Dienstag, 21. November 2006

Brief vom 1. November 2006


Brief von P. Álvaro Corcuera LC vom 1.11.2006 an die Mitglieder der Bewegung Regnum Christi

An alle Mitglieder und Freunde des Regnum Christi

Rom, 1. November 2006

Liebe Freunde in Christus!

Der Monat November beginnt mit dem großen Fest Allerheiligen. An diesem Tag gedenkt die Kirche jener unzähligen Männer und Frauen – und bittet sie um ihre Fürsprache –, die im Lauf der Jahrhunderte dem göttlichen Ruf zur Heiligkeit entsprochen und so den wunderbaren Garten der Kirche Christi und damit auch der Menschheit verschönert haben. Jeder von ihnen hat im Rahmen seiner persönlichen Geschichte, seines Temperaments, seiner jeweiligen Gaben und Talente und auch seiner menschlichen Grenzen Jesus Christus in seiner Liebe zum Vater und seiner Liebe zu den Menschen so vollkommen wie möglich nachzuahmen versucht. Dies stellt für uns eine Ermutigung dar, denn wir wissen, dass wir alle berufen sind, zur Heiligkeit zu gelangen: „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Mt 5,48). Die Heiligen haben dieses Ziel erreicht – nicht weil Gott vollkommene Wesen, gewissermaßen „Engel“, berufen würde, sondern weil diese Männer und Frauen als Menschen, die mit Unzulänglichkeiten und Schwächen behaftet sind, voll und ganz auf Gott vertraut haben. Auch angesichts der eigenen Fehler ließen sie den Mut nicht sinken. Vielmehr haben sie es verstanden, sich jedes Mal neu aufzurichten und den Weg wieder aufzunehmen – ganz wie es jemandem entspricht, der von Ewigkeit her berufen ist, stets das Gute zu tun.

Vor kurzer Zeit ist die Kirche um vier neue Heilige reicher geworden, zu denen auch der heilige Rafael Guízar Valencia gehört. Er stand dem Leben unseres Gründers, Nuestro Padre, dem der Legion Christi sowie des Regnum Christi historisch sehr nahe. Viele von uns hatten das Glück, der feierlichen Heiligsprechungszeremonie beiwohnen zu können, die von Papst Benedikt geleitetet wurde. In seiner Predigt hob er den Geist der Armut und die seelsorgerische Liebe des neuen Heiligen, seinen missionarischen Eifer und die väterliche Sorge um die Ausbildung und Beharrlichkeit seiner Diözesanpriester hervor.

In diesem Schreiben möchte ich mit Ihnen gemeinsam die wichtigsten Tugenden betrachten, die der heilige Rafael Guízar uns als sein Lebenszeugnis überliefert hat. Sie alle verdichten sich gleichsam in der Tugend der Liebe, jener Königin aller christlichen und evangelischen Tugenden, die das Charisma des Regnum Christi vom Wesen her erfasst. Ich schreibe diese Zeilen mit großer Genugtuung und da ich weiß, dass wir alle demselben Ideal nachstreben, hoffe ich, dass sie Ihnen dienlich sind. Für Ihre Gebete, für Ihr Zeugnis und für Ihr beispielhaftes tägliches Engagement bin ich Ihnen unermesslich dankbar, - sie alle helfen uns so sehr, die Gegenwart Gottes in der Welt wahrzunehmen.

Der heilige Rafael Guízar Valencia war schon zu Lebzeiten als „der heilige“ Bischof von Veracruz bekannt. Von seiner spirituellen Ausstrahlung haben nicht nur die Gläubigen dieses mexikanischen Bundesstaats profitiert: Sie kam ganz Mexiko und ganz Amerika zugute, denn er ist der erste einheimische Bischof dieses Kontinents, der zur Ehre der Altäre erhoben worden ist. Diese spirituelle Ausstrahlung ist, wie wir wissen, auch mit der Geschichte unserer Bewegung verbunden, denn Msgr. Guízar Valencia spielte eine für die spirituelle Entwicklung unserer Kongregation und der Bewegung von der Vorsehung bestimmte Rolle, als er unseren Gründer, Nuestro Padre, bat, auf jenem Seminar zu bleiben, das er heimlich in Mexiko-Stadt unterhielt. In der Kapelle dieser Priesterausbildungsstätte gab dadurch Gott im Juni 1936 am Herz-Jesu-Fest einem jungen Seminaristen jener Zeit das Charisma ein, das wir von ihm empfangen haben und dessen ureigenstes Anliegen es ist, die Liebe Jesu Christi zur Welt und somit die echte christliche Nächstenliebe zu leben und zu verbreiten.

1. Der heilige Rafael Guízar: ein unermüdlicher Apostel

Der brennende Wunsch, Seelen zu retten, den der heilige Rafael seit seinen ersten Jahren als Seminarist in Zamora in sich trug, war für sein Leben zutiefst charakteristisch. Ohne Unterschiede zwischen Mann oder Frau, sozialer Stellung, Stand und Alter zu machen, ging er auf jeden Menschen zu, um ihm zu einer persönlichen Begegnung mit Jesus Christus zu verhelfen. Um eine einzige Seele zu retten, war er zu allem fähig: Er opferte seine Gesundheit, seine Freizeit, ja selbst seinen guten Ruf auf. Es gibt unzählige Beispiele für seine heroische Tapferkeit, die er an den Tag legte, wenn er unter beständiger Lebensgefahr Sterbenden geistlichen Beistand leistete oder sich unermüdlich der aufreibenden Mis-sionsarbeit hingab, und das nicht nur in seinem Heimatland, sondern später auch in anderen Staaten der mexikanischen Republik und in Ländern, in denen er Zuflucht fand als er bei zwei verschiedenen Gelegenheiten des Landes verwiesen war: den Vereinigten Staaten, Kuba, Guatemala und Kolumbien.

In besonderer Weise zeigte er während seiner Amtszeit als fünfter Bischof von Veracruz, welche Art von Apostel er war. Er gab sich seinem Sendungsauftrag mit dem gleichen Eifer hin wie der heilige Paulus, der stets wiederholte: „Lasst uns nicht müde werden, das Gute zu tun“ (Ga 6,9). In den acht Jahren, die er in seiner Diözese residieren konnte, besuchte er die Pfarreien und Gemeinden des Bistums wenigstens dreimal: Auf dem Pferderücken oder, wenn nötig, in kleinen Fischerbooten erreichte er auch die entlegensten Orte, denn er ließ es sich nicht nehmen, seinen Gläubigen das Wort Gottes zu verkünden und die Gnadensakramente zu spenden.

Geschickt nutzte er die zahlreichen natürlichen und übernatürlichen Gaben, die die Vorsehung ihm geschenkt hatte, um sie in den Dienst der Ausbreitung des Evangeliums zu stellen: seine rhetorischen Fähigkeiten, sein sympathisches Wesen, seine Fähigkeit mit Menschen umzugehen, sein musikalisches Talent, seine Fähigkeit, die Güter der Kirche zu verwalten, seinen ausgeprägten Sinn für Humor. Alles half ihm, Christus zu verkünden – sogar ein alter Hocker, den er in eine Kanzel umfunktionierte, um den Leuten das Evangelium zu verkünden, die sich, angelockt von seinem hervorragenden Akkordeonspiel, um ihn geschart hatten.

Der apostolische Eifer, von dem sein Herz überquoll, erwuchs ohne Zweifel aus seiner leidenschaftlichen Liebe zu Christus und seinem brennenden Wunsch, diesen Schatz mit seinen Mitmenschen zu teilen. Mit seinem beispielhaften apostolischen Eifer kann der heilige Rafael Guízar auch uns helfen, unsere Berufung zum Apostolat mit demselben Eifer zu leben, wie er ihn besaß, wenn es darum ging Seelen zu retten und diese Gott näher zu bringen.

2. Der heilige Rafael Guízar: arm und demütig nach dem Beispiel Christi

Die Zeugen, die den heiligen Rafael Guízar noch zu Lebzeiten gekannt haben, berichten einmütig davon, wie heroisch er den evangelischen Rat der Armut gelebt hat. Er war ein Mensch, der sich ganz für die anderen hingab und nichts für sich zurückbehielt. Er besaß gerade das Nötigste, um seinen seelsorgerischen Dienst ausüben zu können, seine Wohnung war spartanisch eingerichtet: ein einfaches Bett, ein kleiner Tisch, ein Schrank und ein Regal für seine Bücher. Alles, was er hatte, gab er den Armen. Oft kam er nach Hause und hatte eines seiner Kleidungsstücke unterwegs an einen Bedürftigen, den er auf der Straße fand, verschenkt. Sein eigener Bruder Antonio, Bischof von Chihuahua, sagte von ihm, dass er „mit sich selbst umging, als ob er ein armer Mann wäre“. Er aß denkbar einfach. Es machte ihm nichts aus, bei seinen Pastoralreisen auf ein Pferd angewiesen zu sein. Als er den Tod herannahen fühlte, bat er, dass man ihn auf den Boden legen möge, weil er, wie Jesus Christus, arm und ohne jede Bequemlichkeit sterben wollte. „Und so starb er, auf dem Boden, in äußerster Armut, in der Verbannung, fern von seiner Diözese, in einem kleinen Haus in Mexiko-Stadt“ (Christus ist mein Leben, Nr. 16). Im Evangelium lesen wir, dass Christus nicht einmal einen Platz hatte, wo er sein Haupt hinlegen konnte. Auch der heilige Rafael starb, wie er gelebt hatte, von allem und allen losgelöst: Christus war sein einziger Reichtum, seine Hände waren gefüllt mit den Früchten seiner Arbeit, den Seelen, die er zum Himmel, dem Ziel unseres Lebens und zur ewigen Umarmung mit Gott geführt hatte.

