Sonntag, 6. September 2009

Mit Papst Benedikt im Heiligen Land


Am Ende zählt nur das Wort des Evangeliums: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.” (Mt 25,40)

P. Álvaro Corcuera LCDer Generaldirektor der Kongregation der Legionäre Christi und der Bewegung Regnum Christi, P. Álvaro Corcuera LC, schrieb am 15. Mai 2009 in Zusammenhang mit der Reise Papst Benedikts in das Heilige Land den folgenden Brief an die Mitglieder und Freunde der Bewegung.

***

Dein Reich komme!


15. Mai 2009


Liebe Freunde in Christus!

Die ganze Zeit schon wollte ich Ihnen schreiben, wie dankbar ich Ihnen bin: für Ihre Gebete, Ihre Nähe, Ihr Zeugnis und für alles, womit Sie mir zeigen, dass Gott in Ihrem Herzen ist. Ich wünsche mir so sehr, dass wir immer in diesem einen Leib und in dieser einen Familie vereint bleiben! Deshalb bete ich zu Gott, dass niemand sich allein fühlt und dass wir ein Herz und eine Seele werden, denn genau das will er von uns.

Ich bin zurzeit in Jerusalem, und ich danke Gott für die Gnade, diese heiligen Stätten besuchen zu dürfen, die uns so lebhaft an Jesus Christus erinnern. Hier sind wir dem Heiligen Vater besonders nah, und unsere Gebete begleiten ihn auf seiner apostolischen Reise ins Heilige Land. Sein Besuch ist ein unendlich kostbares Geschenk an die Christen in dieser leidgeprüften Region. Unablässig hat sie der Papst ermutigt, sich von der Unterstützung und Nähe der Christen aus aller Welt bestärkt zu fühlen. In seinen Ansprachen und vor allem in seinem vorbildlichen Leben ist uns allen der lebendige Christus, der Gute Hirte, begegnet, der sein Leben für seine Schafe hingibt. Und auch auf die Andersgläubigen ist der Heilige Vater zugegangen, denn er weiß: Uns alle eint die Gewissheit, dass Gott Liebe ist, dass wir alle Brüder und Schwestern sind und dass wir derselben Menschheitsfamilie angehören.

Wir durften ihn in diesen Tagen aus nächster Nähe erleben und konnten beobachten, wie wenig er sich bei all diesen Strapazen schont. Sein pastoraler Eifer entspringt aus einem Herzen, das wie das Herz Christi in allem auf das Gute bedacht ist. Und das Gute zu tun heißt auch – wie er selbst es in seinem Wirken von Anfang an erfahren hat –, sich innig mit dem Geheimnis des Kreuzes zu verbinden. Das Kreuz aber ist immer auch ein Zeichen, dem widersprochen wird. Nur eines treibt den Heiligen Vater an: der sehnlichste Wunsch, allen die Botschaft des Evangeliums und die Begegnung mit Christus zu bringen. Und wer das Evangelium lebt und weiterträgt, der hat stets die Worte Christi im Ohr, der uns aufruft, jeden Tag unser Kreuz auf uns zu nehmen, uns selbst zu sterben und ihm nachzufolgen. Deshalb steigt aus unseren Herzen unwillkürlich die Bitte der Emmausjünger auf: „Bleib bei uns, denn es will Abend werden!“ (Lk 24,29). In Jesus Christus begegnet uns die Hoffnung der Auferstehung.

Am ersten Tag seiner Pilgerfahrt traf sich der Heilige Vater hier, im Notre Dame of Jerusalem Center, mit einigen christlichen, jüdischen und muslimischen Würdenträgern. Seine Aufmerksamkeit und sein Interesse waren beispielhaft, und er verkündete eine Botschaft der Einheit und Demut. Seine Worte haben den Menschen Mut gemacht und gezeigt, dass Gott kein Gott der Spaltung, sondern ein Gott der Einheit ist. Gott ist seinen Kindern ein zärtlicher und liebevoller Vater.

Bei dieser Gelegenheit hat Gott uns eine besondere Gnade gewährt: Der Heilige Vater segnete den Grundstein des Projekts in Galiläa, mit dem wir an der Sendung der Kirche mitarbeiten wollen. Wir wollen Brücken sein, über die unsere Mitmenschen zu einer lebendigen Christusbegegnung gelangen können. Dank dieses Projekts werden wir den Christen in der Region vor Ort helfen können, und sie werden spüren, dass wir, die Christen aus aller Welt, an ihrem Schicksal Anteil nehmen. Darüber hinaus schafft das Projekt neue Arbeitsplätze, und auch das ist eine Botschaft der Hoffnung.

Der Papst war sehr herzlich. Er segnete den Grundstein und war so gütig, diesem Zentrum des Heiligen Stuhls einen wunderschönen Tabernakel zu schenken. P. Juan Solana hielt eine kurze Ansprache. Darin sagte er, dass es unser sehnlichster Wunsch ist, die Kirche zu lieben und Jesus Christus zu verkündigen. Auf dem Tabernakel ist Christus als der Gute Hirte dargestellt. Das ist ein ganz wunderbares Bild dafür, dass Christus für jeden Einzelnen von uns das Leben ist! Er selbst sagt ja, dass wir zu ihm kommen dürfen, wenn wir müde und erschöpft sind, denn er ist gütig und von Herzen demütig! Sein Joch drückt nicht, und seine Last ist leicht (vgl. Mt 11,29f.). Bei dieser Gelegenheit konnten wir den Heiligen Vater persönlich unserer Gebete, unserer Treue und unserer Nähe versichern. Ich sagte ihm, dass wir ihn auf dieser seiner Reise ganz besonders mit unseren Gebeten unterstützen.

