Mittwoch, 14. Februar 2007

Brief zum Festtag der Bekehrung des Apostels Paulus


Brief von P. Álvaro Corcuera LC vom 25.1.2007 an die Mitglieder und Freunde des Regnum Christi

Am Festtag der Bekehrung des heiligen Paulus schrieb P. Álvaro Corcuera LC, der Generaldirektor der Legionäre Christi und der Apostolatsbewegung Regnum Christi, einen Brief über die zentrale Stellung Jesu Christi an die Mitglieder und Freunde der Bewegung.

 


 

 

Dein Reich Komme!

 

An alle Mitglieder und
Freunde des Regnum Christi

Rom, den 25. Januar 2007
Fest der Bekehrung des heiligen Paulus

 

Liebe Freunde in Christus!

Am heutigen Tag, an dem die Kirche die Bekehrung des heiligen Paulus feiert, möchte ich Ihnen schreiben, um Sie zu grüßen und Ihnen meinen Dank für alle Gebete und Gesten auszusprechen, mit denen Sie mich Ihre Nähe haben spüren lassen. Ich sehe darin ein Zeichen Ihres Großmuts und Ihrer Herzensgüte. Haben Sie weiterhin Dank für das lebendige Zeugnis Ihrer Liebe zu Gott und dafür, dass Sie mit so viel Freude dieser Familie, in die Gott uns berufen hat, angehören.

Das Fest der Bekehrung des heiligen Paulus, seine Gestalt und Person, bieten uns die Gelegenheit, heute gemeinsam über einen wesentlichen Aspekt unserer Spiritualität nachzudenken: die zentrale Stellung Christi. Wie Sie wissen, leitet das Regnum Christi uns zu einem Lebensstil an, in dem Jesus Christus zum Mittelpunkt unseres Daseins werden soll, zum Maßstab, nach dem wir die Wirklichkeit sehen und beurteilen, zum Vorbild all unseres Handelns. So heißt es zum Beispiel immer, dass wir keiner charismatischen Persönlichkeit, keinem bestimmten Heiligen und keiner Idee, sondern allein Christus nachfolgen - und zwar diesem genauso, wie die Evangelien und die Kirche ihn uns darstellen. Wie oft haben wir Nuestro Padre, unseren Gründer, sagen hören, dass wir einzig und allein Christus nachfolgen: „Lieben Sie Christus, lieben Sie Christus, lieben Sie Christus, leben Sie allein für Ihn (…). Je mehr das Leben voranschreitet und die Ewigkeit näher rückt, umso klarer wird, dass nur die Liebe Christi bleibt – alles andere wird zu Staub, zu Nebel, zu nichts. Möge die Liebe Christi Ihr Schatz sein, für den Sie alles verkaufen (…)!“ (Brief von Nuestro Padre, 4. April 1981). Es geht darum, mit Christus, durch Christus und für Christus zu leben!

Christus die zentrale Stellung im Leben zu verleihen heißt, jene Worten zu leben, die wir am Tag unserer Aufnahme in die Bewegung vernehmen: „Christus ist der Gipfelpunkt allen menschlichen Strebens, er ist die Erfüllung unseres Hoffens und Betens. Er allein vermag allem menschlichen Geschehen, allen menschlichen Handlungen Sinn und Wert zu verleihen. Er ist die Freude und Erfüllung all dessen, wonach sich unsere Herzen sehnen: der wahre Mensch. Und zugleich ist Jesus die Quelle unseres wahren Glücks: Er ist Ursprung unseres geistlichen und moralischen Lebens; er bestimmt, was zu tun ist, und gibt die Kraft und Gnade dazu. Christus ist unser Ein und Alles. Uns dies bewusst zu machen, es zu bekennen und zu feiern ist eine unserem religiösen Glauben entstammende Pflicht, ein Bedürfnis unseres menschlichen Gewissens. An Ihn ist unser Schicksal, unsere Erlösung gebunden.“

Warum aber legt uns die Bewegung dann die Gestalten des heiligen Apostels Paulus und des heiligen Evangelisten Johannes als besondere Fürsprecher und Patrone der Mitglieder des Regnum Christi ans Herz? Was für einen Sinn hat die Heiligenverehrung in einer Spiritualität, die Christus eine zentrale Stellung zuordnet? Die Heiligen sind die großen Zeugen Christi. Ihnen ist es gelungen, seine Botschaft und sein spirituelles Profil im eigenen Leben so gut umzusetzen, dass sie zu lebendigen Nachahmern Christi auf Erden geworden sind. Alles an den Heiligen führt uns zu Christus, spricht von ihm. Deshalb haben diese Meister im Glauben schon zu Lebzeiten immer eine so besondere Anziehungskraft ausgeübt. Und deshalb ist auch ihr Zeugnis für uns so interessant: Wie ein offenes Buch, zeigt es uns konkret und unmittelbar auf, wie wir Christus kennen lernen, lieben und nachahmen können – denn das sind die drei Schritte, die wir tun müssen, wenn er zum Dreh– und Angelpunkt, zur Richtlinie und zum Vorbild unseres Lebens werden soll.

Die zentrale Stellung Jesu Christi in unserem Leben

Wenn wir sagen, dass Jesus Christus die zentrale Stellung in unserem Leben einnehmen soll, bedeutet dies, dass er - der aus Liebe zu uns Mensch gewordene Gott - der einzige ist, der über unser Herz verfügt, unser größtes Anliegen und unsere größte Liebe, der allerhöchste Wert auf unserer Werteskala. Mit anderen Worten: Es bedeutet, dass wir Christus zur Mitte unseres Lebens machen; dass wir nicht „außermittig“ leben und auch nicht um zwei Mittelpunkte kreisen, indem wir versuchen, zwei Herren zu dienen.

Unser Leben setzt sich aus unzähligen, verschiedenartigen Bausteinen zusammen: da gibt es sowohl die ganz alltäglichen Dinge, deren wir zum Überleben bedürfen, als auch die großen Ereignisse, die wie Meilensteine unseren Lebensweg abstecken, es gibt sowohl die inneren Regungen der Seele, als auch die Beziehungen zu anderen Menschen und zu unserer Umgebung, die Bandbreite erstreckt sich von den natürlichen Freuden, die uns der Schöpfer schenkt, bis hin zu den großartigen Wundern der Gnade, die uns am Leben und an der Heiligkeit Gottes teilhaben lassen, und so weiter und so fort. All diese Wirklichkeiten empfangen von Jesus Christus her ihren Sinn und Wert. Er ist ihr gemeinsamer Mittelpunkt, ihr Ziel und Zweck. Der Mensch jedoch gelangt nur dann zu der ihm eigenen menschlichen und persönlichen Entfaltung, wenn er Christus in die Mitte seines Lebens stellt.

Wer Christus zum Dreh– und Angelpunkt seines Lebens zu machen versucht, möchte mit dem heiligen Paulus ausrufen: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2, 20); „für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn“ (Phil 1, 21). Nicht mehr ich zähle, sondern allein seine Liebe; und um dieser Liebe willen bestimmen seine Anliegen, sein Reich, die Kirche mein Leben. Das Herz Christi schlägt im Herzen des Paulus und umgekehrt. Nicht mehr zwei Herzen schlagen da, sondern ein einziges. Und Saulus von Tarsus, wird zum „Apostel Jesu Christi durch den Auftrag Gottes, unseres Retters, und Christi Jesu, unserer Hoffnung“ (1 Tim 1,1).

