Montag, 9. Oktober 2006

Brief vom 13. September 2006


Brief von P. Álvaro Corcuera LC vom 13.9.2006 an die Mitglieder der Bewegung Regnum Christi

An alle Mitglieder und Freunde des Regnum Christi

Madrid, 13. September 2006

Liebe Freunde in Christus!

Die Erlebnisse vom Pfingsttreffen, das am 3. und 4. Juni in Rom stattgefunden hat, sind uns noch frisch im Gedächtnis: Hunderttausende von Mitgliedern kirchlicher Bewegungen und Gemeinschaften haben sich um den Nachfolger Petri versammelt; wir haben gebetet und gemeinsam unser Versprechen erneuert, für die Heiligkeit zu arbeiten und das Evangelium zu verkünden. Diese Erfahrung, im Herzen der Kirche vereint zu sein, ist für uns eine Aufforderung, uns unsere Berufung zu vergegenwärtigen: Wir sind dazu berufen, in diesem Frühling der Kirche, wie Johannes Paul II. gesagt hat, wie die ersten Christen zu sein.

Ich möchte mich mit Ihnen gemeinsam daran erinnern, was wir aus diesem Treffen gelernt haben, und ich möchte Sie einladen, mit mir über eine Ansprache nachzudenken, die Msgr. Stanislaw Rylko, der Vorsitzende des Päpstlichen Rates für die Laien, am 9. März dieses Jahres auf dem ersten Kongress der kirchlichen Bewegungen und der neuen Gemeinschaften Lateinamerikas gehalten hat. Ich möchte Ihnen diese Lektüre sehr ans Herz legen, denn der Vortrag ist außerordentlich inhaltsreich und berührt ein Thema, das sowohl für die Mitglieder als auch für die Freunde des Regnum Christi von großem Interesse ist.

Msgr. Rylko spricht darin die wichtigsten Beiträge der Bewegungen für die Kirche an. Er erwähnt zwei grundlegende Bestandteile: erstens eine solide christliche Bildung, die auf einer tiefen Glaubenserfahrung beruht, welche wiederum die Frucht der persönlichen Begegnung mit Christus ist; und zweitens eine ausgeprägte apostolische Dynamik, die alle Bereiche der Kultur und der Gesellschaft erfasst.

1. Solide christliche Bildung. Die herrschende Kultur versucht ein Menschenbild und ein Lebensmodell durchzusetzen, das nicht dem entspricht, was Jesus Christus uns im Evangelium verkündet. Immer mehr Katholiken wissen über ihren Glauben nur noch das, was sie im Kommunionunterricht gelernt haben; die sakramentale Praxis ist rückläufig, die Glaubenserfahrung und das Gefühl, zur Kirche dazuzugehören, verschwimmen mehr und mehr.

Deshalb besteht der erste Beitrag der kirchlichen Bewegungen darin, vereint mit den Hirten der Kirche auf eine solide christliche und dogmatische Bildung jedes ihrer Mitglieder hinzuarbeiten. Über dieses Thema hat Nuestro Padre, unser Gründer, uns am 1. November 2005 einen sehr inhaltsreichen Brief geschrieben. Darin ermahnt er uns, unsere eigene Bildung ernst zu nehmen, und gibt uns sehr konkrete Hinweise, wie wir dies systematisch und gründlich verwirklichen können. Er ruft uns eine große Wahrheit ins Gedächtnis: Niemand kann einen Glauben und eine Moral, die er nur oberflächlich kennt, von Grund auf leben; niemand kann andere überzeugen, wenn er nicht zuerst selbst überzeugt ist; und niemand ist von dem überzeugt, was er nicht weiß. Ich erinnere mich noch daran, wie er uns beim Jubiläum immer wieder die Worte Christi zugerufen hat: „Niemand gibt, was er nicht hat.“ Wir leben in einer Zeit, auf die es nur eine einzige Antwort gibt: das Evangelium in seiner Fülle zu leben und diese Fülle mehr durch unser Beispiel als durch unsere Worte weiterzugeben. Darüber dürfen wir uns von ganzem Herzen freuen, denn wir sind dazu berufen, dem Vorbild Christi zu folgen, „der sein Leben damit verbracht hat, Gutes zu tun“. Jede christliche Bildung muss zum Wesentlichen vordringen. Und das Wesentliche ist, Gott mit unserem ganzen Sein zu lieben und den Nächsten zu lieben wie uns selbst. Christus treu nachzufolgen und das Böse mit dem Guten zu besiegen.

Andererseits nutzt es wenig, den eigenen Glauben mit dem Verstand zu kennen, wenn man ihn nicht mit dem Herzen liebt und innerlich bebt und darauf brennt, ihn an die anderen weiterzugeben. Der Wunsch nach Wissen und Bildung erwächst aus der persönlichen Begegnung mit Jesus Christus, aus der Erfahrung seiner Liebe. Alles kommt von hier. Es ist unendlich wichtig, zu begreifen, dass die echte christliche Bildung uns zum Wesentlichen führt, und die Mittel nicht mit dem Ziel zu verwechseln. Gott ist unser einziges Ziel, er hat uns aus Liebe geschaffen, damit wir wahrhaft glücklich sind. Wie gut tun uns die berühmten Worte der heiligen Theresia, wenn uns die Angst überkommt oder wenn unsere christliche Bildung sich zu verzetteln droht. Sie hat gesagt: Nichts soll dich beunruhigen, nichts dich erschrecken, alles vergeht, Gott verändert sich nicht; der Geduld gelingt alles; wer Gott hat, dem fehlt nichts: GOTT ALLEIN GENÜGT.

Das Regnum Christi sieht das ganze christliche Leben unter dem Blickwinkel der Liebe und das spirituelle Leben als persönliche Liebesbeziehung mit Jesus Christus. Und es geht davon aus, dass diese Begegnung mit Christus alle Dimensionen der Person und ihrer sozialen, familiären und beruflichen Umgebung verwandelt, ihn aus einem bloßen Zuschauer zu einem überzeugten Apostel im Dienst der Kirche macht.

2. Der zweite Bestandteil dessen, was die Bewegungen zur Kirche beitragen, ist ihre ausgeprägte apostolische Dynamik. Die Bewegungen unterstützen die Diözesen und Pfarreien, indem sie Laien ausbilden, die von Jesus Christus überzeugt, gläubig, engagiert und motiviert sind und die alles verwandelnde Botschaft des Evangeliums verkünden und an andere weitergeben wollen. Der heilige Paulus spricht in diesem Zusammenhang von einem „Zwang“: „Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde“ (1 Kor 9,16). Das betende Hören auf das Wort Gottes, das Leben aus den Sakramenten, die geistliche Leitung und die christliche Gemeinschaft lassen uns aus uns selbst heraustreten, um das Evangelium zu unseren Freunden und Verwandten, in alle Häuser und vor allem zu den Menschen zu bringen, die unsere Liebe am meisten benötigen. Der apostolische Eifer, den der Heilige Geist uns eingibt, weckt überdies in uns die Initiative und den Einfallsreichtum, damit wir uns nicht mit dem Erreichten zufrieden geben, sondern neue Horizonte, neue Areopage, neue Methoden suchen.

Papst Benedikt XVI., für den wir in diesen Tagen seines Deutschlandbesuchs besonders gebetet haben, hat in der Audienz am 17. Mai dieses Jahres Folgendes über den heiligen Petrus gesagt: Seine Reaktion angesichts des wunderbaren Fischfangs ist Staunen und Schrecken: „Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder“ (Lk 5,8). Jesus antwortet ihm, indem er ihn auffordert, zu vertrauen und sich einem Plan zu öffnen, der alle seine Perspektiven übersteigt: „Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen“ (Lk 5,10). Petrus (…) nimmt die überraschende Berufung an, sich in dieses große Abenteuer hineinziehen zu lassen: Er ist großmütig, er erkennt, dass er Grenzen hat, aber er glaubt an denjenigen, der ihn ruft, und folgt dem Traum seines Herzens. Er sagt Ja – ein mutiges und hochherziges Ja – und wird Jünger Jesu.

Das Regnum Christi ist eine Apostolatsbewegung, die der Kirche hoch motivierte und in ihrem Glaubensleben zutiefst überzeugte, dogmatisch gebildete und in der Seelsorge erfahrene Laien zuführen will, die mit der größtmöglichen Tiefen– und Breitenwirkung dafür sorgen, dass immer mehr Menschen Jesus Christus kennen und lieben. Das ist unser einziges Ziel: allen Menschen die Liebe Christi zu bringen. Eine Liebe, die verwandelt und uns zu dem macht, wofür Gott uns von Ewigkeit her geschaffen hat.

