Dienstag, 25. November 2008

Brief zum Christkönigsfest 2008


Brief von Pater Álvaro Corcuera vom 17.11.2008 an die Mitglieder und Freunde der Bewegung Regnum Christi aus Anlaß des Christkönigsfestes 2008.

P. Álvaro Corcuera LC, Generaldirektor der Legionäre Christi und des Regnum ChristiLiebe Freunde in Christus!

Bald feiern wir das Christkönigsfest – den Tag, an dem die Bewegung uns einlädt, unsere Liebe zu Jesus Christus und unsere feste Verbundenheit mit ihm zu erneuern. An diesem Tag machen wir uns wieder neu bewusst, dass unserem Christsein „kein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person“ zugrundeliegt (Benedikt XVI., Deus caritas est, Nr. 1). Diese tägliche Begegnung mit Christus gibt unserem Leben einen neuen Horizont und hierdurch eine entscheidende Richtung (vgl. ebd.).

Christus als unseren König feiern zu können, ist eine echte Gelegenheit und so danken wir Gott hierfür und bitten ihn darum, dafür zu sorgen, dass Jesus immer und zu jedem Zeitpunkt herrscht, indem er uns dabei hilft, wie er zu denken, zu reden, zu handeln und zu lieben – eben so, wie es seinem Herzen entspricht. So lautet unsere Bitte stets, dass sein Reich komme, damit er jeden Winkel unseres Seins mit Frieden und Licht erfülle. Seit dem Tod von Nuestro Padre ist dies unser erstes Christkönigsfest, und wir alle spüren uns lebhaft davon in die Pflicht genommen. Jener Sache, die uns Gott anvertraut hat, müssen wir uns annehmen, wobei unser Augenmerk stets auf Christus gerichtet ist. Christus leidenschaftlich zu lieben – das ist Gottes Auftrag an uns. Alles Übrige ist Konsequenz dieser Liebe.

Diesmal möchte ich mit Ihnen gemeinsam über das Gebetsleben nachdenken, eine Thematik, die der Heilige Geist uns unentwegt in Erinnerung gerufen hat, indem er uns die Worte des heiligen Paulus zu bedenken gab: „Betet ohne Unterlass!“ (1 Thess 5,17). Ununterbrochen beten, mit Gott sprechen, auf das hören, was er uns in seiner unendlichen Liebe zu sagen hat – und es in die Tat umsetzen, das ist unser Thema. Viele von Ihnen berichten mir immer wieder davon, wie schwer es ihnen fällt, Tag für Tag ein konsequent christliches Leben zu führen und in der Welt von heute echte Nächstenliebe zu praktizieren. Es bedarf großer geistiger Stärke und Kraft sowie zahlreicher, zuweilen sogar heroischer Opfer, um von Christus Zeugnis abzulegen: im liebevollen Umgang mit allen Verwandten und Bekannten, in der gewissenhaften Arbeit, in der ehelichen Treue, in den beruflichen und geschäftlichen Beziehungen, in der Achtung des vorehelichen Standes, in der guten Nachrede usw. Manchmal machen wir sogar die Erfahrung, dass unser verstärkter Einsatz für Christus und für die Ausbreitung seines Reiches die Bemühungen des Feindes unserer Seele, uns von Gott zu trennen und in unserer Umgebung Verwirrung und Zwietracht zu stiften, noch intensiver macht. Das Gebet ist die Wegzehrung unseres Lebens, und an unsere Mitmenschen geben wir das weiter, was wir im Gebet empfangen haben. Mitunter mag uns das Beten sehr schwerfallen, doch wir sind von Gott für das Gebet geschaffen, denn Beten heißt, immer in seiner Gegenwart leben. Er wohnt in uns und kennt uns besser, als wir selbst uns jemals kennen können. Wer betet, lebt; wer nicht betet, muss mit ansehen, wie sein Leben langsam den Sinn verliert; wie das Zufällige und das, was nur Mittel zum Zweck ist, zu seinem Lebensinhalt wird. Seine Seele stirbt langsam ab und wird erfüllt mit Traurigkeit. Wer betet, sieht alles mit den Augen Gottes; sein Herz wird erfüllt mit Frieden und mit einem Glück, das wir nicht finden können, wenn wir es außerhalb von uns suchen. Gott ist die Liebe, und Gott wohnt in uns; wer betet, lebt in der Liebe. Wenn wir beten, sollen wir den Mut nicht verlieren, denn Gott kommt uns mit der Initiative, sich zu seinen Kindern herabzubeugen, zuvor; er umsorgt sie mit der Zärtlichkeit einer Mutter und begleitet sie mit jener Standhaftigkeit und Liebe wie sie ein Vater, ein Bruder und ein treuer Freund besitzen.

Wir wissen, dass Gott allein uns die nötige Kraft geben kann, die verschiedenen Prüfungen, die das Leben für uns bereithält, zu bestehen und dass er allein fähig ist, bei bestimmten persönlichen oder familiären Problemen, die nach menschlichem Ermessen hoffnungslos sind, Abhilfe zu schaffen. Obwohl uns dies bewusst ist, bemerken wir aber alle hin und wieder, dass unser Umgang mit Gott nicht so häufig und nicht so intensiv ist, wie das der Fall sein sollte. Zuweilen wenden wir uns erst dann an Gott, wenn kein anderer Ausweg mehr bleibt und wir selbst nicht mehr weiterwissen. Oder wir beschränken unser Beten einfach darauf, von Gott Rechenschaft für das Negative zu fordern, das um uns herum geschieht.

Wie wir im Römerbrief lesen (vgl. 8,28), trägt für den, der liebt, alles zum Guten bei, und wenn wir beten, zieht die Hoffnung in unser Leben ein, weil eben für Gott nichts unmöglich ist, ja, mehr noch, weil er alles einem höheren Gut zuführen kann – sogar schwerstes menschliches Unglück, Misserfolge und Niederlagen, tiefe Trauer und schweres Scheitern. Das Gebet ist keine Notfallmedizin, sondern eine in Liebe gegebene Antwort auf die Liebe, Gott selbst. Beten heißt, mit demjenigen sprechen, dessen Liebe uns sicher ist, es ist vor allem ein Hören auf den süßen Gast der Seele, der uns lediglich sagen will, wie sehr er uns liebt und wie sehr er sich wünscht, dass wir in den Himmel kommen. Wer betet, nimmt den Himmel vorweg, denn der Himmel ist das Zusammensein mit Gott. Am Ende unseres Lebens wird die Frage nach der Liebe Thema des persönlichen Gerichts sein: nicht unsere menschlichen Fähigkeiten oder Leistungen, sondern unser Herz zählt dann. Es bündelt sich alles in dieser Frage: „Hast du geliebt?“ Und wenn wir lieben, dann verschenken wir uns, dann hält uns nichts zurück, dann ist kein Hindernis unüberwindlich, sondern alles führt zum Guten. Liebe heißt Hingabe an Gott und damit Hingabe an den Nächsten. „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner“, sagt der heilige Johannes (1 Joh 4,20), und deshalb wird der, der betet, immer in der Liebe leben. Gott wird in seinem Herzen sagen: „gehe und liebe deinen Nächsten, wie ich ihn liebe, ohne Ausnahme. Ich liebe ihn in dir, von deinem Herzen aus.“ Wer liebt, fürchtet sich nicht, denn Gott ist sein Schild, seine Stärke und sein Halt. Je mehr man betet, desto größer die Liebe; je größer die Liebe, desto größer die Heiligkeit und desto geringer die Furcht.