Ein auf Christus ausgerichtetes Leben setzt voraus, dass wir Christus persönlich erfahren haben, was wiederum ein Ergebnis unseres häufigen Kontakts mit ihm ist. „Ich lebe im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“ (Gal 2,20). Ohne jene erste Begegnung mit dem auferstandenen Jesus auf dem Weg nach Damaskus, kann man das Leben des heiligen Paulus nicht verstehen. Erst nachdem er ihm begegnet war und seine Liebe erfahren hatte, haben sich seine Denkweise, seine Werteskala, ja sein ganzes Leben völlig verändert.

Wie Papst Benedikt XVI. uns in den Mittwochsaudienzen der vergangenen zehn Monate dargelegt hat, war dies auch die Erfahrung aller Apostel gewesen. Jeder einzelne von ihnen hatte eine persönliche Begegnung mit Jesus Christus, und jeden von ihnen rief er bei seinem Namen. Die Apostel wussten sehr genau, dass sie sich keiner Theorie, ja nicht einmal einer Lehre verschrieben, sondern der lebendigen Person Jesu nachfolgten: dem Mensch gewordenen Wort Gottes.

Und das bestätigt auch unsere eigene Erfahrung, denn, wie uns der Papst in seiner Enzyklika Deus caritas est in Erinnerung ruft: „Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont verleiht und damit seine entscheidende Richtung gibt“ (Nr. 1). Auch wir sind eines Tages Christus begegnet. Dank der Gabe des Glaubens, die er selbst uns in der Taufe geschenkt hat, durften wir ihn erkennen und die unergründliche Schönheit seiner Liebe erfahren. Was für ein großes Geschenk! Wir haben die persönliche Liebe Gottes erfahren, weil Christus sie uns offenbart hat; und auch er selbst hat sich uns offenbart, er ist auf uns zugegangen, er hat sich zu uns herabgeneigt, um uns zuzuhören, uns zu trösten, uns an die Hand zu nehmen. Das haben wir persönlich erlebt: nicht durch Bücher oder vom Hörensagen, sondern dank unseres häufigen Umgangs mit ihm.

Wir wissen sehr gut, auf welche Weise Christus wirklich die Mitte unseres Herzens einzunehmen beginnt, nämlich dann, wenn wir den Entschluss gefasst haben, Menschen zu sein, die vom Gebet leben und die zulassen, dass er ihre Herzen in der Eucharistie formt. Uns ist bewusst, dass der häufige Umgang mit ihm in der Eucharistie unser Leben zutiefst verändert. Wenn wir uns jeden Tag einige Augenblicke Zeit nehmen, um – in einer Kirche oder Kapelle, an der wir gerade vorbeikommen – vor dem Tabernakel mit ihm allein zu sein, dann wird er uns nach und nach entdecken lassen, dass er die Liebe ist und dass er uns die Liebe Gottes offenbart. Gerade hier, im intimen Herzensaustausch mit dem im Allerheiligsten wahrhaftig gegenwärtigen Herrn, wird diese Liebe, die uns vielleicht abstrakt oder sehr theoretisch vorkommen mag, zur entscheidenden Realität unseres Lebens; sie wird zum Balsam für unsere Wunden, zur Oase in der trockenen und Kräfte zehrenden Wüste, zur Wärme, die das Herz, das sich vor Kälte zu verhärten droht, durchströmt.

Wenn dies für die Begegnungen mit Jesus Christus vor dem Tabernakel gilt, was soll man dann von jener anderen, noch viel innigeren Begegnung mit ihm sagen: von der heiligen Kommunion, in der wir ihn empfangen, in der sein eigener Leib, sein eigenes Blut uns zur Speise werden? Wenn wir es wirklich ausreichend zu schätzen wüssten, was es heißt, Christus ein einziges Mal in der Kommunion zu empfangen, dann wäre dies jeden Tag unsere allergrößte Sehnsucht!

Objektiv gesehen – alles andere wäre unrealistisch –, beschränkt sich unser Kontakt mit Christus im Allerheiligsten auf einige Momente der Woche oder im günstigsten Fall auf einige Augenblicke unseres Tagesablaufs. Und doch muss unser Umgang mit ihm sehr viel intensiver sein, eben ununterbrochen andauern. Zu diesem Zweck können wir ihm auch im Gebet begegnen. Und das nicht nur zu Zeiten, die wir ausdrücklich dem Gebet widmen, sondern rund um die Uhr, indem wir aus unserem ganzen Tag ein Gebet machen. Ich meine diese kurzen Augenblicke, die wir bei der alltäglichen Arbeit oder in Pausenzeiten nützen können, um mit ihm über alles zu sprechen. Ja, um zu sprechen, aber vor allem, um zuzuhören. Er sehnt sich danach, in unserer Gesellschaft zu sein, im Kreis seiner engsten Freunde! „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, vielmehr nenne ich euch Freunde“ (vgl. Joh 15,15). Wie hilfreich ist es doch – gewissermaßen als Ersatz für die eucharistische Kommunion, die wir nicht empfangen können – inmitten unseres Alltagstrotts häufig „geistige Kommunionen“ zu halten; diese werden uns den Tag über so zur Speise, die unseren Wunsch, mit ihm zusammen zu sein, gleichzeitig verstärkt und erfüllt. Und so wird Christus nach und nach fast unmerklich zu unserem ständigen Begleiter, der uns nie im Stich lässt, der immer verfügbar ist: ein Freund, ohne den wir nicht mehr leben können.

Und es ist so leicht, diese geistigen Kommunionen zu halten. Es genügt, Geist und Sinn einen Moment lang auf den Herrn auszurichten und ihn zu bitten, er solle unsere Seele doch mit seiner freundlichen Gegenwart erfüllen. Jeder kann dazu die Worte benutzen, die ihm sein Herz diktiert. In unserem Gebetbuch befindet sich ein Text, der uns helfen kann, uns in diesen Momenten in seine Nähe zu versetzen: „Mein Jesus, ich glaube, dass du im allerheiligsten Sakrament des Altares wahrhaftig zugegen bist. Ich liebe dich über alles und habe das brennende Verlangen, dich in meiner Seele zu empfangen; da ich dies aber nicht auf sakramentale Weise tun kann, komm wenigstens auf geistige Weise in mein Herz. Bleibe bei mir, und lass nicht zu, dass ich mich jemals von dir trenne.“

Jedes Mal, wenn wir uns auf diese Weise mit Jesus Christus vereinen, öffnen wir gleichsam die Tür unseres Herzens, damit er eintreten und unser ganzes Sein erleuchten kann: auch jene dunklen Winkel der Seele, die uns soviel Leid bescheren und so traurig machen. Wir wissen sehr wohl, dass diese Dunkelheit von unserer Untreue herrührt, von der Sünde, die unserer Freundschaft mit ihm entgegensteht. Doch wenn wir mit Christus zusammen sind, weisen wir die Sünde spontan aufs entschiedenste zurück: nicht so sehr aus Angst, als aus heiliger Gottesfurcht, aus Furcht, die Liebe zu verlieren, denn ohne ihn können wir nicht leben. „Bleibe bei mir, und lass nicht zu, dass ich mich jemals von dir trenne.“

Zuweilen erfahren wir auch, wie andere Schwierigkeiten unsere Liebesbeziehung zu Jesus Christus gefährden können. Doch wenn wir nur Christus im Innersten unseres Herzens tragen, kann uns nichts von ihm trennen. Wie der heilige Paulus es so eindrucksvoll formuliert: „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? In der Schrift steht: Um deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt; wir werden behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat. Doch all das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn“ (Röm 8,3539).