Tags darauf, am Dienstag, durften wir mit ihm im Josafattal in Getsemani die Heilige Messe feiern und ihn ein weiteres Mal sprechen hören. Dabei war uns bewusst, dass der Stellvertreter Christi zu uns sprach, der uns führt und leitet, wie es im Psalm 23 heißt: „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen“. Bei der Konzelebration war ich ihm ganz nah, und ich konnte die Darstellung sehen, mit der man die Wand hinter dem Altarraum geschmückt hatte. Sie erinnerte uns an den Apostel Thomas, der seine Hand in die Seite Christi legt und ausruft: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28). Unwillkürlich dankte ich Gott für das Geschenk des Glaubens, und ich musste daran denken, dass uns Menschen mitunter Zweifel, innere Unruhe, Traurigkeit und Verwirrung quälen. Jesus aber sagt uns, dass wir keine Angst haben, sondern mit unserem ganzen Sein an ihn glauben sollen. Und so steigen auch in uns die Worte auf, die schon den heiligen Thomas geheilt haben, und lebhaft rufen wir: „Mein Herr und mein Gott!“ Erneuern wir unsere Überzeugung, dass Christus alles für uns ist! Dass er der einzige Grund unseres Daseins, die einzige Triebfeder unseres Lebens ist! Dass wir alle Schmerzen ertragen und alle Probleme lösen können, solange wir nur an ihn glauben und ihn lieben! Er hat uns zuerst geliebt und sehnt sich von ganzem Herzen danach, seinen Kindern nahe zu sein. Wir sind jeden Tag immer wieder neu zur Heiligkeit berufen. Nutzen wir also jede Chance, in der Liebe zu wachsen und uns mit Jesus Christus zu identifizieren.

Bei dieser Heiligen Messe waren wir nur wenige Schritte vom Garten Getsemani entfernt. Man konnte die Fassade der Basilika sehen, die die Franziskaner so liebevoll instandhalten. Wie oft mag Christus durch dieses Tal gegangen sein. In jener stillen, dunklen Nacht ging er unbeirrt und entschlossen den härtesten und entsetzlichsten Stunden seines Lebens entgegen. Nur wenig später sagte er, dass seine Seele betrübt ist bis in den Tod. Er flehte den Vater unter Wehklagen, Tränen und Schreien an, diesen Kelch wenn möglich an ihm vorübergehen zu lassen, aber er wollte doch den Willen des Vaters tun (vgl. Mt 26,3839). Und so hat Gott ihn erhört. Er ging hinauf nach Golgatha, um für uns alle zu sterben und aufzuerstehen. All das war eine Antwort und eine Konsequenz aus den Worten des Evangeliums: „Er erwies uns seine Liebe bis zur Vollendung“ (vgl. Joh 13,1). Wie dankbar dürfen wir sein! Jeder Schritt Christi war ein Schritt der Liebe, um seine Kinder - jeden Einzelnen von uns! - um jeden Preis zu retten. Und er wusste genau, wie hoch der Preis sein würde! Doch seine Liebe ist grenzenlos. In Getsemani stand ihm ein Engel zur Seite (vgl. Lk 22,43). Bitten wir Gott, dass wir wie dieser Engel sind: dass wir Christus trösten und nie von seiner Seite weichen. Gehen wir mit ihm, ohne zu zögern. Wir wissen, dass uns an seiner Seite kein bequemes Leben, sondern das Kreuz der Liebe erwartet, doch uns beseelt die Auferstehungsfreude, die uns vom Himmel her aufstrahlt. Dem Nächsten zur Seite stehen heißt Christus zur Seite stehen – wie dieser Engel, der ihm Kraft gab. Jemandem zur Seite stehen heißt, ihn mit Worten und mit unserer Hilfsbereitschaft aufrichten. Alles andere, alles, was entzweit und dem anderen seinen Frieden nimmt, kann nicht von Gott kommen; es ist kein Trost, sondern nur ein zusätzlicher Schmerz.

Am Donnerstagabend gingen wir nach Getsemani, um dort die Heilige Messe zu feiern und eine eucharistische Anbetungsstunde in den Anliegen der Kirche, der Legionäre Christi und des Regnum Christi zu halten. Wir baten Gott um die Kraft, seinen Willen zu erfüllen, und dankten ihm für das Geschenk unserer Berufung. In der Heiligen Messe lasen wir den Schrifttext, in dem es heißt, dass wir durch seine Wunden geheilt sind (Jes 53,5). Christus hat sein Gewand abgelegt, um uns damit zu bedecken. Manchmal verlassen uns die Kräfte. Manchmal sind wir kurz davor, Gott zu bitten, dass er den Kelch an uns vorübergehen lässt. In solchen Momenten antwortet Christus mit einer Umarmung: Er drückt uns an sich und sagt uns, dass er uns liebt. Was kann uns dann noch schrecken, wenn er uns in seinen Armen hält? Wir sind dazu berufen, alle unterschiedslos anzunehmen, allen Menschen zu dienen und Apostel des Guten, Apostel der Umarmung Christi zu sein. Apostel des Guten, Apostel all dessen, was der Seele Frieden bringt! Wer nicht mit Worten sündigt, ist ein vollkommener Mensch, sagt der Apostel Jakobus (vgl. Jak 3,2), und wie recht hat er! Denn wenn wir an der Seite Christi sind, dann kann aus unserem Herzen und aus unserem Mund nur Gutes kommen, dann können wir gar nicht anders, als allen den echten Frieden Christi zu bringen – ohne Neid, ohne Groll und ohne Worte, die das kostbare Geschenk des Friedens zunichte machen.

Nach der eucharistischen Anbetung trat ein Ehepaar auf uns zu. Das war wirklich eine Fügung! Ihre Pilgergruppe war gerade angekommen und begann zu beten. Sie sagten mir, sie seien aus Mexiko, vom Regnum Christi, und sie würden die Berufung, die Gott ihnen geschenkt habe, von Tag zu Tag mehr lieben. Sie habe ihnen geholfen, die Liebe Christi zu entdecken und ihm enger nachzufolgen. Am meisten beeindruckte mich ihre Tochter, die seit einem Unfall nicht mehr gehen kann. Doch dieses von Gott erfüllte Mädchen trug keinen Groll in sich, sondern nur Liebe, Glaube, Gebet, Eifer für die Seelen, Nächstenliebe, Güte und Hingabe. Sie sagten mir, sie seien dazu berufen, Christus zu verkündigen und die Bewegung zu lieben, denn sie hätten dort das Einzige gefunden, was wir Menschen brauchen. Wie großartig ist eine solche Gottesliebe! Die Ärzte hatten ihnen gesagt, dass ihre Tochter nie wieder würde gehen können, doch sie sagten zu mir, alles Heil, alle Gnade und alle Liebe kämen von Christus. Und tatsächlich macht ihre Tochter schon wieder die ersten Schritte. Das Wichtigste aber ist, dass sie mit großen Schritten der Heiligkeit entgegengeht.