Ich weiß, dass Sie diese Gedanken schon kennen und dass die meisten von Ihnen sich auch mit bewundernswertem Eifer bemühen, sie umzusetzen. Dennoch habe ich es für sinnvoll gehalten, Ihnen diese Ansprache des Vorsitzenden des Päpstlichen Rats für die Laien zuzuschicken, um unser Engagement im Dienst an der Kirche Christi und an ihren Hirten, an der kirchlichen Gemeinschaft und an allen Menschen neu zu entfachen. Von diesem Engagement spricht auch das Evangelium: Wir sollen ein Licht sein, das die Dunkelheit erhellt, und ein Feuer, das alles Kalte erwärmt.

Für viele beginnt im September ein neues Schuljahr. Ihnen allen, den Gottgeweihten und den übrigen Mitglieder des Regnum Christi, unseren Freunden und Wohltätern, allen, die uns in unseren Einrichtungen und apostolischen Werken so wertvolle Dienste leisten, den Schülern und Eltern an unseren Schulen… Ihnen allen sende ich meine herzlichsten Grüße, und ich darf Ihnen auch die väterlichen Grüße von Nuestro Padre ausrichten. Möge die allerseligste Jungfrau Maria sie beschützen und in diesem neuen Schuljahr mit überreichen Früchten segnen. In diesem Monat feiern wir das Fest Mariä Geburt. Der Trost, den sie uns schenkt, überwindet alle Probleme. Maria, die schmerzensreiche Jungfrau, die uns lehrt, den Kreuzweg mit der Kraft und der Freude dessen zu gehen, der weiß, dass sein Leben sich darin erfüllt, aus Liebe den Willen Gottes zu tun und dem Nächsten zu dienen.

 

Herzlichst in Christus Ihr
Álvaro Corcuera LC

 

 

 

 

 


Im Anhang: Ein Vortrag von Erzbischof Stanislaw Rylko, Präsident des päpstlichen Laienrates. Es handelt sich dabei um die Eröffnungsrede des ersten Kongresses der neuen geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá am 9. März 2006

 


Die kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften als Antwort des Heiligen Geistes auf die heutigen Herausforderungen der Evangelisierung

1. Die vorrangige Herausforderung für die Kirche zu Beginn dieses neuen Jahrtausends besteht in der ihr seit jeher anvertrauten Aufgabe, nämlich der Evangelisierung. Zu allen Zeiten, und darum nicht weniger in unseren Tagen, ist die Kirche dazu aufgerufen, diesen Auftrag des auferstandenen Christus zur Mission von neuem anzunehmen: „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe“ (Mt 28,1920). Für Matthäus bedeutet „Jünger“ und „Christen“ zu werden das Gleiche [1]. Andere „als Jünger zu gewinnen“ bildet für die Kirche stets das Herzstück ihrer Berufung und Mission. Die von Christus gegründete Kirche wird in die Welt hinausgeschickt, um zu evangelisieren, sie lebt immerzu durch und für die Mission.

In die Evangelisierung der heutigen Welt – jene Neuevangelisierung, die in aller Munde ist und dem Diener Gottes Johannes Paul II. so sehr am Herzen lag – setzt die Kirche große Hoffnungen. Gleichzeitig ist sie sich jedoch auch der unzähligen Hindernisse auf ihrem Weg bewusst, bedingt sowohl durch die tief greifenden Veränderungen im Leben der Individuen und Gesellschaften als auch insbesondere durch eine krisengeschüttelte postmoderne Kultur. Der fortschreitende Prozess der Säkularisierung sowie eine regelrechte „Diktatur des Relativismus” (Benedikt XVI.) bewirken bei vielen unserer Mitmenschen einen erschreckenden Werteverlust, gepaart mit unbekümmertem Nihilismus, und führen zu alarmierendem Glaubensschwund, einer Art „schweigenden Apostasie” (Johannes Paul II.) sowie einer „merkwürdigen Gottvergessenheit” (Benedikt XVI.). Dieser Situation, die bedauerlicherweise in den Ländern mit alten christlichen Wurzeln zu beobachten ist, stellt sich ein ambivalenter und zweifelhafter „religiöser Boom” entgegen. Im August vorigen Jahres nahm der Papst in Köln dazu Stellung: „Ich will nicht alles schlecht machen, was da vorkommt. (…) Aber – um die Wahrheit zu sagen – weithin wird doch Religion geradezu zum Marktprodukt. Man sucht sich heraus, was einem gefällt, und manche wissen, Gewinn daraus zu ziehen“ [2]. Man denke nur an den Vormarsch der Sekten, die um sich greifenden Lebenskonzepte und Einstellungen unter dem Einfluss von New Age oder parareligiöse Phänomene wie Okkultismus und Magie. Die globalisierte Welt ist in Wahrheit zu einem riesigen Missionsland geworden. Der Psalmist formuliert es in dramatischen Worten: „Der Herr blickt vom Himmel herab auf die Menschen, ob noch ein Verständiger da ist, der Gott sucht“ (Ps 14,2). Heutzutage stellt sich die Aufgabe, Jesus Christus auf den großen modernen Marktplätzen der Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und der Massenmedien zu verkünden, dringender denn je zuvor. Die im Evangelium erwähnte Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter (siehe Mt 9,37). In diesem für die Kirche so wichtigen Bereich bedarf es heute eines radikalen Mentalitätswandels und eines Neuerweckens der Gewissen aller. Wir müssen neu in den Methoden, im Ausdruck und im Eifer werden [3]. Zu Beginn des dritten Jahrtausends forderte der Diener Gottes Johannes Paul II. die Kirche auf: „Unzählige Male habe ich in diesen Jahren den Aufruf zur Neuevangelisierung wiederholt. Ich bekräftige ihn jetzt noch einmal, vor allem um darauf hinzuweisen, dass es unbedingt nötig ist, in uns wieder den Schwung des Anfangs dadurch zu entzünden, dass wir uns von dem glühenden Eifer der apostolischen Verkündigung, die auf Pfingsten folgte, mitreißen lassen. Wir müssen uns die glühende Leidenschaft des Paulus zu eigen machen, der ausrief: «Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!» (1 Kor 9,16)“ [4]. In seiner Botschaft an die deutschen Bischöfe in Köln sprach Papst Benedikt XVI. zu diesem Thema Worte, die von einer tiefen apostolischen Sehnsucht zeugen: „Und so denke ich, müssen wir ganz ernstlich darüber nachdenken, (…) wie wir heute wirklich Evangelisierung, nicht nur Neuevangelisierung, sondern oft eben auch Erstevangelisierung leisten können. Die Menschen kennen Gott nicht, kennen Christus nicht. Ein neues Heidentum ist da, und es genügt nicht, dass wir versuchen, die bestehende Herde zu erhalten – das ist sehr wichtig (…): Und wir müssen, denke ich, alle miteinander versuchen, neue Weisen zu finden, wie wir in diese heutige Welt hinein wieder das Evangelium tragen, dort wieder Christus verkünden und den Glauben aufrichten können“ [5]. Diese Anstöße der beiden Päpste sollen unsere Betrachtungen begleiten und hin zur Verbindung zwischen der Evangelisierung der heutigen Welt und den kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften lenken.

2. Eine herausragende und besondere Rolle unter den zahlreichen fruchtbaren Auswirkungen des 2. Vatikanischen Konzils auf das kirchliche Leben nimmt zweifelsohne die „neue Zeit der Zusammenschlüsse” von Laien ein. Dank der ekklesiologischen und theologischen Prinzipien des Konzils für das Laientum sind neben den traditionellen Vereinigungen viele andere Zusammenschlüsse entstanden, die heute als „kirchliche Bewegungen” oder „neue Gemeinschaften” bezeichnet werden” [6]. Erneut hat der Heilige Geist in die Geschichte der Kirche eingegriffen, ihr neue Charismen mit außergewöhnlicher missionarischer Dynamik verliehen und damit die großen und dramatischen Herausforderungen unserer Zeit in geeigneter Weise beantwortet. Der Diener Gottes Johannes Paul II. stand diesen neuen kirchlichen Realitäten wohlwollend und mit besonderem pastoralen Beistand zur Seite: „Eine der Gaben des Heiligen Geistes in unseren Tagen liegt sicherlich in den blühenden kirchlichen Bewegungen, die ich seit Beginn meines Pontifikats als Anlass zur Hoffnung für die Kirche sowie die Menschen bezeichne und nach wie vor als solchen sehe“ [7]. Nach tiefster Überzeugung von Papst Wojtyla waren diese kirchlichen Bewegungen Ausdruck eines „neuen missionarischen Advents”, eines von Gott bereiteten „großen christlichen Frühlings” vor Anbruch des dritten Jahrtausends der Erlösung [8]. Darin bestand eine der großen prophetischen Herausforderungen seines Pontifikats.