Liebe Freunde und Mitglieder des Regnum Christi, wir müssen uns nicht vor dem Kreuz, vor Schwierigkeiten oder Versuchungen fürchten. - Nichts von alledem kann uns von Christus trennen. Das Einzige, was uns von ihm trennen kann, sind wir selbst, wenn wir uns willentlich auf die Sünde einlassen. Davor müssen wir uns fürchten. Allein die Sorge, ihn zu verlieren, flößt uns Furcht ein. Nur er allein ist notwendig. Wer Christus hat, hat alles; wer Christus verliert, verliert alles. Doch selbst, wenn wir ihm untreu sind, ist er doch treu: Er kommt wieder, um uns zu suchen, uns die Hand entgegenzustrecken, uns zu vergeben und uns wieder in die Arme zu schließen. „Wo jedoch die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden“ (Röm 5,20). Und so können wir unseren Weg immer voll Zuversicht im Glauben und Vertrauen gehen.

Jesus Christus, der MAßSTAB, nach dem die Wirklichkeit zu sehen und zu beurteilen ist

Nach jener ersten Begegnung von Damaskus erlebt Paulus eine tiefgreifende Veränderung seines Daseins, die sich sogar darauf auswirkt, wie er Menschen und Dinge einschätzt; von nun an sieht und beurteilt er alles mit den Augen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, also nicht mehr gemäß seiner vorherigen fanatischen Denkweise, sondern nach den Maßstäben des Evangeliums. „Was mir damals ein Gewinn war, das habe ich um Christi willen als Verlust erkannt. Ja noch mehr: ich sehe alles als Verlust an, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen“ (Phil 3,78).

Nur im Hinblick auf Christus erhalten die Dinge ihr wirkliches Gewicht, ihren Wert und ihren Sinn. Nur in ihm lernen wir, sie als das zu benutzen, was sie sind: Mittel, um den Willen Gottes und unseren Sendungsauftrag zu erfüllen. Eine Sichtweise, die Christus die zentrale Stellung zuweist, fasst alles in ihm zusammen und ordnet es neu.

Paulus, der Apostel Jesu Christi - wie er sich gerne nannte - verfolgt mit seiner gesamten, unaufhörlich dynamischen apostolischen Tätigkeit kein anderes Ziel als den Namen Jesu zu verkündigen. Es geht ihm nicht darum, einen Club von Bewunderern um sich zu scharen oder für seinen guten Ruf zu sorgen. In der Tat interessiert es ihn sogar recht wenig, was die Menschen von ihm denken. Er hatte die Worte Jesu Christi sehr gut verinnerlicht: „Weh euch, wenn euch alle Menschen loben“ (Lk 6,26) – und auch die dazugehörige Seligpreisung: „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und aus ihrer Gemeinschaft ausschließen, wenn sie euch beschimpfen und euch um des Menschensohnes willen in Verruf bringen“ (Lk 6,22). Und so sucht er, erfüllt von der Liebe zum Herrn, nur einen Ruhm: das Evangelium Christi zu verkünden und nicht etwa sein eigenes. Paulus ist nicht mehr wichtig: „Geht es mir denn um die Zustimmung der Menschen, oder geht es mir um Gott? Suche ich etwa Menschen zu gefallen? Wollte ich noch den Menschen gefallen, dann wäre ich kein Knecht Christi. Ich erkläre euch, Brüder: Das Evangelium, das ich verkündigt habe, stammt nicht von Menschen; ich habe es ja nicht von einem Menschen übernommen oder gelernt, sondern durch die Offenbarung Jesu Christi empfangen“ (Gal 1,1012).

Für uns, genauso wie für den heiligen Paulus, besteht der einzige Sinn unseres Apostolats darin, dass möglichst viele Menschen Jesus Christus begegnen, ihn kennen und lieben lernen. Nach diesem Maßstab beurteilen wir unsere apostolische Effizienz. Alles Übrige – unsere Pläne, Werke, Organisation, Strukturen, alltägliche Pflichten usw. – sind nur Mittel, um dieses Ziel zu erreichen. Sie sind wichtig, sehr wichtig und notwendig, aber eben immer nur Mittel, um zu Christus zu gelangen.

Wir sind nur Werkzeuge: „Einige verkündigen Christus zwar aus Neid und Streitsucht, andere aber in guter Absicht (…). Aber was liegt daran? Auf jede Weise, ob in unlauterer oder lauterer Absicht, wird Christus verkündigt, und darüber freue ich mich“ (Phil 1,1518). Wie Johannes der Täufer muss ein echter Apostel von der Sehnsucht erfüllt sein, alle Menschen zu Christus zu führen, ohne dass ihm dafür ein Lohn zuteil wird; Christus und sein Reich sollen wachsen - wir aber kleiner werden. Das genügt uns.

So können wir es im Evangelium an der Stelle nachlesen, an der Johannes der Täufer gefragt wird, ob er der Messias sei. Er antwortet voller Demut, dass er es nicht ist. Er entgegnet seinen Zuhörern, dass er „die Stimme“ sei. Der heilige Augustinus erklärt diese Passage auf außergewöhnliche Weise: „Johannes war die Stimme; doch der Herr war das Wort, das bereits vor Beginn der Schöpfung existierte. Johannes war eine vergängliche Stimme, Christus ist das von Anfang an existierende ewige Wort. (…) Es ist schwierig, das Wort von der Stimme zu unterscheiden. Darum wurde Johannes selbst für den Messias gehalten. Auf der Suche nach dem Wort wandten sie sich an die Stimme. Doch um sich nichts anzumaßen, was nur dem Wort zustand, bekannte Johannes sich als die Stimme. So sprach er: ‚Ich bin nicht der Messias, noch Elias, noch der Prophet’. Sie fragten ihn: ‚Was sagst du von dir selbst?’ Und er antwortete: ‚Ich bin die Stimme dessen, der in der Wüste ruft: Bereitet den Weg des Herrn!’“ (Sermo 293).

Auch wir müssen Stimme sein, das heißt bloßes Instrument, damit Christus, das Wort, in die Herzen der Menschen eintreten kann. Es gibt verschiedene Arten von Stimmen, manche liegen hoch, andere tief, manche sind eher kräftig, wieder andere schwächer. Doch darauf kommt es nicht an. Worauf es ankommt, ist, dass sie alle zu Christus führen und dass sie Christus und seine Spur im Nächsten hinterlassen. Natürlich muss das Instrument gestimmt werden und möglichst effizient sein, doch nur, damit das Wort bleibt und so das Herz der Menschen verändern kann. Nicht um Ruhm, der allein vor den Menschen zählt, zu erwerben, sondern zur Ehre Gottes. Johannes der Täufer sagte selbst: „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden“ (Joh 3,30). Das wird dann unsere Freude sein! Wer sie erfahren hat, weiß genau, dass er sie gegen keinerlei andere menschliche Befriedigung eintauschen wird.

Doch der heilige Paulus gibt uns den grundlegenden Maßstab an, nach dem wir alles sehen und beurteilen müssen: die Nächstenliebe. Eines wusste Paulus ganz genau: Die Gründung so vieler Gemeinden, seine Briefe und Ansprachen, seine Mühe um des Evangeliums willen, ja selbst sein Damaskuserlebnis, sein Aposteltitel und die besondere Offenbarung, die Gott seiner Seele geschenkt hatte – das alles war zu nichts oder nur zu wenig nütze, sofern er nicht die Liebe lebte, wie auch Jesus Christus sie verkündigt und gelebt hatte. „Wenn ich die Liebe nicht hätte, wäre ich nichts“; „für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe“ (vgl. 1 Kor 13,113).