Ich fühlte mich an die letzte Jugend– und Familienbegegnung in Barcelona erinnert. Damals war eine französische Familie zu mir gekommen und hatte mir erzählt, dass sie alle an diesem Tag getauft und gefirmt worden, zur Ersten Heiligen Kommunion gegangen und die Eltern überdies kirchlich getraut worden waren. Sie waren überglücklich, weil sie nun endlich ihr Zuhause gefunden hatten: die katholische Kirche! Die Begegnung mit den Eltern und mit den gottgeweihten Frauen hatte ihr Leben verändert. Wie können wir Gott nur für all diese Wunder danken?

In Betlehem, Nazareth und in der Grabeskirche hat der Papst uns in seinen Katechesen sanft, aber bestimmt, gütig, aber energisch darum gebeten, unserer Berufung treu zu bleiben. Wir sollen keine Angst haben, Christen zu sein. Dieser Tage habe ich in der Kapelle von „Notre Dame“ im Brevier den Brief an Diognet gelesen, der die Christen so lebensecht beschreibt. Wir müssen eins sein, beten und kämpfen für unsere christlichen Brüder und Schwestern, die in dieser Region leben und so viel leiden. Wenn wir an sie und an die Verfolgung denken, der sie vielerorts ausgesetzt sind, dann werden diese Worte noch realer:

„Denn die Christen sind weder durch Heimat noch durch Sprache und Sitten von den übrigen Menschen verschieden. Sie bewohnen nirgendwo eigene Städte, bedienen sich keiner abweichenden Sprache und führen auch kein absonderliches Leben. […] Sie bewohnen Städte von Griechen und Nichtgriechen, wie es einem jeden das Schicksal beschieden hat, und fügen sich der Landessitte in Kleidung, Nahrung und in der sonstigen Lebensart, legen aber dabei einen wunderbaren und anerkanntermaßen überraschenden Wandel in ihrem bürgerlichen Leben an den Tag. […] Sie gehorchen den bestehenden Gesetzen und überbieten in ihrem Lebenswandel die Gesetze. Sie lieben alle und werden von allen verfolgt. Man kennt sie nicht und verurteilt sie doch, man tötet sie und bringt sie dadurch zum Leben. Sie sind arm und machen viele reich; sie leiden Mangel an allem und haben doch auch wieder an allem Überfluss, Sie werden missachtet und in der Missachtung verherrlicht; sie werden geschmäht und doch als gerecht befunden. Sie werden gekränkt und segnen, werden verspottet und erweisen Ehre. Sie tun Gutes und werden wie Übeltäter gestraft; mit dem Tode bestraft, freuen sie sich, als würden sie zum Leben erweckt. […] So wohnen auch die Christen im Vergänglichen, erwarten aber die Unvergänglichkeit im Himmel.“

Am Ende zählt nur das Wort des Evangeliums: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40)

Das Heilige Land ist eine ganz besondere Gegend. Dennoch ist unsere Heimat im Himmel. Alles weist uns darauf hin, dass uns nach diesem Leben die ewige Umarmung des Vaters erwartet. Im Heiligen Land ist die Erinnerung, die uns zu Christus führt, besonders lebendig. Doch derselbe Christus erwartet uns auch im Tabernakel. Er ruft uns zu sich und schenkt uns all seine Liebe, damit unser Herz sich anfüllt mit dem, was es als Einziges braucht. Das wird geschehen, wenn wir wie der heilige Petrus zu ihm sagen: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens“ (Joh 6,68). Deshalb lieben wir ihn, und deshalb wollen wir für ihn leiden und unser Leben für ihn hingeben. Alles ist klein, wenn man es mit der Liebe Christi vergleicht, und wie wenig können wir tun, um ihm diese große Liebe zu vergelten! Alles macht unser Herz weich, damit es sich niemals verhärtet und wir es so formen können, dass es seinem Herzen, dem Herzen des Guten Hirten, ähnlich wird. Wir können uns nicht vorstellen, dass Christus unbarmherzig ist oder uns unseren Seelenfrieden raubt, im Gegenteil! Wer Christus hat, wird von Frieden erfüllt und gibt diesen Frieden weiter. Seine Gedanken, Worte und Werke sind die eines Menschen, der Frieden stiftet, der im Angesicht Gottes lebt, dessen Absichten rein sind und der weiß, dass er berufen ist, mit Christus das Kreuz zu tragen.

Das, was wir gerade bei den Legionären Christi oder in der Bewegung Regnum Christi erleben, ist für uns eine Chance, im Gebet zu wachsen und alles aus dem Blickwinkel Gottes zu sehen. Es stärkt die übernatürliche Dimension, und läutert unseren Wunsch zu lieben. Es hilft uns, Gott ähnlicher zu werden, demütiger, einfacher und gütiger und einfach nur dienen und anderen helfen zu wollen. Was will Gott in diesen Zeiten von uns? Er will zweifellos mehr Heiligkeit und mehr Liebe. Er will das Beste aus seinen Kindern hervorbringen, damit sich die Liebe Christi in uns spiegelt. Gestern erinnerte der Papst an die Worte des heiligen Franziskus: „Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens. Herr, mache mich zu einem Werkzeug deiner Liebe.“ Werkzeuge seines Friedens und seiner Liebe! Ich weiß, dass wir alle diese schweren Zeiten im Geist des Gebets und der Einheit aufopfern. So hat Christus es uns gelehrt, und so wird seine Nähe in unserem Leben lebendiger. Seien wir also gerade jetzt besonders treu! Geben wir uns Christus hin! Nehmen wir alles an, was uns der Papst als Stellvertreter Christi sagt. Er soll unsere Sicherheit sein: keinen Schritt vor, keinen zurück, sondern im Gleichschritt mit der Kirche, mit dem Papst!

