Montag, 1. September 2008

Brief zur Eröffnung des Paulusjahres


Brief von Pater Álvaro Corcuera an die Mitglieder und Freunde der Bewegung Regnum Christi aus Anlaß der Eröffnung des Paulusjahres.


P. Álvaro Corcuera LCAn alle Mitglieder und Freunde
der Bewegung Regnum Christi

Madrid, 22. Juli 2008


Liebe Freunde in Christus!

Es liegt nun einige Tage zurück, dass unser geliebter Heiliger Vater, Papst Benedikt XVI., in Sydney beim 23. Weltjugendtag mit Jugendlichen aus aller Welt zusammengetroffen ist. Ich möchte dieses Ereignis zum Anlass nehmen, Sie zu grüßen und jeden Einzelnen von Ihnen wissen zu lassen, dass ich ihm im Geiste nahe bin. Wir sind außerdem miteinander verbunden, weil wir sicher gemeinsam im Gebet unserem Herrgott dafür danken, dass die Bemühungen des Papstes, die Botschaft und die Liebe des auferstandenen Christus bis an die Enden der Erde zu tragen, sich als fruchtbar erwiesen haben.

Wie Sie wissen, standen die Vorbereitung und Durchführung der Feier in Sidney unter dem Leitmotiv „Heiliger Geist und Mission“. Ohne jeden Zweifel ist es der Heilige Geist, der uns sowohl die Kraft gibt, das Evangelium zu leben, als auch die Kühnheit, es zu verkünden. Und ebendieser Geist hat die Tausenden von Jugendlichen, die sich um den Papst geschart haben, dazu bewogen, ein mutiges Glaubenszeugnis zu geben, indem sie – genau wie die ersten Christen – Christus von Angesicht zu Angesicht begegnet sind. Die gleiche Erfahrung hat auch der Völkerapostel Paulus gemacht, als er auf dem Weg nach Damaskus „von Christus Jesus ergriffen“ wurde (Phil 3,12). Es war gerade diese Begegnung gewesen, die das Wirken von Jesu Geist in seiner Seele entfesselt, ihn von dort in die Wüste geführt und auf die Mission, die ihm von Gott zugedacht wurde, vorbereitet hat. So waren dies für ihn Zeiten intensiven Gebets, Zeiten einer tiefen Berührung mit Gott, wie sie sich auch in unserem Leben ergeben. Mit seiner Gegenwart bereitet Gott uns nämlich darauf vor, Botschafter des Evangeliums zu sein: es geht darum, die Liebe Gottes, die wir empfangen haben, zu verkündigen.

Vor einigen Wochen hat Papst Benedikt XVI. in der römischen Basilika Sankt Paul vor den Mauern das Paulusjahr eröffnet. Wir sollten dieses Jahr nutzen, um den heiligen Paulus in seiner Eigenschaft als Jünger Christi besser kennen zu lernen und dann die gewonnene Erkenntnis weiterzugeben, damit sein Denken – eine Entfaltung und Auslegung der Lehre des Meisters – tiefer in die Herzen der Christen eindringt. Mit einer Kraft und Energie, wie sie einen echten Verkündiger des christlichen Glaubens auszeichnen, hat uns nämlich der Völkerapostel in Wort und Tat viele Lehren erteilt, über die es nachzudenken gilt. All seine Kraft hatte in seiner persönlichen Christuserfahrung ihren Ursprung. Eine solche Erfahrung ist die beste Gabe, die wir empfangen können. Jeden Morgen müssen wir Gott von ganzem Herzen dafür danken und ihn darum bitten, dass wir uns niemals an soviel Güte gewöhnen mögen.

Sicherlich ist es für uns eine große Hilfe, wenn wir die Ereignisse, die zu seiner Bekehrung führten, in uns wachrufen. Als Saulus auf dem Weg nach Damaskus zu Boden stürzte und er-blindete, erging das Wort Gottes an Hananias und zwar auf eine Weise, an die ich mich oft und gern erinnere: „Geh nur! Denn dieser Mann ist mein auserwähltes Werkzeug: Er soll meinen Namen vor Völker und Könige und die Söhne Israels tragen“ (Apg 9,15). Damit stellt Christus dem heiligen Paulus gleichsam ein Beglaubigungsschreiben bzw. einen Ausweis aus: dies ist die Quintessenz seiner Identität – Werkzeug zur Verbreitung der Liebe Christi zu sein – und der Leitfaden der Mission, die der Herr ihm in Damaskus anvertraut hat: die Botschaft seiner Liebe bis an die Enden der Erde zu tragen.

Die Christusbegegnung auf dem Weg nach Damaskus hat das Leben des Paulus buchstäblich auf den Kopf gestellt. Von diesem Moment an war Christus seine Existenzgrundlage und die treibende Kraft all seiner apostolischen Arbeit. Paulus selbst erklärte, dass Christus für ihn das Leben war. Wie sehr es uns doch hilft, zu sehen, wie nachhaltig Jesus Christus das Leben eines Menschen beeinflussen und in Liebe verwandeln kann! Dasselbe kann also auch in unserem Leben geschehen. Keiner, der Christus einmal erlebt hat, bleibt derselbe. Gott, der die Liebe ist, hat uns geschaffen, damit wir lieben. Er begleitet uns mit seiner Liebe und führt uns auf unserem Weg zum Himmel zur Fülle der Liebe. Alles andere vergeht, wie es im Psalm heißt: „Der Mensch gleicht einem Hauch, seine Tage sind wie ein flüchtiger Schatten“ (Ps 144,4). Der heilige Paulus entdeckte in der Liebe Christi den Sinn seines Lebens, und je mehr er Christus verkündigte, desto mehr wurde er von seiner Liebe erfüllt. Nach und nach entdeckte er so den ganzen Reichtum dieser Gabe. Auch diese Wahrheit ruft uns ein Psalm ins Gedächtnis: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt, der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt“ (Ps 103,24).

Christus ist nicht nur für Priester und gottgeweihte Seelen, sondern für alle Christen das Vor-bild, das jedweder Spiritualität zugrunde liegt. Er ist für uns die Mitte, der Maßstab unseres ganzen Lebens und die treibende Kraft unserer apostolischen Tätigkeit. In dieser Zeit nach dem Heimgang unseres Gründervaters sind nun wir an der Reihe, das weiterzugeben, was unserem Leben Sinn gibt: die Liebe Christi. Welchen Sinn hätte die Bewegung, wenn sie nicht ganz und vollkommen auf ihre Liebe zu Jesus Christus ausgerichtet wäre? Er ist unser Leben innerhalb der Kirche: die Liebe Christi, die uns drängt. Die künftigen Generationen werden nicht nach unseren Begabungen fragen. Vielmehr werden sie sich dafür interessieren, ob wir der Liebe treu waren, die wir empfangen haben.

Die wichtigste Lektion, die wir uns von jenem vorbildlichen, in Christus verliebten Apostel und unermüdlichen Verkündiger des Evangeliums erteilen lassen können, bezieht sich darauf, dass wir Jesus im eigenen Leben die Schlüsselposition übergeben – auch wenn wir hierdurch Unverständnis, Verfolgung, Schiffbruch, Kerker usw. auf uns nehmen müssen (vgl. 2 Kor 11,2328). Deshalb wagte der heilige Paulus, der Schutzheilige und Patron der Bewegung, die Gemeinde von Korinth ohne jede Anwandlung von Eitelkeit aufzufordern: „Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme“ (1 Kor 11,1). Nicht umsonst sagte er, dass wir uns anderen Menschen nicht mit Empfehlungsschreiben vorstellen sollten, sondern dass viel-mehr unser von Christus erfülltes Leben als Aushängeschild wirken sollte: „Unverkennbar seid ihr ein Brief Christi, ausgefertigt durch unseren Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf Tafeln aus Stein, sondern – wie auf Tafeln – in Herzen von Fleisch“ (2 Kor 3,3). Gott, der die Liebe ist, hat sich in Jesus Christus offenbart. Christus ist das lebendige Abbild Gottes. Und wir sind dazu berufen, Abbilder Christi, Abbilder der Liebe Gottes zu sein. Wie schön ist doch diese Berufung, die wir empfangen haben, und mit welcher Demut müssen wir Gott hierfür Tag für Tag danken! Ehrlich gesagt konnte uns nichts Besseres geschehen, als dass wir dazu berufen werden, zu lieben und Liebe zu schenken.