Das bevorstehende Christkönigsfest lädt uns ein, über diesen grundlegenden Aspekt unseres christlichen Lebens nachzudenken. Uns alle bewegt das Zeugnis vieler Männer und Frauen – ich spreche von Regnum Christi-Mitgliedern und ebenso von Menschen aus anderen Bereichen des kirchlichen Lebens –, denen es gelungen ist, aus dem Gebet eine feste Angewohnheit zu machen. Sie sind für uns lebendiges Beispiel einer reinen, mit Christus vereinten Seele. Dieser eifrige, beständige und behutsame Umgang mit Christus im Gebet und in der Eucharistie war für sie und ihre Familien die wirksamste Medizin gegen alle Krankheiten des Leibes und der Seele. Das Gebet ist der Ort, an dem diese großen Apostel ihre glänzendsten Erfolge im Dienst an der Kirche errungen haben, weil sie zutiefst davon überzeugt waren, dass Gott alles vermag. Erinnern wir uns an das Beispiel Johannes Pauls II. und daran, wie viel Zeit er vor dem Tabernakel verbrachte. Die Frage, woher er die Kraft nahm, um das scheinbar Unmögliche zu tun, um vor nichts Angst zu haben und uns alle zu führen, steht also im Raum. Woher kamen all diese Initiativen, die Weltjugendtage, die unterschiedlichsten Treffen, seine kluge Entschlossenheit als die Mauern fielen und die Situation der Welt sich von Grund auf veränderte. Er hat unermesslich viel Gutes getan, und das alles erwuchs aus einer Haltung des beständigen Zuhörens und aus der Bereitschaft, das, was der Freund ihm sagte, in die Praxis, in die Tat umzusetzen.

Im Johannesevangelium benutzt Christus das Bild vom Weinstock und den Reben, um uns zu belehren: „Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt.“ Und wenig später fügt er hinzu: „Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen“ (Joh 15,45). Diese Worte geben uns zu verstehen, dass das Gebetsleben nicht auf einige Momente beschränkt werden kann, die nebensächlich sind oder außer der Reihe stehen, sondern dass daraus eine dauernde innere Einstellung unserer Seele entstehen muss, von der jeder Augenblick unseres Lebens durchdrungen ist. Es geht darum, sich beim Beten nicht entmutigen zu lassen, pausenlos Gott anzurufen und ständig in der Gegenwart des treuen Freundes zu verweilen.

Im Gebet, in diesem liebevollen, intimen, von Herz zu Herz geführten Zwiegespräch mit Jesus Christus wird der Herr selbst die Verwandlung unserer Seelen vollbringen. „Wenn wir im Gebet mit Gott in Kontakt treten, so entspringen daraus konkrete Gewissheiten, Überzeugungen, Einstellungen und Verhaltensweisen. Wer betet, verspürt das Bedürfnis, seinen Geist, sein Herz, seinen Willen und sein Handeln mit dem allerheiligsten Willen Gottes, dem er sich gegenübergestellt sieht, in Einklang zu bringen: ‚Herr, was soll ich tun?‘ Deshalb besteht die erste Frucht des Gebets neben der Ehre Gottes darin, dass der Mensch den Willen Gottes wahrnimmt und diesen in Heiterkeit, Freude und Liebe akzeptiert“ (Mitgliederhandbuch der Bewegung Regnum Christi, Nr. 106). Beten heißt, Jesu Hand zu fassen, um sich von ihm führen zu lassen, damit er in unserem Leben ganz nach seinem Willen handeln kann. Beten heißt auch, aufmerksam auf die Stimme des süßen Gasts der Seele, den Heiligen Geist, zu lauschen, der uns mit unzähligen Gnaden zu einem tieferen Gebetsleben anleitet. Ohne seine Hilfe wären wir kaum imstande zu beten, denn, wie der Apostel schreibt, „Keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet“ (1 Kor 12,3).

Mit diesen Gedanken im Sinn möchte ich Ihnen nun einige Anhaltspunkte geben, die Ihnen dabei behilflich sein könnten, Ihre persönliche Beziehung zu Jesus zu vertiefen, ihm zuzuhören und mit ihm zu sprechen – was vor allem im betrachtenden Gebet und dann geschehen kann, wenn Sie ihn im Verlauf des Tages spontan im Tabernakel aufsuchen.

1. Das Gebet, die persönliche Einladung Christi, bei ihm zu sein

Wenn wir unser Gespräch mit Jesus beginnen, müssen wir ihn zuallererst um die Gnade bitten, das Gebet wahrhaft als eine von ihm kommende Einladung zu verstehen: bei ihm sein. Im Gebet ergreift er selbst die Initiative und lädt mich zu sich ein. Deshalb nehmen wir uns in aller Sorgfalt zu Beginn des Gebets immer einen Augenblick Zeit, um uns in die Gegenwart Gottes zu versetzen. Es hilft daran zu denken, dass er mich so sehr liebt, dass er mit mir sprechen, mit mir zusammen sein, mein Herz wandeln und dem seinen ähnlicher machen möchte. Hieraus muss ein ehrliches Gespräch mit Gott entstehen: „Herr, ich weiß, dass du es bist, der mich in diesem Gebet zum Gespräch einlädt, weil du mich liebst. Ich vertraue auf dich, Herr, und deshalb nehme ich deine Einladung von ganzem Herzen an und lege meinen Geist, mein Herz, mein Leben in deine Hände.“ Gott neigt sich nämlich zu uns herab und spricht zu uns, wie es in den Psalmen heißt, mit der Zärtlichkeit und Liebe einer Mutter. Im zweiten Kapitel des zweiten Buchs der Nachfolge Christi lesen wir: „Gott beschützt den Demütigen und rettet ihn; er liebt ihn und er tröstet ihn; er neigt sich sozusagen dem demütigen Menschen zu“. Den Demütigen erfüllt er mit Frieden, denn seine Gegenwart ist ihm Trost.

Ausgehend von diesem anfänglichen Sich-Einlassen auf Jesu Einladung zum Gebet, ergeben sich fast von selbst die grundlegenden Haltungen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. „Das Gebet setzt die Übung der göttlichen Tugenden voraus. Die Beziehung jedes einzelnen Menschen zu Gott kommt vorrangig in Glaube, Hoffnung und Liebe zum Ausdruck. Sie sind Quelle seines inneren und apostolischen Lebens“ (HMRC, Nr. 111). Die Rede ist von einem Glauben, der mich nicht dazu veranlasst, mich einer Idee, sondern der geliebten Person Jesu Christi, dem Freund meiner Seele hinzugeben, der aus Liebe zu mir Mensch geworden ist und mich erlöst hat. Dieser Glaube hilft uns, jenseits von Dunkelheit, Sorgen und Trauer zu blicken; er lässt uns stets voranschreiten, was auch geschieht, indem er die Ereignisse unseres Lebens mit dem Licht Gottes beleuchtet und uns hilft, treu zu sein und auszuharren bis in den Tod.

Ausgehend von diesen Empfindungen können wir unser Zwiegespräch mit Gott fortsetzen: „Herr, du weißt, dass ich an dich glaube, dass ich auf dich hoffe und dass ich dich liebe. Ich danke dir, Herr, für das Geschenk meines Glaubens. Ich danke dir dafür, dass du so gütig warst, mich an dich glauben und dich erfahren zu lassen. Herr, ich vertraue auf dich und liebe dich von ganzem Herzen. Hilf mir, dich inniger zu lieben, dich noch lieber zu haben und nur nach dem zu suchen, was dir wohlgefällt. Herr, ich vertraue auf dich, denn in deiner großen Güte willst du lediglich, dass ich glücklich bin und eines Tages in den Himmel komme, um bei dir zu sein. Denn du selbst, Herr, bist mein Himmel.“

Und vielleicht kommt so ein Moment, da wir keine Worte mehr brauchen, sondern nur in seiner Gegenwart sind, ihn betrachten und ihm unsere Zuneigung und Dankbarkeit ausdrücken.