Der heilige Rafael Guízar wollte ein in Armut lebender Priester und Bischof sein. Sein Einsatz galt in besonderer Weise den einfachen und armen Menschen. Er behandelte alle Menschen mit derselben feinfühligen Liebe, ganz gleich welcher Schicht oder sozialen Stellung sie angehörten, denn er wollte ihnen allen das Beste geben: seinen Glauben an Jesus Christus. In ihnen allen erblickte er das Antlitz Christi. Immer bemühte er sich, Jesus nachzuahmen.

Die christliche Tugend der Armut übt nicht der, dem es an materiellen Gütern mangelt, sondern derjenige, der von diesen Dingen losgelöst ist, dessen Herz an nichts anderem als an Gott hängt und der einzig und allein danach strebt, nach dem Liebesgebot Christi zu leben. So zu leben heißt, mehr „sein“ und nicht bloß mehr haben zu wollen. Unser Reichtum besteht im Geben. Wir leben, um nicht nur das zu geben, was wir haben, sondern auch das, was wir sind.
Wie viele mittellose Menschen sind in ihrem Herzen wahrhaft reich! Es sind Menschen, die mit einer guten Tat, einem Lächeln, einem Blick zeigen, dass sie das besitzen, was den eigentlichen Reichtum des Menschen ausmacht und dies weiterschenken. Und wie viele materiell begüterte Menschen leben wahrhaft im Geist der Armut, jener Armut, die Christus in der Bergpredigt selig preist (vgl. Mt 5,3); sie besitzen ihre Güter nicht weil ihr Ehrgeiz, Gewinnstreben, Macht, Prahlerei oder Stolz sie hervorgebracht hätten, sondern weil sie ihnen einen sozialen und echt christlichen Sinn verleihen wollen; sie verstehen es, die christliche Soziallehre in die Tat umzusetzen und errichten so die Zivilisation christlicher Gerechtigkeit und Liebe.

Ein Mensch dagegen, der von Ehrgeiz und Egoismus getrieben wird, einerlei ob er materiell arm oder reich ist, kann das wahre Glück nicht entdecken; in seinem Herzen herrscht die schlimmste Armut, jene, die der Seele den Frieden raubt und sie in tiefe Unzufriedenheit stürzt. Christus hat uns den Weg gezeigt der wahrlich reich macht: auf das Herz des Menschen kommt es an.

Welche Leuchtkraft besitzt in diesem Zusammenhang das Beispiel Christi, der für alle ohne Unterschied zugänglich war und uns allen ein und dieselbe Botschaft hinterlassen hat: „Geben ist seliger als nehmen“ (Apg 20,35). Deshalb hat, wenn wir uns an das Gleichnis von den Talenten erinnern, jemand, der eine größere Anzahl von Gütern empfangen hat, auch eine größere Verantwortung. Je größer der Besitz, desto größer die Herausforderung an das soziale, menschliche und christliche Gewissen. Diese Botschaft des Evangeliums macht unser Herz frei. So wird es nicht einem Besitzstreben um des Besitzens willen versklavt, denn wir wissen, dass dort, wo unser Schatz ist, auch unser Herz sein wird (vgl. Mt 6,21). Unser Schatz ist in dem Maße der wahre, in dem wir andere daran teilnehmen lassen.

Hierauf haben die Päpste schon oft hingewiesen, insbesondere unser geliebter Papst Johannes Paul II., dessen Priesterjubiläum wir heute feiern: indem der Christ von der Armut Zeugnis ablegt, errichtet er die Zivilisation des Seins und nicht des Habens und identifiziert sich mit Christus, der, obwohl er reich war, arm wurde, um uns durch seine Armut reich zu machen (vgl. 2 Kor 8,9).

Mit der Armut geht natürlich auch die Tugend der Demut einher, welche die Armut nährt und trägt. Die Armut des Herzens ist eine Frucht der Demut. Christus hat uns nicht dazu aufgefordert, ihn in der Vollkommenheit seiner Eigenschaften, die er als göttliche Person besaß, nachzuahmen, denn das wäre für uns unmöglich; er lud uns vielmehr ein, so zu sein wie er, gütig und von Herzen demütig (vgl. Mt 11,29). „Der Herr hilft den Gebeugten auf“, lehrt uns Psalm 147 (V. 6), und der Grund dafür ist, dass der Demütige seinen Halt nicht in sich selber findet, sondern dass Christus seine Stärke, sein treuer Freund, sein Bruder ist, der ihm in guten wie schlechten Zeiten immer zur Seite steht. Wie Lope de Vega es in seinem bekanntem Sonett ausdrückt: „Qué tengo yo, Señor, que mi amistad procuras?“ – „Was habe ich, Herr, dass du um meine Freundschaft wirbst?“. Und so sieht sich der Demütige frei von Eitelkeit, von Modeströmungen, von der Furcht vor dem, was die Leute sagen werden, und von anderen Formen der Sklaverei, die uns daran hindern, wir selbst zu sein. Der demütige Mensch hat zu jeder Zeit das Beispiel dessen vor Augen, der uns „Freunde“ genannt und durch eine Demut erlöst hat, die die Denkmuster der Welt auf den Kopf stellte, indem sie bis zum Kreuzestod ging. „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mt 20,28).

Arme und demütige Heilige wie der heilige Rafael Guízar Valencia wissen, dass sie alles von Gott empfangen haben, und deswegen sind sie ihm auch dankbar. Sie wissen, dass alles Gabe, alles Geschenk Gottes ist, auch wenn es in Schmerzen verpackt ist. Deshalb ist der von Herzen arme Mensch fähig, in beständiger Danksagung zu Gott zu leben (vgl. Kol 3,17).

In einer Gesellschaft wie der unsrigen, die sich immer mehr dazu verleiten lässt, all ihre Hoffnung auf die materiellen Güter zu setzen, erinnert uns die Gestalt des heiligen Rafael Guízar an die Priorität der himmlischen Güter, an die Aufmerksamkeit, die wir denen schulden, die uns brauchen, sowie an die Liebe, die wir jenen Mitmenschen entgegenbringen sollen, die materielle oder spirituelle Not leiden. In dieser Gesinnung nimmt das Regnum Christi eine Vielgestalt von Werken der christlichen Nächstenliebe in Angriff und spornt seine Mitglieder an, sich im Rahmen ihrer jeweiligen Möglichkeiten in karitativen und sozialen Hilfsorganisationen und Diensten an den Armen und Bedürftigen zu engagieren und so ihre aufrichtige Liebe zum Nächsten nach dem Beispiel Jesu Christi zum Ausdruck zu bringen.

3. Der heilige Rafael Guízar: ein treuer Sohn der Kirche

Der heilige Rafael Guízar hat sein Leben ganz in den Dienst der Kirche gestellt und zwar so, wie es Gott von ihm im Verlauf seines Lebens jeweils erbat, das heißt, oft auch unter schmerzlichen und für den menschlichen Verstand kaum erklärbaren Umständen.

Wir wissen zum Beispiel, wie leidenschaftlich er sich als Priester in den ersten Jahren seinem Dienst gewidmet hat: Er hat Volksmissionen gehalten, er war geistlicher Leiter der Seminaristen in Zamora, er hat eine Ordenskongregation, „Unsere Liebe Frau der Hoffnung“, gegründet, er hat Jungen– und Mädchenschulen für die christliche Bildung der Jugend eingerichtet. Die Geschichte überliefert uns auch seine heroischen Akte des Gehorsams, die er aus dem Glauben heraus lebte. Immer hatte er das Beispiel Christi vor Augen, der uns erlöst hat, indem er gehorsam war bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Er wusste sehr genau, dass im Gehorsam der sichere Weg zur Heiligkeit und zur apostolischen Fruchtbarkeit liegt, zum Wohl unserer Mitmenschen.

Die historischen Wechselfälle, die sein Heimatland heimsuchten, verurteilten ihn zu einem harten Exil, was ihn aber nicht daran hinderte, seine missionarische Arbeit in anderen Ländern fortzusetzen. Als ihn jedoch die Nachricht erreichte, dass der Papst ihn zum Bischof von Veracruz ernannt hatte, nahm er, obwohl er lieber weiterhin als einfacher Priester das Evangelium verkündet hätte, die Ernennung an und stellte als treuer Sohn sein Leben in den Dienst der Kirche. Dasselbe lässt sich von seinem Gehorsam gegenüber den kirchlichen Anordnungen in den schweren Zeiten der Religionsverfolgung sagen. Sein oberstes Kriterium war, all das, worum ihn die Kirche in besonderer Weise durch den Heiligen Vater bat, in gläubigem Gehorsam zu erfüllen, auch wenn es aus menschlicher Sicht nicht immer leicht zu verstehen war.