Die kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften tragen ein wertvolles evangelisierendes Potenzial in sich, welches von der Kirche heute dringend benötigt wird. Sie stellen einen weithin unbekannten Reichtum dar, der noch nicht entsprechend geschätzt wird. Johannes Paul II. sagte: „In unserer oft von einer säkularisierten Kultur dominierten Welt, die Lebensmodelle ohne Gott fördert und anregt, wird der Glaube vieler einer harten Probe ausgesetzt und nicht selten erstickt und ausgelöscht. Hier wird die Notwendigkeit einer starken Verkündigung sowie einer gründlichen und tiefgehenden christlichen Bildung dringend spürbar. Wie sehr bedarf es heute reifer christlicher Persönlichkeiten im Bewusstsein ihrer Identität als Getaufte, ihrer Berufung und der Sendung in der Kirche und in der Welt! Und wie sehr benötigen wir lebendige christliche Gemeinschaften! Hier bilden die Bewegungen und neuen Gemeinschaften den Schlüssel: Sie sind die vom Heiligen Geist hervorgebrachte Antwort auf diese dramatische Herausforderung am Ende des Jahrtausends. Ihr seid diese Antwort der Vorsehung!” [9]. Der Papst zeigte hiermit zwei grundlegende Prioritäten der Evangelisierung – „Jünger von Jesus Christus zu gewinnen” – im heutigen Leben auf: „Gründliche und tiefgehende Bildung” sowie „starke Verkündigung”. Es handelt sich um zwei Bereiche, in denen die kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften außergewöhnliche Früchte für das Leben der Kirche hervorbringen, und für Tausende von Christen aus allen Himmelsrichtungen zu regelrechten „Glaubenslaboratorien“, wahren Schulen des christlichen Lebens, der Heiligkeit und der Mission werden.

3. Die erste und oberste Priorität liegt in der christlichen Bildung. Hier stoßen wir auf einen neuralgischen Punkt, weil heutzutage selbst die Grundfesten des Erziehungsprozesses eines Menschen bedroht sind. Der damalige Kardinal Ratzinger warnte: „Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten lässt“ [10]. Die vorherrschende Kultur unserer Tage führt zu unvollständigen, schwachen und zerrissenen Persönlichkeiten. Warnende Worte weisen darauf hin: „Die Fähigkeit einer ganzen Generation von Erwachsenen, ihre eigenen Kinder zu erziehen, befindet sich in der Krise. Jahrelang predigte man von den neuen Kanzeln – Schulen und Universitäten, Zeitungen und Fernsehen –, Freiheit bestehe im Nichtvorhandensein von Einschränkungen oder Geschichte, und Größe könne man erlangen, ohne irgendwohin und zu jemandem zu gehören, einfach der eigenen Lust und Laune folgend. Es gilt als normal zu denken, alles sei gleich und im Grunde sei nichts von Wert, außer Geld, Macht und gesellschaftlicher Rang. Man lebt, als existiere die Wahrheit nicht, als ob die Sehnsucht nach Glück im Innersten des Menschen dazu bestimmt sei, unbeantwortet zu bleiben” [11]. Auch die Getauften sind vor dem Einfluss dieser Kultur nicht gefeit. Daraus resultieren ungefestigte und konfuse christliche Identitäten, ein Glaube, der unter der Einwirkung eines gefährlichen Synkretismus aus Aberglaube, Magie und New Age zur reinen Routine verkommt, und ein oberflächliches und vages Zugehörigkeitsgefühl zur Kirche, das in den Entscheidungen und im Verhalten nicht spürbar wird. Wir stehen heute einem besorgniserregenden Mangel an Erziehungsräumen nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der Kirche gegenüber. Aus eigener Kraft ist die christliche Familie nicht mehr in der Lage, den Glauben an die neuen Generationen weiterzugeben, und auch die Pfarrei reicht dafür nicht aus, wenngleich sie nach wie vor eine unverzichtbare territoriale Struktur für die Pastoral der Kirche darstellt. Vor allem in den Großstädten sind die Pfarreien oftmals für zu große Viertel oder gar ganze Satellitenstädte verantwortlich, in denen es schwerlich zur Entstehung persönlicher Beziehungen kommen kann und die kaum zu Orten wahrer christlicher Initiation werden. Was also ist zu tun? Gerade für diesen Fall bieten sich die kirchlichen Bewegungen als Stätten gründlicher und tiefgehender christlicher Ausbildung an. Tatsächlich zeichnen sich die Bewegungen und neuen Gemeinschaften durch ein reichhaltiges Angebot an äußerst effizienten Erziehungsmethoden und –plänen aus. Doch worin liegt die Wurzel ihrer pädagogischen Kraft? Das „Geheimnis”, um es so zu formulieren, liegt in den Charismen verborgen, die zu ihrer Entstehung geführt haben und ihre Seele bilden. Das Charisma schafft diese „geistige Verwandtschaft zwischen den Menschen“ [12], welche zur Entstehung der Gemeinschaft und der Bewegung führt. Dank dieses Charismas kann die faszinierende ursprüngliche Erfahrung des christlichen Erlebens, zu dessen besonderem Zeugen jeder Gründer wird, im Leben vieler Menschen und innerhalb verschiedener Generationen von Menschen stattfinden, ohne ihren neuen und unverbrauchten Charakter zu verlieren. Das Charisma bildet den Quell einer außergewöhnlichen erzieherischen Kraft der Bewegungen und neuen Gemeinschaften. Als Ausgangspunkt wählt diese Ausbildung eine tief greifende Umkehr des Herzens. Nicht zufällig zählen viele Konvertiten, Menschen von „ganz wo anders”, zu den Mitgliedern dieser neuen kirchlichen Gemeinschaften. Am Beginn dieses Prozesses steht stets die persönliche Begegnung mit Christus, eine Begegnung, die das Leben von Grund auf verändert. Begünstigt wird sie durch glaubwürdige Zeugen, welche in der Bewegung die Erfahrungen der ersten Jünger von neuem erlebt haben: „Komm und sieh!” (Joh 1,46). Die Mitglieder der kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften verfügen immer über ein Leben „davor” und „danach”. Mitunter ist die Umkehr des Herzens ein sich nach und nach vollziehender schrittweiser Prozess. Ein anderes Mal passiert sie plötzlich, unerwartet und völlig überraschend. In jedem Fall wird sie jedoch als Gnadengeschenk Gottes aufgenommen, welches das Herz vor Glück höher schlagen lässt und sich ein Leben lang in spirituellen Reichtum verwandelt. „Gott existiert – Ich bin ihm begegnet”. So viele Mitglieder kirchlicher Bewegungen und neuer Gemeinschaften könnten diese Worte von André Frossard, einem Konvertiten, zu ihren eigenen machen!

Im Bereich der Ausbildung findet die Ursprünglichkeit in den Charismen der einzelnen Bewegungen und Gemeinschaften vornehmlich ihren Ausdruck, wobei alle den Erziehungsprozess eines Menschen auf eigenen, spezifischen pädagogischen Ansätzen gründen. Allgemein gesprochen handelt es sich um eine auf Christus zentrierte Pädagogik mit Hauptaugenmerk auf das Wesentliche, das Erwecken der den Jüngern Christi eigenen und durch die Taufe empfangenen Berufung; eine radikale Pädagogik, die das Evangelium nicht verwäscht und das Streben nach Heiligkeit fordert und vorgibt; eine Pädagogik aus dem Inneren der kleinen christlichen Gemeinschaften heraus, welche vor allem in einer von Einsamkeit und Anonymität der menschlichen Beziehungen geprägten zerrütteten Gesellschaft einen notwendigen Bezugs– und Angelpunkt bilden; eine umfassende Pädagogik, die durch das Berühren und Einbeziehen aller Dimensionen der menschlichen Existenz zu einem „totalen” Zugehörigkeitsgefühl zur Bewegung führt. Dieses unterscheidet sich von allen anderen Mitgliedschaften bei verschiedenen Gruppen oder Kreisen auf den einzelnen Stufen und schlägt sich in einem starken Zugehörigkeitsgefühl zur Kirche sowie einer lebendigen Liebe zu ihr nieder. Deshalb kann man ohne Übertreibung sagen, dass die Bewegungen und neuen Gemeinschaften wahre Schulen der Ausbildung „erwachsener” Christen darstellen. Wie es der damalige Kardinal Joseph Ratzinger vor einigen Jahren formulierte, handelt es sich um „starke Weisen der Gegenwart des Glaubens, der Menschen wieder beseelt und ihnen Dynamik und Freude gibt, Glaubensgegenwart also, die für die Welt etwas bedeutet” [13]. Schließlich verdient die Rolle, die diesen Gemeinschaften im Kontext der lateinamerikanischen Kirche hinsichtlich der fest verankerten und verbreiteten Volksfrömmigkeit zukommen kann, zumindest eine kurze Erwähnung. Die pädagogischen Ansätze der kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften zur Evangelisierung sind in der Lage, dazu beizutragen, diese Religiosität in die richtigen Bahnen zu lenken, wichtige Aspekte aufzugreifen und zu vertiefen, ohne ihren Wert im Leben des Volks zu schmälern [14].