2. Das Gebet als Danksagung, Vergebungsbitte und Bitte um Gaben

Ich denke, wir haben Grund, uns dem Gebet immer mit großer Dankbarkeit zu nahen. Das ist das Erste, was auf natürliche Weise in uns aufsteigen sollte: „Herr, ich danke dir.“ Wir danken ihm für alles, was uns zustößt. „Herr, vor allem danke ich dir, weil du mich eingeladen hast, hier zu sein. Herr, wer bin ich, dass du mich einlädst, bei dir zu sein? Was findest du an mir, dass du meine Freundschaft begehrst? Den ganzen Tag über klopfst du an die Tür meines Herzens und in winterlicher Kälte verbringst du Nächte, in der Hoffnung, dass ich dir öffne. Und weil du mich liebst, bist du immer da.“ An dieser Stelle wäre es passend, Gott für meine Familie, meine Frau (meinen Mann), meine Kinder und meine Eltern zu danken; - für das Geschenk des Lebens, für das Geschenk des katholischen Glaubens. Und dann nach und nach zu den übrigen Geschenken überzugehen, die er persönlich jedem Einzelnen hat machen wollen: die Gesundheit, eine künstlerische, sportliche oder intellektuelle Begabung, Erfolge im Beruf oder im Studium, Menschen, die uns in der Bewegung anleiten usw. All das haben wir von ihm empfangen. Und wir sollten ihm sogar für die Prüfungen, Schmerzen und Unannehmlichkeiten danken. Wenn wir diese Haltung der Dankbarkeit pflegen, wird es uns nach und nach gelingen, das Gespür dafür zu entwickeln, dass alles, was das Leben uns bringt aus Gottes gütiger Vaterhand kommt, – selbst jene Kreuze, die uns auf den ersten Blick empfindlich wehtun und viel abverlangen.

Eine weitere Gesinnung, von der unser Gebet geprägt sein sollte, ist die Bitte um Vergebung. Wir sollten Gott mit großer Demut um Verzeihung bitten – nicht nur um unserer Fehler willen, sondern auch wegen unserer Unterlassungen, für alles, was ihn verletzt oder sein Herz traurig gemacht haben könnte. „Vergib, Herr, für jedes Mal, da ich dich vergessen habe. Ich bitte dich für all das um Verzeihung, was dich vielleicht gekränkt hat, was mir aber nicht einmal bewusst geworden ist. Ich könnte dich nämlich in meinen Mitmenschen verletzt haben. Ich bitte dich um Vergebung, wenn in meinem Alltagsleben meine Gedanken, meine Worte, meine Liebe, deinen Gedanken, deinen Worten, deiner Liebe nicht ähnlich waren. Doch Herr, wie du weißt, führt deine Vergebung in mir nicht zu Traurigkeit, Mutlosigkeit oder Angst, im Gegenteil: deine Vergebung festigt mein Vertrauen zu dir, lässt mich dich inniger lieben. Es ist eine Vergebung, die mich unter dein sanftes Joch bringt, was mich trotz der Schmerzen meiner Seele nicht traurig macht, sondern aufgrund deiner unendlichen Güte im Vertrauen stärkt.“ Diese Haltung der Demut bereitet uns darauf vor, für Christi Worte aufnahmefähig zu sein: „Kind, ich will nicht, dass du dir weiterhin Sorgen machst; ich will nicht, dass diese deine Schwäche dich weiter beschäftigt. Glaubst du nicht an meine Vergebung? An meine große Liebe zu dir? Glaubst du etwa, ich will, dass du traurig bist? Glaubst du, ich will, dass du dir Sorgen machst? Oder dass du zweifelst? Bin ich denn nicht hier, ich, der ich dich so sehr liebe? Was brauchst du sonst noch?“

Ein solches Beten mündet in die Nachfolge Christi. Bei der Feier des Christkönigsfests erkennen wir, dass es dabei weniger um das Feiern, als vielmehr darum geht, uns den Sinn dieses Lebens zu vergegenwärtigen. Beim betrachtenden Nachdenken darüber, stellen wir fest, dass Christus die Frage, ob er ein König ist, mit einem Ja beantwortet: sein Reich sei jedoch nicht von dieser Welt (vgl. Joh 18,36). Als er sich selbst einen König nannte, trug er eine Krone aus Dornen; sein Leib war zerschlagen, sein ganzes Sein mit körperlichen und vor allem seelischen Wunden übersät. Im Gebet sehen wir uns mit ihm herrschen, wobei seine Herrschaft sich in Demut und Güte verwirklicht. Seine Krone bildeten Vergebung, Barmherzigkeit und seelische Größe. Es war kein Königtum der Macht oder des Überflusses, kein Reich des Scheins, des Jetzt-komme-ich oder der Eitelkeit. Es war kein Reich, in dem man sich bedienen ließ, wo man etwa nach Art eines Paragraphenreiters die Gerechtigkeit allein um der Gerechtigkeit willen suchte, sondern vielmehr nach einer Gerechtigkeit, die in Liebe ausgeübt wird – also nach dem wahren Ziel – strebte. Sein Königreich gibt uns die Möglichkeit, uns in den Prüfungen und Leiden aller Tage, in den schmerzvollen kleinen und großen Kreuzen, die wir im Schweigen tragen, mit ihm zu vereinen. Diese Kreuze stimmen uns nicht niedergedrückt, weil wir an ihnen die Arme ausbreiten, um ihn fester zu umfangen und die ersten zu sein, an denen die Güte Christi wie in einem Spiegel reflektiert wird.

Drittens lade ich Sie dazu ein, in Ihrem Gebetsleben regelmäßig um Gaben zu bitten. Zuweilen schämen wir uns vielleicht ein bisschen, weil wir glauben, dass wir Gott zur Last fallen, wenn wir ihn den ganzen Tag um dieses oder jenes bitten. Doch das stimmt nicht. In Wahrheit freut sich Gott, wenn wir ihn um etwas bitten. Im Evangelium vom Weinstock und den Rebzweigen sagt Christus zu seinen Jüngern: „Wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten“ (Joh 15,7). Er will uns geben, worum wir ihn bitten. Er will, dass wir ihn bitten, weil es ihm große Freude macht, uns alles zu schenken. Wie es in einem schönen Tagesgebet der heiligen Messe heißt, können wir ihn sogar um das bitten, worum wir nicht zu bitten wagen (vgl. Tagesgebet des 27. Sonntags im Jahreskreis). Wenn wir es zuweilen nicht wagen, um etwas zu bitten, dann deshalb, weil wir vergessen, dass Gott nichts anderes will, als unser Glück. Er will, dass wir mit unseren Bitten zu ihm kommen, denn es geht ihm so, wie jedem, der liebt und sich darüber freut, dass er seine Kinder glücklich machen kann. „Herr, triumphiere über meine Ängste, über meine Verzagtheit, über meine Traurigkeit. Herr, hilf mir, so zu sein, wie du es von mir erwartest, so zu sein, wie du es willst. Halte mein Herz, halte meine Hände zurück, wenn sie im Begriff sind, einem Mitmenschen wehzutun. Lass nicht zu, o Herr, dass ich mich von dir trenne; lass nicht zu, dass Seelen sich wegen mir von dir entfernen.“ Also, beten wir flehentlich, damit wir in unserem Herzen ebenso sanftmütig und demütig werden wie er; damit wir immer das Gute tun, nie müde werden, es zu tun (vgl. 2 Thess 3,13).

Das führt zu echtem apostolischem Eifer, der kein Wachsen um des Wachstums selbst willen ist, der nicht darin besteht, um jeden Preis Resultate zu erzielen und der nicht quantitativ messbar ist. All das ist eine Hilfe, doch es ist nur ein Mittel, und wenn es um seiner selbst geschieht, dann verletzt es das Herz Christi und widerspricht dem eigentlichen Sinn des Wachstums: denn es ist ein reiner Liebesdienst, durch den wir in unserem Leben anhand von Gebet, Wort, Beispiel und Werken die Liebe Gottes weiterschenken. Wer betet, kann also nie der gleiche Mensch bleiben. Er weiß, dass er das Feuer der Liebe Christi nicht für sich allein im Herzen behalten kann. So haben es die ersten Christen erfahren.