Heute (Freitag) Morgen durften wir mit den Kardinälen, Bischöfen und dem Gefolge des Papstes hier in „Notre Dame“ Eucharistie feiern. Auch die gottgeweihten Frauen waren anwesend – ihre Begeisterung und ihr Gesang haben uns das Herz erwärmt. Im Tagesevangelium kam der Satz vor, der wie eine Überschrift über diesem zweiten Kapitel unserer Geschichte steht: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe“ (Joh 15,12). Das ist die Mitte unseres Lebens! Das ist es, worum Gott uns bittet! Das ist unsere Berufung, und wir sollen diese Etappe weiterführen, indem wir nach diesem Christuswort leben!

Während seines Besuchs hat der Papst auch von trennenden Mauern gesprochen. Eine Mauer zu bauen, ist leicht. Brücken bauen ist schwieriger – und Gott will, dass wir Brücken sind. Die Brücke ist ein Symbol der Demut. Die Menschen laufen darüber, sie treten sie mit Füßen, um auf die andere Seite zu gelangen. Eine Brücke ist ein Bild der Einheit und ein Weg auf die andere Seite: Sie führt uns zur Begegnung mit anderen Menschen und, im weiteren Sinne, in den Himmel. Wir sind dazu berufen, Brücken zu sein, die aufbauen und verbinden. Eine Mauer entzweit, macht traurig und spaltet. Aus der Sünde wachsen die Mauern des Stolzes empor. Welche Berufung ist schöner als die einer Brücke, die verbindet, aufbaut und Frieden bringt? Wie traurig aber ist es, wenn wir Mauern sind und mit unseren Taten oder Worten Spaltung hervorrufen; wenn der Stolz Türen verschließt und wie ein Stauwehr den Menschen den Zugang zum Wasser der Botschaft der Liebe versperrt.

Als Christen, die zur Heiligkeit berufen sind, wollen wir daher jeden Tag unser Gewissen erforschen und uns fragen, ob wir verbindende Brücken oder trennende Mauern sind. Das ist keine einfache Aufgabe, denn die Symptome des Stolzes sind in unserem Leben nicht immer auf Anhieb zu erkennen. Deshalb müssen wir unser Leben mit der Demut und Liebe Gottes füllen – damit die anderen, wenn sie uns sehen, nicht uns, sondern Christus begegnen, der in uns lebt.

Beim Besuch in der Grabeskirche bückte sich der Papst wie alle Pilger, um einzutreten und dort zu beten – an diesem so heiligen Ort, dem Wendepunkt der Menschheitsgeschichte, wie er in seiner Ansprache sagte, an dem sich die Tore zur Ewigkeit auftaten.

Der Tabernakel mit dem Bild des Guten Hirten, den der Papst dem Notre Dame of Jerusalem Center geschenkt hat, erinnert uns an unsere Berufung: Wir sind berufen, offene Türen zu sein, damit die Seelen durch uns zu Christus gelangen. Christus selbst aber ist die Tür, die in den Himmel führt. Wenn wir durch diese Tür hindurchgehen wollen, müssen wir uns ganz klein machen: Wir müssen demütig und einfach werden und nach den Seligpreisungen leben: „Selig die Armen vor Gott, die Sanftmütigen, die Friedfertigen, denn ihnen gehört das Himmelreich“ (vgl. Mt 5,3.4.9). Einmal war ich mit vielen Pilgern zusammen in der Grabeskirche. Es herrschte eine echte Atmosphäre des Gebets. Da sah ich, wie eine Gruppe russischer Pilger die Stufen herunterkam. Sie gingen zu einem der Altäre und lehnten sich mit den Gesichtern daran – als wollten sie sich bei Christus ausruhen und all ihre Probleme bei ihm abladen. Machen wir es genauso! Vertrauen wir ganz und gar auf das Herz Jesu, legen wir alles in die Hände Christi und lassen wir ihn handeln! Wir wollen uns ihm hingeben – mit lauterer Absicht und ohne eine Gegenleistung zu erwarten: einfach nur aus Liebe.

Die Allerseligste Jungfrau Maria ist bei uns und gibt uns Frieden und Kraft. Wir kennen unsere menschlichen Schwächen, doch Maria zeigt uns, dass Gott seine Werke und Wunder, die wir Tag für Tag erleben dürfen, in der Demut vollbringt. Danken wir Gott für das Charisma, das er uns geschenkt hat und das wir von Tag zu Tag intensiver erfahren wollen: die barmherzige Liebe Gottes zu erkennen, zu leben und weiterzugeben! Gott hat unser aller Leben mit reichen Früchten gesegnet, und dafür sind wir ihm zutiefst dankbar. Mit seiner Gnade wollen wir sie bewahren und treu weitergeben.

Vertiefen wir gerade in dieser Zeit das einzig Wichtige! Lassen wir uns von Jesus Christus erfüllen, und helfen wir den anderen, sein Gebot der Liebe zu leben! Daran wird man uns erkennen!

Danke, vielen Dank für Ihre Gebete und für das Zeugnis Ihres Lebens. All ihre Apostolate, all die Liebe und Begeisterung, mit der sie andere zu Christus führen, machen die Liebe Gottes in Ihren Seelen sichtbar. Es ist an uns, die empfangene Gabe voll zu entfalten. Unser Vorbild ist der heilige Johannes der Täufer: „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden“ (Joh 3,30).

Ich bete für Sie alle und bitte Sie, für mich dasselbe zu tun.