Damit erteilt der heilige Rafael Guízar auch uns eine wichtige Lektion, denn eines der höchsten Ideale in unserem Leben ist unsere Liebe zur Kirche und zum Papst. Als Institution haben wir überhaupt nur innerhalb und im Dienst der Kirche eine Daseinsberechtigung. Durch die Taufe leben wir dieses Geheimnis unserer Eingliederung in die Kirche und immer dann, wenn wir im Geist des Dienens, der kindlichen Liebe, des Gehorsams und der Demut voranschreiten.

4. Die eucharistische Frömmigkeit und die Marienverehrung des heiligen Rafael Guízar

Alle, die ihn zu Lebzeiten gekannt haben, waren Zeugen der großen eucharistischen Frömmigkeit, die der heilige Rafael Guízar gelebt und gefördert hat: Beispiele dafür sind die Liebe und Verehrung mit der er jede heilige Messe feierte, die Verehrung der Eucharistie, die Betstunden und die Anbetung des Allerheiligsten die er bei all seinen Missionen und auf seinem Seminar förderte, die Empfehlungen, die er seinen Seminaristen immer wieder gab, sich nach der Messe noch eine Weile Zeit zu nehmen, um dem Herrn für das Geschenk der eucharistischen Kommunion zu danken.

Als Zeichen seiner bewundernswerten Frömmigkeit und seiner glühenden Liebe zur Eucharistie, die er überall dort, wo er missionarisch tätig war, unermüdlich ausbreitete, sind uns die geistlichen Lieder erhalten geblieben, die er selbst komponiert und gerne gesungen hat. Er wusste, dass in der Eucharistie das ganze Gut der Kirche, Christus selbst, enthalten ist, und machte sie zum Dreh– und Angelpunkt seines Lebens.

Ebenso stand sein gesamtes Leben unter dem Zeichen der Marienverehrung: vom ersten Moment seiner Berufung am Gnadenbild der Virgen del Barrio in Cotija an bis hin zu den zahlreichen persönlichen und diözesanen Wallfahrten zur Basilika von Guadalupe. In einigen Briefen bittet er seine Gläubigen vor allem in den schweren Zeiten der Verfolgung darum, die fünfzehn Rosenkranzgeheimnisse zu beten: die ersten fünf am Morgen, die zweiten am Mittag und die dritten abends mit der Familie. Ferner bat er die Gläubigen, täglich beim Aufstehen ein Ave-Maria, sowie gemeinsam mit der Familie vor einem Muttergottesaltar den Rosenkranz zu beten, eine Viertelstunde lang die Kostbarkeiten der Marienfrömmigkeit betend zu betrachten und unserer lieben Frau besondere Opfer in den Anliegen des Bistums darzubringen. Die von ihm selbst komponierten Marienlieder, die noch heute in vielen Gegenden von Veracruz gesungen werden, sind ebenso gut bekannt wie seine besondere Verehrung der Jungfrau von Guadalupe. So führte er selbst jedes Jahr eine große Schar von Gläubigen an, die zu ihrer Wallfahrtsstätte in Mexiko-Stadt pilgerte.

Die für die Spiritualität des Regnum Christi so bezeichnende eucharistische und marianische Frömmigkeit ist auch ein Ansporn, Jesus Christus so vollkommen wie möglich nachzuahmen. Wie dem heiligen Rafael wird die eucharistische Frömmigkeit auch uns helfen, unseren Tag auf das allerheiligste Sakrament auszurichten und dieses entsprechend der steten Anweisung und Empfehlung Nuestro Padres, zum Mittelpunkt unserer Familien und unseres ganzen Lebens zu machen. Mit dem andächtigen Rosenkranzgebet, das dem einzelnen Menschen und den Familien, die es täglich zuhause beten, so viele Gnaden erwirkt, bringen wir unsere Verehrung für Maria zum Ausdruck. Diese Andacht wird uns helfen, in größerer Nähe zum Mysterium ihres Sohnes zu leben.

5. Der heilige Rafael Guízar: stark und mutig in schwierigen Situationen

Vom menschlichen Standpunkt aus gesehen war das Leben des heiligen Rafael Guízar nicht leicht. Die geschichtliche Epoche, in der er sein Priester– und Bischofsamt ausübte, war, wie schon erwähnt, mit schmerzlichen und blutigen Ereignissen übersät, die ihm über lange Zeit hinweg keine Ruhepause und kein festes Dach über dem Kopf gönnten. Einen großen Teil seines Lebens verbrachte er inmitten eines Wirbels von Schwierigkeiten und Hindernissen aller Art: Lebensgefahr, Verfolgung, Verbannung aus seiner Diözese und aus seinem Heimatland, Ablehnung und Unverständnis. Außerdem musste er allen nur denkbaren Anfeindungen, materiellen Problemen und Nöten, Hunger und Durst die Stirn bieten – ganz zu schweigen von den damals so beschwerlichen Reisen, bei denen er weite Strecken auf dem Rücken eines Maultiers oder Pferdes zurücklegen musste, obwohl seine Gesundheit von den vielen Stunden aufreibender Arbeit und von der Diabetes und Phlebitis, die ihn lange Jahre seines Lebens begleiteten, angeschlagen war.

Doch für ihn waren Schwierigkeiten und Verfolgungen niemals ein Grund, sich einschüchtern zu lassen oder den Mut zu verlieren, im Gegenteil: sein Mut schien bei alledem eher zu wachsen. Sein Glaube und sein absolutes Vertrauen in die Vorsehung, seine glühende Liebe zu Gott und den Seelen vermochten die größten Berge zu versetzen und vermehrten sich geradezu in schwierigen Situationen. Er war ein Mann, für den Aufopferung und die Fähigkeit zur totalen Selbsthingabe normale Lebensformen geworden waren. In allem wollte er immer nur Christus lieben und seine Mitmenschen dazu bringen, ihn ebenfalls zu lieben.

Inmitten all dieser Prüfungen fand er im Beispiel Christi immer Ermutigung und Bestärkung. Wir wissen, dass wir mit diesem Freund an unserer Seite alles erleiden, alles ertragen können. Ebenso fand er im Gedanken an die Seligpreisungen und im Bewusstsein Trost, dass das Gute das Böse am wirksamsten besiegt (vgl. Röm 12,21). Er wusste, dass – wie der Apostel Jakobus schreibt –, sich der Christ glücklich schätzen darf, wenn er sich den verschiedensten Prüfungen ausgesetzt sieht, denn in der Prüfung seines Glaubens schenkt Gott ihm die Gnade der Ausdauer und Beharrlichkeit (vgl. Jak 1,34). Und so wächst nicht nur ein heiliger Mensch wie dieser heran, sondern es wird in uns auch die Fähigkeit herangebildet, Verständnis für die Probleme und die Schmerzen anderer aufzubringen, ihnen nahe zu sein, ihre Probleme zu unseren eigenen zu machen und diese mitzutragen - ohne dass wir uns dabei zu sehr die Frage stellen, ob es uns selbst gut geht. Vielmehr fragen wir dann, wie es unserem Nächsten geht. Wenn es ihm gut geht, dann bin ich auch zufrieden.

In unserem täglichen Leben wie in unserem apostolischen Engagement begegnen uns häufig gleichfalls nicht wenige Widrigkeiten, die sich nur mit liebevoller Geduld überwinden lassen. Auch wenn das Leben eines Apostels große Opfer mit sich bringt, so lohnt es sich doch – das lehrt uns der heilige Rafael Guízar –, für die Ausbreitung des Reichs Christi in der Welt zu arbeiten, ja es ist sogar das einzige wahre Ideal, für das es sich zu leben und zu sterben lohnt.

Wir leben in schwierigen Zeiten, in denen die Treue zu Christus, zur Kirche, zum Papst und seinem Lehramt mit sich bringt, dass man in vielen Bereichen gegen den Strom zu schwimmen hat. Dann spüren wir, was es bedeutet, nicht von dieser Welt zu sein und doch in ihr leben zu müssen. Der überzeugte und dem Herrn in Liebe zugetane Christ ist in der Lage, jede Schwierigkeit, die sich ihm in den Weg stellt zu überwinden, denn er will seiner Mission als Zeuge und Apostel treu bleiben und sie voll und ganz leben. Dies tut er nicht, um sich über anderen zu erheben, sondern im Gegenteil, um ihnen zu dienen.