1. Der heilige Paulus als Vorbild im Glauben

Im Neuen Testament ist das Zeugnis von so manchen der ersten Jünger Christi, die ihr Leben für den Herrn, für sein Evangelium und für die Kirche hingegeben haben, festgehalten. Derjenige, über den wir – abgesehen von Jesus selbst – die meisten Informationen besitzen, ist eben gerade der heilige Paulus. Zum einen bietet uns die Apostelgeschichte reichliche Details über den radikalen Wandel an, der sich in seinem Leben zugetragen hat. Zum anderen teilt er uns selbst in seinen Briefen etwas noch Tieferes und Wesentlicheres mit: seine Christuserfahrung, die nicht nur eine Vision, sondern ein Vorgang der inneren Erleuchtung gewesen war, was ihn dazu veranlasste, sein Leben mit diesen Worten zusammenzufassen: „Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“ (Gal 2,20).

Wie tief und erneuernd muss diese Begegnung mit Christus gewesen sein! Wie wir hatte auch der heilige Paulus den Meister aus Nazareth zu seinen irdischen Lebzeiten nicht persönlich ge-kannt. Das bedeutet, dass er, anders als die übrigen Apostel, Christus nicht im physischen Sinn hat nachfolgen können; er hat seine Lehren nicht von seinen Lippen vernommen, hat ihn nicht mit eigenen Augen gesehen oder mit seinen Händen berührt, nicht mit ihm zusammengelebt, wie es für Jünger, die ihren Meister begleiteten, üblich war. Der heilige Paulus musste sich auf seinen Glauben stützen. Auf dieser Grundlage also empfiehlt sich der heilige Paulus als Nachahmer Christi.

Wenn wir uns mit den paulinischen Briefen befassen, entdecken wir deshalb, dass ihr Verfasser nicht versucht, eine Reihe von Fakten, Worten oder Taten Christi aufzuschreiben, sondern vielmehr bemüht ist, eine klar umrissene Botschaft zusammenzustellen. Seine Lehre, sein zur Reife gelangter Glaube an den Herrn, der ihm auf dem Weg nach Damaskus begegnet ist, konzentriert sich auf die Verkündigung von Tod und Auferstehung Christi, durch die uns das Heil geschenkt wurde (vgl. 1 Kor 1,30; 2,2). Der Völkerapostel fasst das christliche Leben als fortschreitende Gleichgestaltung mit Christus auf, der am Kreuz gestorben, von den Toten auferstanden und verherrlicht worden ist. „Wir alle spiegeln mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn“ (2 Kor 3,18). In diesem Text ist die Rede von der Verklärung des Glaubenden durch den Glauben, und zwar durch die Betrachtung und Na-chahmung Christi. Es handelt sich aber nicht um einen regungslosen oder trägen Glauben, der im Endeffekt nur „Glaubenssache“ wäre, sondern um einen Glauben, der zur Tat schreitet, der aufgrund von gemachten Erfahrungen mit der lebendigen und Leben spendenden Person Jesu Christi, des Messias und Gottessohnes, entsteht und den Menschen als Ganzen und mit allem, was er ist, beansprucht. So sieht das Lebensprojekt aus, das der heilige Paulus für uns – und auch für die heutigen Christen – entwirft: Christus anziehen und uns ihm hingeben, um am Leben Christi teilzuhaben, bis wir ganz in ihm verschwinden und das ewige Leben mit ihm teilen.

Glauben heißt – das sehen wir auch am Beispiel der Allerseligsten Jungfrau –, sich ganz in Gottes Hände zu geben. Wir folgen keiner Idee, sondern einer Person; wir folgen Christus, der uns geliebt und sich für uns hingegeben hat. Wenn wir Erlebnisberichte von Menschen lesen, die nach Jahren aus den Händen ihrer Entführer oder aus Gefangenschaft befreit worden sind – erschütternde Zeugnisse, die uns mit Dankbarkeit erfüllen –, dann wissen wir die Tatsache, dass wir für immer freigekauft worden sind, hierdurch um so mehr zu schätzen; wir waren Sklaven, und jetzt sind wir frei. „Wie kann ich dem Herrn all das vergelten, was er mir Gutes getan hat?“ (Ps 116,12). Wenn wir im Gebet über all das, was uns geschenkt worden ist, nachdenken – und über das, was unser Gründer, Nuestro Padre, und seine Mitbegründer (wie P. Carlos Mora, P. José María Escribano, P. Javier Tena, P. Rafael Arumí, Frl. Maricarmen Perochena, die kürzlich verstorben sind, und viele andere) uns wirklich haben hinterlassen wollen –, dann tritt – so glaube ich ehrlich – überreich diese große Wahrheit unserer Spiritua-lität zutage: allein für Christus müssen wir leben, fest in der göttlichen Tugend des Glaubens verankert sein, uns alle als Werkzeuge betrachten und dem Himmel entgegengehen, was das eigentlich Wichtige in unserem Leben ist. Stets das Gute tun, ja, zu denen gehören, die in der Kraft des Glaubens mit leidenschaftlichem Eifer das Gute tun.

2. Der heilige Paulus als Vorbild in der Hoffnung

Diese erneuernde, von reicher und fruchtbarer innerer Tiefe erfüllte Botschaft, die uns der hei-lige Paulus vorlegt, führt uns mitten hinein in das Geheimnis der Gotteskindschaft, die uns mit der Taufe geschenkt worden ist. Wir können sagen, dass dies den Kern des Glaubens ausmacht, von dem der Apostel zu berichten hat. Unsere Würde besteht darin, dass wir Gott nicht nur ähnlich, sondern seine Kinder sind. Wir sind also eingeladen, diese unsere Gotteskindschaft, die darin besteht, dass Gott uns adoptiert und in seine große Familie aufgenommen hat, bewusster zu leben. Wenn wir wirklich gewissenhaft darüber nachdenken würden, was es bedeutet, Kinder Gottes zu sein, dann kommen wir gar nicht umhin, unser Leben in Danksagung zu verbringen und die schwersten Prüfungen, ganz gleich, wie hart sie auch sein mögen, mit kindlichem Geiste und im Bewusstsein, dass wir geliebt sind, auf uns zu nehmen. Wir wissen ja, dass er dies alles nur um eines höheren Gutes willen zulässt, weil er uns liebt und weil er uns am Ende unseres Lebens mit einer ewigen Umarmung seinen Willkommensgruß geben will.