3. Eucharistie und Bibellektüre als Wege zur Erneuerung des Gebets

Neben der Heiligen Schrift ist die Eucharistiefeier der bevorzugte Ort für unsere Begegnung mit Christus. Im Tabernakel ist der Herr wahrhaft gegenwärtig und wartet auf unseren Besuch. Auch dort lädt er uns ein, ihm zu begegnen. Er sehnt sich danach, dass wir ihn besuchen, ja mehr noch: In gewissem Sinne könnten wir sogar sagen, dass er uns vermisst, weil er uns beschenken will. Und wenn wir die Kapelle betreten, dann sagt er zu uns: „Mein Kind, ich danke dir, dass du da bist, denn ich habe dich wirklich vermisst.“ Wir sollten immer in großer Nähe zum Tabernakel leben. Wie sehr kann es uns helfen, wenn wir zum Beispiel im Lauf des Tages dem Allerheiligsten Sakrament einen Besuch abstatten, um Jesus zu trösten und einige Momente des Friedens mit ihm zu verbringen. Wer Christus liebt und glaubt, dass er alle Tage bis zum Ende der Welt bei uns ist, der findet Mittel und Wege, der findet die rechte Zeit und den rechten Ort, um bei ihm zu sein. Und wenn wir rein physisch nicht die Möglichkeit haben, ihn zu besuchen – wie sehr hilft uns in dem Falle eine geistige Kommunion oder ein Stoßgebet, um uns mit ihm zu vereinen, wobei wir an die vielen Tabernakel, in denen er gegenwärtig ist, aber nicht besucht wird, denken können.

Auch die Heilige Schrift ist eine Quelle für die ständige Betrachtung und Unterredung mit Christus. Wie viele Gnaden und wie viel Licht sind uns nicht doch beim Lesen eines Satzes aus der Bibel schon geschenkt worden! Es genügt, sich nur wieder einmal bewusst zu werden, wie viele wesentliche Elemente unserer Spiritualität einfach Frucht eines aufmerksamen Blickes sind, der auf das Evangelium geworfen wurde: die Menschwerdung, Getsemani, das eben erwähnte Gleichnis vom Weinstock und von den Rebzweigen usw. Vom 5. bis zum 27. Oktober dieses Jahres hat im Vatikan die Bischofssynode über das Wort Gottes stattgefunden. Gott gebe, dass dieses Ereignis uns allen helfen möge, die Heilige Schrift noch mehr als ein großes Geschenk zu betrachten, das Gott uns gemacht hat. In ihrer abschließenden Botschaft luden die Bischöfe uns ein, die Bibel immer im Haus zu haben, sie zu lesen, uns in ihre Texte zu vertiefen und diese inhaltlich gründlich zu verstehen, damit wir sie ins Gebet und ins Leben übertragen können. Möge die Bibel und insbesondere das Evangelium bei Tagesbeginn in unseren Häusern gelesen werden, damit Gott immer das erste Wort hat; desgleichen sollte sie an allen Abenden gelesen werden, damit Gott auch das letzte Wort hat. Ich glaube wirklich, dass wir alle noch mehr aus der Fülle des Evangeliums leben können. Wie oft lesen wir das Evangelium, ohne dass es unser Leben verändert. Wenn wir an das Evangelium glauben und den Heiligen Geist darum bitten, dass er seinem Wort Leben und Wirksamkeit verleihen möge, dann werden wir darin Antwort auf alle Fragen unseres Lebens finden. Wenn wir uns wirklich in das Evangelium vertiefen, dann wird unser Leben sich ändern, und diese Veränderung wird denkbar konkret sein.

Schließlich wollen wir bedenken, dass auch unsere tägliche Arbeit zu einem gottgefälligen Gebet werden kann. Es kann nicht sein, dass wir arbeiten, ohne zu beten, oder beten, ohne zu arbeiten. Wenn wir beten, ohne zu arbeiten, dann fehlt Gott womöglich das Instrument, durch das er seine Gnaden mitteilen will; wenn wir arbeiten, ohne zu beten, dann wird unsere Arbeit schwerlich Früchte für das Reich Christi erbringen. Deshalb sollten wir uns bemühen, bei der Erledigung unserer Alltagsgeschäfte das freundschaftliche Gespräch mit Christus und dem Heiligen Geist niemals abreißen zu lassen: Wir müssen kontemplativ sein, um die Ziele, die uns unsere Liebe zu Christus und zu den Menschen aufgibt, wirklich erreichen zu können (vgl. HMRC, Nr. 112).

Wir beten niemals allein, sondern immer in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche. Denn, wie Jesus uns selbst gesagt hat, „wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20). Ich lade Sie also ein, die Gelegenheiten zu nutzen, die sich in der Familie zum Gebet anbieten, aber auch die verschiedenen Regnum Christi-typischen Aktivitäten – wie etwa die Begegnung mit Christus, die Studienkreise und praktisch alle Teamaktivitäten – im Geist des Gebets zu leben. Eben das ist auch der Grund, weshalb wir diese Aktivitäten immer mit einer Anrufung des Heiligen Geistes beginnen. Ganz besonders empfehle ich Ihnen, alles zu tun, um die „Begegnung mit Christus“ wirklich das werden zu lassen, was sie ist: eine persönliche und gemeinschaftliche Begegnung mit der Person unseres Herrn Jesus Christus.

Erbeten wir uns oft vom Herrn die Gnade, Menschen des Gebets zu sein; Menschen, die wie die Apostel die Netze so weit auswerfen, wie sie nur können - bis in die Ewigkeit hinein, und Menschen, die in jedem Augenblick das Gute tun. Das Gebet heiligt unser Tagewerk, heiligt jede Sekunde, und unser Auftrag ist es, heilig zu sein. Wenden wir uns vertrauensvoll an unsere Sektionsleiter und die Menschen, die für unsere geistliche Orientierung und Leitung verantwortlich sind, damit sie uns helfen, von Christus beten zu lernen. Mögen unsere Wohn– und Arbeitsstätten zu einer wahren Schule des Gebets werden. Triduen, Kurse, ja, selbst eine geistliche Leitung können hervorragende Gelegenheiten sein, um gemeinsam mit denjenigen, die uns anleiten, einen Moment des Gebets zu verbringen und uns von ihnen in der Kunst des Betens unterweisen zu lassen.

Ich möchte nicht enden, ohne meinen Blick zuvor auf die größte Lehrerin aller Zeiten in Sachen Gebet zu richten. Wer wirklich beten lernen will, muss wie ein Kind werden, das an der Hand Mariens geht. Ganz sicher war sie es, die Jesus während der verborgenen Jahre in Nazareth die ersten Gebete lehrte. Vor einigen Wochen hat der Heilige Vater in der Wallfahrtskirche Unserer Lieben Frau von Pompeji gesagt: „Vor allem muss man sich von der Jungfrau Maria an der Hand führen lassen, um das Antlitz Christi zu betrachten: ein freudenreiches, lichtreiches, schmerzhaftes und glorreiches Antlitz. Wer wie Maria und gemeinsam mit ihr die Geheimnisse Jesu bewahrt und sie unermüdlich betrachtet, der macht sich seine Empfindungen immer mehr zu eigen und wird ihm ähnlich“ (Benedikt XVI., Meditation nach dem Rosenkranzgebet in Pompeji, 19. Oktober 2008).

Erbeten wir von Maria die Gnade, niemals zu verlernen, uns von der überaus großen Güte Gottes beeindrucken zu lassen. Wenn wir nur begreifen könnten, wie gütig er ist, denn dann hätten wir wahrhaft keine Probleme mehr. Ein solches Maß an Güte ist unwiderstehlich. Dann tritt alles andere in den Hintergrund und erscheint uns unbedeutend. Ohne Gebet stirbt unsere Seele langsam ab, wird unser Boden trocken und unfruchtbar. Mit dem Gebet bringt unser Boden Früchte für das ewige Leben hervor. Mit Maria dürfen wir uns sicher sein, dass wir nichts zu befürchten haben. Welch eine große Hilfe sind doch die Worte, mit denen die Jungfrau von Guadalupe uns auffordert, uns keine Sorgen zu machen: „Bin ich denn nicht hier, ich, deine Mutter?“

In tiefer Dankbarkeit für Ihre Freundschaft und Nähe und mit einem besonderen Gedenken im Gebet verbleibe ich in Christus herzlichst Ihr

Álvaro Corcuera LC


(Übersetzung des spanischsprachigen Originals)


Brief zum Christkönigsfest 2008

Brief zum Christkönigsfest 2008

P. Álvaro Corcuera LC, Generaldirektor der Legionäre Christi und des Regnum ChristiLiebe Freunde in Christus!

Bald feiern wir das Christkönigsfest – den Tag, an dem die Bewegung uns einlädt, unsere Liebe zu Jesus Christus und unsere feste Verbundenheit mit ihm zu erneuern. An diesem Tag machen wir uns wieder neu bewusst, dass unserem Christsein „kein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person“ zugrundeliegt (Benedikt XVI., Deus caritas est, Nr. 1). Diese tägliche Begegnung mit Christus gibt unserem Leben einen neuen Horizont und hierdurch eine entscheidende Richtung (vgl. ebd.).