6. Der heilige Rafael Guízar: ein Mann, der es verstand, zu lieben

Ehe wir mit diesen Zeilen zum Schluss kommen, könnten wir uns fragen, was den heiligen Rafael Guízar dazu veranlasst hat, so zu leben wie er gelebt hat, immer an vorderster Front, immer im missionarischen Einsatz, ohne sich Ruhe oder auch nur eine kleine Pause zu gönnen. Die Antwort, die wir in seinem Leben und im Leben aller Heiligen finden, ist sehr einfach: Die Liebe hat ihn dazu befähigt, sich seiner Mission völlig hinzugeben und ihm so ermöglicht zu einer ungeahnten Lebensfülle zu gelangen.

Ohne jeden Zweifel hat Gott ihm die Gnade geschenkt, auf alle Umstände seines Lebens mit Liebe antworten zu können, und deshalb fürchtete er auch nicht, sein Leben zu verlieren, wenn er es in jeder Minute zum Wohl der Seelen, die Gott ihm anvertraut hatte, hingab.

Von ihm kann man behaupten, was Petrus von Jesus Christus gesagt hat: Er zog umher und tat Gutes (vgl. Apg 10,38). Er verschwendete sein Leben für seinen Nächsten, indem er sein zeitliches und ewiges Heil suchte. Ein tiefes persönliches Glück und überreiche apostolische Früchte, die bis heute fortbestehen, waren die Folge.

Der größte Reichtum des Menschen besteht in dem Maß der Liebe, das er während der vielfältigen Aktivitäten seines Lebens anhäuft. Der heilige Paulus rief die ersten Christen dazu auf, alles zur Ehre Gottes zu tun (vgl. 1 Kor 10,31) und der Welt die Liebe Gottes stets in größerem Maße und immer besser zu verdeutlichen. Wer so handelt, lebt glücklich, lässt sich von Misserfolgen nicht entmutigen, wird nie müde, Gutes zu tun, lässt sich nicht lähmen von Kummer, Unverständnis oder Demütigungen. Immer das Gute tun! Das verschafft der Seele den größten Frieden und dem Herzen die wahre Freude. Wer liebt, kann gar nichts anderes als frohgemut sein: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!“ (Phil 4,4). Heilige Menschen geben die Freude Christi an den Nächsten weiter: „Ein Heiliger, der traurig ist, ist ein trauriger Heiliger“. Und der heilige Rafael Guízar war ganz sicher ein großartiges Beispiel für dieser Freude – gerade auch wegen seines feinsinnigen Humors, der ihm half, alles, auch den tiefsten Kummer und die größten Gefahren einschließlich der Lebensgefahr, ein wenig leichter zu nehmen. Mit seinem Leben lädt uns der heilige Rafael Guízar ein, unsere Hingabe an die Mission, heilige Apostel zu sein, mit völligem Einsatz zu leben. Wir sollen alle Menschen lieben, denn wir alle brauchen Liebe und sind zur Liebe berufen. Wir wissen, dass diese Botschaft der Liebe es ist, was die Welt wirklich verändert. So haben es uns die Heiligen vorgelebt, Menschen, die gelernt haben zu lieben und die sich von der Liebe Gottes haben erobern lassen.

Die wahre Liebe schafft Einheit und Frieden. Das Regnum Christi ist dazu berufen, unter seinen Mitgliedern sowie im Kontakt mit allen anderen Christen, ja ausnahmslos allen Menschen, diesen tiefen Frieden und diese ungetrübte Einheit zu bezeugen. Unser Ruf, Teil einer großen Familie zu werden, in der wir alle im Denken und Fühlen geeint sind, in der wir alle einander mit brüderlicher Liebe begegnen und nicht Böses mit Bösem oder Kränkung mit Kränkung vergelten, sondern denjenigen segnen, der uns beleidigt hat (vgl. 1 Petr 3,89), stammt von Gott.

Ebenso muss die echte Liebe dem Inneren des Herzens entstammen. Es steht uns nicht zu, über andere zu urteilen – dieses Urteil müssen wir Gott überlassen, der unendlich gerecht und unendlich barmherzig ist. Christus lehrt uns, aus tiefstem Herzen zu lieben und unsere Liebe auch dadurch zu zeigen, dass wir positiv über das Verhalten und den Charakter der anderen sprechen. Man darf nicht einmal dann schlecht von einem Menschen sprechen, „wenn es stimmt, was über ihn gesagt wird“, oder wenn überhaupt kein übergeordneter Grund vorliegt, ein solches Urteil auszusprechen, denn damit schadet man der Liebe, die auch darin besteht, den guten Namen unserer Mitmenschen zu respektieren. Wie oft legen wir Gott etwa in der Beichte die unterschiedlichsten Fehler vor und vergessen vielleicht die Gelegenheiten, in denen wir es an Liebe haben fehlen lassen, obwohl doch gerade das Gott am meisten verletzt, weil es seinen Kindern am meisten wehtut. Nichts Besseres kann uns widerfahren, als dass wir uns als Friedenstifter erweisen, als Menschen, die alles Gute tun, die zum guten Ruf unserer Mitmenschen beitragen, gut über andere sprechen und das Böse durch das Gute besie-gen. Aber das alles kann keiner improvisieren. Es ist eine Frucht des Herzens, des Gebets, einer Seinsweise, die sich dem anpasst, wofür Gott uns geschaffen hat. Er hat uns dafür geschaffen, zu lieben und geliebt zu werden. Hierin liegt das Geheimnis des wahren Glücks.

Andererseits liegt es in der Natur der Sache, dass unser Herz von Bitterkeit, Groll und Traurigkeit überflutet wird, wenn wir uns darauf beschränken, die Überbringer schlechter Nachrichten zu sein. Das Evangelium dagegen ist die gute Nachricht, die frohe Botschaft der Liebe Gottes und aller Wunder, die seine Liebe im Herzen der Menschen vollbringt. Deshalb bringt das Evangelium frohe Menschen hervor. Gott hat uns nicht für die Traurigkeit geschaffen, sondern er freut sich, wenn seine Kinder glücklich sind – und glücklich, das wissen wir, sind wir dann, wenn wir unsere Berufung zur Liebe von Grund auf leben.

Die Tugenden, die das Leben des heiligen Rafael Guízar als Christ, Priester und Bischof gekennzeichnet haben, waren zahlreich: sein Zeugnis als Mann Gottes, seine tiefe Frömmigkeit und Liebe zur Eucharistie, seine Güte und Liebe mit denen er allen begegnete, seine radikale Armut, seine Demut und Sanftmütigkeit, sein unermüdlicher missionarischer Eifer und seine leidenschaftliche Liebe zu den Seelen. Der Kontakt mit dem heiligen Rafael hat zweifellos dazu beigetragen, dass unser Gründer, Nuestro Padre, uns jene Worte schriftlich hinterlassen hat, welche die Berufung, die wir empfangen haben, widerspiegeln sollten: „eine Gruppe von Priestern, die bereit sind, ihr Leben völlig der Verkündigung des Evangeliums zu widmen; missionarische Priester, die das Evangelium in allen seinen Anforderungen leben, Christus mit all ihrer Kraft lieben und Glaubensboten dieser Liebe sind, und so das neue Liebesgebot Christi unter den Menschen zu verkünden“ (vgl. Christus ist mein Leben, Nr. 11).

All das hat der heilige Rafael Guízar in Einfachheit, auf natürliche Weise und mit großer Vollkommenheit gelebt. Sein Leben zeigt uns, dass wenn wir uns selbst vergessen und die Person und Liebe Jesu Christi in die Mitte unseres Lebens stellen, uns ein Glück zuteil wird, das die Welt nicht kennt und das nur der zu schätzen weiß, der es erlebt. Wer von der Kraft der Liebe gehalten wird, kann mit dem heiligen Paulus sagen: „Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt“ (Phil 4,13), denn der, der mir Kraft gibt, ist die Liebe in Person und vermag auch mir die Gnade der Liebe zu schenken.

Liebe Freunde und Mitglieder des Regnum Christi, am Ende seines Lebens konnte der heilige Rafael Guízar ruhigen Gewissens sagen: „Ich habe dem Herrn nichts vorenthalten“. Ich wünsche uns allen, dass wir in unserem Leben ebenso großzügig sein können, dass wir nicht nur etwas Äußerliches, sondern uns selbst an Gott und die Kirche verschenken wollen. Diese völlige Selbsthingabe, die sich am Willen Gottes ausrichtet, wird aus Ihnen allen wirklich freie Menschen machen, die in jenem Glück verwurzelt sind, das Gott allein geben kann.

Danken wir Gott für den heiligen Rafael Guízar Valencia, der für die Kirche in Mexiko, für die Kirche in ganz Amerika und für die Weltkirche ein echtes Geschenk ist. Wir wollen diesem himmlischen Fürsprecher die großen Anliegen der Kirche und unsere persönlichen Anliegen anempfehlen. Bitten wir ihn um die Gnade, Christus, die Kirche, Maria und die Seelen ebenso leidenschaftlich lieben zu können wie er.

Mit Ihnen im Gebet und in der Liebe zu Gott vereint grüßt Sie herzlich in Christus Ihr

Álvaro Corcuera LC

(Übersetzung des spanischsprachigen Originals)


Brief vom 1. November 2006

Brief vom 1. November 2006

An alle Mitglieder und Freunde des Regnum Christi

Rom, 1. November 2006

Liebe Freunde in Christus!