Vor kurzem haben wir auf der Internetseite des Regnum Christi die traurige Nachricht vom Tod Gerardo Medranos gelesen, eines hochgeschätzten Mitglieds der Bewegung aus Aguascalientes (Mexiko). Unter Tränen und vom tiefen Schmerz gezeichnet hat seine Familie uns durch ihre Zuversicht, dass er sein Ziel bereits erreicht hat, ein lebendiges Zeugnis vom wahren Glauben und von der wahren Hoffnung gegeben. Es lässt sich unmöglich in Worte fassen, wie dankbar wir für solche Beispiele der christlichen Hoffnung sind, die uns zu einer einzigen Familie werden und auf dem Weg zum Haus des Vaters voranschreiten lassen. Der heilige Paulus hat den Himmel einmal erleben dürfen. Diese Erfahrung, die er in keiner Weise zu schildern vermochte, gab ihm jedoch die Kraft, alles, was noch kommen sollte, zu ertragen. Wer glaubt und hofft, tut sehr viel mehr, als nur Mühen zu „ertragen“: Er gibt ihnen ihren tieferen Sinn, weil er in Vorausschau davon überzeugt ist, dass wir alle als Pilger gemeinsam unterwegs sind und Gott, unser liebender Vater, es kaum erwarten kann, uns am Ende unseres Lebens mit offenen Armen zu empfangen und uns zu sagen, wie sehr er sich auf diesen Moment gefreut hat. Wie können wir dem Herrn all das vergelten, was er uns Gutes getan hat?

Wie viel Trost und Zuversicht wird uns geschenkt, wenn wir unser Leben ganz in Christi Hände legen! Er verbürgt sich dafür, dass die Sehnsucht nach Glück, die Gott jedem Menschen ins Herz gelegt hat, uns nicht täuscht. Timotheus, einem seiner engsten Mitarbeiter, den er seinen geliebten Sohn nennt, schreibt der heilige Paulus: „Ich weiß, wem ich Glauben geschenkt habe, und ich bin überzeugt, dass er die Macht hat, das mir anvertraute Gut bis zu jenem Tag zu bewahren“ (2 Tim 1,12). Die christliche Hoffnung nimmt alle Hoffnungen, die unser menschliches Tun beseelen, und läutert sie, um sie auf das Himmelreich auszurichten. Diese Tugend bewahrt uns vor Mutlosigkeit und Verzagtheit, innere Haltungen, die sich heute in so vielen Bereichen ausgebreitet haben; sie stärkt uns in allen Prüfungen und immer dann, wenn es scheint, dass wir am Ende unserer Kräfte angelangt sind. So öffnet sie uns das Herz und macht es bereit zur Erwartung der ewigen Seligkeit, indem sie uns vor egoistischen Haltungen schützt und uns zur Liebe führt (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1818).

Vor ein paar Tagen habe ich mich mit einigen Familien unterhalten, und wir kamen auf das Thema der Hoffnung und auf die Frage zu sprechen, in welchem Verhältnis sie zur Tugend der Stärke steht. Einer der Anwesenden sprach aus eigener Erfahrung und meinte, dass derjenige, der hofft, in schwierigen Situationen stark wird und Ziele erreicht, die er sich niemals zugetraut hätte. Sobald wir das Ziel erblicken, freuen wir uns, auch wenn wir es noch nicht erreicht haben und schon müde sind; wir freuen uns, weil wir wissen, dass sich die Mühe gelohnt hat und dass das, was wir eines Tages erreichen wollen – das Erleben des Himmels – alles in den Schatten stellt. Wer hofft, ist nicht wirklichkeitsfremd, im Gegenteil: Die Hoffnung befähigt uns, die zeitlichen Gegebenheiten mit Realismus zu sehen und einen Sinn für das Praktische zu besitzen. „Die Füße fest auf dem Boden und den Kopf im Himmel“, wie es so schön heißt. Denn wer hofft, ist für seine Mitmenschen ein sehr guter Weggefährte. Die Hoffnung lässt uns jeden Tag so leben, als wäre er der einzige unseres Lebens: Wir lassen die Vergangenheit in Gottes Händen, leben in der Gegenwart und nutzen jede Minute; und was die stets ungewisse Zukunft anbelangt, planen wir sie in der Gewissheit, dass wir nirgends besser aufgehoben sind als in den Händen dessen, der uns geschaffen hat, um uns zu erlösen, und der uns freigekauft hat, um uns heimzuholen.

Inmitten aller Strapazen, die der heilige Paulus erdulden musste, um den Sendungsauftrag zu erfüllen, den Gott ihm mit der Verkündigung des Evangeliums an die Heiden anvertraut hatte, war die Hoffnung der sichere und feste Anker seiner Seele, der ihm in der Bedrängnis Be-ständigkeit und Frohsinn verlieh (vgl. Röm 12,12). Wir können sagen, dass er wohl mit beiden Beinen sicher auf der Erde stand und unermüdlich und unablässig arbeitete, um allen Menschen die Botschaft der Liebe Christi zu bringen, dass gleichzeitig aber seine Augen fest auf den Himmel gerichtet waren und er genau wusste, in wen er seinen Glauben gesetzt hatte: „Denn ich werde nunmehr geopfert, und die Zeit meines Aufbruchs ist nahe. Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue gehalten. Schon jetzt liegt für mich der Kranz der Gerechtigkeit bereit, den mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tag geben wird, aber nicht nur mir, sondern allen, die sehnsüchtig auf sein Erscheinen warten“ (2 Tim 4,68).

Dem Christen von heute ergeht es nicht anders – vor allem dem, der sich bemüht, treu zu sein und der Liebe Christi in Gebet und Apostolat großzügig zu entsprechen. Ich bin mir sicher, dass auch Sie schon viele Male erfahren haben, wie Gott uns stets antwortet, tröstet und unterstützt, sobald wir ihm in einer konkreten Lebenssituation zeigen, dass er in unserem Leben den ersten und wichtigsten Platz einnimmt. Für einen Apostel des Regnum Christi sind die Worte, die der heilige Paulus an die Gemeinde von Rom richtete, eine Quelle der Zuversicht und des Optimismus: „Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? Doch all das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat“ (Röm 8,31.35.37).

Heute feiern wir den Gedenktag der heiligen Maria Magdalena, deren leuchtendes Vorbild uns den Weg weist, denn an ihr erkennen wir, dass der, der liebt, auch beharrlich bleibt. Nachdem sie Christi Vergebung, Barmherzigkeit und Güte entdeckt hatte, gab sie ihr früheres Leben auf und lebte fürderhin nur noch für Christus. Ihre Liebe war so intensiv, dass sie einzig und allein Gott gefallen und über Christus sprechen wollte. Sie, die, als nach menschlichem Ermessen alles verloren war, am Grab weinte, zweifelte nie und gab die Hoffnung nie auf. Mehr noch, sie wartete nicht nur einfach zu „für den Fall, dass“ oder im Sinne eines zaghaften „vielleicht“, nein: sie war sich ihrer Hoffnung gewiss. Wir wissen nicht, wie oder wann wir ihm begegnen werden, doch sicher können wir uns seiner wohl sein. Der heilige Gregor der Große hat diesen Text in einer seiner Homilien kommentiert und schreibt dazu: „Zuerst suchte sie ihn, ohne ihn zu finden; sie beharrte auf ihrer Suche, und so fand sie ihn; der Aufschub steigerte ihr Verlangen, und dieses gesteigerte Verlangen half ihr, das zu finden, was sie so sehnlichst suchte. Jedes heilige Verlangen wird nämlich durch den Aufschub intensiver. Wenn es durch den Aufschub erkaltet, dann entweder weil es kein echtes Verlangen ist oder war. Jeder, der zur Wahrheit gefunden hat, hat die Kraft dieser Liebe gespürt“ (Homilie 25,4).

3. Der heilige Paulus als Vorbild in der Liebe

Für den heiligen Paulus haben die Überzeugung und Erfahrung von der persönlichen Liebe Gottes einen endgültigen Charakter. Christus ist die Mitte seines Glaubens, die Grundlage seiner Hoffnung und der Grund seiner Liebe. „Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Ga 2,1920).