4. Die zweite große Dringlichkeit, der die Bewegungen und neuen Gemeinschaften nachkommen, besteht in der „starken Verkündigung“. Die christliche Ausbildung soll stets sehr stark vom missionarischen Aspekt geprägt sein, da die christliche Berufung gleichzeitig die Berufung zum Apostolat bedeutet. Die Mission ermöglicht den Getauften, die eigene Berufung in ihrer Fülle zu entdecken, bewahrt vor der Versuchung einer eigenzentrierten Haltung und schützt vor der Gefahr, die Bewegung, der man angehört, als eine Art Refugium in einem Ambiente vertrauter Freundschaft für den Rückzug vor den Problemen der Welt zu betrachten.

Unter den bezeichnenden missionarischen Verdiensten der kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften soll ihre unbestrittene Fähigkeit hervorgehoben werden, in den Laien die apostolische Begeisterung und den Missionierungseifer neu zu erwecken. Sie wissen das spirituelle Potenzial der Menschen zu mobilisieren und tragen dazu bei, die Barrieren der Schüchternheit, der Angst und der unbegründeten Minderwertigkeitskomplexe zu überwinden, die durch die Laienkultur bei so vielen Christen hervorgerufen werden. Viele Menschen haben diese innere Wandlung – oftmals zum eigenen tiefen Erstaunen – durchgemacht. Niemals hätten sie sich auch nur ausmalen können, fähig zu sein, in dieser Form das Evangelium zu verkünden und derart an der Sendung der Kirche teilzuhaben. Die von den Bewegungen geweckte Sehnsucht, „Jünger Jesu Christi zu gewinnen”, bewegt Einzelpersonen, Ehepaare und ganze Familien, für die Mission alles hinter sich zu lassen. Denn ohne das persönliche Zeugnis außer Acht zu lassen, setzen sich die Bewegungen und neuen Gemeinschaften die unmittelbare Verkündigung des christlichen Erlebens zum vorrangigen Ziel und entdecken dabei die Bedeutung des Kerygmas als Methode der Katechese und Verkündigung neu. Damit erfüllen sie eines der dringendsten Bedürfnisse der Kirche in unserer Zeit, nämlich die Katechese der Erwachsenen im Sinne einer wahrhaften christlichen Initiation, die die Bedeutung und Schönheit des Sakraments der Taufe in seiner Gesamtheit vor Augen führt.

Seit jeher besteht eines der größten Hindernisse für das Evangelisierungswerk in der Routine und Gewohnheit, wodurch die Frische und Überzeugungskraft der Verkündigung und des christlichen Zeugnisses verloren gehen. Die Bewegungen brechen mit den üblichen Vorgangsweisen des Apostolats, nehmen eine Neubewertung der Formen und Methoden vor und legen sie auf neue Weise dar. Sie nähern sich natürlich und selbstbewusst an die schwierigen Grenzen der modernen Marktplätze der Kultur, der Massenmedien, der Wirtschaft und der Politik an. Besonderes Augenmerk richten sie auf die Leidenden, Armen und Ausgegrenzten. Zahllose soziale Werke sind durch ihre Initiative entstanden. Sie warten nicht, bis jene, die sich vom Glauben entfernt haben, selbst zur Kirche zurückkehren, sondern machen sich auf, um sie zu suchen. Im Namen der Verkündigung Christi zögern sie nicht, hinaus in die Straßen, auf die Plätze und in die Städte zu gehen, Supermärkte, Banken, Schulen und Universitäten, schlicht alle von Menschen bewohnten Orte zu besuchen. Der Missionierungseifer führt sie „bis ans Ende dieser Welt”… Sie verbreiten sich und zeigen, wie die Charismen, durch die sie geschaffen wurden, das christliche Leben von Männern und Frauen aller Gegenden, Kulturen und Traditionen bereichern können. Und nicht nur das, sie fügen sich in die Strukturen der Ortskirchen ein und werden zu eloquenten Zeichen des universellen Charakters der Kirche und ihrer Mission. Genau darin wurzelt ihre besondere Verbindung mit dem Amt des Heiligen Vaters. Auf dem Wege dieser neuen Charismen erweckt der Heilige Geist in der heutigen Kirche einen erstaunlichen missionarischen Einfallsreichtum. Für zahlreiche Laien werden die Bewegungen und neuen Gemeinschaften zu wahren Missionsschulen. In der Kirche wird heute viel von Evangelisierung gesprochen. Zu diesem Thema werden Kongresse, Symposien und Seminare abgehalten, Bücher, Artikel und offizielle Dokumente veröffentlicht. Natürlich muss man darüber sprechen, schließlich liegt der Daseinszweck für die Kirche und die Welt in der Evangelisierung. Dennoch besteht die begründete Gefahr, auf der theoretischen Ebene, auf dem Niveau der nicht verwirklichten Projekte zu verharren… Doch hier kommen die neuen Charismen ins Spiel, welche Vereinigungen von Menschen – Männern und Frauen, Jugendlichen und Erwachsenen – mit gründlicher Bildung im Glauben, voller Eifer und der Bereitschaft, das Evangelium zu verkünden, hervorbringen. Es geht also nicht um auf dem Schreibpult erarbeitete Strategien, sondern um „lebendige” Projekte, die sich anhand vieler konkreter persönlicher Geschichten und im Leben zahlreicher christlicher Gemeinschaften bewährt haben. Der große Reichtum der Kirche unserer Zeit besteht sozusagen in leicht umsetzbaren Projekten.

Die zahllosen und außergewöhnlichen Früchte dieser neuen Charismen der Kirche müssen uns schlicht in Staunen versetzen! Das evangelische Prinzip: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen” (Mt 7,16), hat nach wie vor Gültigkeit. Dank dieser Charismen sind viele Menschen Christus begegnet und haben den Glauben gefunden, oder sie sind nach langen Jahren zur Kirche und der Teilnahme an den Sakramenten zurückgekehrt. Sehr viele sind von einem reinen Pro-forma-Christentum zu einem „erwachsenen“, überzeugten und engagierten Christsein übergegangen. Wie viele Früchte hat wahres heiliges Leben getragen! Wie viele Familien wurden in Glück und gegenseitiger Liebe wiedervereint, und wie viele Berufungen zum Priestertum, Ordensleben und zu den neuen Formen des Laientums gemäß den evangelischen Räten dürfen wir miterleben! Im Wesentlichen tragen diese neuen Charismen folgende wichtige Botschaft in die heutige Welt hinaus: Es ist die Mühe wert, Christ zu sein und der Herausforderung Christi Folge zu leisten. Versuche es auch du!

5. Wie sich gezeigt hat, handelt es sich bei den kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften in Wahrheit um eine „Gabe der Vorsehung”, die die Kirche dankbar und mit großem Verantwortungsbewusstsein anzunehmen hat, um die durch sie gebotene Chance nicht zu verspielen. Diese Gabe bedeutet zugleich eine Aufgabe und Herausforderung sowohl für die Laien als auch für die Hirten. Worin genau besteht nun diese Aufgabe und Herausforderung? Johannes Paul II. legte sehr viel Wert darauf, die kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften dazu aufzurufen, sich „in Demut” in die Diözese und die Pfarreien einzufügen, das heißt sich in den Dienst der Sendung der Kirche zu stellen. Jegliche Form von Hochmut und Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen Realitäten ist in kirchlichem Gemeinschaftssinn und aufrichtiger Zusammenarbeit zu vermeiden. Gleichzeitig legte der Papst den Hirten – Bischöfen und Pfarrern – ans Herz, die Bewegungen „herzlich” aufzunehmen, ihre jeweiligen Charismen anzuerkennen und zu respektieren sowie ihnen mit väterlicher Fürsorge zur Seite zu stehen [15]. Die goldene Regel des heiligen Paulus gilt auch in diesem Fall: „Löscht den Geist nicht aus! Verachtet prophetisches Reden nicht! Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1 Thess 5,1921).