Der Monat November beginnt mit dem großen Fest Allerheiligen. An diesem Tag gedenkt die Kirche jener unzähligen Männer und Frauen – und bittet sie um ihre Fürsprache –, die im Lauf der Jahrhunderte dem göttlichen Ruf zur Heiligkeit entsprochen und so den wunderbaren Garten der Kirche Christi und damit auch der Menschheit verschönert haben. Jeder von ihnen hat im Rahmen seiner persönlichen Geschichte, seines Temperaments, seiner jeweiligen Gaben und Talente und auch seiner menschlichen Grenzen Jesus Christus in seiner Liebe zum Vater und seiner Liebe zu den Menschen so vollkommen wie möglich nachzuahmen versucht. Dies stellt für uns eine Ermutigung dar, denn wir wissen, dass wir alle berufen sind, zur Heiligkeit zu gelangen: „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Mt 5,48). Die Heiligen haben dieses Ziel erreicht – nicht weil Gott vollkommene Wesen, gewissermaßen „Engel“, berufen würde, sondern weil diese Männer und Frauen als Menschen, die mit Unzulänglichkeiten und Schwächen behaftet sind, voll und ganz auf Gott vertraut haben. Auch angesichts der eigenen Fehler ließen sie den Mut nicht sinken. Vielmehr haben sie es verstanden, sich jedes Mal neu aufzurichten und den Weg wieder aufzunehmen – ganz wie es jemandem entspricht, der von Ewigkeit her berufen ist, stets das Gute zu tun.

Vor kurzer Zeit ist die Kirche um vier neue Heilige reicher geworden, zu denen auch der heilige Rafael Guízar Valencia gehört. Er stand dem Leben unseres Gründers, Nuestro Padre, dem der Legion Christi sowie des Regnum Christi historisch sehr nahe. Viele von uns hatten das Glück, der feierlichen Heiligsprechungszeremonie beiwohnen zu können, die von Papst Benedikt geleitetet wurde. In seiner Predigt hob er den Geist der Armut und die seelsorgerische Liebe des neuen Heiligen, seinen missionarischen Eifer und die väterliche Sorge um die Ausbildung und Beharrlichkeit seiner Diözesanpriester hervor.

In diesem Schreiben möchte ich mit Ihnen gemeinsam die wichtigsten Tugenden betrachten, die der heilige Rafael Guízar uns als sein Lebenszeugnis überliefert hat. Sie alle verdichten sich gleichsam in der Tugend der Liebe, jener Königin aller christlichen und evangelischen Tugenden, die das Charisma des Regnum Christi vom Wesen her erfasst. Ich schreibe diese Zeilen mit großer Genugtuung und da ich weiß, dass wir alle demselben Ideal nachstreben, hoffe ich, dass sie Ihnen dienlich sind. Für Ihre Gebete, für Ihr Zeugnis und für Ihr beispielhaftes tägliches Engagement bin ich Ihnen unermesslich dankbar, - sie alle helfen uns so sehr, die Gegenwart Gottes in der Welt wahrzunehmen.

Der heilige Rafael Guízar Valencia war schon zu Lebzeiten als „der heilige“ Bischof von Veracruz bekannt. Von seiner spirituellen Ausstrahlung haben nicht nur die Gläubigen dieses mexikanischen Bundesstaats profitiert: Sie kam ganz Mexiko und ganz Amerika zugute, denn er ist der erste einheimische Bischof dieses Kontinents, der zur Ehre der Altäre erhoben worden ist. Diese spirituelle Ausstrahlung ist, wie wir wissen, auch mit der Geschichte unserer Bewegung verbunden, denn Msgr. Guízar Valencia spielte eine für die spirituelle Entwicklung unserer Kongregation und der Bewegung von der Vorsehung bestimmte Rolle, als er unseren Gründer, Nuestro Padre, bat, auf jenem Seminar zu bleiben, das er heimlich in Mexiko-Stadt unterhielt. In der Kapelle dieser Priesterausbildungsstätte gab dadurch Gott im Juni 1936 am Herz-Jesu-Fest einem jungen Seminaristen jener Zeit das Charisma ein, das wir von ihm empfangen haben und dessen ureigenstes Anliegen es ist, die Liebe Jesu Christi zur Welt und somit die echte christliche Nächstenliebe zu leben und zu verbreiten.

1. Der heilige Rafael Guízar: ein unermüdlicher Apostel

Der brennende Wunsch, Seelen zu retten, den der heilige Rafael seit seinen ersten Jahren als Seminarist in Zamora in sich trug, war für sein Leben zutiefst charakteristisch. Ohne Unterschiede zwischen Mann oder Frau, sozialer Stellung, Stand und Alter zu machen, ging er auf jeden Menschen zu, um ihm zu einer persönlichen Begegnung mit Jesus Christus zu verhelfen. Um eine einzige Seele zu retten, war er zu allem fähig: Er opferte seine Gesundheit, seine Freizeit, ja selbst seinen guten Ruf auf. Es gibt unzählige Beispiele für seine heroische Tapferkeit, die er an den Tag legte, wenn er unter beständiger Lebensgefahr Sterbenden geistlichen Beistand leistete oder sich unermüdlich der aufreibenden Mis-sionsarbeit hingab, und das nicht nur in seinem Heimatland, sondern später auch in anderen Staaten der mexikanischen Republik und in Ländern, in denen er Zuflucht fand als er bei zwei verschiedenen Gelegenheiten des Landes verwiesen war: den Vereinigten Staaten, Kuba, Guatemala und Kolumbien.

In besonderer Weise zeigte er während seiner Amtszeit als fünfter Bischof von Veracruz, welche Art von Apostel er war. Er gab sich seinem Sendungsauftrag mit dem gleichen Eifer hin wie der heilige Paulus, der stets wiederholte: „Lasst uns nicht müde werden, das Gute zu tun“ (Ga 6,9). In den acht Jahren, die er in seiner Diözese residieren konnte, besuchte er die Pfarreien und Gemeinden des Bistums wenigstens dreimal: Auf dem Pferderücken oder, wenn nötig, in kleinen Fischerbooten erreichte er auch die entlegensten Orte, denn er ließ es sich nicht nehmen, seinen Gläubigen das Wort Gottes zu verkünden und die Gnadensakramente zu spenden.

Geschickt nutzte er die zahlreichen natürlichen und übernatürlichen Gaben, die die Vorsehung ihm geschenkt hatte, um sie in den Dienst der Ausbreitung des Evangeliums zu stellen: seine rhetorischen Fähigkeiten, sein sympathisches Wesen, seine Fähigkeit mit Menschen umzugehen, sein musikalisches Talent, seine Fähigkeit, die Güter der Kirche zu verwalten, seinen ausgeprägten Sinn für Humor. Alles half ihm, Christus zu verkünden – sogar ein alter Hocker, den er in eine Kanzel umfunktionierte, um den Leuten das Evangelium zu verkünden, die sich, angelockt von seinem hervorragenden Akkordeonspiel, um ihn geschart hatten.

Der apostolische Eifer, von dem sein Herz überquoll, erwuchs ohne Zweifel aus seiner leidenschaftlichen Liebe zu Christus und seinem brennenden Wunsch, diesen Schatz mit seinen Mitmenschen zu teilen. Mit seinem beispielhaften apostolischen Eifer kann der heilige Rafael Guízar auch uns helfen, unsere Berufung zum Apostolat mit demselben Eifer zu leben, wie er ihn besaß, wenn es darum ging Seelen zu retten und diese Gott näher zu bringen.

2. Der heilige Rafael Guízar: arm und demütig nach dem Beispiel Christi

Die Zeugen, die den heiligen Rafael Guízar noch zu Lebzeiten gekannt haben, berichten einmütig davon, wie heroisch er den evangelischen Rat der Armut gelebt hat. Er war ein Mensch, der sich ganz für die anderen hingab und nichts für sich zurückbehielt. Er besaß gerade das Nötigste, um seinen seelsorgerischen Dienst ausüben zu können, seine Wohnung war spartanisch eingerichtet: ein einfaches Bett, ein kleiner Tisch, ein Schrank und ein Regal für seine Bücher. Alles, was er hatte, gab er den Armen. Oft kam er nach Hause und hatte eines seiner Kleidungsstücke unterwegs an einen Bedürftigen, den er auf der Straße fand, verschenkt. Sein eigener Bruder Antonio, Bischof von Chihuahua, sagte von ihm, dass er „mit sich selbst umging, als ob er ein armer Mann wäre“. Er aß denkbar einfach. Es machte ihm nichts aus, bei seinen Pastoralreisen auf ein Pferd angewiesen zu sein. Als er den Tod herannahen fühlte, bat er, dass man ihn auf den Boden legen möge, weil er, wie Jesus Christus, arm und ohne jede Bequemlichkeit sterben wollte. „Und so starb er, auf dem Boden, in äußerster Armut, in der Verbannung, fern von seiner Diözese, in einem kleinen Haus in Mexiko-Stadt“ (Christus ist mein Leben, Nr. 16). Im Evangelium lesen wir, dass Christus nicht einmal einen Platz hatte, wo er sein Haupt hinlegen konnte. Auch der heilige Rafael starb, wie er gelebt hatte, von allem und allen losgelöst: Christus war sein einziger Reichtum, seine Hände waren gefüllt mit den Früchten seiner Arbeit, den Seelen, die er zum Himmel, dem Ziel unseres Lebens und zur ewigen Umarmung mit Gott geführt hatte.