Wenn die Christuserfahrung unser Herz trifft, können wir uns diese Worte des heiligen Paulus zueigen machen. Hier liegt das Geheimnis des Christenlebens, und genau das ist auch der Kern unserer Aufgabe im Bemühen um jene Heiligkeit, zu der Gott uns ruft: die Liebe zu Christus zu finden, unsere Liebe zu Christus reifen zu lassen, in der Liebe zu Christus zu leben, die Liebe zu Christus weiterzugeben. Und so richtet sich unser ganzes Leben auf die Freundschaft mit Christus aus, die im Leben der Gnade wurzelt, von den Sakramenten gespeist, vom Gebet beseelt und durch die Nächstenliebe gelebt wird.

Wir wissen wohl, dass diese Liebe zu Christus mit der Kenntnis seiner ganzen Person zu-sammenhängt. Je mehr wir Gott kennen, desto mehr können wir ihn lieben. Darum muss unser inneres Leben durch tägliches Gebet und insbesondere durch die Eucharistie an Festigkeit gewinnen. Im Kontakt mit Christus vertiefen wir Glaubensinhalte und erwerben eine überna-türlichere Zuversicht, die es uns erlaubt, von Tag zu Tag die verschiedenen Situationen mit immer größerer Sicherheit anzugehen. Alles wird einfacher, wenn wir uns auf die Liebe Christi stützen. Seine Liebe ist uns voraus, sie begleitet uns und erwartet uns im Himmel. Wenn wir Christus zum Ziel unseres Lebens machen, finden wir trotz aller Schwierigkeiten einen Grund zur Freude. In dem Maße, in dem wir lieben, verschwinden unsere Probleme, denn wer liebt, hat keine Zeit, an sich selbst zu denken. Der heilige Paulus, der so sehr und mit solcher Intensität den Herrn liebte, hat uns hiervon ein unmissverständliches Zeugnis gegeben: Verglichen mit Christus galt ihm alles andere als Verlust. Dies drückt alles aus: Christus ist unser Leben.

Wie sehr müssen wir als Söhne und Töchter der Kirche, als Mitglieder und Freunde des Reg-num Christi Gott für das Geschenk, das er uns mit dem Charisma der Nächstenliebe gemacht hat, dankbar sein! Diese Tugend setzt uns in direkte Beziehung zu Gott, der – das wissen wir aus der Schrift – die Liebe ist (vgl. 1 Joh 4,8). Auch der heilige Paulus stellt uns diese Lehre als das Wirken des Heiligen Geistes in der Kirche vor: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,5). Die Liebe ist die Tugend, die unser Herz mit dem Herzen Christi in Einklang bringt und uns drängt, unsere Mitmenschen so zu lieben, wie er sie geliebt hat. Diese Tugend führt uns in den Rhythmus des göttlichen Lebens selbst ein und lässt in unserer Seele die Worte nachhallen, die Christus beim Letzten Abendmahl gesprochen hat: „Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben“ (Joh 15,910). Der heilige Paulus sagt, dass die Wahrheit uns freimachen wird, und deshalb wissen wir, dass in der Wahrheit der Friede ist. Diese Wahrheit geht, wenn sie echt ist, immer mit der Liebe einher und eint uns im Herzen Christi, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Wenn es in unserem Herzen lediglich dafür Raum gibt, um so zu lieben, wie Christus liebt, wenn unser Herz immer Vergebung, Güte und Erbarmen ausstrahlt und gegen alles kämpft, was nicht aus der Liebe ist – wie Kritik, Härte im Urteil usw. –, dann wird Christi Herrschaft wirklich in uns anbrechen. Wenn wir alles von Gott her sehen, dann nehmen wir alles gemäß dem Herzen dessen wahr, der kam, um uns sein Gebot zu geben: das Gebot der Liebe. Alles andere hat wenig Sinn und kommt nicht von Gott.

4. Die Liebe allein verleiht allem Sinn

Bitten wir immer und immer wieder um die Gnade, dass wir dem empfangenen Charisma treu sein mögen – und zwar nicht etwa mit einer kalten und nüchternen Treue, sondern mit einer Treue, die aufgrund der Liebe stark und kräftig ist. Der Herrgott gebe, dass wir Christus zu jedem Zeitpunkt bis in die kleinsten Einzelheiten treu sein mögen, auch wenn es sich vielleicht zuweilen um bedeutungslose Dinge zu handeln scheint; mögen wir weniger darauf achten, was wir gerade tun, als auf denjenigen, für den wir es tun. Auf diese Weise können wir, wie der heilige Paulus, unserer geliebten Kirche am besten helfen. Es wäre schön, wenn wir das Ideengut des Apostels betrachten und für unser Leben als wegweisend empfinden könnten! Setzen wir doch das Hohelied der Liebe in die Tat um. Darin zeigt uns der Apostel nämlich auf, was einem Christen das Echtheitssiegel aufdrückt: „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke“ (1 Kor 13,1). Nur die Liebe verleiht allem Sinn. In diesem Paulusjahr wird es uns eine besondere Hilfe sein, diesen Text zu betrachten und zu leben, denn ohne Liebe sind wir ganz einfach nichts.

Der Name der Liebe, mit der Christus uns liebt, lautet Caritas, Nächstenliebe. Wenn unser Gebetsleben authentisch ist, dann wächst mit ihm auch die Caritas. „Kehre von ganzem Herzen zum Herrn um, und deine Seele wird Frieden finden; denn das Reich Gottes ist Friede und Freude im Geist. Mit dem innerlichen Menschen hat Er häufig Umgang, plaudert angenehm mit ihm, tröstet ihn sanft und erfüllt ihn mit tiefem Frieden. Schaffe in dir Platz für Christus, und Er wird dir genügen. Setz all dein Vertrauen auf Gott, und alles wird gut werden“ (Nachfolge Christi, Buch II, 16).

Liebe Freunde und Mitglieder des Regnum Christi, möge jene Liebe, die den heiligen Apostel drängte, sich auf den Weg zu machen und sich den Mühen und Strapazen seiner Reisen zu Wasser und zu Land auszusetzen, um Christus zu verkündigen, auch uns dazu bewegen, dem Gebot Christi treu zu sein und in die ganze Welt, zu allen Völkern und bis an die Enden der Erden zu gehen. Dieser Sendungsauftrag lebt in jedem Einzelnen von Ihnen und in Ihrem Bemühen fort, allen Seelen einen Lichtstrahl der Liebe Gottes zu bringen.

Ich fürchte, der Brief ist nun zu lang geworden, doch ich weiß, dass die Güte und der Geist, die uns tragen, uns auch in diesen Zeiten besonders verbinden. Außerdem kann ich Ihnen nicht schreiben, ohne Ihnen zu sagen, wie sehr Ihr Beispiel aufbaut und stärkt. Möge die Allerseligste Jungfrau Maria immer unser Beistand sein und jene Windbrise, die uns in der Hitze des Gefechts und der Strapazen unserer irdischen Pilgerfahrt Erquickung bringt. Sie steht uns zur Seite und lädt uns ein, auf Christus zu vertrauen, der mit uns im Boot ist. Unter ihrem Schutz wollen wir segeln und uns getrost in ihre mütterliche Obhut begeben. Bei dieser Gelegenheit möchte ich Ihnen auch für Ihr Engagement, Ihr Beispiel und Ihre Treue danken. Ihr Zeugnis besitzt für alle Leuchtkraft, und so vereinen wir uns dort, wo wir einander stets begleiten müssen: in der Eucharistie, an Mariens Seite.

Seien Sie versichert, dass ich Ihrer aller und all Ihrer Anliegen im Gebet gedenke.

Herzlichst in Christus

Álvaro Corcuera LC


(Übersetzung des spanischsprachigen Originals)


Brief zur Eröffnung des Paulusjahres

Brief zur Eröffnung des Paulusjahres


P. Álvaro Corcuera LCAn alle Mitglieder und Freunde
der Bewegung Regnum Christi

Madrid, 22. Juli 2008


Liebe Freunde in Christus!