Natürlich kann der außerordentlich neue Charakter der kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften in der Kirche oft Erstaunen hervorrufen, er führt dazu, die Dinge zu hinterfragen, und stiftet mitunter eine gewisse Verwirrung in der eingespielten Praxis der so genannten gewöhnlichen Pastoral. Papst Wojtyla sagte: „Durch sein Eingreifen versetzt uns der Heilige Geist stets in Staunen. Er führt Begebenheiten herbei, deren Neuheit verwirrt” [16]. Wie bereits mehrmals erwähnt stellen die Bewegungen zugleich eine Herausforderung, eine heilsame Provokation dar, auf die die Kirche aufgerufen ist zu reagieren und auf die sie reagieren muss. Mit ihrer radikalen Art des „Christseins” in der Welt stellen sich die Bewegungen dem „müden Christentum” (Benedikt XVI.) vieler Getaufter entgegen, einem aufgesetzten Christentum voller verwirrender Widersprüchlichkeiten. Der im Jahr 1990 ermordete russische Priester und Dissident Alexander Men erklärte in den schrecklichen Jahren der religiösen Verfolgungen in einer seiner Reden provokativ, der größte Feind der Christen sei im Grunde nicht der militante Atheismus des Sowjetstaats, sondern vielmehr das Pseudo-Christentum vieler Getaufter [17]. Unser Gewissen wird von diesen Worten unweigerlich wachgerüttelt. Letztendlich ist der wahre und große Feind des Christen die Mittelmäßigkeit und die Weigerung, wirklich an das Evangelium zu glauben. Mit ihrer grenzenlosen missionarischen Leidenschaft stellen die Bewegungen auch eine bestimmte, womöglich etwas zu bequeme und angepasste Art des „Kirche-Seins” in Frage. Vor einigen Jahren sprach der damalige Kardinal Joseph Ratzinger vom „grauen Pragmatismus des kirchlichen Alltags (…), bei dem scheinbar alles mit rechten Dingen zugeht, in Wirklichkeit aber der Glaube verbraucht wird und ins Schäbige absinkt“ [18]. Die Bewegungen stellen für eine Kirche, die auf „ruhige Bewahrung” bedacht ist – und das ist heute weit verbreitet –, eine Herausforderung dar seitens einer missionarischen Kirche, die sich mutig nach neuen Horizonten ausstreckt, und sie helfen der Gemeindepastoral und den Diözesen, etwas von ihrem prophetischen „Kampfgeist“ sowie den dafür nötigen Schwung wiederzugewinnen. Heute braucht die Kirche so etwas dringend. Sie muss sich dieser Neuheit öffnen, die der Heilige Geist geschaffen hat. „Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?“ (Jes 43,19).

Das Lehramt von Papst Benedikt XVI. fügt sich in Hinblick auf die kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften nahtlos an jenes von Johannes Paul II. an. Ihr Werk im Dienste der Sendung der Kirche hat er seit jeher sehr hoch eingeschätzt, und er sagte, als er noch Präfekt der Glaubenskongregation war: „(…) aber hier sind in jedem Fall innovative Aufbrüche zu erleben: Hier ist Christentum als Neuheitserlebnis da und wird von Menschen, die oft von sehr weit außen herankommen, plötzlich als die Chance zu leben und in diesem Jahrhundert leben zu können, empfunden”. Und weiter: „Und in diesem Sinn, glaube ich, gibt es heute christliche Aussteiger, die aus diesem merkwürdigen Konsens der modernen Existenz heraustreten, neue Lebensformen versuchen; die zwar keine besondere öffentliche Beachtung finden, aber etwas tun, was wirklich in die Zukunft weist” [19]. Nach Ansicht des damaligen Kardinals Ratzinger macht die durch die kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften eingebrachte Neuheit sie zu etwas wie einer Prophezeiung der Zukunft. Bereits zum Papst gewählt blieb Benedikt XVI. der ihm eigenen einfühlsamen Einschätzung zur Lage der Kirche treu und erklärte zum Abschluss des Kölner Weltjugendtags im August 2005 gegenüber den deutschen Bischöfen: „Die Kirche muss diese Realitäten nutzbar machen und zugleich mit pastoraler Weisheit leiten, damit sie mit ihren verschiedenen, sehr unterschiedlichen Gaben auf beste Weise zum Aufbau der Gemeinden beitragen“. Und er führte seine Überlegungen stichhaltig zu Ende: „(…) dass Ortskirchen und Bewegungen nicht gegeneinander stehen, sondern miteinander das lebendige Gefüge der Kirche sind“ [20]. Diese wichtigen Beobachtungen sollen als Orientierungspunkt in der Evangelisierungsmission der heutigen Kirche dienen.

 

QUELLEN

[1] Siehe L. SABOURIN, Il Vangelo di Matteo. Teologia e Esegesi, Band II, Rom 1977, S. 10691070.
[2] BENEDIKT XVI., Hl. Messe auf der Ebene von Marienfeld, „L’Osservatore Romano”, deutsche Ausgabe, 26. August 2005.
[3] Siehe JOHANNES PAUL II., Ansprache zur XIX. Generalversammlung der WRI, „Insegnamenti di Giovanni Paolo IIVI, 1 (1983), S. 690699.
[4] JOHANNES PAUL II., Apostolisches Schreiben Novo millennio ineunte, Nr. 40.
[5] BENEDIKT XVI., Begegnung mit den deutschen Bischöfen, „L’Osservatore Romano”, deutsche Ausgabe, 26. August 2005.
[6] Siehe JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Christifideles laici, Nr. 29.
[7] JOHANNES PAUL II., Predigt bei der Pfingstvigil, „L’Osservatore Romano”, deutsche Übersetzung der spanischen Ausgabe, 31. Mai 1996, Nr. 7.
[8] Siehe JOHANNES PAUL II., Enzyklika Redemptoris missio, Nr. 86.
[9] JOHANNES PAUL II., Ansprache an die Mitglieder der kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften bei der Pfingstvigil, „L’Osservatore Romano”, deutsche Übersetzung der spanischen Ausgabe, 5. Juni 1998.
[10] J. RATZINGER, Hl. Messe „Pro eligendo Pontifice”, „L’Osservatore Romano”, deutsche Ausgabe, 22. April 2005.
[11] Se ci fosse una educazione del popolo tutti starebbero meglio. Appello (Gäbe es eine Erziehung des Volkes, ginge es allen besser. Aufruf), „Atlantide“, Nr. 4/12/2005, S. 119.
[12] JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Christifideles laici, Nr. 24.
[13] Siehe J. RATZINGER, Salz der Erde. Christentum und katholische Kirche im neuen Jahrtausend, DVA, München 1996, S. 17.
[14] Siehe PAUL VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nutiandi, Nr. 48.
[15] Siehe JOHANNES PAUL II., Enzyklika Redemptoris missio, Nr. 72.
[16] JOHANNES PAUL II., Ansprache an die Mitglieder der kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften, ”L’Osservatore Romano”, deutsche Übersetzung der spanischen Ausgabe, 5. Juni 1998.
[17] Siehe T. PIKUS, Aleksander Mien, Verbinum, Warzawa 1997, S. 37.
[18] Siehe J. RATZINGER, Glaube - Wahrheit - Toleranz. Das Christentum und die Weltreligionen, Herder, Freiburg 2003.
[19] Siehe J. RATZINGER, Salz der Erde, op. cit., S. 136137.
[20] BENEDIKT XVI., Begegnung mit den deutschen Bischöfen, cit.


Brief vom 13. September 2006

Brief vom 13. September 2006

An alle Mitglieder und Freunde des Regnum Christi

Madrid, 13. September 2006

Liebe Freunde in Christus!

Die Erlebnisse vom Pfingsttreffen, das am 3. und 4. Juni in Rom stattgefunden hat, sind uns noch frisch im Gedächtnis: Hunderttausende von Mitgliedern kirchlicher Bewegungen und Gemeinschaften haben sich um den Nachfolger Petri versammelt; wir haben gebetet und gemeinsam unser Versprechen erneuert, für die Heiligkeit zu arbeiten und das Evangelium zu verkünden. Diese Erfahrung, im Herzen der Kirche vereint zu sein, ist für uns eine Aufforderung, uns unsere Berufung zu vergegenwärtigen: Wir sind dazu berufen, in diesem Frühling der Kirche, wie Johannes Paul II. gesagt hat, wie die ersten Christen zu sein.

Ich möchte mich mit Ihnen gemeinsam daran erinnern, was wir aus diesem Treffen gelernt haben, und ich möchte Sie einladen, mit mir über eine Ansprache nachzudenken, die Msgr. Stanislaw Rylko, der Vorsitzende des Päpstlichen Rates für die Laien, am 9. März dieses Jahres auf dem ersten Kongress der kirchlichen Bewegungen und der neuen Gemeinschaften Lateinamerikas gehalten hat. Ich möchte Ihnen diese Lektüre sehr ans Herz legen, denn der Vortrag ist außerordentlich inhaltsreich und berührt ein Thema, das sowohl für die Mitglieder als auch für die Freunde des Regnum Christi von großem Interesse ist.

Msgr. Rylko spricht darin die wichtigsten Beiträge der Bewegungen für die Kirche an. Er erwähnt zwei grundlegende Bestandteile: erstens eine solide christliche Bildung, die auf einer tiefen Glaubenserfahrung beruht, welche wiederum die Frucht der persönlichen Begegnung mit Christus ist; und zweitens eine ausgeprägte apostolische Dynamik, die alle Bereiche der Kultur und der Gesellschaft erfasst.