Der heilige Rafael Guízar wollte ein in Armut lebender Priester und Bischof sein. Sein Einsatz galt in besonderer Weise den einfachen und armen Menschen. Er behandelte alle Menschen mit derselben feinfühligen Liebe, ganz gleich welcher Schicht oder sozialen Stellung sie angehörten, denn er wollte ihnen allen das Beste geben: seinen Glauben an Jesus Christus. In ihnen allen erblickte er das Antlitz Christi. Immer bemühte er sich, Jesus nachzuahmen.

Die christliche Tugend der Armut übt nicht der, dem es an materiellen Gütern mangelt, sondern derjenige, der von diesen Dingen losgelöst ist, dessen Herz an nichts anderem als an Gott hängt und der einzig und allein danach strebt, nach dem Liebesgebot Christi zu leben. So zu leben heißt, mehr „sein“ und nicht bloß mehr haben zu wollen. Unser Reichtum besteht im Geben. Wir leben, um nicht nur das zu geben, was wir haben, sondern auch das, was wir sind.
Wie viele mittellose Menschen sind in ihrem Herzen wahrhaft reich! Es sind Menschen, die mit einer guten Tat, einem Lächeln, einem Blick zeigen, dass sie das besitzen, was den eigentlichen Reichtum des Menschen ausmacht und dies weiterschenken. Und wie viele materiell begüterte Menschen leben wahrhaft im Geist der Armut, jener Armut, die Christus in der Bergpredigt selig preist (vgl. Mt 5,3); sie besitzen ihre Güter nicht weil ihr Ehrgeiz, Gewinnstreben, Macht, Prahlerei oder Stolz sie hervorgebracht hätten, sondern weil sie ihnen einen sozialen und echt christlichen Sinn verleihen wollen; sie verstehen es, die christliche Soziallehre in die Tat umzusetzen und errichten so die Zivilisation christlicher Gerechtigkeit und Liebe.

Ein Mensch dagegen, der von Ehrgeiz und Egoismus getrieben wird, einerlei ob er materiell arm oder reich ist, kann das wahre Glück nicht entdecken; in seinem Herzen herrscht die schlimmste Armut, jene, die der Seele den Frieden raubt und sie in tiefe Unzufriedenheit stürzt. Christus hat uns den Weg gezeigt der wahrlich reich macht: auf das Herz des Menschen kommt es an.

Welche Leuchtkraft besitzt in diesem Zusammenhang das Beispiel Christi, der für alle ohne Unterschied zugänglich war und uns allen ein und dieselbe Botschaft hinterlassen hat: „Geben ist seliger als nehmen“ (Apg 20,35). Deshalb hat, wenn wir uns an das Gleichnis von den Talenten erinnern, jemand, der eine größere Anzahl von Gütern empfangen hat, auch eine größere Verantwortung. Je größer der Besitz, desto größer die Herausforderung an das soziale, menschliche und christliche Gewissen. Diese Botschaft des Evangeliums macht unser Herz frei. So wird es nicht einem Besitzstreben um des Besitzens willen versklavt, denn wir wissen, dass dort, wo unser Schatz ist, auch unser Herz sein wird (vgl. Mt 6,21). Unser Schatz ist in dem Maße der wahre, in dem wir andere daran teilnehmen lassen.

Hierauf haben die Päpste schon oft hingewiesen, insbesondere unser geliebter Papst Johannes Paul II., dessen Priesterjubiläum wir heute feiern: indem der Christ von der Armut Zeugnis ablegt, errichtet er die Zivilisation des Seins und nicht des Habens und identifiziert sich mit Christus, der, obwohl er reich war, arm wurde, um uns durch seine Armut reich zu machen (vgl. 2 Kor 8,9).

Mit der Armut geht natürlich auch die Tugend der Demut einher, welche die Armut nährt und trägt. Die Armut des Herzens ist eine Frucht der Demut. Christus hat uns nicht dazu aufgefordert, ihn in der Vollkommenheit seiner Eigenschaften, die er als göttliche Person besaß, nachzuahmen, denn das wäre für uns unmöglich; er lud uns vielmehr ein, so zu sein wie er, gütig und von Herzen demütig (vgl. Mt 11,29). „Der Herr hilft den Gebeugten auf“, lehrt uns Psalm 147 (V. 6), und der Grund dafür ist, dass der Demütige seinen Halt nicht in sich selber findet, sondern dass Christus seine Stärke, sein treuer Freund, sein Bruder ist, der ihm in guten wie schlechten Zeiten immer zur Seite steht. Wie Lope de Vega es in seinem bekanntem Sonett ausdrückt: „Qué tengo yo, Señor, que mi amistad procuras?“ – „Was habe ich, Herr, dass du um meine Freundschaft wirbst?“. Und so sieht sich der Demütige frei von Eitelkeit, von Modeströmungen, von der Furcht vor dem, was die Leute sagen werden, und von anderen Formen der Sklaverei, die uns daran hindern, wir selbst zu sein. Der demütige Mensch hat zu jeder Zeit das Beispiel dessen vor Augen, der uns „Freunde“ genannt und durch eine Demut erlöst hat, die die Denkmuster der Welt auf den Kopf stellte, indem sie bis zum Kreuzestod ging. „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mt 20,28).

Arme und demütige Heilige wie der heilige Rafael Guízar Valencia wissen, dass sie alles von Gott empfangen haben, und deswegen sind sie ihm auch dankbar. Sie wissen, dass alles Gabe, alles Geschenk Gottes ist, auch wenn es in Schmerzen verpackt ist. Deshalb ist der von Herzen arme Mensch fähig, in beständiger Danksagung zu Gott zu leben (vgl. Kol 3,17).

In einer Gesellschaft wie der unsrigen, die sich immer mehr dazu verleiten lässt, all ihre Hoffnung auf die materiellen Güter zu setzen, erinnert uns die Gestalt des heiligen Rafael Guízar an die Priorität der himmlischen Güter, an die Aufmerksamkeit, die wir denen schulden, die uns brauchen, sowie an die Liebe, die wir jenen Mitmenschen entgegenbringen sollen, die materielle oder spirituelle Not leiden. In dieser Gesinnung nimmt das Regnum Christi eine Vielgestalt von Werken der christlichen Nächstenliebe in Angriff und spornt seine Mitglieder an, sich im Rahmen ihrer jeweiligen Möglichkeiten in karitativen und sozialen Hilfsorganisationen und Diensten an den Armen und Bedürftigen zu engagieren und so ihre aufrichtige Liebe zum Nächsten nach dem Beispiel Jesu Christi zum Ausdruck zu bringen.

3. Der heilige Rafael Guízar: ein treuer Sohn der Kirche

Der heilige Rafael Guízar hat sein Leben ganz in den Dienst der Kirche gestellt und zwar so, wie es Gott von ihm im Verlauf seines Lebens jeweils erbat, das heißt, oft auch unter schmerzlichen und für den menschlichen Verstand kaum erklärbaren Umständen.

Wir wissen zum Beispiel, wie leidenschaftlich er sich als Priester in den ersten Jahren seinem Dienst gewidmet hat: Er hat Volksmissionen gehalten, er war geistlicher Leiter der Seminaristen in Zamora, er hat eine Ordenskongregation, „Unsere Liebe Frau der Hoffnung“, gegründet, er hat Jungen– und Mädchenschulen für die christliche Bildung der Jugend eingerichtet. Die Geschichte überliefert uns auch seine heroischen Akte des Gehorsams, die er aus dem Glauben heraus lebte. Immer hatte er das Beispiel Christi vor Augen, der uns erlöst hat, indem er gehorsam war bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Er wusste sehr genau, dass im Gehorsam der sichere Weg zur Heiligkeit und zur apostolischen Fruchtbarkeit liegt, zum Wohl unserer Mitmenschen.

Die historischen Wechselfälle, die sein Heimatland heimsuchten, verurteilten ihn zu einem harten Exil, was ihn aber nicht daran hinderte, seine missionarische Arbeit in anderen Ländern fortzusetzen. Als ihn jedoch die Nachricht erreichte, dass der Papst ihn zum Bischof von Veracruz ernannt hatte, nahm er, obwohl er lieber weiterhin als einfacher Priester das Evangelium verkündet hätte, die Ernennung an und stellte als treuer Sohn sein Leben in den Dienst der Kirche. Dasselbe lässt sich von seinem Gehorsam gegenüber den kirchlichen Anordnungen in den schweren Zeiten der Religionsverfolgung sagen. Sein oberstes Kriterium war, all das, worum ihn die Kirche in besonderer Weise durch den Heiligen Vater bat, in gläubigem Gehorsam zu erfüllen, auch wenn es aus menschlicher Sicht nicht immer leicht zu verstehen war.