Christus als unseren König feiern zu können, ist eine echte Gelegenheit und so danken wir Gott hierfür und bitten ihn darum, dafür zu sorgen, dass Jesus immer und zu jedem Zeitpunkt herrscht, indem er uns dabei hilft, wie er zu denken, zu reden, zu handeln und zu lieben – eben so, wie es seinem Herzen entspricht. So lautet unsere Bitte stets, dass sein Reich komme, damit er jeden Winkel unseres Seins mit Frieden und Licht erfülle. Seit dem Tod von Nuestro Padre ist dies unser erstes Christkönigsfest, und wir alle spüren uns lebhaft davon in die Pflicht genommen. Jener Sache, die uns Gott anvertraut hat, müssen wir uns annehmen, wobei unser Augenmerk stets auf Christus gerichtet ist. Christus leidenschaftlich zu lieben – das ist Gottes Auftrag an uns. Alles Übrige ist Konsequenz dieser Liebe.

Diesmal möchte ich mit Ihnen gemeinsam über das Gebetsleben nachdenken, eine Thematik, die der Heilige Geist uns unentwegt in Erinnerung gerufen hat, indem er uns die Worte des heiligen Paulus zu bedenken gab: „Betet ohne Unterlass!“ (1 Thess 5,17). Ununterbrochen beten, mit Gott sprechen, auf das hören, was er uns in seiner unendlichen Liebe zu sagen hat – und es in die Tat umsetzen, das ist unser Thema. Viele von Ihnen berichten mir immer wieder davon, wie schwer es ihnen fällt, Tag für Tag ein konsequent christliches Leben zu führen und in der Welt von heute echte Nächstenliebe zu praktizieren. Es bedarf großer geistiger Stärke und Kraft sowie zahlreicher, zuweilen sogar heroischer Opfer, um von Christus Zeugnis abzulegen: im liebevollen Umgang mit allen Verwandten und Bekannten, in der gewissenhaften Arbeit, in der ehelichen Treue, in den beruflichen und geschäftlichen Beziehungen, in der Achtung des vorehelichen Standes, in der guten Nachrede usw. Manchmal machen wir sogar die Erfahrung, dass unser verstärkter Einsatz für Christus und für die Ausbreitung seines Reiches die Bemühungen des Feindes unserer Seele, uns von Gott zu trennen und in unserer Umgebung Verwirrung und Zwietracht zu stiften, noch intensiver macht. Das Gebet ist die Wegzehrung unseres Lebens, und an unsere Mitmenschen geben wir das weiter, was wir im Gebet empfangen haben. Mitunter mag uns das Beten sehr schwerfallen, doch wir sind von Gott für das Gebet geschaffen, denn Beten heißt, immer in seiner Gegenwart leben. Er wohnt in uns und kennt uns besser, als wir selbst uns jemals kennen können. Wer betet, lebt; wer nicht betet, muss mit ansehen, wie sein Leben langsam den Sinn verliert; wie das Zufällige und das, was nur Mittel zum Zweck ist, zu seinem Lebensinhalt wird. Seine Seele stirbt langsam ab und wird erfüllt mit Traurigkeit. Wer betet, sieht alles mit den Augen Gottes; sein Herz wird erfüllt mit Frieden und mit einem Glück, das wir nicht finden können, wenn wir es außerhalb von uns suchen. Gott ist die Liebe, und Gott wohnt in uns; wer betet, lebt in der Liebe. Wenn wir beten, sollen wir den Mut nicht verlieren, denn Gott kommt uns mit der Initiative, sich zu seinen Kindern herabzubeugen, zuvor; er umsorgt sie mit der Zärtlichkeit einer Mutter und begleitet sie mit jener Standhaftigkeit und Liebe wie sie ein Vater, ein Bruder und ein treuer Freund besitzen.

Wir wissen, dass Gott allein uns die nötige Kraft geben kann, die verschiedenen Prüfungen, die das Leben für uns bereithält, zu bestehen und dass er allein fähig ist, bei bestimmten persönlichen oder familiären Problemen, die nach menschlichem Ermessen hoffnungslos sind, Abhilfe zu schaffen. Obwohl uns dies bewusst ist, bemerken wir aber alle hin und wieder, dass unser Umgang mit Gott nicht so häufig und nicht so intensiv ist, wie das der Fall sein sollte. Zuweilen wenden wir uns erst dann an Gott, wenn kein anderer Ausweg mehr bleibt und wir selbst nicht mehr weiterwissen. Oder wir beschränken unser Beten einfach darauf, von Gott Rechenschaft für das Negative zu fordern, das um uns herum geschieht.

Wie wir im Römerbrief lesen (vgl. 8,28), trägt für den, der liebt, alles zum Guten bei, und wenn wir beten, zieht die Hoffnung in unser Leben ein, weil eben für Gott nichts unmöglich ist, ja, mehr noch, weil er alles einem höheren Gut zuführen kann – sogar schwerstes menschliches Unglück, Misserfolge und Niederlagen, tiefe Trauer und schweres Scheitern. Das Gebet ist keine Notfallmedizin, sondern eine in Liebe gegebene Antwort auf die Liebe, Gott selbst. Beten heißt, mit demjenigen sprechen, dessen Liebe uns sicher ist, es ist vor allem ein Hören auf den süßen Gast der Seele, der uns lediglich sagen will, wie sehr er uns liebt und wie sehr er sich wünscht, dass wir in den Himmel kommen. Wer betet, nimmt den Himmel vorweg, denn der Himmel ist das Zusammensein mit Gott. Am Ende unseres Lebens wird die Frage nach der Liebe Thema des persönlichen Gerichts sein: nicht unsere menschlichen Fähigkeiten oder Leistungen, sondern unser Herz zählt dann. Es bündelt sich alles in dieser Frage: „Hast du geliebt?“ Und wenn wir lieben, dann verschenken wir uns, dann hält uns nichts zurück, dann ist kein Hindernis unüberwindlich, sondern alles führt zum Guten. Liebe heißt Hingabe an Gott und damit Hingabe an den Nächsten. „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner“, sagt der heilige Johannes (1 Joh 4,20), und deshalb wird der, der betet, immer in der Liebe leben. Gott wird in seinem Herzen sagen: „gehe und liebe deinen Nächsten, wie ich ihn liebe, ohne Ausnahme. Ich liebe ihn in dir, von deinem Herzen aus.“ Wer liebt, fürchtet sich nicht, denn Gott ist sein Schild, seine Stärke und sein Halt. Je mehr man betet, desto größer die Liebe; je größer die Liebe, desto größer die Heiligkeit und desto geringer die Furcht.