Herzlichst Ihr Bruder und Diener in Christus

Álvaro Corcuera LC

(Übersetzung des spanischsprachigen Originals)


Mit Papst Benedikt im Heiligen Land

Mit Papst Benedikt im Heiligen Land

P. Álvaro Corcuera LCDer Generaldirektor der Kongregation der Legionäre Christi und der Bewegung Regnum Christi, P. Álvaro Corcuera LC, schrieb am 15. Mai 2009 in Zusammenhang mit der Reise Papst Benedikts in das Heilige Land den folgenden Brief an die Mitglieder und Freunde der Bewegung.

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Dein Reich komme!


15. Mai 2009


Liebe Freunde in Christus!

Die ganze Zeit schon wollte ich Ihnen schreiben, wie dankbar ich Ihnen bin: für Ihre Gebete, Ihre Nähe, Ihr Zeugnis und für alles, womit Sie mir zeigen, dass Gott in Ihrem Herzen ist. Ich wünsche mir so sehr, dass wir immer in diesem einen Leib und in dieser einen Familie vereint bleiben! Deshalb bete ich zu Gott, dass niemand sich allein fühlt und dass wir ein Herz und eine Seele werden, denn genau das will er von uns.

Ich bin zurzeit in Jerusalem, und ich danke Gott für die Gnade, diese heiligen Stätten besuchen zu dürfen, die uns so lebhaft an Jesus Christus erinnern. Hier sind wir dem Heiligen Vater besonders nah, und unsere Gebete begleiten ihn auf seiner apostolischen Reise ins Heilige Land. Sein Besuch ist ein unendlich kostbares Geschenk an die Christen in dieser leidgeprüften Region. Unablässig hat sie der Papst ermutigt, sich von der Unterstützung und Nähe der Christen aus aller Welt bestärkt zu fühlen. In seinen Ansprachen und vor allem in seinem vorbildlichen Leben ist uns allen der lebendige Christus, der Gute Hirte, begegnet, der sein Leben für seine Schafe hingibt. Und auch auf die Andersgläubigen ist der Heilige Vater zugegangen, denn er weiß: Uns alle eint die Gewissheit, dass Gott Liebe ist, dass wir alle Brüder und Schwestern sind und dass wir derselben Menschheitsfamilie angehören.

Wir durften ihn in diesen Tagen aus nächster Nähe erleben und konnten beobachten, wie wenig er sich bei all diesen Strapazen schont. Sein pastoraler Eifer entspringt aus einem Herzen, das wie das Herz Christi in allem auf das Gute bedacht ist. Und das Gute zu tun heißt auch – wie er selbst es in seinem Wirken von Anfang an erfahren hat –, sich innig mit dem Geheimnis des Kreuzes zu verbinden. Das Kreuz aber ist immer auch ein Zeichen, dem widersprochen wird. Nur eines treibt den Heiligen Vater an: der sehnlichste Wunsch, allen die Botschaft des Evangeliums und die Begegnung mit Christus zu bringen. Und wer das Evangelium lebt und weiterträgt, der hat stets die Worte Christi im Ohr, der uns aufruft, jeden Tag unser Kreuz auf uns zu nehmen, uns selbst zu sterben und ihm nachzufolgen. Deshalb steigt aus unseren Herzen unwillkürlich die Bitte der Emmausjünger auf: „Bleib bei uns, denn es will Abend werden!“ (Lk 24,29). In Jesus Christus begegnet uns die Hoffnung der Auferstehung.

Am ersten Tag seiner Pilgerfahrt traf sich der Heilige Vater hier, im Notre Dame of Jerusalem Center, mit einigen christlichen, jüdischen und muslimischen Würdenträgern. Seine Aufmerksamkeit und sein Interesse waren beispielhaft, und er verkündete eine Botschaft der Einheit und Demut. Seine Worte haben den Menschen Mut gemacht und gezeigt, dass Gott kein Gott der Spaltung, sondern ein Gott der Einheit ist. Gott ist seinen Kindern ein zärtlicher und liebevoller Vater.

Bei dieser Gelegenheit hat Gott uns eine besondere Gnade gewährt: Der Heilige Vater segnete den Grundstein des Projekts in Galiläa, mit dem wir an der Sendung der Kirche mitarbeiten wollen. Wir wollen Brücken sein, über die unsere Mitmenschen zu einer lebendigen Christusbegegnung gelangen können. Dank dieses Projekts werden wir den Christen in der Region vor Ort helfen können, und sie werden spüren, dass wir, die Christen aus aller Welt, an ihrem Schicksal Anteil nehmen. Darüber hinaus schafft das Projekt neue Arbeitsplätze, und auch das ist eine Botschaft der Hoffnung.

Der Papst war sehr herzlich. Er segnete den Grundstein und war so gütig, diesem Zentrum des Heiligen Stuhls einen wunderschönen Tabernakel zu schenken. P. Juan Solana hielt eine kurze Ansprache. Darin sagte er, dass es unser sehnlichster Wunsch ist, die Kirche zu lieben und Jesus Christus zu verkündigen. Auf dem Tabernakel ist Christus als der Gute Hirte dargestellt. Das ist ein ganz wunderbares Bild dafür, dass Christus für jeden Einzelnen von uns das Leben ist! Er selbst sagt ja, dass wir zu ihm kommen dürfen, wenn wir müde und erschöpft sind, denn er ist gütig und von Herzen demütig! Sein Joch drückt nicht, und seine Last ist leicht (vgl. Mt 11,29f.). Bei dieser Gelegenheit konnten wir den Heiligen Vater persönlich unserer Gebete, unserer Treue und unserer Nähe versichern. Ich sagte ihm, dass wir ihn auf dieser seiner Reise ganz besonders mit unseren Gebeten unterstützen.