Damit erteilt der heilige Rafael Guízar auch uns eine wichtige Lektion, denn eines der höchsten Ideale in unserem Leben ist unsere Liebe zur Kirche und zum Papst. Als Institution haben wir überhaupt nur innerhalb und im Dienst der Kirche eine Daseinsberechtigung. Durch die Taufe leben wir dieses Geheimnis unserer Eingliederung in die Kirche und immer dann, wenn wir im Geist des Dienens, der kindlichen Liebe, des Gehorsams und der Demut voranschreiten.

4. Die eucharistische Frömmigkeit und die Marienverehrung des heiligen Rafael Guízar

Alle, die ihn zu Lebzeiten gekannt haben, waren Zeugen der großen eucharistischen Frömmigkeit, die der heilige Rafael Guízar gelebt und gefördert hat: Beispiele dafür sind die Liebe und Verehrung mit der er jede heilige Messe feierte, die Verehrung der Eucharistie, die Betstunden und die Anbetung des Allerheiligsten die er bei all seinen Missionen und auf seinem Seminar förderte, die Empfehlungen, die er seinen Seminaristen immer wieder gab, sich nach der Messe noch eine Weile Zeit zu nehmen, um dem Herrn für das Geschenk der eucharistischen Kommunion zu danken.

Als Zeichen seiner bewundernswerten Frömmigkeit und seiner glühenden Liebe zur Eucharistie, die er überall dort, wo er missionarisch tätig war, unermüdlich ausbreitete, sind uns die geistlichen Lieder erhalten geblieben, die er selbst komponiert und gerne gesungen hat. Er wusste, dass in der Eucharistie das ganze Gut der Kirche, Christus selbst, enthalten ist, und machte sie zum Dreh– und Angelpunkt seines Lebens.

Ebenso stand sein gesamtes Leben unter dem Zeichen der Marienverehrung: vom ersten Moment seiner Berufung am Gnadenbild der Virgen del Barrio in Cotija an bis hin zu den zahlreichen persönlichen und diözesanen Wallfahrten zur Basilika von Guadalupe. In einigen Briefen bittet er seine Gläubigen vor allem in den schweren Zeiten der Verfolgung darum, die fünfzehn Rosenkranzgeheimnisse zu beten: die ersten fünf am Morgen, die zweiten am Mittag und die dritten abends mit der Familie. Ferner bat er die Gläubigen, täglich beim Aufstehen ein Ave-Maria, sowie gemeinsam mit der Familie vor einem Muttergottesaltar den Rosenkranz zu beten, eine Viertelstunde lang die Kostbarkeiten der Marienfrömmigkeit betend zu betrachten und unserer lieben Frau besondere Opfer in den Anliegen des Bistums darzubringen. Die von ihm selbst komponierten Marienlieder, die noch heute in vielen Gegenden von Veracruz gesungen werden, sind ebenso gut bekannt wie seine besondere Verehrung der Jungfrau von Guadalupe. So führte er selbst jedes Jahr eine große Schar von Gläubigen an, die zu ihrer Wallfahrtsstätte in Mexiko-Stadt pilgerte.

Die für die Spiritualität des Regnum Christi so bezeichnende eucharistische und marianische Frömmigkeit ist auch ein Ansporn, Jesus Christus so vollkommen wie möglich nachzuahmen. Wie dem heiligen Rafael wird die eucharistische Frömmigkeit auch uns helfen, unseren Tag auf das allerheiligste Sakrament auszurichten und dieses entsprechend der steten Anweisung und Empfehlung Nuestro Padres, zum Mittelpunkt unserer Familien und unseres ganzen Lebens zu machen. Mit dem andächtigen Rosenkranzgebet, das dem einzelnen Menschen und den Familien, die es täglich zuhause beten, so viele Gnaden erwirkt, bringen wir unsere Verehrung für Maria zum Ausdruck. Diese Andacht wird uns helfen, in größerer Nähe zum Mysterium ihres Sohnes zu leben.

5. Der heilige Rafael Guízar: stark und mutig in schwierigen Situationen

Vom menschlichen Standpunkt aus gesehen war das Leben des heiligen Rafael Guízar nicht leicht. Die geschichtliche Epoche, in der er sein Priester– und Bischofsamt ausübte, war, wie schon erwähnt, mit schmerzlichen und blutigen Ereignissen übersät, die ihm über lange Zeit hinweg keine Ruhepause und kein festes Dach über dem Kopf gönnten. Einen großen Teil seines Lebens verbrachte er inmitten eines Wirbels von Schwierigkeiten und Hindernissen aller Art: Lebensgefahr, Verfolgung, Verbannung aus seiner Diözese und aus seinem Heimatland, Ablehnung und Unverständnis. Außerdem musste er allen nur denkbaren Anfeindungen, materiellen Problemen und Nöten, Hunger und Durst die Stirn bieten – ganz zu schweigen von den damals so beschwerlichen Reisen, bei denen er weite Strecken auf dem Rücken eines Maultiers oder Pferdes zurücklegen musste, obwohl seine Gesundheit von den vielen Stunden aufreibender Arbeit und von der Diabetes und Phlebitis, die ihn lange Jahre seines Lebens begleiteten, angeschlagen war.

Doch für ihn waren Schwierigkeiten und Verfolgungen niemals ein Grund, sich einschüchtern zu lassen oder den Mut zu verlieren, im Gegenteil: sein Mut schien bei alledem eher zu wachsen. Sein Glaube und sein absolutes Vertrauen in die Vorsehung, seine glühende Liebe zu Gott und den Seelen vermochten die größten Berge zu versetzen und vermehrten sich geradezu in schwierigen Situationen. Er war ein Mann, für den Aufopferung und die Fähigkeit zur totalen Selbsthingabe normale Lebensformen geworden waren. In allem wollte er immer nur Christus lieben und seine Mitmenschen dazu bringen, ihn ebenfalls zu lieben.

Inmitten all dieser Prüfungen fand er im Beispiel Christi immer Ermutigung und Bestärkung. Wir wissen, dass wir mit diesem Freund an unserer Seite alles erleiden, alles ertragen können. Ebenso fand er im Gedanken an die Seligpreisungen und im Bewusstsein Trost, dass das Gute das Böse am wirksamsten besiegt (vgl. Röm 12,21). Er wusste, dass – wie der Apostel Jakobus schreibt –, sich der Christ glücklich schätzen darf, wenn er sich den verschiedensten Prüfungen ausgesetzt sieht, denn in der Prüfung seines Glaubens schenkt Gott ihm die Gnade der Ausdauer und Beharrlichkeit (vgl. Jak 1,34). Und so wächst nicht nur ein heiliger Mensch wie dieser heran, sondern es wird in uns auch die Fähigkeit herangebildet, Verständnis für die Probleme und die Schmerzen anderer aufzubringen, ihnen nahe zu sein, ihre Probleme zu unseren eigenen zu machen und diese mitzutragen - ohne dass wir uns dabei zu sehr die Frage stellen, ob es uns selbst gut geht. Vielmehr fragen wir dann, wie es unserem Nächsten geht. Wenn es ihm gut geht, dann bin ich auch zufrieden.

In unserem täglichen Leben wie in unserem apostolischen Engagement begegnen uns häufig gleichfalls nicht wenige Widrigkeiten, die sich nur mit liebevoller Geduld überwinden lassen. Auch wenn das Leben eines Apostels große Opfer mit sich bringt, so lohnt es sich doch – das lehrt uns der heilige Rafael Guízar –, für die Ausbreitung des Reichs Christi in der Welt zu arbeiten, ja es ist sogar das einzige wahre Ideal, für das es sich zu leben und zu sterben lohnt.

Wir leben in schwierigen Zeiten, in denen die Treue zu Christus, zur Kirche, zum Papst und seinem Lehramt mit sich bringt, dass man in vielen Bereichen gegen den Strom zu schwimmen hat. Dann spüren wir, was es bedeutet, nicht von dieser Welt zu sein und doch in ihr leben zu müssen. Der überzeugte und dem Herrn in Liebe zugetane Christ ist in der Lage, jede Schwierigkeit, die sich ihm in den Weg stellt zu überwinden, denn er will seiner Mission als Zeuge und Apostel treu bleiben und sie voll und ganz leben. Dies tut er nicht, um sich über anderen zu erheben, sondern im Gegenteil, um ihnen zu dienen.

6. Der heilige Rafael Guízar: ein Mann, der es verstand, zu lieben

Ehe wir mit diesen Zeilen zum Schluss kommen, könnten wir uns fragen, was den heiligen Rafael Guízar dazu veranlasst hat, so zu leben wie er gelebt hat, immer an vorderster Front, immer im missionarischen Einsatz, ohne sich Ruhe oder auch nur eine kleine Pause zu gönnen. Die Antwort, die wir in seinem Leben und im Leben aller Heiligen finden, ist sehr einfach: Die Liebe hat ihn dazu befähigt, sich seiner Mission völlig hinzugeben und ihm so ermöglicht zu einer ungeahnten Lebensfülle zu gelangen.