Im Hohelied der Liebe halten wir als Christen und als Mitglieder der Bewegung den grundlegenden Maßstab in der Hand, um den Wert unserer Werke im Hinblick auf die Ewigkeit, sowie die Objektivität unseres Engagements für Christus zu messen. Es handelt sich um eine sehr konkrete, von großem Opfergeist erfüllte Nächstenliebe, denn sie verlangt von uns, dass wir eher für die anderen als für uns selbst leben. Sie besteht aus einer Vielzahl kleiner Details, die meist niemandem auffallen. Doch sie entstammen der Liebe und haben diese zum Ziel. Ein Lächeln, ein Gruß, ein Wort der Ermutigung, der Vergebung, der Nähe. Ein verborgenes Opfer, die Säuberung eines Teils des Hauses, auf den niemand achtet, sich die Vorlieben der anderen einprägen, um ihnen eine Freude zu machen, wissen, womit man dem anderen Schmerz oder Trauer bereitet, um eben das zu vermeiden. Von dem sprechen, was uns gut tut; Themen vermeiden, die uns schaden; Worte des Lobes füreinander haben und aus unserem Wortschatz alles streichen, was Kritik beinhaltet oder dem Ruf meines Mitmenschen schadet. Jemandem den Vortritt lassen, bei Tisch dafür sorgen, dass die anderen sich zuerst bedienen, usw. Und das alles mit großer Einfachheit, denn für den, der liebt, ist das alles ganz normal. So sind die Heiligen: Für sie ist das normal, was in den Augen der Menschen vielleicht außergewöhnlich erscheint. Sie leben das, was die heilige Therese so gut in Worte gefasst hat: das Gewöhnliche außergewöhnlich gut tun.

Jesus Christus als VORBILD unseres Handelns

Als am Tag unserer Aufnahme in das Regnum Christi der Zelebrant uns das Kruzifix überreichte, vernahmen wir dabei die Worte: „Wenn du Christi Nachfolge antreten willst, dann nimm dein Kreuz auf dich und folge ihm nach; denn wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und ihm nachfolgt, ist seiner nicht würdig.“ Dann küssten wir das Kruzifix und behielten es zum Andenken an diesen Tag. Wie der heilige Paulus kennen wir nur einen Christus, und diesen als den Gekreuzigten (vgl. 1 Kor 2,2); in ihm finden wir unseren Weg, unsere Wahrheit und unser Leben (vgl. Joh 14,6). Christus zum Vorbild zu haben bedeutet, hinter ihm her zu gehen, auf seinen Spuren zu wandeln, seine Worte stets zu bedenken, ohne auch nur einen Moment lang unseren Blick von seinem Beispiel abzuwenden. Die Heiligkeit interessiert uns nicht um ihrer selbst willen, und wenn wir danach streben, rein, einfach oder treu zu sein und uns für den Nächsten einzusetzen, dann tun wir das weder aus Pflichtgefühl noch aus Selbstgefälligkeit, sondern weil wir Christus lieben, der sich für den Nächsten eingesetzt hat, rein, einfach und treu war. „Lernt von mir, denn ich bin gütig und von Herzen demütig“ (Mt 11,29). Er hilft uns, die Bedeutung der Tugenden zu erfassen und macht das christliche Ideal für uns attraktiv; er lehrt uns zu beten, lässt uns wissen, wie wir leben sollen, und gibt uns auch die Kraft, all dies zu tun. „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“ (Joh 13,15). Christus nachfolgen, ihn zum Vorbild haben heißt, bei ihm sein, in allem wie er sein wollen; es heißt, sich den Lebensplan des heiligen Paulus zueigen zu machen: die Werke des alten Menschen abzulegen, um den neuen Menschen anzuziehen, der nach dem Bild Gottes in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit geschaffen ist (vgl. Eph 4,22).

Ein letzter Gedanke führt uns zum Evangelium. Der Mensch, für den Christus zum Dreh– und Angelpunkt seines Lebens, zum Maßstab und Vorbild geworden ist, kann gar nicht anders: Er muss das Evangelium immer zum Nachschlagen griffbereit haben, denn aus ihm schöpfen wir die Erkenntnis Christi und lernen, wie wir uns zu verhalten haben, um wie er zu sein. Wir müssen es täglich lesen und betrachten, uns mit ihm vertraut machen, es muss die Lieblingsquelle für unsere Meditation werden, wir müssen unsere Maßstäbe und unser Verhalten mit dem vergleichen, was uns das Evangelium vorgibt und uns immer wieder fragen: Was steht im Evangelium? Wie hat Christus gedacht und gehandelt? Was würde er unter diesen Umständen tun? Die gesamte Spiritualität, die Ideale und die Arbeitsweise der Bewegung im direkten Apostolat haben ihren Ursprung im Evangelium, darauf beruht ihre Anziehungskraft. und so erklärt sich ihr solides Wesen. Nichts an ihnen ist neu – neu ist hingegen das Evangelium. Möge kein Tag vergehen, ohne dass wir nicht wenigstens einige Minuten mit diesem lebendigen und faszinierenden Christus in Berührung kommen, den uns die Evangelien entdecken lassen. Erfüllen Sie jene Worte mit Leben, mit denen uns die Bibel überreicht wurde, als wir in die nähere Nachfolge des Herrn eintraten und nach dem Charisma des Regnum Christi zu leben begannen: „Nimm das Buch entgegen, das Gottes Wort aufbewahrt. Es sei dir Speise zum Leben, Licht, das deine Schritte stets zum ewigen Leben führt, Heilsbotschaft, die du großzügig an alle Menschen weitergibst.“

Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme“ (1 Kor 11,1). Entschließen wir uns an diesem Fest der Bekehrung des heiligen Paulus, seinem Vorbild treu nachzufolgen, das heißt, Männer und Frauen zu sein, für die Christus wirklich die zentrale Stellung im Leben einnimmt, Maßstab und Vorbild ist; ahmen wir den Völkerapostel in dieser leidenschaftlichen Liebe zu Christus nach, in jenem glühenden und enthusiastischen Seeleneifer, der charakteristisch für sein Leben war. Bitten wir den heiligen Paulus als himmlischen Fürsprecher des Regnum Christi darum, dass er uns allen zu dieser Gnade verhelfe!

Abschließend möchte ich Ihnen noch erzählen, dass ich vor einigen Tagen mit einer Gruppe von Mitgliedern der Bewegung in der Basilika Unserer Lieben Frau von Guadalupe in Mexiko-Stadt die Messe habe feiern dürfen. Vor sie, unsere Mutter, die mit ihrer Güte, Einfachheit, Demut und ihrem grenzenlosen Glauben das Evangelium verkündete, habe ich all Ihre Anliegen hingebracht, und gemeinsam haben wir die Gnade erbeten, wie sie, bis in den Tod treu sein zu dürfen. Es kann uns nichts Besseres passieren, als am Ende unseres Lebens feststellen zu können, dass wir aus reiner Liebe zu Gott die Fahne der Treue hochgehalten haben. Gerade jetzt, da die Fastenzeit vor der Tür steht, können wir viel vom Beispiel der allerseligsten Jungfrau lernen: Sie hat Christus stets und unverbrüchlich treu zur Seite gestanden, selbst auf dem Kalvarienberg und unterm Kreuz, als all seine Jünger – außer dem heiligen Johannes – ihn verlassen hatten. Sie wird uns zu der Gnade verhelfen, ihm treu zu sein, für ihn zu leben und zu sterben.