1. Solide christliche Bildung. Die herrschende Kultur versucht ein Menschenbild und ein Lebensmodell durchzusetzen, das nicht dem entspricht, was Jesus Christus uns im Evangelium verkündet. Immer mehr Katholiken wissen über ihren Glauben nur noch das, was sie im Kommunionunterricht gelernt haben; die sakramentale Praxis ist rückläufig, die Glaubenserfahrung und das Gefühl, zur Kirche dazuzugehören, verschwimmen mehr und mehr.

Deshalb besteht der erste Beitrag der kirchlichen Bewegungen darin, vereint mit den Hirten der Kirche auf eine solide christliche und dogmatische Bildung jedes ihrer Mitglieder hinzuarbeiten. Über dieses Thema hat Nuestro Padre, unser Gründer, uns am 1. November 2005 einen sehr inhaltsreichen Brief geschrieben. Darin ermahnt er uns, unsere eigene Bildung ernst zu nehmen, und gibt uns sehr konkrete Hinweise, wie wir dies systematisch und gründlich verwirklichen können. Er ruft uns eine große Wahrheit ins Gedächtnis: Niemand kann einen Glauben und eine Moral, die er nur oberflächlich kennt, von Grund auf leben; niemand kann andere überzeugen, wenn er nicht zuerst selbst überzeugt ist; und niemand ist von dem überzeugt, was er nicht weiß. Ich erinnere mich noch daran, wie er uns beim Jubiläum immer wieder die Worte Christi zugerufen hat: „Niemand gibt, was er nicht hat.“ Wir leben in einer Zeit, auf die es nur eine einzige Antwort gibt: das Evangelium in seiner Fülle zu leben und diese Fülle mehr durch unser Beispiel als durch unsere Worte weiterzugeben. Darüber dürfen wir uns von ganzem Herzen freuen, denn wir sind dazu berufen, dem Vorbild Christi zu folgen, „der sein Leben damit verbracht hat, Gutes zu tun“. Jede christliche Bildung muss zum Wesentlichen vordringen. Und das Wesentliche ist, Gott mit unserem ganzen Sein zu lieben und den Nächsten zu lieben wie uns selbst. Christus treu nachzufolgen und das Böse mit dem Guten zu besiegen.

Andererseits nutzt es wenig, den eigenen Glauben mit dem Verstand zu kennen, wenn man ihn nicht mit dem Herzen liebt und innerlich bebt und darauf brennt, ihn an die anderen weiterzugeben. Der Wunsch nach Wissen und Bildung erwächst aus der persönlichen Begegnung mit Jesus Christus, aus der Erfahrung seiner Liebe. Alles kommt von hier. Es ist unendlich wichtig, zu begreifen, dass die echte christliche Bildung uns zum Wesentlichen führt, und die Mittel nicht mit dem Ziel zu verwechseln. Gott ist unser einziges Ziel, er hat uns aus Liebe geschaffen, damit wir wahrhaft glücklich sind. Wie gut tun uns die berühmten Worte der heiligen Theresia, wenn uns die Angst überkommt oder wenn unsere christliche Bildung sich zu verzetteln droht. Sie hat gesagt: Nichts soll dich beunruhigen, nichts dich erschrecken, alles vergeht, Gott verändert sich nicht; der Geduld gelingt alles; wer Gott hat, dem fehlt nichts: GOTT ALLEIN GENÜGT.

Das Regnum Christi sieht das ganze christliche Leben unter dem Blickwinkel der Liebe und das spirituelle Leben als persönliche Liebesbeziehung mit Jesus Christus. Und es geht davon aus, dass diese Begegnung mit Christus alle Dimensionen der Person und ihrer sozialen, familiären und beruflichen Umgebung verwandelt, ihn aus einem bloßen Zuschauer zu einem überzeugten Apostel im Dienst der Kirche macht.

2. Der zweite Bestandteil dessen, was die Bewegungen zur Kirche beitragen, ist ihre ausgeprägte apostolische Dynamik. Die Bewegungen unterstützen die Diözesen und Pfarreien, indem sie Laien ausbilden, die von Jesus Christus überzeugt, gläubig, engagiert und motiviert sind und die alles verwandelnde Botschaft des Evangeliums verkünden und an andere weitergeben wollen. Der heilige Paulus spricht in diesem Zusammenhang von einem „Zwang“: „Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde“ (1 Kor 9,16). Das betende Hören auf das Wort Gottes, das Leben aus den Sakramenten, die geistliche Leitung und die christliche Gemeinschaft lassen uns aus uns selbst heraustreten, um das Evangelium zu unseren Freunden und Verwandten, in alle Häuser und vor allem zu den Menschen zu bringen, die unsere Liebe am meisten benötigen. Der apostolische Eifer, den der Heilige Geist uns eingibt, weckt überdies in uns die Initiative und den Einfallsreichtum, damit wir uns nicht mit dem Erreichten zufrieden geben, sondern neue Horizonte, neue Areopage, neue Methoden suchen.

Papst Benedikt XVI., für den wir in diesen Tagen seines Deutschlandbesuchs besonders gebetet haben, hat in der Audienz am 17. Mai dieses Jahres Folgendes über den heiligen Petrus gesagt: Seine Reaktion angesichts des wunderbaren Fischfangs ist Staunen und Schrecken: „Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder“ (Lk 5,8). Jesus antwortet ihm, indem er ihn auffordert, zu vertrauen und sich einem Plan zu öffnen, der alle seine Perspektiven übersteigt: „Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen“ (Lk 5,10). Petrus (…) nimmt die überraschende Berufung an, sich in dieses große Abenteuer hineinziehen zu lassen: Er ist großmütig, er erkennt, dass er Grenzen hat, aber er glaubt an denjenigen, der ihn ruft, und folgt dem Traum seines Herzens. Er sagt Ja – ein mutiges und hochherziges Ja – und wird Jünger Jesu.

Das Regnum Christi ist eine Apostolatsbewegung, die der Kirche hoch motivierte und in ihrem Glaubensleben zutiefst überzeugte, dogmatisch gebildete und in der Seelsorge erfahrene Laien zuführen will, die mit der größtmöglichen Tiefen– und Breitenwirkung dafür sorgen, dass immer mehr Menschen Jesus Christus kennen und lieben. Das ist unser einziges Ziel: allen Menschen die Liebe Christi zu bringen. Eine Liebe, die verwandelt und uns zu dem macht, wofür Gott uns von Ewigkeit her geschaffen hat.

Ich weiß, dass Sie diese Gedanken schon kennen und dass die meisten von Ihnen sich auch mit bewundernswertem Eifer bemühen, sie umzusetzen. Dennoch habe ich es für sinnvoll gehalten, Ihnen diese Ansprache des Vorsitzenden des Päpstlichen Rats für die Laien zuzuschicken, um unser Engagement im Dienst an der Kirche Christi und an ihren Hirten, an der kirchlichen Gemeinschaft und an allen Menschen neu zu entfachen. Von diesem Engagement spricht auch das Evangelium: Wir sollen ein Licht sein, das die Dunkelheit erhellt, und ein Feuer, das alles Kalte erwärmt.

Für viele beginnt im September ein neues Schuljahr. Ihnen allen, den Gottgeweihten und den übrigen Mitglieder des Regnum Christi, unseren Freunden und Wohltätern, allen, die uns in unseren Einrichtungen und apostolischen Werken so wertvolle Dienste leisten, den Schülern und Eltern an unseren Schulen… Ihnen allen sende ich meine herzlichsten Grüße, und ich darf Ihnen auch die väterlichen Grüße von Nuestro Padre ausrichten. Möge die allerseligste Jungfrau Maria sie beschützen und in diesem neuen Schuljahr mit überreichen Früchten segnen. In diesem Monat feiern wir das Fest Mariä Geburt. Der Trost, den sie uns schenkt, überwindet alle Probleme. Maria, die schmerzensreiche Jungfrau, die uns lehrt, den Kreuzweg mit der Kraft und der Freude dessen zu gehen, der weiß, dass sein Leben sich darin erfüllt, aus Liebe den Willen Gottes zu tun und dem Nächsten zu dienen.

 

Herzlichst in Christus Ihr
Álvaro Corcuera LC

 

 

 

 

 


Im Anhang: Ein Vortrag von Erzbischof Stanislaw Rylko, Präsident des päpstlichen Laienrates. Es handelt sich dabei um die Eröffnungsrede des ersten Kongresses der neuen geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá am 9. März 2006

 


Die kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften als Antwort des Heiligen Geistes auf die heutigen Herausforderungen der Evangelisierung

1. Die vorrangige Herausforderung für die Kirche zu Beginn dieses neuen Jahrtausends besteht in der ihr seit jeher anvertrauten Aufgabe, nämlich der Evangelisierung. Zu allen Zeiten, und darum nicht weniger in unseren Tagen, ist die Kirche dazu aufgerufen, diesen Auftrag des auferstandenen Christus zur Mission von neuem anzunehmen: „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe“ (Mt 28,1920). Für Matthäus bedeutet „Jünger“ und „Christen“ zu werden das Gleiche [1]. Andere „als Jünger zu gewinnen“ bildet für die Kirche stets das Herzstück ihrer Berufung und Mission. Die von Christus gegründete Kirche wird in die Welt hinausgeschickt, um zu evangelisieren, sie lebt immerzu durch und für die Mission.