Das bevorstehende Christkönigsfest lädt uns ein, über diesen grundlegenden Aspekt unseres christlichen Lebens nachzudenken. Uns alle bewegt das Zeugnis vieler Männer und Frauen – ich spreche von Regnum Christi-Mitgliedern und ebenso von Menschen aus anderen Bereichen des kirchlichen Lebens –, denen es gelungen ist, aus dem Gebet eine feste Angewohnheit zu machen. Sie sind für uns lebendiges Beispiel einer reinen, mit Christus vereinten Seele. Dieser eifrige, beständige und behutsame Umgang mit Christus im Gebet und in der Eucharistie war für sie und ihre Familien die wirksamste Medizin gegen alle Krankheiten des Leibes und der Seele. Das Gebet ist der Ort, an dem diese großen Apostel ihre glänzendsten Erfolge im Dienst an der Kirche errungen haben, weil sie zutiefst davon überzeugt waren, dass Gott alles vermag. Erinnern wir uns an das Beispiel Johannes Pauls II. und daran, wie viel Zeit er vor dem Tabernakel verbrachte. Die Frage, woher er die Kraft nahm, um das scheinbar Unmögliche zu tun, um vor nichts Angst zu haben und uns alle zu führen, steht also im Raum. Woher kamen all diese Initiativen, die Weltjugendtage, die unterschiedlichsten Treffen, seine kluge Entschlossenheit als die Mauern fielen und die Situation der Welt sich von Grund auf veränderte. Er hat unermesslich viel Gutes getan, und das alles erwuchs aus einer Haltung des beständigen Zuhörens und aus der Bereitschaft, das, was der Freund ihm sagte, in die Praxis, in die Tat umzusetzen.

Im Johannesevangelium benutzt Christus das Bild vom Weinstock und den Reben, um uns zu belehren: „Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt.“ Und wenig später fügt er hinzu: „Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen“ (Joh 15,45). Diese Worte geben uns zu verstehen, dass das Gebetsleben nicht auf einige Momente beschränkt werden kann, die nebensächlich sind oder außer der Reihe stehen, sondern dass daraus eine dauernde innere Einstellung unserer Seele entstehen muss, von der jeder Augenblick unseres Lebens durchdrungen ist. Es geht darum, sich beim Beten nicht entmutigen zu lassen, pausenlos Gott anzurufen und ständig in der Gegenwart des treuen Freundes zu verweilen.

Im Gebet, in diesem liebevollen, intimen, von Herz zu Herz geführten Zwiegespräch mit Jesus Christus wird der Herr selbst die Verwandlung unserer Seelen vollbringen. „Wenn wir im Gebet mit Gott in Kontakt treten, so entspringen daraus konkrete Gewissheiten, Überzeugungen, Einstellungen und Verhaltensweisen. Wer betet, verspürt das Bedürfnis, seinen Geist, sein Herz, seinen Willen und sein Handeln mit dem allerheiligsten Willen Gottes, dem er sich gegenübergestellt sieht, in Einklang zu bringen: ‚Herr, was soll ich tun?‘ Deshalb besteht die erste Frucht des Gebets neben der Ehre Gottes darin, dass der Mensch den Willen Gottes wahrnimmt und diesen in Heiterkeit, Freude und Liebe akzeptiert“ (Mitgliederhandbuch der Bewegung Regnum Christi, Nr. 106). Beten heißt, Jesu Hand zu fassen, um sich von ihm führen zu lassen, damit er in unserem Leben ganz nach seinem Willen handeln kann. Beten heißt auch, aufmerksam auf die Stimme des süßen Gasts der Seele, den Heiligen Geist, zu lauschen, der uns mit unzähligen Gnaden zu einem tieferen Gebetsleben anleitet. Ohne seine Hilfe wären wir kaum imstande zu beten, denn, wie der Apostel schreibt, „Keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet“ (1 Kor 12,3).

Mit diesen Gedanken im Sinn möchte ich Ihnen nun einige Anhaltspunkte geben, die Ihnen dabei behilflich sein könnten, Ihre persönliche Beziehung zu Jesus zu vertiefen, ihm zuzuhören und mit ihm zu sprechen – was vor allem im betrachtenden Gebet und dann geschehen kann, wenn Sie ihn im Verlauf des Tages spontan im Tabernakel aufsuchen.

1. Das Gebet, die persönliche Einladung Christi, bei ihm zu sein

Wenn wir unser Gespräch mit Jesus beginnen, müssen wir ihn zuallererst um die Gnade bitten, das Gebet wahrhaft als eine von ihm kommende Einladung zu verstehen: bei ihm sein. Im Gebet ergreift er selbst die Initiative und lädt mich zu sich ein. Deshalb nehmen wir uns in aller Sorgfalt zu Beginn des Gebets immer einen Augenblick Zeit, um uns in die Gegenwart Gottes zu versetzen. Es hilft daran zu denken, dass er mich so sehr liebt, dass er mit mir sprechen, mit mir zusammen sein, mein Herz wandeln und dem seinen ähnlicher machen möchte. Hieraus muss ein ehrliches Gespräch mit Gott entstehen: „Herr, ich weiß, dass du es bist, der mich in diesem Gebet zum Gespräch einlädt, weil du mich liebst. Ich vertraue auf dich, Herr, und deshalb nehme ich deine Einladung von ganzem Herzen an und lege meinen Geist, mein Herz, mein Leben in deine Hände.“ Gott neigt sich nämlich zu uns herab und spricht zu uns, wie es in den Psalmen heißt, mit der Zärtlichkeit und Liebe einer Mutter. Im zweiten Kapitel des zweiten Buchs der Nachfolge Christi lesen wir: „Gott beschützt den Demütigen und rettet ihn; er liebt ihn und er tröstet ihn; er neigt sich sozusagen dem demütigen Menschen zu“. Den Demütigen erfüllt er mit Frieden, denn seine Gegenwart ist ihm Trost.

Ausgehend von diesem anfänglichen Sich-Einlassen auf Jesu Einladung zum Gebet, ergeben sich fast von selbst die grundlegenden Haltungen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. „Das Gebet setzt die Übung der göttlichen Tugenden voraus. Die Beziehung jedes einzelnen Menschen zu Gott kommt vorrangig in Glaube, Hoffnung und Liebe zum Ausdruck. Sie sind Quelle seines inneren und apostolischen Lebens“ (HMRC, Nr. 111). Die Rede ist von einem Glauben, der mich nicht dazu veranlasst, mich einer Idee, sondern der geliebten Person Jesu Christi, dem Freund meiner Seele hinzugeben, der aus Liebe zu mir Mensch geworden ist und mich erlöst hat. Dieser Glaube hilft uns, jenseits von Dunkelheit, Sorgen und Trauer zu blicken; er lässt uns stets voranschreiten, was auch geschieht, indem er die Ereignisse unseres Lebens mit dem Licht Gottes beleuchtet und uns hilft, treu zu sein und auszuharren bis in den Tod.

Ausgehend von diesen Empfindungen können wir unser Zwiegespräch mit Gott fortsetzen: „Herr, du weißt, dass ich an dich glaube, dass ich auf dich hoffe und dass ich dich liebe. Ich danke dir, Herr, für das Geschenk meines Glaubens. Ich danke dir dafür, dass du so gütig warst, mich an dich glauben und dich erfahren zu lassen. Herr, ich vertraue auf dich und liebe dich von ganzem Herzen. Hilf mir, dich inniger zu lieben, dich noch lieber zu haben und nur nach dem zu suchen, was dir wohlgefällt. Herr, ich vertraue auf dich, denn in deiner großen Güte willst du lediglich, dass ich glücklich bin und eines Tages in den Himmel komme, um bei dir zu sein. Denn du selbst, Herr, bist mein Himmel.“

Und vielleicht kommt so ein Moment, da wir keine Worte mehr brauchen, sondern nur in seiner Gegenwart sind, ihn betrachten und ihm unsere Zuneigung und Dankbarkeit ausdrücken.