Tags darauf, am Dienstag, durften wir mit ihm im Josafattal in Getsemani die Heilige Messe feiern und ihn ein weiteres Mal sprechen hören. Dabei war uns bewusst, dass der Stellvertreter Christi zu uns sprach, der uns führt und leitet, wie es im Psalm 23 heißt: „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen“. Bei der Konzelebration war ich ihm ganz nah, und ich konnte die Darstellung sehen, mit der man die Wand hinter dem Altarraum geschmückt hatte. Sie erinnerte uns an den Apostel Thomas, der seine Hand in die Seite Christi legt und ausruft: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28). Unwillkürlich dankte ich Gott für das Geschenk des Glaubens, und ich musste daran denken, dass uns Menschen mitunter Zweifel, innere Unruhe, Traurigkeit und Verwirrung quälen. Jesus aber sagt uns, dass wir keine Angst haben, sondern mit unserem ganzen Sein an ihn glauben sollen. Und so steigen auch in uns die Worte auf, die schon den heiligen Thomas geheilt haben, und lebhaft rufen wir: „Mein Herr und mein Gott!“ Erneuern wir unsere Überzeugung, dass Christus alles für uns ist! Dass er der einzige Grund unseres Daseins, die einzige Triebfeder unseres Lebens ist! Dass wir alle Schmerzen ertragen und alle Probleme lösen können, solange wir nur an ihn glauben und ihn lieben! Er hat uns zuerst geliebt und sehnt sich von ganzem Herzen danach, seinen Kindern nahe zu sein. Wir sind jeden Tag immer wieder neu zur Heiligkeit berufen. Nutzen wir also jede Chance, in der Liebe zu wachsen und uns mit Jesus Christus zu identifizieren.

Bei dieser Heiligen Messe waren wir nur wenige Schritte vom Garten Getsemani entfernt. Man konnte die Fassade der Basilika sehen, die die Franziskaner so liebevoll instandhalten. Wie oft mag Christus durch dieses Tal gegangen sein. In jener stillen, dunklen Nacht ging er unbeirrt und entschlossen den härtesten und entsetzlichsten Stunden seines Lebens entgegen. Nur wenig später sagte er, dass seine Seele betrübt ist bis in den Tod. Er flehte den Vater unter Wehklagen, Tränen und Schreien an, diesen Kelch wenn möglich an ihm vorübergehen zu lassen, aber er wollte doch den Willen des Vaters tun (vgl. Mt 26,3839). Und so hat Gott ihn erhört. Er ging hinauf nach Golgatha, um für uns alle zu sterben und aufzuerstehen. All das war eine Antwort und eine Konsequenz aus den Worten des Evangeliums: „Er erwies uns seine Liebe bis zur Vollendung“ (vgl. Joh 13,1). Wie dankbar dürfen wir sein! Jeder Schritt Christi war ein Schritt der Liebe, um seine Kinder - jeden Einzelnen von uns! - um jeden Preis zu retten. Und er wusste genau, wie hoch der Preis sein würde! Doch seine Liebe ist grenzenlos. In Getsemani stand ihm ein Engel zur Seite (vgl. Lk 22,43). Bitten wir Gott, dass wir wie dieser Engel sind: dass wir Christus trösten und nie von seiner Seite weichen. Gehen wir mit ihm, ohne zu zögern. Wir wissen, dass uns an seiner Seite kein bequemes Leben, sondern das Kreuz der Liebe erwartet, doch uns beseelt die Auferstehungsfreude, die uns vom Himmel her aufstrahlt. Dem Nächsten zur Seite stehen heißt Christus zur Seite stehen – wie dieser Engel, der ihm Kraft gab. Jemandem zur Seite stehen heißt, ihn mit Worten und mit unserer Hilfsbereitschaft aufrichten. Alles andere, alles, was entzweit und dem anderen seinen Frieden nimmt, kann nicht von Gott kommen; es ist kein Trost, sondern nur ein zusätzlicher Schmerz.

Am Donnerstagabend gingen wir nach Getsemani, um dort die Heilige Messe zu feiern und eine eucharistische Anbetungsstunde in den Anliegen der Kirche, der Legionäre Christi und des Regnum Christi zu halten. Wir baten Gott um die Kraft, seinen Willen zu erfüllen, und dankten ihm für das Geschenk unserer Berufung. In der Heiligen Messe lasen wir den Schrifttext, in dem es heißt, dass wir durch seine Wunden geheilt sind (Jes 53,5). Christus hat sein Gewand abgelegt, um uns damit zu bedecken. Manchmal verlassen uns die Kräfte. Manchmal sind wir kurz davor, Gott zu bitten, dass er den Kelch an uns vorübergehen lässt. In solchen Momenten antwortet Christus mit einer Umarmung: Er drückt uns an sich und sagt uns, dass er uns liebt. Was kann uns dann noch schrecken, wenn er uns in seinen Armen hält? Wir sind dazu berufen, alle unterschiedslos anzunehmen, allen Menschen zu dienen und Apostel des Guten, Apostel der Umarmung Christi zu sein. Apostel des Guten, Apostel all dessen, was der Seele Frieden bringt! Wer nicht mit Worten sündigt, ist ein vollkommener Mensch, sagt der Apostel Jakobus (vgl. Jak 3,2), und wie recht hat er! Denn wenn wir an der Seite Christi sind, dann kann aus unserem Herzen und aus unserem Mund nur Gutes kommen, dann können wir gar nicht anders, als allen den echten Frieden Christi zu bringen – ohne Neid, ohne Groll und ohne Worte, die das kostbare Geschenk des Friedens zunichte machen.

Nach der eucharistischen Anbetung trat ein Ehepaar auf uns zu. Das war wirklich eine Fügung! Ihre Pilgergruppe war gerade angekommen und begann zu beten. Sie sagten mir, sie seien aus Mexiko, vom Regnum Christi, und sie würden die Berufung, die Gott ihnen geschenkt habe, von Tag zu Tag mehr lieben. Sie habe ihnen geholfen, die Liebe Christi zu entdecken und ihm enger nachzufolgen. Am meisten beeindruckte mich ihre Tochter, die seit einem Unfall nicht mehr gehen kann. Doch dieses von Gott erfüllte Mädchen trug keinen Groll in sich, sondern nur Liebe, Glaube, Gebet, Eifer für die Seelen, Nächstenliebe, Güte und Hingabe. Sie sagten mir, sie seien dazu berufen, Christus zu verkündigen und die Bewegung zu lieben, denn sie hätten dort das Einzige gefunden, was wir Menschen brauchen. Wie großartig ist eine solche Gottesliebe! Die Ärzte hatten ihnen gesagt, dass ihre Tochter nie wieder würde gehen können, doch sie sagten zu mir, alles Heil, alle Gnade und alle Liebe kämen von Christus. Und tatsächlich macht ihre Tochter schon wieder die ersten Schritte. Das Wichtigste aber ist, dass sie mit großen Schritten der Heiligkeit entgegengeht.