Ohne jeden Zweifel hat Gott ihm die Gnade geschenkt, auf alle Umstände seines Lebens mit Liebe antworten zu können, und deshalb fürchtete er auch nicht, sein Leben zu verlieren, wenn er es in jeder Minute zum Wohl der Seelen, die Gott ihm anvertraut hatte, hingab.

Von ihm kann man behaupten, was Petrus von Jesus Christus gesagt hat: Er zog umher und tat Gutes (vgl. Apg 10,38). Er verschwendete sein Leben für seinen Nächsten, indem er sein zeitliches und ewiges Heil suchte. Ein tiefes persönliches Glück und überreiche apostolische Früchte, die bis heute fortbestehen, waren die Folge.

Der größte Reichtum des Menschen besteht in dem Maß der Liebe, das er während der vielfältigen Aktivitäten seines Lebens anhäuft. Der heilige Paulus rief die ersten Christen dazu auf, alles zur Ehre Gottes zu tun (vgl. 1 Kor 10,31) und der Welt die Liebe Gottes stets in größerem Maße und immer besser zu verdeutlichen. Wer so handelt, lebt glücklich, lässt sich von Misserfolgen nicht entmutigen, wird nie müde, Gutes zu tun, lässt sich nicht lähmen von Kummer, Unverständnis oder Demütigungen. Immer das Gute tun! Das verschafft der Seele den größten Frieden und dem Herzen die wahre Freude. Wer liebt, kann gar nichts anderes als frohgemut sein: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!“ (Phil 4,4). Heilige Menschen geben die Freude Christi an den Nächsten weiter: „Ein Heiliger, der traurig ist, ist ein trauriger Heiliger“. Und der heilige Rafael Guízar war ganz sicher ein großartiges Beispiel für dieser Freude – gerade auch wegen seines feinsinnigen Humors, der ihm half, alles, auch den tiefsten Kummer und die größten Gefahren einschließlich der Lebensgefahr, ein wenig leichter zu nehmen. Mit seinem Leben lädt uns der heilige Rafael Guízar ein, unsere Hingabe an die Mission, heilige Apostel zu sein, mit völligem Einsatz zu leben. Wir sollen alle Menschen lieben, denn wir alle brauchen Liebe und sind zur Liebe berufen. Wir wissen, dass diese Botschaft der Liebe es ist, was die Welt wirklich verändert. So haben es uns die Heiligen vorgelebt, Menschen, die gelernt haben zu lieben und die sich von der Liebe Gottes haben erobern lassen.

Die wahre Liebe schafft Einheit und Frieden. Das Regnum Christi ist dazu berufen, unter seinen Mitgliedern sowie im Kontakt mit allen anderen Christen, ja ausnahmslos allen Menschen, diesen tiefen Frieden und diese ungetrübte Einheit zu bezeugen. Unser Ruf, Teil einer großen Familie zu werden, in der wir alle im Denken und Fühlen geeint sind, in der wir alle einander mit brüderlicher Liebe begegnen und nicht Böses mit Bösem oder Kränkung mit Kränkung vergelten, sondern denjenigen segnen, der uns beleidigt hat (vgl. 1 Petr 3,89), stammt von Gott.

Ebenso muss die echte Liebe dem Inneren des Herzens entstammen. Es steht uns nicht zu, über andere zu urteilen – dieses Urteil müssen wir Gott überlassen, der unendlich gerecht und unendlich barmherzig ist. Christus lehrt uns, aus tiefstem Herzen zu lieben und unsere Liebe auch dadurch zu zeigen, dass wir positiv über das Verhalten und den Charakter der anderen sprechen. Man darf nicht einmal dann schlecht von einem Menschen sprechen, „wenn es stimmt, was über ihn gesagt wird“, oder wenn überhaupt kein übergeordneter Grund vorliegt, ein solches Urteil auszusprechen, denn damit schadet man der Liebe, die auch darin besteht, den guten Namen unserer Mitmenschen zu respektieren. Wie oft legen wir Gott etwa in der Beichte die unterschiedlichsten Fehler vor und vergessen vielleicht die Gelegenheiten, in denen wir es an Liebe haben fehlen lassen, obwohl doch gerade das Gott am meisten verletzt, weil es seinen Kindern am meisten wehtut. Nichts Besseres kann uns widerfahren, als dass wir uns als Friedenstifter erweisen, als Menschen, die alles Gute tun, die zum guten Ruf unserer Mitmenschen beitragen, gut über andere sprechen und das Böse durch das Gute besie-gen. Aber das alles kann keiner improvisieren. Es ist eine Frucht des Herzens, des Gebets, einer Seinsweise, die sich dem anpasst, wofür Gott uns geschaffen hat. Er hat uns dafür geschaffen, zu lieben und geliebt zu werden. Hierin liegt das Geheimnis des wahren Glücks.

Andererseits liegt es in der Natur der Sache, dass unser Herz von Bitterkeit, Groll und Traurigkeit überflutet wird, wenn wir uns darauf beschränken, die Überbringer schlechter Nachrichten zu sein. Das Evangelium dagegen ist die gute Nachricht, die frohe Botschaft der Liebe Gottes und aller Wunder, die seine Liebe im Herzen der Menschen vollbringt. Deshalb bringt das Evangelium frohe Menschen hervor. Gott hat uns nicht für die Traurigkeit geschaffen, sondern er freut sich, wenn seine Kinder glücklich sind – und glücklich, das wissen wir, sind wir dann, wenn wir unsere Berufung zur Liebe von Grund auf leben.

Die Tugenden, die das Leben des heiligen Rafael Guízar als Christ, Priester und Bischof gekennzeichnet haben, waren zahlreich: sein Zeugnis als Mann Gottes, seine tiefe Frömmigkeit und Liebe zur Eucharistie, seine Güte und Liebe mit denen er allen begegnete, seine radikale Armut, seine Demut und Sanftmütigkeit, sein unermüdlicher missionarischer Eifer und seine leidenschaftliche Liebe zu den Seelen. Der Kontakt mit dem heiligen Rafael hat zweifellos dazu beigetragen, dass unser Gründer, Nuestro Padre, uns jene Worte schriftlich hinterlassen hat, welche die Berufung, die wir empfangen haben, widerspiegeln sollten: „eine Gruppe von Priestern, die bereit sind, ihr Leben völlig der Verkündigung des Evangeliums zu widmen; missionarische Priester, die das Evangelium in allen seinen Anforderungen leben, Christus mit all ihrer Kraft lieben und Glaubensboten dieser Liebe sind, und so das neue Liebesgebot Christi unter den Menschen zu verkünden“ (vgl. Christus ist mein Leben, Nr. 11).

All das hat der heilige Rafael Guízar in Einfachheit, auf natürliche Weise und mit großer Vollkommenheit gelebt. Sein Leben zeigt uns, dass wenn wir uns selbst vergessen und die Person und Liebe Jesu Christi in die Mitte unseres Lebens stellen, uns ein Glück zuteil wird, das die Welt nicht kennt und das nur der zu schätzen weiß, der es erlebt. Wer von der Kraft der Liebe gehalten wird, kann mit dem heiligen Paulus sagen: „Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt“ (Phil 4,13), denn der, der mir Kraft gibt, ist die Liebe in Person und vermag auch mir die Gnade der Liebe zu schenken.

Liebe Freunde und Mitglieder des Regnum Christi, am Ende seines Lebens konnte der heilige Rafael Guízar ruhigen Gewissens sagen: „Ich habe dem Herrn nichts vorenthalten“. Ich wünsche uns allen, dass wir in unserem Leben ebenso großzügig sein können, dass wir nicht nur etwas Äußerliches, sondern uns selbst an Gott und die Kirche verschenken wollen. Diese völlige Selbsthingabe, die sich am Willen Gottes ausrichtet, wird aus Ihnen allen wirklich freie Menschen machen, die in jenem Glück verwurzelt sind, das Gott allein geben kann.

Danken wir Gott für den heiligen Rafael Guízar Valencia, der für die Kirche in Mexiko, für die Kirche in ganz Amerika und für die Weltkirche ein echtes Geschenk ist. Wir wollen diesem himmlischen Fürsprecher die großen Anliegen der Kirche und unsere persönlichen Anliegen anempfehlen. Bitten wir ihn um die Gnade, Christus, die Kirche, Maria und die Seelen ebenso leidenschaftlich lieben zu können wie er.

Mit Ihnen im Gebet und in der Liebe zu Gott vereint grüßt Sie herzlich in Christus Ihr

Álvaro Corcuera LC

(Übersetzung des spanischsprachigen Originals)

 

Brief von P. Álvaro Corcuera LC vom 1.11.2006 an die Mitglieder der Bewegung Regnum Christi

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Dienstag, 21. November 2006

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