In die Evangelisierung der heutigen Welt – jene Neuevangelisierung, die in aller Munde ist und dem Diener Gottes Johannes Paul II. so sehr am Herzen lag – setzt die Kirche große Hoffnungen. Gleichzeitig ist sie sich jedoch auch der unzähligen Hindernisse auf ihrem Weg bewusst, bedingt sowohl durch die tief greifenden Veränderungen im Leben der Individuen und Gesellschaften als auch insbesondere durch eine krisengeschüttelte postmoderne Kultur. Der fortschreitende Prozess der Säkularisierung sowie eine regelrechte „Diktatur des Relativismus” (Benedikt XVI.) bewirken bei vielen unserer Mitmenschen einen erschreckenden Werteverlust, gepaart mit unbekümmertem Nihilismus, und führen zu alarmierendem Glaubensschwund, einer Art „schweigenden Apostasie” (Johannes Paul II.) sowie einer „merkwürdigen Gottvergessenheit” (Benedikt XVI.). Dieser Situation, die bedauerlicherweise in den Ländern mit alten christlichen Wurzeln zu beobachten ist, stellt sich ein ambivalenter und zweifelhafter „religiöser Boom” entgegen. Im August vorigen Jahres nahm der Papst in Köln dazu Stellung: „Ich will nicht alles schlecht machen, was da vorkommt. (…) Aber – um die Wahrheit zu sagen – weithin wird doch Religion geradezu zum Marktprodukt. Man sucht sich heraus, was einem gefällt, und manche wissen, Gewinn daraus zu ziehen“ [2]. Man denke nur an den Vormarsch der Sekten, die um sich greifenden Lebenskonzepte und Einstellungen unter dem Einfluss von New Age oder parareligiöse Phänomene wie Okkultismus und Magie. Die globalisierte Welt ist in Wahrheit zu einem riesigen Missionsland geworden. Der Psalmist formuliert es in dramatischen Worten: „Der Herr blickt vom Himmel herab auf die Menschen, ob noch ein Verständiger da ist, der Gott sucht“ (Ps 14,2). Heutzutage stellt sich die Aufgabe, Jesus Christus auf den großen modernen Marktplätzen der Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und der Massenmedien zu verkünden, dringender denn je zuvor. Die im Evangelium erwähnte Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter (siehe Mt 9,37). In diesem für die Kirche so wichtigen Bereich bedarf es heute eines radikalen Mentalitätswandels und eines Neuerweckens der Gewissen aller. Wir müssen neu in den Methoden, im Ausdruck und im Eifer werden [3]. Zu Beginn des dritten Jahrtausends forderte der Diener Gottes Johannes Paul II. die Kirche auf: „Unzählige Male habe ich in diesen Jahren den Aufruf zur Neuevangelisierung wiederholt. Ich bekräftige ihn jetzt noch einmal, vor allem um darauf hinzuweisen, dass es unbedingt nötig ist, in uns wieder den Schwung des Anfangs dadurch zu entzünden, dass wir uns von dem glühenden Eifer der apostolischen Verkündigung, die auf Pfingsten folgte, mitreißen lassen. Wir müssen uns die glühende Leidenschaft des Paulus zu eigen machen, der ausrief: «Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!» (1 Kor 9,16)“ [4]. In seiner Botschaft an die deutschen Bischöfe in Köln sprach Papst Benedikt XVI. zu diesem Thema Worte, die von einer tiefen apostolischen Sehnsucht zeugen: „Und so denke ich, müssen wir ganz ernstlich darüber nachdenken, (…) wie wir heute wirklich Evangelisierung, nicht nur Neuevangelisierung, sondern oft eben auch Erstevangelisierung leisten können. Die Menschen kennen Gott nicht, kennen Christus nicht. Ein neues Heidentum ist da, und es genügt nicht, dass wir versuchen, die bestehende Herde zu erhalten – das ist sehr wichtig (…): Und wir müssen, denke ich, alle miteinander versuchen, neue Weisen zu finden, wie wir in diese heutige Welt hinein wieder das Evangelium tragen, dort wieder Christus verkünden und den Glauben aufrichten können“ [5]. Diese Anstöße der beiden Päpste sollen unsere Betrachtungen begleiten und hin zur Verbindung zwischen der Evangelisierung der heutigen Welt und den kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften lenken.

2. Eine herausragende und besondere Rolle unter den zahlreichen fruchtbaren Auswirkungen des 2. Vatikanischen Konzils auf das kirchliche Leben nimmt zweifelsohne die „neue Zeit der Zusammenschlüsse” von Laien ein. Dank der ekklesiologischen und theologischen Prinzipien des Konzils für das Laientum sind neben den traditionellen Vereinigungen viele andere Zusammenschlüsse entstanden, die heute als „kirchliche Bewegungen” oder „neue Gemeinschaften” bezeichnet werden” [6]. Erneut hat der Heilige Geist in die Geschichte der Kirche eingegriffen, ihr neue Charismen mit außergewöhnlicher missionarischer Dynamik verliehen und damit die großen und dramatischen Herausforderungen unserer Zeit in geeigneter Weise beantwortet. Der Diener Gottes Johannes Paul II. stand diesen neuen kirchlichen Realitäten wohlwollend und mit besonderem pastoralen Beistand zur Seite: „Eine der Gaben des Heiligen Geistes in unseren Tagen liegt sicherlich in den blühenden kirchlichen Bewegungen, die ich seit Beginn meines Pontifikats als Anlass zur Hoffnung für die Kirche sowie die Menschen bezeichne und nach wie vor als solchen sehe“ [7]. Nach tiefster Überzeugung von Papst Wojtyla waren diese kirchlichen Bewegungen Ausdruck eines „neuen missionarischen Advents”, eines von Gott bereiteten „großen christlichen Frühlings” vor Anbruch des dritten Jahrtausends der Erlösung [8]. Darin bestand eine der großen prophetischen Herausforderungen seines Pontifikats.

Die kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften tragen ein wertvolles evangelisierendes Potenzial in sich, welches von der Kirche heute dringend benötigt wird. Sie stellen einen weithin unbekannten Reichtum dar, der noch nicht entsprechend geschätzt wird. Johannes Paul II. sagte: „In unserer oft von einer säkularisierten Kultur dominierten Welt, die Lebensmodelle ohne Gott fördert und anregt, wird der Glaube vieler einer harten Probe ausgesetzt und nicht selten erstickt und ausgelöscht. Hier wird die Notwendigkeit einer starken Verkündigung sowie einer gründlichen und tiefgehenden christlichen Bildung dringend spürbar. Wie sehr bedarf es heute reifer christlicher Persönlichkeiten im Bewusstsein ihrer Identität als Getaufte, ihrer Berufung und der Sendung in der Kirche und in der Welt! Und wie sehr benötigen wir lebendige christliche Gemeinschaften! Hier bilden die Bewegungen und neuen Gemeinschaften den Schlüssel: Sie sind die vom Heiligen Geist hervorgebrachte Antwort auf diese dramatische Herausforderung am Ende des Jahrtausends. Ihr seid diese Antwort der Vorsehung!” [9]. Der Papst zeigte hiermit zwei grundlegende Prioritäten der Evangelisierung – „Jünger von Jesus Christus zu gewinnen” – im heutigen Leben auf: „Gründliche und tiefgehende Bildung” sowie „starke Verkündigung”. Es handelt sich um zwei Bereiche, in denen die kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften außergewöhnliche Früchte für das Leben der Kirche hervorbringen, und für Tausende von Christen aus allen Himmelsrichtungen zu regelrechten „Glaubenslaboratorien“, wahren Schulen des christlichen Lebens, der Heiligkeit und der Mission werden.