Es liegt nun einige Tage zurück, dass unser geliebter Heiliger Vater, Papst Benedikt XVI., in Sydney beim 23. Weltjugendtag mit Jugendlichen aus aller Welt zusammengetroffen ist. Ich möchte dieses Ereignis zum Anlass nehmen, Sie zu grüßen und jeden Einzelnen von Ihnen wissen zu lassen, dass ich ihm im Geiste nahe bin. Wir sind außerdem miteinander verbunden, weil wir sicher gemeinsam im Gebet unserem Herrgott dafür danken, dass die Bemühungen des Papstes, die Botschaft und die Liebe des auferstandenen Christus bis an die Enden der Erde zu tragen, sich als fruchtbar erwiesen haben.

Wie Sie wissen, standen die Vorbereitung und Durchführung der Feier in Sidney unter dem Leitmotiv „Heiliger Geist und Mission“. Ohne jeden Zweifel ist es der Heilige Geist, der uns sowohl die Kraft gibt, das Evangelium zu leben, als auch die Kühnheit, es zu verkünden. Und ebendieser Geist hat die Tausenden von Jugendlichen, die sich um den Papst geschart haben, dazu bewogen, ein mutiges Glaubenszeugnis zu geben, indem sie – genau wie die ersten Christen – Christus von Angesicht zu Angesicht begegnet sind. Die gleiche Erfahrung hat auch der Völkerapostel Paulus gemacht, als er auf dem Weg nach Damaskus „von Christus Jesus ergriffen“ wurde (Phil 3,12). Es war gerade diese Begegnung gewesen, die das Wirken von Jesu Geist in seiner Seele entfesselt, ihn von dort in die Wüste geführt und auf die Mission, die ihm von Gott zugedacht wurde, vorbereitet hat. So waren dies für ihn Zeiten intensiven Gebets, Zeiten einer tiefen Berührung mit Gott, wie sie sich auch in unserem Leben ergeben. Mit seiner Gegenwart bereitet Gott uns nämlich darauf vor, Botschafter des Evangeliums zu sein: es geht darum, die Liebe Gottes, die wir empfangen haben, zu verkündigen.

Vor einigen Wochen hat Papst Benedikt XVI. in der römischen Basilika Sankt Paul vor den Mauern das Paulusjahr eröffnet. Wir sollten dieses Jahr nutzen, um den heiligen Paulus in seiner Eigenschaft als Jünger Christi besser kennen zu lernen und dann die gewonnene Erkenntnis weiterzugeben, damit sein Denken – eine Entfaltung und Auslegung der Lehre des Meisters – tiefer in die Herzen der Christen eindringt. Mit einer Kraft und Energie, wie sie einen echten Verkündiger des christlichen Glaubens auszeichnen, hat uns nämlich der Völkerapostel in Wort und Tat viele Lehren erteilt, über die es nachzudenken gilt. All seine Kraft hatte in seiner persönlichen Christuserfahrung ihren Ursprung. Eine solche Erfahrung ist die beste Gabe, die wir empfangen können. Jeden Morgen müssen wir Gott von ganzem Herzen dafür danken und ihn darum bitten, dass wir uns niemals an soviel Güte gewöhnen mögen.

Sicherlich ist es für uns eine große Hilfe, wenn wir die Ereignisse, die zu seiner Bekehrung führten, in uns wachrufen. Als Saulus auf dem Weg nach Damaskus zu Boden stürzte und er-blindete, erging das Wort Gottes an Hananias und zwar auf eine Weise, an die ich mich oft und gern erinnere: „Geh nur! Denn dieser Mann ist mein auserwähltes Werkzeug: Er soll meinen Namen vor Völker und Könige und die Söhne Israels tragen“ (Apg 9,15). Damit stellt Christus dem heiligen Paulus gleichsam ein Beglaubigungsschreiben bzw. einen Ausweis aus: dies ist die Quintessenz seiner Identität – Werkzeug zur Verbreitung der Liebe Christi zu sein – und der Leitfaden der Mission, die der Herr ihm in Damaskus anvertraut hat: die Botschaft seiner Liebe bis an die Enden der Erde zu tragen.

Die Christusbegegnung auf dem Weg nach Damaskus hat das Leben des Paulus buchstäblich auf den Kopf gestellt. Von diesem Moment an war Christus seine Existenzgrundlage und die treibende Kraft all seiner apostolischen Arbeit. Paulus selbst erklärte, dass Christus für ihn das Leben war. Wie sehr es uns doch hilft, zu sehen, wie nachhaltig Jesus Christus das Leben eines Menschen beeinflussen und in Liebe verwandeln kann! Dasselbe kann also auch in unserem Leben geschehen. Keiner, der Christus einmal erlebt hat, bleibt derselbe. Gott, der die Liebe ist, hat uns geschaffen, damit wir lieben. Er begleitet uns mit seiner Liebe und führt uns auf unserem Weg zum Himmel zur Fülle der Liebe. Alles andere vergeht, wie es im Psalm heißt: „Der Mensch gleicht einem Hauch, seine Tage sind wie ein flüchtiger Schatten“ (Ps 144,4). Der heilige Paulus entdeckte in der Liebe Christi den Sinn seines Lebens, und je mehr er Christus verkündigte, desto mehr wurde er von seiner Liebe erfüllt. Nach und nach entdeckte er so den ganzen Reichtum dieser Gabe. Auch diese Wahrheit ruft uns ein Psalm ins Gedächtnis: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt, der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt“ (Ps 103,24).

Christus ist nicht nur für Priester und gottgeweihte Seelen, sondern für alle Christen das Vor-bild, das jedweder Spiritualität zugrunde liegt. Er ist für uns die Mitte, der Maßstab unseres ganzen Lebens und die treibende Kraft unserer apostolischen Tätigkeit. In dieser Zeit nach dem Heimgang unseres Gründervaters sind nun wir an der Reihe, das weiterzugeben, was unserem Leben Sinn gibt: die Liebe Christi. Welchen Sinn hätte die Bewegung, wenn sie nicht ganz und vollkommen auf ihre Liebe zu Jesus Christus ausgerichtet wäre? Er ist unser Leben innerhalb der Kirche: die Liebe Christi, die uns drängt. Die künftigen Generationen werden nicht nach unseren Begabungen fragen. Vielmehr werden sie sich dafür interessieren, ob wir der Liebe treu waren, die wir empfangen haben.

Die wichtigste Lektion, die wir uns von jenem vorbildlichen, in Christus verliebten Apostel und unermüdlichen Verkündiger des Evangeliums erteilen lassen können, bezieht sich darauf, dass wir Jesus im eigenen Leben die Schlüsselposition übergeben – auch wenn wir hierdurch Unverständnis, Verfolgung, Schiffbruch, Kerker usw. auf uns nehmen müssen (vgl. 2 Kor 11,2328). Deshalb wagte der heilige Paulus, der Schutzheilige und Patron der Bewegung, die Gemeinde von Korinth ohne jede Anwandlung von Eitelkeit aufzufordern: „Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme“ (1 Kor 11,1). Nicht umsonst sagte er, dass wir uns anderen Menschen nicht mit Empfehlungsschreiben vorstellen sollten, sondern dass viel-mehr unser von Christus erfülltes Leben als Aushängeschild wirken sollte: „Unverkennbar seid ihr ein Brief Christi, ausgefertigt durch unseren Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf Tafeln aus Stein, sondern – wie auf Tafeln – in Herzen von Fleisch“ (2 Kor 3,3). Gott, der die Liebe ist, hat sich in Jesus Christus offenbart. Christus ist das lebendige Abbild Gottes. Und wir sind dazu berufen, Abbilder Christi, Abbilder der Liebe Gottes zu sein. Wie schön ist doch diese Berufung, die wir empfangen haben, und mit welcher Demut müssen wir Gott hierfür Tag für Tag danken! Ehrlich gesagt konnte uns nichts Besseres geschehen, als dass wir dazu berufen werden, zu lieben und Liebe zu schenken.