Ich fühlte mich an die letzte Jugend– und Familienbegegnung in Barcelona erinnert. Damals war eine französische Familie zu mir gekommen und hatte mir erzählt, dass sie alle an diesem Tag getauft und gefirmt worden, zur Ersten Heiligen Kommunion gegangen und die Eltern überdies kirchlich getraut worden waren. Sie waren überglücklich, weil sie nun endlich ihr Zuhause gefunden hatten: die katholische Kirche! Die Begegnung mit den Eltern und mit den gottgeweihten Frauen hatte ihr Leben verändert. Wie können wir Gott nur für all diese Wunder danken?

In Betlehem, Nazareth und in der Grabeskirche hat der Papst uns in seinen Katechesen sanft, aber bestimmt, gütig, aber energisch darum gebeten, unserer Berufung treu zu bleiben. Wir sollen keine Angst haben, Christen zu sein. Dieser Tage habe ich in der Kapelle von „Notre Dame“ im Brevier den Brief an Diognet gelesen, der die Christen so lebensecht beschreibt. Wir müssen eins sein, beten und kämpfen für unsere christlichen Brüder und Schwestern, die in dieser Region leben und so viel leiden. Wenn wir an sie und an die Verfolgung denken, der sie vielerorts ausgesetzt sind, dann werden diese Worte noch realer:

„Denn die Christen sind weder durch Heimat noch durch Sprache und Sitten von den übrigen Menschen verschieden. Sie bewohnen nirgendwo eigene Städte, bedienen sich keiner abweichenden Sprache und führen auch kein absonderliches Leben. […] Sie bewohnen Städte von Griechen und Nichtgriechen, wie es einem jeden das Schicksal beschieden hat, und fügen sich der Landessitte in Kleidung, Nahrung und in der sonstigen Lebensart, legen aber dabei einen wunderbaren und anerkanntermaßen überraschenden Wandel in ihrem bürgerlichen Leben an den Tag. […] Sie gehorchen den bestehenden Gesetzen und überbieten in ihrem Lebenswandel die Gesetze. Sie lieben alle und werden von allen verfolgt. Man kennt sie nicht und verurteilt sie doch, man tötet sie und bringt sie dadurch zum Leben. Sie sind arm und machen viele reich; sie leiden Mangel an allem und haben doch auch wieder an allem Überfluss, Sie werden missachtet und in der Missachtung verherrlicht; sie werden geschmäht und doch als gerecht befunden. Sie werden gekränkt und segnen, werden verspottet und erweisen Ehre. Sie tun Gutes und werden wie Übeltäter gestraft; mit dem Tode bestraft, freuen sie sich, als würden sie zum Leben erweckt. […] So wohnen auch die Christen im Vergänglichen, erwarten aber die Unvergänglichkeit im Himmel.“

Am Ende zählt nur das Wort des Evangeliums: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40)

Das Heilige Land ist eine ganz besondere Gegend. Dennoch ist unsere Heimat im Himmel. Alles weist uns darauf hin, dass uns nach diesem Leben die ewige Umarmung des Vaters erwartet. Im Heiligen Land ist die Erinnerung, die uns zu Christus führt, besonders lebendig. Doch derselbe Christus erwartet uns auch im Tabernakel. Er ruft uns zu sich und schenkt uns all seine Liebe, damit unser Herz sich anfüllt mit dem, was es als Einziges braucht. Das wird geschehen, wenn wir wie der heilige Petrus zu ihm sagen: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens“ (Joh 6,68). Deshalb lieben wir ihn, und deshalb wollen wir für ihn leiden und unser Leben für ihn hingeben. Alles ist klein, wenn man es mit der Liebe Christi vergleicht, und wie wenig können wir tun, um ihm diese große Liebe zu vergelten! Alles macht unser Herz weich, damit es sich niemals verhärtet und wir es so formen können, dass es seinem Herzen, dem Herzen des Guten Hirten, ähnlich wird. Wir können uns nicht vorstellen, dass Christus unbarmherzig ist oder uns unseren Seelenfrieden raubt, im Gegenteil! Wer Christus hat, wird von Frieden erfüllt und gibt diesen Frieden weiter. Seine Gedanken, Worte und Werke sind die eines Menschen, der Frieden stiftet, der im Angesicht Gottes lebt, dessen Absichten rein sind und der weiß, dass er berufen ist, mit Christus das Kreuz zu tragen.

Das, was wir gerade bei den Legionären Christi oder in der Bewegung Regnum Christi erleben, ist für uns eine Chance, im Gebet zu wachsen und alles aus dem Blickwinkel Gottes zu sehen. Es stärkt die übernatürliche Dimension, und läutert unseren Wunsch zu lieben. Es hilft uns, Gott ähnlicher zu werden, demütiger, einfacher und gütiger und einfach nur dienen und anderen helfen zu wollen. Was will Gott in diesen Zeiten von uns? Er will zweifellos mehr Heiligkeit und mehr Liebe. Er will das Beste aus seinen Kindern hervorbringen, damit sich die Liebe Christi in uns spiegelt. Gestern erinnerte der Papst an die Worte des heiligen Franziskus: „Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens. Herr, mache mich zu einem Werkzeug deiner Liebe.“ Werkzeuge seines Friedens und seiner Liebe! Ich weiß, dass wir alle diese schweren Zeiten im Geist des Gebets und der Einheit aufopfern. So hat Christus es uns gelehrt, und so wird seine Nähe in unserem Leben lebendiger. Seien wir also gerade jetzt besonders treu! Geben wir uns Christus hin! Nehmen wir alles an, was uns der Papst als Stellvertreter Christi sagt. Er soll unsere Sicherheit sein: keinen Schritt vor, keinen zurück, sondern im Gleichschritt mit der Kirche, mit dem Papst!