Ich grüße jeden Einzelnen von Ihnen sehr herzlich in Christus,
Ihr

Álvaro Corcuera LC


(Übersetzung des spanischsprachigen Originals)

 


 

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Brief zum Festtag der Bekehrung des Apostels Paulus

Brief zum Festtag der Bekehrung des Apostels Paulus

Am Festtag der Bekehrung des heiligen Paulus schrieb P. Álvaro Corcuera LC, der Generaldirektor der Legionäre Christi und der Apostolatsbewegung Regnum Christi, einen Brief über die zentrale Stellung Jesu Christi an die Mitglieder und Freunde der Bewegung.

 


 

 

Dein Reich Komme!

 

An alle Mitglieder und
Freunde des Regnum Christi

Rom, den 25. Januar 2007
Fest der Bekehrung des heiligen Paulus

 

Liebe Freunde in Christus!

Am heutigen Tag, an dem die Kirche die Bekehrung des heiligen Paulus feiert, möchte ich Ihnen schreiben, um Sie zu grüßen und Ihnen meinen Dank für alle Gebete und Gesten auszusprechen, mit denen Sie mich Ihre Nähe haben spüren lassen. Ich sehe darin ein Zeichen Ihres Großmuts und Ihrer Herzensgüte. Haben Sie weiterhin Dank für das lebendige Zeugnis Ihrer Liebe zu Gott und dafür, dass Sie mit so viel Freude dieser Familie, in die Gott uns berufen hat, angehören.

Das Fest der Bekehrung des heiligen Paulus, seine Gestalt und Person, bieten uns die Gelegenheit, heute gemeinsam über einen wesentlichen Aspekt unserer Spiritualität nachzudenken: die zentrale Stellung Christi. Wie Sie wissen, leitet das Regnum Christi uns zu einem Lebensstil an, in dem Jesus Christus zum Mittelpunkt unseres Daseins werden soll, zum Maßstab, nach dem wir die Wirklichkeit sehen und beurteilen, zum Vorbild all unseres Handelns. So heißt es zum Beispiel immer, dass wir keiner charismatischen Persönlichkeit, keinem bestimmten Heiligen und keiner Idee, sondern allein Christus nachfolgen - und zwar diesem genauso, wie die Evangelien und die Kirche ihn uns darstellen. Wie oft haben wir Nuestro Padre, unseren Gründer, sagen hören, dass wir einzig und allein Christus nachfolgen: „Lieben Sie Christus, lieben Sie Christus, lieben Sie Christus, leben Sie allein für Ihn (…). Je mehr das Leben voranschreitet und die Ewigkeit näher rückt, umso klarer wird, dass nur die Liebe Christi bleibt – alles andere wird zu Staub, zu Nebel, zu nichts. Möge die Liebe Christi Ihr Schatz sein, für den Sie alles verkaufen (…)!“ (Brief von Nuestro Padre, 4. April 1981). Es geht darum, mit Christus, durch Christus und für Christus zu leben!

Christus die zentrale Stellung im Leben zu verleihen heißt, jene Worten zu leben, die wir am Tag unserer Aufnahme in die Bewegung vernehmen: „Christus ist der Gipfelpunkt allen menschlichen Strebens, er ist die Erfüllung unseres Hoffens und Betens. Er allein vermag allem menschlichen Geschehen, allen menschlichen Handlungen Sinn und Wert zu verleihen. Er ist die Freude und Erfüllung all dessen, wonach sich unsere Herzen sehnen: der wahre Mensch. Und zugleich ist Jesus die Quelle unseres wahren Glücks: Er ist Ursprung unseres geistlichen und moralischen Lebens; er bestimmt, was zu tun ist, und gibt die Kraft und Gnade dazu. Christus ist unser Ein und Alles. Uns dies bewusst zu machen, es zu bekennen und zu feiern ist eine unserem religiösen Glauben entstammende Pflicht, ein Bedürfnis unseres menschlichen Gewissens. An Ihn ist unser Schicksal, unsere Erlösung gebunden.“

Warum aber legt uns die Bewegung dann die Gestalten des heiligen Apostels Paulus und des heiligen Evangelisten Johannes als besondere Fürsprecher und Patrone der Mitglieder des Regnum Christi ans Herz? Was für einen Sinn hat die Heiligenverehrung in einer Spiritualität, die Christus eine zentrale Stellung zuordnet? Die Heiligen sind die großen Zeugen Christi. Ihnen ist es gelungen, seine Botschaft und sein spirituelles Profil im eigenen Leben so gut umzusetzen, dass sie zu lebendigen Nachahmern Christi auf Erden geworden sind. Alles an den Heiligen führt uns zu Christus, spricht von ihm. Deshalb haben diese Meister im Glauben schon zu Lebzeiten immer eine so besondere Anziehungskraft ausgeübt. Und deshalb ist auch ihr Zeugnis für uns so interessant: Wie ein offenes Buch, zeigt es uns konkret und unmittelbar auf, wie wir Christus kennen lernen, lieben und nachahmen können – denn das sind die drei Schritte, die wir tun müssen, wenn er zum Dreh– und Angelpunkt, zur Richtlinie und zum Vorbild unseres Lebens werden soll.

Die zentrale Stellung Jesu Christi in unserem Leben

Wenn wir sagen, dass Jesus Christus die zentrale Stellung in unserem Leben einnehmen soll, bedeutet dies, dass er - der aus Liebe zu uns Mensch gewordene Gott - der einzige ist, der über unser Herz verfügt, unser größtes Anliegen und unsere größte Liebe, der allerhöchste Wert auf unserer Werteskala. Mit anderen Worten: Es bedeutet, dass wir Christus zur Mitte unseres Lebens machen; dass wir nicht „außermittig“ leben und auch nicht um zwei Mittelpunkte kreisen, indem wir versuchen, zwei Herren zu dienen.

Unser Leben setzt sich aus unzähligen, verschiedenartigen Bausteinen zusammen: da gibt es sowohl die ganz alltäglichen Dinge, deren wir zum Überleben bedürfen, als auch die großen Ereignisse, die wie Meilensteine unseren Lebensweg abstecken, es gibt sowohl die inneren Regungen der Seele, als auch die Beziehungen zu anderen Menschen und zu unserer Umgebung, die Bandbreite erstreckt sich von den natürlichen Freuden, die uns der Schöpfer schenkt, bis hin zu den großartigen Wundern der Gnade, die uns am Leben und an der Heiligkeit Gottes teilhaben lassen, und so weiter und so fort. All diese Wirklichkeiten empfangen von Jesus Christus her ihren Sinn und Wert. Er ist ihr gemeinsamer Mittelpunkt, ihr Ziel und Zweck. Der Mensch jedoch gelangt nur dann zu der ihm eigenen menschlichen und persönlichen Entfaltung, wenn er Christus in die Mitte seines Lebens stellt.

Wer Christus zum Dreh– und Angelpunkt seines Lebens zu machen versucht, möchte mit dem heiligen Paulus ausrufen: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2, 20); „für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn“ (Phil 1, 21). Nicht mehr ich zähle, sondern allein seine Liebe; und um dieser Liebe willen bestimmen seine Anliegen, sein Reich, die Kirche mein Leben. Das Herz Christi schlägt im Herzen des Paulus und umgekehrt. Nicht mehr zwei Herzen schlagen da, sondern ein einziges. Und Saulus von Tarsus, wird zum „Apostel Jesu Christi durch den Auftrag Gottes, unseres Retters, und Christi Jesu, unserer Hoffnung“ (1 Tim 1,1).

Ein auf Christus ausgerichtetes Leben setzt voraus, dass wir Christus persönlich erfahren haben, was wiederum ein Ergebnis unseres häufigen Kontakts mit ihm ist. „Ich lebe im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“ (Gal 2,20). Ohne jene erste Begegnung mit dem auferstandenen Jesus auf dem Weg nach Damaskus, kann man das Leben des heiligen Paulus nicht verstehen. Erst nachdem er ihm begegnet war und seine Liebe erfahren hatte, haben sich seine Denkweise, seine Werteskala, ja sein ganzes Leben völlig verändert.