1. Der heilige Paulus als Vorbild im Glauben

Im Neuen Testament ist das Zeugnis von so manchen der ersten Jünger Christi, die ihr Leben für den Herrn, für sein Evangelium und für die Kirche hingegeben haben, festgehalten. Derjenige, über den wir – abgesehen von Jesus selbst – die meisten Informationen besitzen, ist eben gerade der heilige Paulus. Zum einen bietet uns die Apostelgeschichte reichliche Details über den radikalen Wandel an, der sich in seinem Leben zugetragen hat. Zum anderen teilt er uns selbst in seinen Briefen etwas noch Tieferes und Wesentlicheres mit: seine Christuserfahrung, die nicht nur eine Vision, sondern ein Vorgang der inneren Erleuchtung gewesen war, was ihn dazu veranlasste, sein Leben mit diesen Worten zusammenzufassen: „Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“ (Gal 2,20).

Wie tief und erneuernd muss diese Begegnung mit Christus gewesen sein! Wie wir hatte auch der heilige Paulus den Meister aus Nazareth zu seinen irdischen Lebzeiten nicht persönlich ge-kannt. Das bedeutet, dass er, anders als die übrigen Apostel, Christus nicht im physischen Sinn hat nachfolgen können; er hat seine Lehren nicht von seinen Lippen vernommen, hat ihn nicht mit eigenen Augen gesehen oder mit seinen Händen berührt, nicht mit ihm zusammengelebt, wie es für Jünger, die ihren Meister begleiteten, üblich war. Der heilige Paulus musste sich auf seinen Glauben stützen. Auf dieser Grundlage also empfiehlt sich der heilige Paulus als Nachahmer Christi.

Wenn wir uns mit den paulinischen Briefen befassen, entdecken wir deshalb, dass ihr Verfasser nicht versucht, eine Reihe von Fakten, Worten oder Taten Christi aufzuschreiben, sondern vielmehr bemüht ist, eine klar umrissene Botschaft zusammenzustellen. Seine Lehre, sein zur Reife gelangter Glaube an den Herrn, der ihm auf dem Weg nach Damaskus begegnet ist, konzentriert sich auf die Verkündigung von Tod und Auferstehung Christi, durch die uns das Heil geschenkt wurde (vgl. 1 Kor 1,30; 2,2). Der Völkerapostel fasst das christliche Leben als fortschreitende Gleichgestaltung mit Christus auf, der am Kreuz gestorben, von den Toten auferstanden und verherrlicht worden ist. „Wir alle spiegeln mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn“ (2 Kor 3,18). In diesem Text ist die Rede von der Verklärung des Glaubenden durch den Glauben, und zwar durch die Betrachtung und Na-chahmung Christi. Es handelt sich aber nicht um einen regungslosen oder trägen Glauben, der im Endeffekt nur „Glaubenssache“ wäre, sondern um einen Glauben, der zur Tat schreitet, der aufgrund von gemachten Erfahrungen mit der lebendigen und Leben spendenden Person Jesu Christi, des Messias und Gottessohnes, entsteht und den Menschen als Ganzen und mit allem, was er ist, beansprucht. So sieht das Lebensprojekt aus, das der heilige Paulus für uns – und auch für die heutigen Christen – entwirft: Christus anziehen und uns ihm hingeben, um am Leben Christi teilzuhaben, bis wir ganz in ihm verschwinden und das ewige Leben mit ihm teilen.

Glauben heißt – das sehen wir auch am Beispiel der Allerseligsten Jungfrau –, sich ganz in Gottes Hände zu geben. Wir folgen keiner Idee, sondern einer Person; wir folgen Christus, der uns geliebt und sich für uns hingegeben hat. Wenn wir Erlebnisberichte von Menschen lesen, die nach Jahren aus den Händen ihrer Entführer oder aus Gefangenschaft befreit worden sind – erschütternde Zeugnisse, die uns mit Dankbarkeit erfüllen –, dann wissen wir die Tatsache, dass wir für immer freigekauft worden sind, hierdurch um so mehr zu schätzen; wir waren Sklaven, und jetzt sind wir frei. „Wie kann ich dem Herrn all das vergelten, was er mir Gutes getan hat?“ (Ps 116,12). Wenn wir im Gebet über all das, was uns geschenkt worden ist, nachdenken – und über das, was unser Gründer, Nuestro Padre, und seine Mitbegründer (wie P. Carlos Mora, P. José María Escribano, P. Javier Tena, P. Rafael Arumí, Frl. Maricarmen Perochena, die kürzlich verstorben sind, und viele andere) uns wirklich haben hinterlassen wollen –, dann tritt – so glaube ich ehrlich – überreich diese große Wahrheit unserer Spiritua-lität zutage: allein für Christus müssen wir leben, fest in der göttlichen Tugend des Glaubens verankert sein, uns alle als Werkzeuge betrachten und dem Himmel entgegengehen, was das eigentlich Wichtige in unserem Leben ist. Stets das Gute tun, ja, zu denen gehören, die in der Kraft des Glaubens mit leidenschaftlichem Eifer das Gute tun.

2. Der heilige Paulus als Vorbild in der Hoffnung

Diese erneuernde, von reicher und fruchtbarer innerer Tiefe erfüllte Botschaft, die uns der hei-lige Paulus vorlegt, führt uns mitten hinein in das Geheimnis der Gotteskindschaft, die uns mit der Taufe geschenkt worden ist. Wir können sagen, dass dies den Kern des Glaubens ausmacht, von dem der Apostel zu berichten hat. Unsere Würde besteht darin, dass wir Gott nicht nur ähnlich, sondern seine Kinder sind. Wir sind also eingeladen, diese unsere Gotteskindschaft, die darin besteht, dass Gott uns adoptiert und in seine große Familie aufgenommen hat, bewusster zu leben. Wenn wir wirklich gewissenhaft darüber nachdenken würden, was es bedeutet, Kinder Gottes zu sein, dann kommen wir gar nicht umhin, unser Leben in Danksagung zu verbringen und die schwersten Prüfungen, ganz gleich, wie hart sie auch sein mögen, mit kindlichem Geiste und im Bewusstsein, dass wir geliebt sind, auf uns zu nehmen. Wir wissen ja, dass er dies alles nur um eines höheren Gutes willen zulässt, weil er uns liebt und weil er uns am Ende unseres Lebens mit einer ewigen Umarmung seinen Willkommensgruß geben will.

Vor kurzem haben wir auf der Internetseite des Regnum Christi die traurige Nachricht vom Tod Gerardo Medranos gelesen, eines hochgeschätzten Mitglieds der Bewegung aus Aguascalientes (Mexiko). Unter Tränen und vom tiefen Schmerz gezeichnet hat seine Familie uns durch ihre Zuversicht, dass er sein Ziel bereits erreicht hat, ein lebendiges Zeugnis vom wahren Glauben und von der wahren Hoffnung gegeben. Es lässt sich unmöglich in Worte fassen, wie dankbar wir für solche Beispiele der christlichen Hoffnung sind, die uns zu einer einzigen Familie werden und auf dem Weg zum Haus des Vaters voranschreiten lassen. Der heilige Paulus hat den Himmel einmal erleben dürfen. Diese Erfahrung, die er in keiner Weise zu schildern vermochte, gab ihm jedoch die Kraft, alles, was noch kommen sollte, zu ertragen. Wer glaubt und hofft, tut sehr viel mehr, als nur Mühen zu „ertragen“: Er gibt ihnen ihren tieferen Sinn, weil er in Vorausschau davon überzeugt ist, dass wir alle als Pilger gemeinsam unterwegs sind und Gott, unser liebender Vater, es kaum erwarten kann, uns am Ende unseres Lebens mit offenen Armen zu empfangen und uns zu sagen, wie sehr er sich auf diesen Moment gefreut hat. Wie können wir dem Herrn all das vergelten, was er uns Gutes getan hat?