2. Das Gebet als Danksagung, Vergebungsbitte und Bitte um Gaben

Ich denke, wir haben Grund, uns dem Gebet immer mit großer Dankbarkeit zu nahen. Das ist das Erste, was auf natürliche Weise in uns aufsteigen sollte: „Herr, ich danke dir.“ Wir danken ihm für alles, was uns zustößt. „Herr, vor allem danke ich dir, weil du mich eingeladen hast, hier zu sein. Herr, wer bin ich, dass du mich einlädst, bei dir zu sein? Was findest du an mir, dass du meine Freundschaft begehrst? Den ganzen Tag über klopfst du an die Tür meines Herzens und in winterlicher Kälte verbringst du Nächte, in der Hoffnung, dass ich dir öffne. Und weil du mich liebst, bist du immer da.“ An dieser Stelle wäre es passend, Gott für meine Familie, meine Frau (meinen Mann), meine Kinder und meine Eltern zu danken; - für das Geschenk des Lebens, für das Geschenk des katholischen Glaubens. Und dann nach und nach zu den übrigen Geschenken überzugehen, die er persönlich jedem Einzelnen hat machen wollen: die Gesundheit, eine künstlerische, sportliche oder intellektuelle Begabung, Erfolge im Beruf oder im Studium, Menschen, die uns in der Bewegung anleiten usw. All das haben wir von ihm empfangen. Und wir sollten ihm sogar für die Prüfungen, Schmerzen und Unannehmlichkeiten danken. Wenn wir diese Haltung der Dankbarkeit pflegen, wird es uns nach und nach gelingen, das Gespür dafür zu entwickeln, dass alles, was das Leben uns bringt aus Gottes gütiger Vaterhand kommt, – selbst jene Kreuze, die uns auf den ersten Blick empfindlich wehtun und viel abverlangen.

Eine weitere Gesinnung, von der unser Gebet geprägt sein sollte, ist die Bitte um Vergebung. Wir sollten Gott mit großer Demut um Verzeihung bitten – nicht nur um unserer Fehler willen, sondern auch wegen unserer Unterlassungen, für alles, was ihn verletzt oder sein Herz traurig gemacht haben könnte. „Vergib, Herr, für jedes Mal, da ich dich vergessen habe. Ich bitte dich für all das um Verzeihung, was dich vielleicht gekränkt hat, was mir aber nicht einmal bewusst geworden ist. Ich könnte dich nämlich in meinen Mitmenschen verletzt haben. Ich bitte dich um Vergebung, wenn in meinem Alltagsleben meine Gedanken, meine Worte, meine Liebe, deinen Gedanken, deinen Worten, deiner Liebe nicht ähnlich waren. Doch Herr, wie du weißt, führt deine Vergebung in mir nicht zu Traurigkeit, Mutlosigkeit oder Angst, im Gegenteil: deine Vergebung festigt mein Vertrauen zu dir, lässt mich dich inniger lieben. Es ist eine Vergebung, die mich unter dein sanftes Joch bringt, was mich trotz der Schmerzen meiner Seele nicht traurig macht, sondern aufgrund deiner unendlichen Güte im Vertrauen stärkt.“ Diese Haltung der Demut bereitet uns darauf vor, für Christi Worte aufnahmefähig zu sein: „Kind, ich will nicht, dass du dir weiterhin Sorgen machst; ich will nicht, dass diese deine Schwäche dich weiter beschäftigt. Glaubst du nicht an meine Vergebung? An meine große Liebe zu dir? Glaubst du etwa, ich will, dass du traurig bist? Glaubst du, ich will, dass du dir Sorgen machst? Oder dass du zweifelst? Bin ich denn nicht hier, ich, der ich dich so sehr liebe? Was brauchst du sonst noch?“

Ein solches Beten mündet in die Nachfolge Christi. Bei der Feier des Christkönigsfests erkennen wir, dass es dabei weniger um das Feiern, als vielmehr darum geht, uns den Sinn dieses Lebens zu vergegenwärtigen. Beim betrachtenden Nachdenken darüber, stellen wir fest, dass Christus die Frage, ob er ein König ist, mit einem Ja beantwortet: sein Reich sei jedoch nicht von dieser Welt (vgl. Joh 18,36). Als er sich selbst einen König nannte, trug er eine Krone aus Dornen; sein Leib war zerschlagen, sein ganzes Sein mit körperlichen und vor allem seelischen Wunden übersät. Im Gebet sehen wir uns mit ihm herrschen, wobei seine Herrschaft sich in Demut und Güte verwirklicht. Seine Krone bildeten Vergebung, Barmherzigkeit und seelische Größe. Es war kein Königtum der Macht oder des Überflusses, kein Reich des Scheins, des Jetzt-komme-ich oder der Eitelkeit. Es war kein Reich, in dem man sich bedienen ließ, wo man etwa nach Art eines Paragraphenreiters die Gerechtigkeit allein um der Gerechtigkeit willen suchte, sondern vielmehr nach einer Gerechtigkeit, die in Liebe ausgeübt wird – also nach dem wahren Ziel – strebte. Sein Königreich gibt uns die Möglichkeit, uns in den Prüfungen und Leiden aller Tage, in den schmerzvollen kleinen und großen Kreuzen, die wir im Schweigen tragen, mit ihm zu vereinen. Diese Kreuze stimmen uns nicht niedergedrückt, weil wir an ihnen die Arme ausbreiten, um ihn fester zu umfangen und die ersten zu sein, an denen die Güte Christi wie in einem Spiegel reflektiert wird.

Drittens lade ich Sie dazu ein, in Ihrem Gebetsleben regelmäßig um Gaben zu bitten. Zuweilen schämen wir uns vielleicht ein bisschen, weil wir glauben, dass wir Gott zur Last fallen, wenn wir ihn den ganzen Tag um dieses oder jenes bitten. Doch das stimmt nicht. In Wahrheit freut sich Gott, wenn wir ihn um etwas bitten. Im Evangelium vom Weinstock und den Rebzweigen sagt Christus zu seinen Jüngern: „Wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten“ (Joh 15,7). Er will uns geben, worum wir ihn bitten. Er will, dass wir ihn bitten, weil es ihm große Freude macht, uns alles zu schenken. Wie es in einem schönen Tagesgebet der heiligen Messe heißt, können wir ihn sogar um das bitten, worum wir nicht zu bitten wagen (vgl. Tagesgebet des 27. Sonntags im Jahreskreis). Wenn wir es zuweilen nicht wagen, um etwas zu bitten, dann deshalb, weil wir vergessen, dass Gott nichts anderes will, als unser Glück. Er will, dass wir mit unseren Bitten zu ihm kommen, denn es geht ihm so, wie jedem, der liebt und sich darüber freut, dass er seine Kinder glücklich machen kann. „Herr, triumphiere über meine Ängste, über meine Verzagtheit, über meine Traurigkeit. Herr, hilf mir, so zu sein, wie du es von mir erwartest, so zu sein, wie du es willst. Halte mein Herz, halte meine Hände zurück, wenn sie im Begriff sind, einem Mitmenschen wehzutun. Lass nicht zu, o Herr, dass ich mich von dir trenne; lass nicht zu, dass Seelen sich wegen mir von dir entfernen.“ Also, beten wir flehentlich, damit wir in unserem Herzen ebenso sanftmütig und demütig werden wie er; damit wir immer das Gute tun, nie müde werden, es zu tun (vgl. 2 Thess 3,13).

Das führt zu echtem apostolischem Eifer, der kein Wachsen um des Wachstums selbst willen ist, der nicht darin besteht, um jeden Preis Resultate zu erzielen und der nicht quantitativ messbar ist. All das ist eine Hilfe, doch es ist nur ein Mittel, und wenn es um seiner selbst geschieht, dann verletzt es das Herz Christi und widerspricht dem eigentlichen Sinn des Wachstums: denn es ist ein reiner Liebesdienst, durch den wir in unserem Leben anhand von Gebet, Wort, Beispiel und Werken die Liebe Gottes weiterschenken. Wer betet, kann also nie der gleiche Mensch bleiben. Er weiß, dass er das Feuer der Liebe Christi nicht für sich allein im Herzen behalten kann. So haben es die ersten Christen erfahren.