Wie Papst Benedikt XVI. uns in den Mittwochsaudienzen der vergangenen zehn Monate dargelegt hat, war dies auch die Erfahrung aller Apostel gewesen. Jeder einzelne von ihnen hatte eine persönliche Begegnung mit Jesus Christus, und jeden von ihnen rief er bei seinem Namen. Die Apostel wussten sehr genau, dass sie sich keiner Theorie, ja nicht einmal einer Lehre verschrieben, sondern der lebendigen Person Jesu nachfolgten: dem Mensch gewordenen Wort Gottes.

Und das bestätigt auch unsere eigene Erfahrung, denn, wie uns der Papst in seiner Enzyklika Deus caritas est in Erinnerung ruft: „Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont verleiht und damit seine entscheidende Richtung gibt“ (Nr. 1). Auch wir sind eines Tages Christus begegnet. Dank der Gabe des Glaubens, die er selbst uns in der Taufe geschenkt hat, durften wir ihn erkennen und die unergründliche Schönheit seiner Liebe erfahren. Was für ein großes Geschenk! Wir haben die persönliche Liebe Gottes erfahren, weil Christus sie uns offenbart hat; und auch er selbst hat sich uns offenbart, er ist auf uns zugegangen, er hat sich zu uns herabgeneigt, um uns zuzuhören, uns zu trösten, uns an die Hand zu nehmen. Das haben wir persönlich erlebt: nicht durch Bücher oder vom Hörensagen, sondern dank unseres häufigen Umgangs mit ihm.

Wir wissen sehr gut, auf welche Weise Christus wirklich die Mitte unseres Herzens einzunehmen beginnt, nämlich dann, wenn wir den Entschluss gefasst haben, Menschen zu sein, die vom Gebet leben und die zulassen, dass er ihre Herzen in der Eucharistie formt. Uns ist bewusst, dass der häufige Umgang mit ihm in der Eucharistie unser Leben zutiefst verändert. Wenn wir uns jeden Tag einige Augenblicke Zeit nehmen, um – in einer Kirche oder Kapelle, an der wir gerade vorbeikommen – vor dem Tabernakel mit ihm allein zu sein, dann wird er uns nach und nach entdecken lassen, dass er die Liebe ist und dass er uns die Liebe Gottes offenbart. Gerade hier, im intimen Herzensaustausch mit dem im Allerheiligsten wahrhaftig gegenwärtigen Herrn, wird diese Liebe, die uns vielleicht abstrakt oder sehr theoretisch vorkommen mag, zur entscheidenden Realität unseres Lebens; sie wird zum Balsam für unsere Wunden, zur Oase in der trockenen und Kräfte zehrenden Wüste, zur Wärme, die das Herz, das sich vor Kälte zu verhärten droht, durchströmt.

Wenn dies für die Begegnungen mit Jesus Christus vor dem Tabernakel gilt, was soll man dann von jener anderen, noch viel innigeren Begegnung mit ihm sagen: von der heiligen Kommunion, in der wir ihn empfangen, in der sein eigener Leib, sein eigenes Blut uns zur Speise werden? Wenn wir es wirklich ausreichend zu schätzen wüssten, was es heißt, Christus ein einziges Mal in der Kommunion zu empfangen, dann wäre dies jeden Tag unsere allergrößte Sehnsucht!

Objektiv gesehen – alles andere wäre unrealistisch –, beschränkt sich unser Kontakt mit Christus im Allerheiligsten auf einige Momente der Woche oder im günstigsten Fall auf einige Augenblicke unseres Tagesablaufs. Und doch muss unser Umgang mit ihm sehr viel intensiver sein, eben ununterbrochen andauern. Zu diesem Zweck können wir ihm auch im Gebet begegnen. Und das nicht nur zu Zeiten, die wir ausdrücklich dem Gebet widmen, sondern rund um die Uhr, indem wir aus unserem ganzen Tag ein Gebet machen. Ich meine diese kurzen Augenblicke, die wir bei der alltäglichen Arbeit oder in Pausenzeiten nützen können, um mit ihm über alles zu sprechen. Ja, um zu sprechen, aber vor allem, um zuzuhören. Er sehnt sich danach, in unserer Gesellschaft zu sein, im Kreis seiner engsten Freunde! „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, vielmehr nenne ich euch Freunde“ (vgl. Joh 15,15). Wie hilfreich ist es doch – gewissermaßen als Ersatz für die eucharistische Kommunion, die wir nicht empfangen können – inmitten unseres Alltagstrotts häufig „geistige Kommunionen“ zu halten; diese werden uns den Tag über so zur Speise, die unseren Wunsch, mit ihm zusammen zu sein, gleichzeitig verstärkt und erfüllt. Und so wird Christus nach und nach fast unmerklich zu unserem ständigen Begleiter, der uns nie im Stich lässt, der immer verfügbar ist: ein Freund, ohne den wir nicht mehr leben können.

Und es ist so leicht, diese geistigen Kommunionen zu halten. Es genügt, Geist und Sinn einen Moment lang auf den Herrn auszurichten und ihn zu bitten, er solle unsere Seele doch mit seiner freundlichen Gegenwart erfüllen. Jeder kann dazu die Worte benutzen, die ihm sein Herz diktiert. In unserem Gebetbuch befindet sich ein Text, der uns helfen kann, uns in diesen Momenten in seine Nähe zu versetzen: „Mein Jesus, ich glaube, dass du im allerheiligsten Sakrament des Altares wahrhaftig zugegen bist. Ich liebe dich über alles und habe das brennende Verlangen, dich in meiner Seele zu empfangen; da ich dies aber nicht auf sakramentale Weise tun kann, komm wenigstens auf geistige Weise in mein Herz. Bleibe bei mir, und lass nicht zu, dass ich mich jemals von dir trenne.“

Jedes Mal, wenn wir uns auf diese Weise mit Jesus Christus vereinen, öffnen wir gleichsam die Tür unseres Herzens, damit er eintreten und unser ganzes Sein erleuchten kann: auch jene dunklen Winkel der Seele, die uns soviel Leid bescheren und so traurig machen. Wir wissen sehr wohl, dass diese Dunkelheit von unserer Untreue herrührt, von der Sünde, die unserer Freundschaft mit ihm entgegensteht. Doch wenn wir mit Christus zusammen sind, weisen wir die Sünde spontan aufs entschiedenste zurück: nicht so sehr aus Angst, als aus heiliger Gottesfurcht, aus Furcht, die Liebe zu verlieren, denn ohne ihn können wir nicht leben. „Bleibe bei mir, und lass nicht zu, dass ich mich jemals von dir trenne.“

Zuweilen erfahren wir auch, wie andere Schwierigkeiten unsere Liebesbeziehung zu Jesus Christus gefährden können. Doch wenn wir nur Christus im Innersten unseres Herzens tragen, kann uns nichts von ihm trennen. Wie der heilige Paulus es so eindrucksvoll formuliert: „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? In der Schrift steht: Um deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt; wir werden behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat. Doch all das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn“ (Röm 8,3539).