Heute (Freitag) Morgen durften wir mit den Kardinälen, Bischöfen und dem Gefolge des Papstes hier in „Notre Dame“ Eucharistie feiern. Auch die gottgeweihten Frauen waren anwesend – ihre Begeisterung und ihr Gesang haben uns das Herz erwärmt. Im Tagesevangelium kam der Satz vor, der wie eine Überschrift über diesem zweiten Kapitel unserer Geschichte steht: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe“ (Joh 15,12). Das ist die Mitte unseres Lebens! Das ist es, worum Gott uns bittet! Das ist unsere Berufung, und wir sollen diese Etappe weiterführen, indem wir nach diesem Christuswort leben!

Während seines Besuchs hat der Papst auch von trennenden Mauern gesprochen. Eine Mauer zu bauen, ist leicht. Brücken bauen ist schwieriger – und Gott will, dass wir Brücken sind. Die Brücke ist ein Symbol der Demut. Die Menschen laufen darüber, sie treten sie mit Füßen, um auf die andere Seite zu gelangen. Eine Brücke ist ein Bild der Einheit und ein Weg auf die andere Seite: Sie führt uns zur Begegnung mit anderen Menschen und, im weiteren Sinne, in den Himmel. Wir sind dazu berufen, Brücken zu sein, die aufbauen und verbinden. Eine Mauer entzweit, macht traurig und spaltet. Aus der Sünde wachsen die Mauern des Stolzes empor. Welche Berufung ist schöner als die einer Brücke, die verbindet, aufbaut und Frieden bringt? Wie traurig aber ist es, wenn wir Mauern sind und mit unseren Taten oder Worten Spaltung hervorrufen; wenn der Stolz Türen verschließt und wie ein Stauwehr den Menschen den Zugang zum Wasser der Botschaft der Liebe versperrt.

Als Christen, die zur Heiligkeit berufen sind, wollen wir daher jeden Tag unser Gewissen erforschen und uns fragen, ob wir verbindende Brücken oder trennende Mauern sind. Das ist keine einfache Aufgabe, denn die Symptome des Stolzes sind in unserem Leben nicht immer auf Anhieb zu erkennen. Deshalb müssen wir unser Leben mit der Demut und Liebe Gottes füllen – damit die anderen, wenn sie uns sehen, nicht uns, sondern Christus begegnen, der in uns lebt.

Beim Besuch in der Grabeskirche bückte sich der Papst wie alle Pilger, um einzutreten und dort zu beten – an diesem so heiligen Ort, dem Wendepunkt der Menschheitsgeschichte, wie er in seiner Ansprache sagte, an dem sich die Tore zur Ewigkeit auftaten.

Der Tabernakel mit dem Bild des Guten Hirten, den der Papst dem Notre Dame of Jerusalem Center geschenkt hat, erinnert uns an unsere Berufung: Wir sind berufen, offene Türen zu sein, damit die Seelen durch uns zu Christus gelangen. Christus selbst aber ist die Tür, die in den Himmel führt. Wenn wir durch diese Tür hindurchgehen wollen, müssen wir uns ganz klein machen: Wir müssen demütig und einfach werden und nach den Seligpreisungen leben: „Selig die Armen vor Gott, die Sanftmütigen, die Friedfertigen, denn ihnen gehört das Himmelreich“ (vgl. Mt 5,3.4.9). Einmal war ich mit vielen Pilgern zusammen in der Grabeskirche. Es herrschte eine echte Atmosphäre des Gebets. Da sah ich, wie eine Gruppe russischer Pilger die Stufen herunterkam. Sie gingen zu einem der Altäre und lehnten sich mit den Gesichtern daran – als wollten sie sich bei Christus ausruhen und all ihre Probleme bei ihm abladen. Machen wir es genauso! Vertrauen wir ganz und gar auf das Herz Jesu, legen wir alles in die Hände Christi und lassen wir ihn handeln! Wir wollen uns ihm hingeben – mit lauterer Absicht und ohne eine Gegenleistung zu erwarten: einfach nur aus Liebe.

Die Allerseligste Jungfrau Maria ist bei uns und gibt uns Frieden und Kraft. Wir kennen unsere menschlichen Schwächen, doch Maria zeigt uns, dass Gott seine Werke und Wunder, die wir Tag für Tag erleben dürfen, in der Demut vollbringt. Danken wir Gott für das Charisma, das er uns geschenkt hat und das wir von Tag zu Tag intensiver erfahren wollen: die barmherzige Liebe Gottes zu erkennen, zu leben und weiterzugeben! Gott hat unser aller Leben mit reichen Früchten gesegnet, und dafür sind wir ihm zutiefst dankbar. Mit seiner Gnade wollen wir sie bewahren und treu weitergeben.

Vertiefen wir gerade in dieser Zeit das einzig Wichtige! Lassen wir uns von Jesus Christus erfüllen, und helfen wir den anderen, sein Gebot der Liebe zu leben! Daran wird man uns erkennen!

Danke, vielen Dank für Ihre Gebete und für das Zeugnis Ihres Lebens. All ihre Apostolate, all die Liebe und Begeisterung, mit der sie andere zu Christus führen, machen die Liebe Gottes in Ihren Seelen sichtbar. Es ist an uns, die empfangene Gabe voll zu entfalten. Unser Vorbild ist der heilige Johannes der Täufer: „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden“ (Joh 3,30).

Ich bete für Sie alle und bitte Sie, für mich dasselbe zu tun.

Herzlichst Ihr Bruder und Diener in Christus

Álvaro Corcuera LC

(Übersetzung des spanischsprachigen Originals)

 

Am Ende zählt nur das Wort des Evangeliums: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.” (Mt 25,40)

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Sonntag, 6. September 2009

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