3. Eucharistie und Bibellektüre als Wege zur Erneuerung des Gebets

Neben der Heiligen Schrift ist die Eucharistiefeier der bevorzugte Ort für unsere Begegnung mit Christus. Im Tabernakel ist der Herr wahrhaft gegenwärtig und wartet auf unseren Besuch. Auch dort lädt er uns ein, ihm zu begegnen. Er sehnt sich danach, dass wir ihn besuchen, ja mehr noch: In gewissem Sinne könnten wir sogar sagen, dass er uns vermisst, weil er uns beschenken will. Und wenn wir die Kapelle betreten, dann sagt er zu uns: „Mein Kind, ich danke dir, dass du da bist, denn ich habe dich wirklich vermisst.“ Wir sollten immer in großer Nähe zum Tabernakel leben. Wie sehr kann es uns helfen, wenn wir zum Beispiel im Lauf des Tages dem Allerheiligsten Sakrament einen Besuch abstatten, um Jesus zu trösten und einige Momente des Friedens mit ihm zu verbringen. Wer Christus liebt und glaubt, dass er alle Tage bis zum Ende der Welt bei uns ist, der findet Mittel und Wege, der findet die rechte Zeit und den rechten Ort, um bei ihm zu sein. Und wenn wir rein physisch nicht die Möglichkeit haben, ihn zu besuchen – wie sehr hilft uns in dem Falle eine geistige Kommunion oder ein Stoßgebet, um uns mit ihm zu vereinen, wobei wir an die vielen Tabernakel, in denen er gegenwärtig ist, aber nicht besucht wird, denken können.

Auch die Heilige Schrift ist eine Quelle für die ständige Betrachtung und Unterredung mit Christus. Wie viele Gnaden und wie viel Licht sind uns nicht doch beim Lesen eines Satzes aus der Bibel schon geschenkt worden! Es genügt, sich nur wieder einmal bewusst zu werden, wie viele wesentliche Elemente unserer Spiritualität einfach Frucht eines aufmerksamen Blickes sind, der auf das Evangelium geworfen wurde: die Menschwerdung, Getsemani, das eben erwähnte Gleichnis vom Weinstock und von den Rebzweigen usw. Vom 5. bis zum 27. Oktober dieses Jahres hat im Vatikan die Bischofssynode über das Wort Gottes stattgefunden. Gott gebe, dass dieses Ereignis uns allen helfen möge, die Heilige Schrift noch mehr als ein großes Geschenk zu betrachten, das Gott uns gemacht hat. In ihrer abschließenden Botschaft luden die Bischöfe uns ein, die Bibel immer im Haus zu haben, sie zu lesen, uns in ihre Texte zu vertiefen und diese inhaltlich gründlich zu verstehen, damit wir sie ins Gebet und ins Leben übertragen können. Möge die Bibel und insbesondere das Evangelium bei Tagesbeginn in unseren Häusern gelesen werden, damit Gott immer das erste Wort hat; desgleichen sollte sie an allen Abenden gelesen werden, damit Gott auch das letzte Wort hat. Ich glaube wirklich, dass wir alle noch mehr aus der Fülle des Evangeliums leben können. Wie oft lesen wir das Evangelium, ohne dass es unser Leben verändert. Wenn wir an das Evangelium glauben und den Heiligen Geist darum bitten, dass er seinem Wort Leben und Wirksamkeit verleihen möge, dann werden wir darin Antwort auf alle Fragen unseres Lebens finden. Wenn wir uns wirklich in das Evangelium vertiefen, dann wird unser Leben sich ändern, und diese Veränderung wird denkbar konkret sein.

Schließlich wollen wir bedenken, dass auch unsere tägliche Arbeit zu einem gottgefälligen Gebet werden kann. Es kann nicht sein, dass wir arbeiten, ohne zu beten, oder beten, ohne zu arbeiten. Wenn wir beten, ohne zu arbeiten, dann fehlt Gott womöglich das Instrument, durch das er seine Gnaden mitteilen will; wenn wir arbeiten, ohne zu beten, dann wird unsere Arbeit schwerlich Früchte für das Reich Christi erbringen. Deshalb sollten wir uns bemühen, bei der Erledigung unserer Alltagsgeschäfte das freundschaftliche Gespräch mit Christus und dem Heiligen Geist niemals abreißen zu lassen: Wir müssen kontemplativ sein, um die Ziele, die uns unsere Liebe zu Christus und zu den Menschen aufgibt, wirklich erreichen zu können (vgl. HMRC, Nr. 112).

Wir beten niemals allein, sondern immer in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche. Denn, wie Jesus uns selbst gesagt hat, „wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20). Ich lade Sie also ein, die Gelegenheiten zu nutzen, die sich in der Familie zum Gebet anbieten, aber auch die verschiedenen Regnum Christi-typischen Aktivitäten – wie etwa die Begegnung mit Christus, die Studienkreise und praktisch alle Teamaktivitäten – im Geist des Gebets zu leben. Eben das ist auch der Grund, weshalb wir diese Aktivitäten immer mit einer Anrufung des Heiligen Geistes beginnen. Ganz besonders empfehle ich Ihnen, alles zu tun, um die „Begegnung mit Christus“ wirklich das werden zu lassen, was sie ist: eine persönliche und gemeinschaftliche Begegnung mit der Person unseres Herrn Jesus Christus.

Erbeten wir uns oft vom Herrn die Gnade, Menschen des Gebets zu sein; Menschen, die wie die Apostel die Netze so weit auswerfen, wie sie nur können - bis in die Ewigkeit hinein, und Menschen, die in jedem Augenblick das Gute tun. Das Gebet heiligt unser Tagewerk, heiligt jede Sekunde, und unser Auftrag ist es, heilig zu sein. Wenden wir uns vertrauensvoll an unsere Sektionsleiter und die Menschen, die für unsere geistliche Orientierung und Leitung verantwortlich sind, damit sie uns helfen, von Christus beten zu lernen. Mögen unsere Wohn– und Arbeitsstätten zu einer wahren Schule des Gebets werden. Triduen, Kurse, ja, selbst eine geistliche Leitung können hervorragende Gelegenheiten sein, um gemeinsam mit denjenigen, die uns anleiten, einen Moment des Gebets zu verbringen und uns von ihnen in der Kunst des Betens unterweisen zu lassen.

Ich möchte nicht enden, ohne meinen Blick zuvor auf die größte Lehrerin aller Zeiten in Sachen Gebet zu richten. Wer wirklich beten lernen will, muss wie ein Kind werden, das an der Hand Mariens geht. Ganz sicher war sie es, die Jesus während der verborgenen Jahre in Nazareth die ersten Gebete lehrte. Vor einigen Wochen hat der Heilige Vater in der Wallfahrtskirche Unserer Lieben Frau von Pompeji gesagt: „Vor allem muss man sich von der Jungfrau Maria an der Hand führen lassen, um das Antlitz Christi zu betrachten: ein freudenreiches, lichtreiches, schmerzhaftes und glorreiches Antlitz. Wer wie Maria und gemeinsam mit ihr die Geheimnisse Jesu bewahrt und sie unermüdlich betrachtet, der macht sich seine Empfindungen immer mehr zu eigen und wird ihm ähnlich“ (Benedikt XVI., Meditation nach dem Rosenkranzgebet in Pompeji, 19. Oktober 2008).

Erbeten wir von Maria die Gnade, niemals zu verlernen, uns von der überaus großen Güte Gottes beeindrucken zu lassen. Wenn wir nur begreifen könnten, wie gütig er ist, denn dann hätten wir wahrhaft keine Probleme mehr. Ein solches Maß an Güte ist unwiderstehlich. Dann tritt alles andere in den Hintergrund und erscheint uns unbedeutend. Ohne Gebet stirbt unsere Seele langsam ab, wird unser Boden trocken und unfruchtbar. Mit dem Gebet bringt unser Boden Früchte für das ewige Leben hervor. Mit Maria dürfen wir uns sicher sein, dass wir nichts zu befürchten haben. Welch eine große Hilfe sind doch die Worte, mit denen die Jungfrau von Guadalupe uns auffordert, uns keine Sorgen zu machen: „Bin ich denn nicht hier, ich, deine Mutter?“

In tiefer Dankbarkeit für Ihre Freundschaft und Nähe und mit einem besonderen Gedenken im Gebet verbleibe ich in Christus herzlichst Ihr

Álvaro Corcuera LC


(Übersetzung des spanischsprachigen Originals)

 

Brief von Pater Álvaro Corcuera vom 17.11.2008 an die Mitglieder und Freunde der Bewegung Regnum Christi aus Anlaß des Christkönigsfestes 2008.

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Dienstag, 25. November 2008

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http://www.regnumchristi.org/de/component/k2/item/493-brief-zum-christkoenigsfest-2008/

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