Liebe Freunde und Mitglieder des Regnum Christi, wir müssen uns nicht vor dem Kreuz, vor Schwierigkeiten oder Versuchungen fürchten. - Nichts von alledem kann uns von Christus trennen. Das Einzige, was uns von ihm trennen kann, sind wir selbst, wenn wir uns willentlich auf die Sünde einlassen. Davor müssen wir uns fürchten. Allein die Sorge, ihn zu verlieren, flößt uns Furcht ein. Nur er allein ist notwendig. Wer Christus hat, hat alles; wer Christus verliert, verliert alles. Doch selbst, wenn wir ihm untreu sind, ist er doch treu: Er kommt wieder, um uns zu suchen, uns die Hand entgegenzustrecken, uns zu vergeben und uns wieder in die Arme zu schließen. „Wo jedoch die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden“ (Röm 5,20). Und so können wir unseren Weg immer voll Zuversicht im Glauben und Vertrauen gehen.

Jesus Christus, der MAßSTAB, nach dem die Wirklichkeit zu sehen und zu beurteilen ist

Nach jener ersten Begegnung von Damaskus erlebt Paulus eine tiefgreifende Veränderung seines Daseins, die sich sogar darauf auswirkt, wie er Menschen und Dinge einschätzt; von nun an sieht und beurteilt er alles mit den Augen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, also nicht mehr gemäß seiner vorherigen fanatischen Denkweise, sondern nach den Maßstäben des Evangeliums. „Was mir damals ein Gewinn war, das habe ich um Christi willen als Verlust erkannt. Ja noch mehr: ich sehe alles als Verlust an, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen“ (Phil 3,78).

Nur im Hinblick auf Christus erhalten die Dinge ihr wirkliches Gewicht, ihren Wert und ihren Sinn. Nur in ihm lernen wir, sie als das zu benutzen, was sie sind: Mittel, um den Willen Gottes und unseren Sendungsauftrag zu erfüllen. Eine Sichtweise, die Christus die zentrale Stellung zuweist, fasst alles in ihm zusammen und ordnet es neu.

Paulus, der Apostel Jesu Christi - wie er sich gerne nannte - verfolgt mit seiner gesamten, unaufhörlich dynamischen apostolischen Tätigkeit kein anderes Ziel als den Namen Jesu zu verkündigen. Es geht ihm nicht darum, einen Club von Bewunderern um sich zu scharen oder für seinen guten Ruf zu sorgen. In der Tat interessiert es ihn sogar recht wenig, was die Menschen von ihm denken. Er hatte die Worte Jesu Christi sehr gut verinnerlicht: „Weh euch, wenn euch alle Menschen loben“ (Lk 6,26) – und auch die dazugehörige Seligpreisung: „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und aus ihrer Gemeinschaft ausschließen, wenn sie euch beschimpfen und euch um des Menschensohnes willen in Verruf bringen“ (Lk 6,22). Und so sucht er, erfüllt von der Liebe zum Herrn, nur einen Ruhm: das Evangelium Christi zu verkünden und nicht etwa sein eigenes. Paulus ist nicht mehr wichtig: „Geht es mir denn um die Zustimmung der Menschen, oder geht es mir um Gott? Suche ich etwa Menschen zu gefallen? Wollte ich noch den Menschen gefallen, dann wäre ich kein Knecht Christi. Ich erkläre euch, Brüder: Das Evangelium, das ich verkündigt habe, stammt nicht von Menschen; ich habe es ja nicht von einem Menschen übernommen oder gelernt, sondern durch die Offenbarung Jesu Christi empfangen“ (Gal 1,1012).

Für uns, genauso wie für den heiligen Paulus, besteht der einzige Sinn unseres Apostolats darin, dass möglichst viele Menschen Jesus Christus begegnen, ihn kennen und lieben lernen. Nach diesem Maßstab beurteilen wir unsere apostolische Effizienz. Alles Übrige – unsere Pläne, Werke, Organisation, Strukturen, alltägliche Pflichten usw. – sind nur Mittel, um dieses Ziel zu erreichen. Sie sind wichtig, sehr wichtig und notwendig, aber eben immer nur Mittel, um zu Christus zu gelangen.

Wir sind nur Werkzeuge: „Einige verkündigen Christus zwar aus Neid und Streitsucht, andere aber in guter Absicht (…). Aber was liegt daran? Auf jede Weise, ob in unlauterer oder lauterer Absicht, wird Christus verkündigt, und darüber freue ich mich“ (Phil 1,1518). Wie Johannes der Täufer muss ein echter Apostel von der Sehnsucht erfüllt sein, alle Menschen zu Christus zu führen, ohne dass ihm dafür ein Lohn zuteil wird; Christus und sein Reich sollen wachsen - wir aber kleiner werden. Das genügt uns.

So können wir es im Evangelium an der Stelle nachlesen, an der Johannes der Täufer gefragt wird, ob er der Messias sei. Er antwortet voller Demut, dass er es nicht ist. Er entgegnet seinen Zuhörern, dass er „die Stimme“ sei. Der heilige Augustinus erklärt diese Passage auf außergewöhnliche Weise: „Johannes war die Stimme; doch der Herr war das Wort, das bereits vor Beginn der Schöpfung existierte. Johannes war eine vergängliche Stimme, Christus ist das von Anfang an existierende ewige Wort. (…) Es ist schwierig, das Wort von der Stimme zu unterscheiden. Darum wurde Johannes selbst für den Messias gehalten. Auf der Suche nach dem Wort wandten sie sich an die Stimme. Doch um sich nichts anzumaßen, was nur dem Wort zustand, bekannte Johannes sich als die Stimme. So sprach er: ‚Ich bin nicht der Messias, noch Elias, noch der Prophet’. Sie fragten ihn: ‚Was sagst du von dir selbst?’ Und er antwortete: ‚Ich bin die Stimme dessen, der in der Wüste ruft: Bereitet den Weg des Herrn!’“ (Sermo 293).

Auch wir müssen Stimme sein, das heißt bloßes Instrument, damit Christus, das Wort, in die Herzen der Menschen eintreten kann. Es gibt verschiedene Arten von Stimmen, manche liegen hoch, andere tief, manche sind eher kräftig, wieder andere schwächer. Doch darauf kommt es nicht an. Worauf es ankommt, ist, dass sie alle zu Christus führen und dass sie Christus und seine Spur im Nächsten hinterlassen. Natürlich muss das Instrument gestimmt werden und möglichst effizient sein, doch nur, damit das Wort bleibt und so das Herz der Menschen verändern kann. Nicht um Ruhm, der allein vor den Menschen zählt, zu erwerben, sondern zur Ehre Gottes. Johannes der Täufer sagte selbst: „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden“ (Joh 3,30). Das wird dann unsere Freude sein! Wer sie erfahren hat, weiß genau, dass er sie gegen keinerlei andere menschliche Befriedigung eintauschen wird.

Doch der heilige Paulus gibt uns den grundlegenden Maßstab an, nach dem wir alles sehen und beurteilen müssen: die Nächstenliebe. Eines wusste Paulus ganz genau: Die Gründung so vieler Gemeinden, seine Briefe und Ansprachen, seine Mühe um des Evangeliums willen, ja selbst sein Damaskuserlebnis, sein Aposteltitel und die besondere Offenbarung, die Gott seiner Seele geschenkt hatte – das alles war zu nichts oder nur zu wenig nütze, sofern er nicht die Liebe lebte, wie auch Jesus Christus sie verkündigt und gelebt hatte. „Wenn ich die Liebe nicht hätte, wäre ich nichts“; „für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe“ (vgl. 1 Kor 13,113).

