Augenblick ist gewissermaßen das Sakrament der Begegnung mit Gott.
Die Texte der Liturgie im Advent geben drei Stichworte, die uns dabei helfen sollen, uns für die Begegnung mit ihm bereit zu machen: Aufwachen, Wachen, Entgegengehen.
Aufwachen
„Wachet auf!“, so beginnt ein altes Adventslied. Um Gott im Jetzt zu begegnen, müssen wir aufwachen. Der Schlaf ist hier ein Bild der Gefangenschaft, des verminderten Lebens in einer Traumwelt. Es gibt viele Dinge, darunter auch manchmal gute, die uns einschläfern, die uns wie der Schlaf ganz in Beschlag nehmen. Advent und Weihnachtszeit bieten die Gelegenheit, mich bewusst von Gewohnheiten, von Sorgen oder falschen Freuden zu befreien, von allem, das uns von der Realität entfernt.
Wachen
Ein weiteres Bild der vorweihnachtlichen Zeit ist das des Wachens. Wenn wir Gott im Jetzt begegnen wollen, müssen wir wachsam sein. Ein Wächter zeichnet sich dadurch aus, dass er Stille hält, um rechtzeitig das Nahen von Freund oder Feind wahrzunehmen. Damit wir den nahen Gott, der auf uns zukommt, leichter entdecken können, bedürfen wir der Stille. Das heißt nicht unbedingt, dass man sich in ein Kloster zurückziehen oder andere praktisch unmöglichen Vorsätze fassen müsste.
Stille kann man auch durch ganz einfache, bewusste Entscheidungen erleben, z.B. indem ich im Auto mal nicht sofort das Radio anschalte oder in der Straßenbahn nicht die Zeitung lese oder telefoniere, sondern einfach einmal nichts tue. Bewusstes Nichtstun, als Übung des Glaubens an die reale Gegenwart Gottes, ist ein Allen zugängliches Mittel, um sich selbst für die Begegnung mit ihm bereit zu machen.
Entgegengehen
Wenn Gott auf uns zukommt und wir ihm begegnen wollen, dann ist es sinnvoll in die Richtung zu gehen, aus der er kommt. Ihm entgegenzugehen ist keine Geheimwissenschaft. Wir wissen ja, woher er kommt, in welche Richtung wir gehen müssen, um ihn zu treffen. Wenn wir in den konkreten Entscheidungen des Alltags auf Wahrheit und Liebe hingehen, also selbst wahrhaftig und gütig zu sein versuchen, dann öffnen wir dadurch dem lebendigen Gott die Tür, an die er in jedem Augenblick schon anklopft.
Dankbarkeit üben
Und wer sich von den drei Haltungen des Aufwachens, Wachens und Entgegengehens überfordert fühlt und dennoch den Wunsch hat, Gott zu begegnen, der kann sich darauf beschränken, die Dankbarkeit zu üben. Gott für alles danken, das in unserem Leben geschieht: Gutes und Schlechtes, Angenehmes und Unangenehmes, Verständliches und Absurdes. Er hält uns in seiner Hand, lässt uns auch nicht eine Sekunde aus den Augen. Nichts von dem, was uns im Innern oder von Außen widerfährt, ist ihm egal oder gar fremd. In allem und durch alles, was geschieht, will er uns begegnen. Wenn wir lernen, ihm in jedem Augenblick zu danken, werden wir sein Wirken erfahren.
Am Ende dieses für uns besonderen Jahres möchte ich Ihnen noch einmal für Ihre Treue und Ihre Freundschaft danken. Gott segne und behüte Sie!
Sylvester Heereman LC
Territorialdirektor für Mitteleuropa
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