Wie viel Trost und Zuversicht wird uns geschenkt, wenn wir unser Leben ganz in Christi Hände legen! Er verbürgt sich dafür, dass die Sehnsucht nach Glück, die Gott jedem Menschen ins Herz gelegt hat, uns nicht täuscht. Timotheus, einem seiner engsten Mitarbeiter, den er seinen geliebten Sohn nennt, schreibt der heilige Paulus: „Ich weiß, wem ich Glauben geschenkt habe, und ich bin überzeugt, dass er die Macht hat, das mir anvertraute Gut bis zu jenem Tag zu bewahren“ (2 Tim 1,12). Die christliche Hoffnung nimmt alle Hoffnungen, die unser menschliches Tun beseelen, und läutert sie, um sie auf das Himmelreich auszurichten. Diese Tugend bewahrt uns vor Mutlosigkeit und Verzagtheit, innere Haltungen, die sich heute in so vielen Bereichen ausgebreitet haben; sie stärkt uns in allen Prüfungen und immer dann, wenn es scheint, dass wir am Ende unserer Kräfte angelangt sind. So öffnet sie uns das Herz und macht es bereit zur Erwartung der ewigen Seligkeit, indem sie uns vor egoistischen Haltungen schützt und uns zur Liebe führt (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1818).

Vor ein paar Tagen habe ich mich mit einigen Familien unterhalten, und wir kamen auf das Thema der Hoffnung und auf die Frage zu sprechen, in welchem Verhältnis sie zur Tugend der Stärke steht. Einer der Anwesenden sprach aus eigener Erfahrung und meinte, dass derjenige, der hofft, in schwierigen Situationen stark wird und Ziele erreicht, die er sich niemals zugetraut hätte. Sobald wir das Ziel erblicken, freuen wir uns, auch wenn wir es noch nicht erreicht haben und schon müde sind; wir freuen uns, weil wir wissen, dass sich die Mühe gelohnt hat und dass das, was wir eines Tages erreichen wollen – das Erleben des Himmels – alles in den Schatten stellt. Wer hofft, ist nicht wirklichkeitsfremd, im Gegenteil: Die Hoffnung befähigt uns, die zeitlichen Gegebenheiten mit Realismus zu sehen und einen Sinn für das Praktische zu besitzen. „Die Füße fest auf dem Boden und den Kopf im Himmel“, wie es so schön heißt. Denn wer hofft, ist für seine Mitmenschen ein sehr guter Weggefährte. Die Hoffnung lässt uns jeden Tag so leben, als wäre er der einzige unseres Lebens: Wir lassen die Vergangenheit in Gottes Händen, leben in der Gegenwart und nutzen jede Minute; und was die stets ungewisse Zukunft anbelangt, planen wir sie in der Gewissheit, dass wir nirgends besser aufgehoben sind als in den Händen dessen, der uns geschaffen hat, um uns zu erlösen, und der uns freigekauft hat, um uns heimzuholen.

Inmitten aller Strapazen, die der heilige Paulus erdulden musste, um den Sendungsauftrag zu erfüllen, den Gott ihm mit der Verkündigung des Evangeliums an die Heiden anvertraut hatte, war die Hoffnung der sichere und feste Anker seiner Seele, der ihm in der Bedrängnis Be-ständigkeit und Frohsinn verlieh (vgl. Röm 12,12). Wir können sagen, dass er wohl mit beiden Beinen sicher auf der Erde stand und unermüdlich und unablässig arbeitete, um allen Menschen die Botschaft der Liebe Christi zu bringen, dass gleichzeitig aber seine Augen fest auf den Himmel gerichtet waren und er genau wusste, in wen er seinen Glauben gesetzt hatte: „Denn ich werde nunmehr geopfert, und die Zeit meines Aufbruchs ist nahe. Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue gehalten. Schon jetzt liegt für mich der Kranz der Gerechtigkeit bereit, den mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tag geben wird, aber nicht nur mir, sondern allen, die sehnsüchtig auf sein Erscheinen warten“ (2 Tim 4,68).

Dem Christen von heute ergeht es nicht anders – vor allem dem, der sich bemüht, treu zu sein und der Liebe Christi in Gebet und Apostolat großzügig zu entsprechen. Ich bin mir sicher, dass auch Sie schon viele Male erfahren haben, wie Gott uns stets antwortet, tröstet und unterstützt, sobald wir ihm in einer konkreten Lebenssituation zeigen, dass er in unserem Leben den ersten und wichtigsten Platz einnimmt. Für einen Apostel des Regnum Christi sind die Worte, die der heilige Paulus an die Gemeinde von Rom richtete, eine Quelle der Zuversicht und des Optimismus: „Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? Doch all das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat“ (Röm 8,31.35.37).

Heute feiern wir den Gedenktag der heiligen Maria Magdalena, deren leuchtendes Vorbild uns den Weg weist, denn an ihr erkennen wir, dass der, der liebt, auch beharrlich bleibt. Nachdem sie Christi Vergebung, Barmherzigkeit und Güte entdeckt hatte, gab sie ihr früheres Leben auf und lebte fürderhin nur noch für Christus. Ihre Liebe war so intensiv, dass sie einzig und allein Gott gefallen und über Christus sprechen wollte. Sie, die, als nach menschlichem Ermessen alles verloren war, am Grab weinte, zweifelte nie und gab die Hoffnung nie auf. Mehr noch, sie wartete nicht nur einfach zu „für den Fall, dass“ oder im Sinne eines zaghaften „vielleicht“, nein: sie war sich ihrer Hoffnung gewiss. Wir wissen nicht, wie oder wann wir ihm begegnen werden, doch sicher können wir uns seiner wohl sein. Der heilige Gregor der Große hat diesen Text in einer seiner Homilien kommentiert und schreibt dazu: „Zuerst suchte sie ihn, ohne ihn zu finden; sie beharrte auf ihrer Suche, und so fand sie ihn; der Aufschub steigerte ihr Verlangen, und dieses gesteigerte Verlangen half ihr, das zu finden, was sie so sehnlichst suchte. Jedes heilige Verlangen wird nämlich durch den Aufschub intensiver. Wenn es durch den Aufschub erkaltet, dann entweder weil es kein echtes Verlangen ist oder war. Jeder, der zur Wahrheit gefunden hat, hat die Kraft dieser Liebe gespürt“ (Homilie 25,4).

3. Der heilige Paulus als Vorbild in der Liebe

Für den heiligen Paulus haben die Überzeugung und Erfahrung von der persönlichen Liebe Gottes einen endgültigen Charakter. Christus ist die Mitte seines Glaubens, die Grundlage seiner Hoffnung und der Grund seiner Liebe. „Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Ga 2,1920).

Wenn die Christuserfahrung unser Herz trifft, können wir uns diese Worte des heiligen Paulus zueigen machen. Hier liegt das Geheimnis des Christenlebens, und genau das ist auch der Kern unserer Aufgabe im Bemühen um jene Heiligkeit, zu der Gott uns ruft: die Liebe zu Christus zu finden, unsere Liebe zu Christus reifen zu lassen, in der Liebe zu Christus zu leben, die Liebe zu Christus weiterzugeben. Und so richtet sich unser ganzes Leben auf die Freundschaft mit Christus aus, die im Leben der Gnade wurzelt, von den Sakramenten gespeist, vom Gebet beseelt und durch die Nächstenliebe gelebt wird.