Im Hohelied der Liebe halten wir als Christen und als Mitglieder der Bewegung den grundlegenden Maßstab in der Hand, um den Wert unserer Werke im Hinblick auf die Ewigkeit, sowie die Objektivität unseres Engagements für Christus zu messen. Es handelt sich um eine sehr konkrete, von großem Opfergeist erfüllte Nächstenliebe, denn sie verlangt von uns, dass wir eher für die anderen als für uns selbst leben. Sie besteht aus einer Vielzahl kleiner Details, die meist niemandem auffallen. Doch sie entstammen der Liebe und haben diese zum Ziel. Ein Lächeln, ein Gruß, ein Wort der Ermutigung, der Vergebung, der Nähe. Ein verborgenes Opfer, die Säuberung eines Teils des Hauses, auf den niemand achtet, sich die Vorlieben der anderen einprägen, um ihnen eine Freude zu machen, wissen, womit man dem anderen Schmerz oder Trauer bereitet, um eben das zu vermeiden. Von dem sprechen, was uns gut tut; Themen vermeiden, die uns schaden; Worte des Lobes füreinander haben und aus unserem Wortschatz alles streichen, was Kritik beinhaltet oder dem Ruf meines Mitmenschen schadet. Jemandem den Vortritt lassen, bei Tisch dafür sorgen, dass die anderen sich zuerst bedienen, usw. Und das alles mit großer Einfachheit, denn für den, der liebt, ist das alles ganz normal. So sind die Heiligen: Für sie ist das normal, was in den Augen der Menschen vielleicht außergewöhnlich erscheint. Sie leben das, was die heilige Therese so gut in Worte gefasst hat: das Gewöhnliche außergewöhnlich gut tun.

Jesus Christus als VORBILD unseres Handelns

Als am Tag unserer Aufnahme in das Regnum Christi der Zelebrant uns das Kruzifix überreichte, vernahmen wir dabei die Worte: „Wenn du Christi Nachfolge antreten willst, dann nimm dein Kreuz auf dich und folge ihm nach; denn wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und ihm nachfolgt, ist seiner nicht würdig.“ Dann küssten wir das Kruzifix und behielten es zum Andenken an diesen Tag. Wie der heilige Paulus kennen wir nur einen Christus, und diesen als den Gekreuzigten (vgl. 1 Kor 2,2); in ihm finden wir unseren Weg, unsere Wahrheit und unser Leben (vgl. Joh 14,6). Christus zum Vorbild zu haben bedeutet, hinter ihm her zu gehen, auf seinen Spuren zu wandeln, seine Worte stets zu bedenken, ohne auch nur einen Moment lang unseren Blick von seinem Beispiel abzuwenden. Die Heiligkeit interessiert uns nicht um ihrer selbst willen, und wenn wir danach streben, rein, einfach oder treu zu sein und uns für den Nächsten einzusetzen, dann tun wir das weder aus Pflichtgefühl noch aus Selbstgefälligkeit, sondern weil wir Christus lieben, der sich für den Nächsten eingesetzt hat, rein, einfach und treu war. „Lernt von mir, denn ich bin gütig und von Herzen demütig“ (Mt 11,29). Er hilft uns, die Bedeutung der Tugenden zu erfassen und macht das christliche Ideal für uns attraktiv; er lehrt uns zu beten, lässt uns wissen, wie wir leben sollen, und gibt uns auch die Kraft, all dies zu tun. „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“ (Joh 13,15). Christus nachfolgen, ihn zum Vorbild haben heißt, bei ihm sein, in allem wie er sein wollen; es heißt, sich den Lebensplan des heiligen Paulus zueigen zu machen: die Werke des alten Menschen abzulegen, um den neuen Menschen anzuziehen, der nach dem Bild Gottes in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit geschaffen ist (vgl. Eph 4,22).

Ein letzter Gedanke führt uns zum Evangelium. Der Mensch, für den Christus zum Dreh– und Angelpunkt seines Lebens, zum Maßstab und Vorbild geworden ist, kann gar nicht anders: Er muss das Evangelium immer zum Nachschlagen griffbereit haben, denn aus ihm schöpfen wir die Erkenntnis Christi und lernen, wie wir uns zu verhalten haben, um wie er zu sein. Wir müssen es täglich lesen und betrachten, uns mit ihm vertraut machen, es muss die Lieblingsquelle für unsere Meditation werden, wir müssen unsere Maßstäbe und unser Verhalten mit dem vergleichen, was uns das Evangelium vorgibt und uns immer wieder fragen: Was steht im Evangelium? Wie hat Christus gedacht und gehandelt? Was würde er unter diesen Umständen tun? Die gesamte Spiritualität, die Ideale und die Arbeitsweise der Bewegung im direkten Apostolat haben ihren Ursprung im Evangelium, darauf beruht ihre Anziehungskraft. und so erklärt sich ihr solides Wesen. Nichts an ihnen ist neu – neu ist hingegen das Evangelium. Möge kein Tag vergehen, ohne dass wir nicht wenigstens einige Minuten mit diesem lebendigen und faszinierenden Christus in Berührung kommen, den uns die Evangelien entdecken lassen. Erfüllen Sie jene Worte mit Leben, mit denen uns die Bibel überreicht wurde, als wir in die nähere Nachfolge des Herrn eintraten und nach dem Charisma des Regnum Christi zu leben begannen: „Nimm das Buch entgegen, das Gottes Wort aufbewahrt. Es sei dir Speise zum Leben, Licht, das deine Schritte stets zum ewigen Leben führt, Heilsbotschaft, die du großzügig an alle Menschen weitergibst.“

Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme“ (1 Kor 11,1). Entschließen wir uns an diesem Fest der Bekehrung des heiligen Paulus, seinem Vorbild treu nachzufolgen, das heißt, Männer und Frauen zu sein, für die Christus wirklich die zentrale Stellung im Leben einnimmt, Maßstab und Vorbild ist; ahmen wir den Völkerapostel in dieser leidenschaftlichen Liebe zu Christus nach, in jenem glühenden und enthusiastischen Seeleneifer, der charakteristisch für sein Leben war. Bitten wir den heiligen Paulus als himmlischen Fürsprecher des Regnum Christi darum, dass er uns allen zu dieser Gnade verhelfe!

Abschließend möchte ich Ihnen noch erzählen, dass ich vor einigen Tagen mit einer Gruppe von Mitgliedern der Bewegung in der Basilika Unserer Lieben Frau von Guadalupe in Mexiko-Stadt die Messe habe feiern dürfen. Vor sie, unsere Mutter, die mit ihrer Güte, Einfachheit, Demut und ihrem grenzenlosen Glauben das Evangelium verkündete, habe ich all Ihre Anliegen hingebracht, und gemeinsam haben wir die Gnade erbeten, wie sie, bis in den Tod treu sein zu dürfen. Es kann uns nichts Besseres passieren, als am Ende unseres Lebens feststellen zu können, dass wir aus reiner Liebe zu Gott die Fahne der Treue hochgehalten haben. Gerade jetzt, da die Fastenzeit vor der Tür steht, können wir viel vom Beispiel der allerseligsten Jungfrau lernen: Sie hat Christus stets und unverbrüchlich treu zur Seite gestanden, selbst auf dem Kalvarienberg und unterm Kreuz, als all seine Jünger – außer dem heiligen Johannes – ihn verlassen hatten. Sie wird uns zu der Gnade verhelfen, ihm treu zu sein, für ihn zu leben und zu sterben.

Ich grüße jeden Einzelnen von Ihnen sehr herzlich in Christus,
Ihr

Álvaro Corcuera LC


(Übersetzung des spanischsprachigen Originals)

 


 

Wir hoffen, dass die Lektüre dieses Briefes für Ihr geistliches Leben wertvoll war, und
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Brief von P. Álvaro Corcuera LC vom 25.1.2007 an die Mitglieder und Freunde des Regnum Christi

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Mittwoch, 14. Februar 2007

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