Wir wissen wohl, dass diese Liebe zu Christus mit der Kenntnis seiner ganzen Person zu-sammenhängt. Je mehr wir Gott kennen, desto mehr können wir ihn lieben. Darum muss unser inneres Leben durch tägliches Gebet und insbesondere durch die Eucharistie an Festigkeit gewinnen. Im Kontakt mit Christus vertiefen wir Glaubensinhalte und erwerben eine überna-türlichere Zuversicht, die es uns erlaubt, von Tag zu Tag die verschiedenen Situationen mit immer größerer Sicherheit anzugehen. Alles wird einfacher, wenn wir uns auf die Liebe Christi stützen. Seine Liebe ist uns voraus, sie begleitet uns und erwartet uns im Himmel. Wenn wir Christus zum Ziel unseres Lebens machen, finden wir trotz aller Schwierigkeiten einen Grund zur Freude. In dem Maße, in dem wir lieben, verschwinden unsere Probleme, denn wer liebt, hat keine Zeit, an sich selbst zu denken. Der heilige Paulus, der so sehr und mit solcher Intensität den Herrn liebte, hat uns hiervon ein unmissverständliches Zeugnis gegeben: Verglichen mit Christus galt ihm alles andere als Verlust. Dies drückt alles aus: Christus ist unser Leben.

Wie sehr müssen wir als Söhne und Töchter der Kirche, als Mitglieder und Freunde des Reg-num Christi Gott für das Geschenk, das er uns mit dem Charisma der Nächstenliebe gemacht hat, dankbar sein! Diese Tugend setzt uns in direkte Beziehung zu Gott, der – das wissen wir aus der Schrift – die Liebe ist (vgl. 1 Joh 4,8). Auch der heilige Paulus stellt uns diese Lehre als das Wirken des Heiligen Geistes in der Kirche vor: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,5). Die Liebe ist die Tugend, die unser Herz mit dem Herzen Christi in Einklang bringt und uns drängt, unsere Mitmenschen so zu lieben, wie er sie geliebt hat. Diese Tugend führt uns in den Rhythmus des göttlichen Lebens selbst ein und lässt in unserer Seele die Worte nachhallen, die Christus beim Letzten Abendmahl gesprochen hat: „Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben“ (Joh 15,910). Der heilige Paulus sagt, dass die Wahrheit uns freimachen wird, und deshalb wissen wir, dass in der Wahrheit der Friede ist. Diese Wahrheit geht, wenn sie echt ist, immer mit der Liebe einher und eint uns im Herzen Christi, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Wenn es in unserem Herzen lediglich dafür Raum gibt, um so zu lieben, wie Christus liebt, wenn unser Herz immer Vergebung, Güte und Erbarmen ausstrahlt und gegen alles kämpft, was nicht aus der Liebe ist – wie Kritik, Härte im Urteil usw. –, dann wird Christi Herrschaft wirklich in uns anbrechen. Wenn wir alles von Gott her sehen, dann nehmen wir alles gemäß dem Herzen dessen wahr, der kam, um uns sein Gebot zu geben: das Gebot der Liebe. Alles andere hat wenig Sinn und kommt nicht von Gott.

4. Die Liebe allein verleiht allem Sinn

Bitten wir immer und immer wieder um die Gnade, dass wir dem empfangenen Charisma treu sein mögen – und zwar nicht etwa mit einer kalten und nüchternen Treue, sondern mit einer Treue, die aufgrund der Liebe stark und kräftig ist. Der Herrgott gebe, dass wir Christus zu jedem Zeitpunkt bis in die kleinsten Einzelheiten treu sein mögen, auch wenn es sich vielleicht zuweilen um bedeutungslose Dinge zu handeln scheint; mögen wir weniger darauf achten, was wir gerade tun, als auf denjenigen, für den wir es tun. Auf diese Weise können wir, wie der heilige Paulus, unserer geliebten Kirche am besten helfen. Es wäre schön, wenn wir das Ideengut des Apostels betrachten und für unser Leben als wegweisend empfinden könnten! Setzen wir doch das Hohelied der Liebe in die Tat um. Darin zeigt uns der Apostel nämlich auf, was einem Christen das Echtheitssiegel aufdrückt: „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke“ (1 Kor 13,1). Nur die Liebe verleiht allem Sinn. In diesem Paulusjahr wird es uns eine besondere Hilfe sein, diesen Text zu betrachten und zu leben, denn ohne Liebe sind wir ganz einfach nichts.

Der Name der Liebe, mit der Christus uns liebt, lautet Caritas, Nächstenliebe. Wenn unser Gebetsleben authentisch ist, dann wächst mit ihm auch die Caritas. „Kehre von ganzem Herzen zum Herrn um, und deine Seele wird Frieden finden; denn das Reich Gottes ist Friede und Freude im Geist. Mit dem innerlichen Menschen hat Er häufig Umgang, plaudert angenehm mit ihm, tröstet ihn sanft und erfüllt ihn mit tiefem Frieden. Schaffe in dir Platz für Christus, und Er wird dir genügen. Setz all dein Vertrauen auf Gott, und alles wird gut werden“ (Nachfolge Christi, Buch II, 16).

Liebe Freunde und Mitglieder des Regnum Christi, möge jene Liebe, die den heiligen Apostel drängte, sich auf den Weg zu machen und sich den Mühen und Strapazen seiner Reisen zu Wasser und zu Land auszusetzen, um Christus zu verkündigen, auch uns dazu bewegen, dem Gebot Christi treu zu sein und in die ganze Welt, zu allen Völkern und bis an die Enden der Erden zu gehen. Dieser Sendungsauftrag lebt in jedem Einzelnen von Ihnen und in Ihrem Bemühen fort, allen Seelen einen Lichtstrahl der Liebe Gottes zu bringen.

Ich fürchte, der Brief ist nun zu lang geworden, doch ich weiß, dass die Güte und der Geist, die uns tragen, uns auch in diesen Zeiten besonders verbinden. Außerdem kann ich Ihnen nicht schreiben, ohne Ihnen zu sagen, wie sehr Ihr Beispiel aufbaut und stärkt. Möge die Allerseligste Jungfrau Maria immer unser Beistand sein und jene Windbrise, die uns in der Hitze des Gefechts und der Strapazen unserer irdischen Pilgerfahrt Erquickung bringt. Sie steht uns zur Seite und lädt uns ein, auf Christus zu vertrauen, der mit uns im Boot ist. Unter ihrem Schutz wollen wir segeln und uns getrost in ihre mütterliche Obhut begeben. Bei dieser Gelegenheit möchte ich Ihnen auch für Ihr Engagement, Ihr Beispiel und Ihre Treue danken. Ihr Zeugnis besitzt für alle Leuchtkraft, und so vereinen wir uns dort, wo wir einander stets begleiten müssen: in der Eucharistie, an Mariens Seite.

Seien Sie versichert, dass ich Ihrer aller und all Ihrer Anliegen im Gebet gedenke.

Herzlichst in Christus

Álvaro Corcuera LC


(Übersetzung des spanischsprachigen Originals)

 

Brief von Pater Álvaro Corcuera an die Mitglieder und Freunde der Bewegung Regnum Christi aus Anlaß der Eröffnung des Paulusjahres.

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Montag, 1. September 2008

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http://www.regnumchristi.org/de/component/k2/item/494-brief-zur-eroeffnung-des-paulusjahres/

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