3. Die erste und oberste Priorität liegt in der christlichen Bildung. Hier stoßen wir auf einen neuralgischen Punkt, weil heutzutage selbst die Grundfesten des Erziehungsprozesses eines Menschen bedroht sind. Der damalige Kardinal Ratzinger warnte: „Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten lässt“ [10]. Die vorherrschende Kultur unserer Tage führt zu unvollständigen, schwachen und zerrissenen Persönlichkeiten. Warnende Worte weisen darauf hin: „Die Fähigkeit einer ganzen Generation von Erwachsenen, ihre eigenen Kinder zu erziehen, befindet sich in der Krise. Jahrelang predigte man von den neuen Kanzeln – Schulen und Universitäten, Zeitungen und Fernsehen –, Freiheit bestehe im Nichtvorhandensein von Einschränkungen oder Geschichte, und Größe könne man erlangen, ohne irgendwohin und zu jemandem zu gehören, einfach der eigenen Lust und Laune folgend. Es gilt als normal zu denken, alles sei gleich und im Grunde sei nichts von Wert, außer Geld, Macht und gesellschaftlicher Rang. Man lebt, als existiere die Wahrheit nicht, als ob die Sehnsucht nach Glück im Innersten des Menschen dazu bestimmt sei, unbeantwortet zu bleiben” [11]. Auch die Getauften sind vor dem Einfluss dieser Kultur nicht gefeit. Daraus resultieren ungefestigte und konfuse christliche Identitäten, ein Glaube, der unter der Einwirkung eines gefährlichen Synkretismus aus Aberglaube, Magie und New Age zur reinen Routine verkommt, und ein oberflächliches und vages Zugehörigkeitsgefühl zur Kirche, das in den Entscheidungen und im Verhalten nicht spürbar wird. Wir stehen heute einem besorgniserregenden Mangel an Erziehungsräumen nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der Kirche gegenüber. Aus eigener Kraft ist die christliche Familie nicht mehr in der Lage, den Glauben an die neuen Generationen weiterzugeben, und auch die Pfarrei reicht dafür nicht aus, wenngleich sie nach wie vor eine unverzichtbare territoriale Struktur für die Pastoral der Kirche darstellt. Vor allem in den Großstädten sind die Pfarreien oftmals für zu große Viertel oder gar ganze Satellitenstädte verantwortlich, in denen es schwerlich zur Entstehung persönlicher Beziehungen kommen kann und die kaum zu Orten wahrer christlicher Initiation werden. Was also ist zu tun? Gerade für diesen Fall bieten sich die kirchlichen Bewegungen als Stätten gründlicher und tiefgehender christlicher Ausbildung an. Tatsächlich zeichnen sich die Bewegungen und neuen Gemeinschaften durch ein reichhaltiges Angebot an äußerst effizienten Erziehungsmethoden und –plänen aus. Doch worin liegt die Wurzel ihrer pädagogischen Kraft? Das „Geheimnis”, um es so zu formulieren, liegt in den Charismen verborgen, die zu ihrer Entstehung geführt haben und ihre Seele bilden. Das Charisma schafft diese „geistige Verwandtschaft zwischen den Menschen“ [12], welche zur Entstehung der Gemeinschaft und der Bewegung führt. Dank dieses Charismas kann die faszinierende ursprüngliche Erfahrung des christlichen Erlebens, zu dessen besonderem Zeugen jeder Gründer wird, im Leben vieler Menschen und innerhalb verschiedener Generationen von Menschen stattfinden, ohne ihren neuen und unverbrauchten Charakter zu verlieren. Das Charisma bildet den Quell einer außergewöhnlichen erzieherischen Kraft der Bewegungen und neuen Gemeinschaften. Als Ausgangspunkt wählt diese Ausbildung eine tief greifende Umkehr des Herzens. Nicht zufällig zählen viele Konvertiten, Menschen von „ganz wo anders”, zu den Mitgliedern dieser neuen kirchlichen Gemeinschaften. Am Beginn dieses Prozesses steht stets die persönliche Begegnung mit Christus, eine Begegnung, die das Leben von Grund auf verändert. Begünstigt wird sie durch glaubwürdige Zeugen, welche in der Bewegung die Erfahrungen der ersten Jünger von neuem erlebt haben: „Komm und sieh!” (Joh 1,46). Die Mitglieder der kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften verfügen immer über ein Leben „davor” und „danach”. Mitunter ist die Umkehr des Herzens ein sich nach und nach vollziehender schrittweiser Prozess. Ein anderes Mal passiert sie plötzlich, unerwartet und völlig überraschend. In jedem Fall wird sie jedoch als Gnadengeschenk Gottes aufgenommen, welches das Herz vor Glück höher schlagen lässt und sich ein Leben lang in spirituellen Reichtum verwandelt. „Gott existiert – Ich bin ihm begegnet”. So viele Mitglieder kirchlicher Bewegungen und neuer Gemeinschaften könnten diese Worte von André Frossard, einem Konvertiten, zu ihren eigenen machen!

Im Bereich der Ausbildung findet die Ursprünglichkeit in den Charismen der einzelnen Bewegungen und Gemeinschaften vornehmlich ihren Ausdruck, wobei alle den Erziehungsprozess eines Menschen auf eigenen, spezifischen pädagogischen Ansätzen gründen. Allgemein gesprochen handelt es sich um eine auf Christus zentrierte Pädagogik mit Hauptaugenmerk auf das Wesentliche, das Erwecken der den Jüngern Christi eigenen und durch die Taufe empfangenen Berufung; eine radikale Pädagogik, die das Evangelium nicht verwäscht und das Streben nach Heiligkeit fordert und vorgibt; eine Pädagogik aus dem Inneren der kleinen christlichen Gemeinschaften heraus, welche vor allem in einer von Einsamkeit und Anonymität der menschlichen Beziehungen geprägten zerrütteten Gesellschaft einen notwendigen Bezugs– und Angelpunkt bilden; eine umfassende Pädagogik, die durch das Berühren und Einbeziehen aller Dimensionen der menschlichen Existenz zu einem „totalen” Zugehörigkeitsgefühl zur Bewegung führt. Dieses unterscheidet sich von allen anderen Mitgliedschaften bei verschiedenen Gruppen oder Kreisen auf den einzelnen Stufen und schlägt sich in einem starken Zugehörigkeitsgefühl zur Kirche sowie einer lebendigen Liebe zu ihr nieder. Deshalb kann man ohne Übertreibung sagen, dass die Bewegungen und neuen Gemeinschaften wahre Schulen der Ausbildung „erwachsener” Christen darstellen. Wie es der damalige Kardinal Joseph Ratzinger vor einigen Jahren formulierte, handelt es sich um „starke Weisen der Gegenwart des Glaubens, der Menschen wieder beseelt und ihnen Dynamik und Freude gibt, Glaubensgegenwart also, die für die Welt etwas bedeutet” [13]. Schließlich verdient die Rolle, die diesen Gemeinschaften im Kontext der lateinamerikanischen Kirche hinsichtlich der fest verankerten und verbreiteten Volksfrömmigkeit zukommen kann, zumindest eine kurze Erwähnung. Die pädagogischen Ansätze der kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften zur Evangelisierung sind in der Lage, dazu beizutragen, diese Religiosität in die richtigen Bahnen zu lenken, wichtige Aspekte aufzugreifen und zu vertiefen, ohne ihren Wert im Leben des Volks zu schmälern [14].

4. Die zweite große Dringlichkeit, der die Bewegungen und neuen Gemeinschaften nachkommen, besteht in der „starken Verkündigung“. Die christliche Ausbildung soll stets sehr stark vom missionarischen Aspekt geprägt sein, da die christliche Berufung gleichzeitig die Berufung zum Apostolat bedeutet. Die Mission ermöglicht den Getauften, die eigene Berufung in ihrer Fülle zu entdecken, bewahrt vor der Versuchung einer eigenzentrierten Haltung und schützt vor der Gefahr, die Bewegung, der man angehört, als eine Art Refugium in einem Ambiente vertrauter Freundschaft für den Rückzug vor den Problemen der Welt zu betrachten.

Unter den bezeichnenden missionarischen Verdiensten der kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften soll ihre unbestrittene Fähigkeit hervorgehoben werden, in den Laien die apostolische Begeisterung und den Missionierungseifer neu zu erwecken. Sie wissen das spirituelle Potenzial der Menschen zu mobilisieren und tragen dazu bei, die Barrieren der Schüchternheit, der Angst und der unbegründeten Minderwertigkeitskomplexe zu überwinden, die durch die Laienkultur bei so vielen Christen hervorgerufen werden. Viele Menschen haben diese innere Wandlung – oftmals zum eigenen tiefen Erstaunen – durchgemacht. Niemals hätten sie sich auch nur ausmalen können, fähig zu sein, in dieser Form das Evangelium zu verkünden und derart an der Sendung der Kirche teilzuhaben. Die von den Bewegungen geweckte Sehnsucht, „Jünger Jesu Christi zu gewinnen”, bewegt Einzelpersonen, Ehepaare und ganze Familien, für die Mission alles hinter sich zu lassen. Denn ohne das persönliche Zeugnis außer Acht zu lassen, setzen sich die Bewegungen und neuen Gemeinschaften die unmittelbare Verkündigung des christlichen Erlebens zum vorrangigen Ziel und entdecken dabei die Bedeutung des Kerygmas als Methode der Katechese und Verkündigung neu. Damit erfüllen sie eines der dringendsten Bedürfnisse der Kirche in unserer Zeit, nämlich die Katechese der Erwachsenen im Sinne einer wahrhaften christlichen Initiation, die die Bedeutung und Schönheit des Sakraments der Taufe in seiner Gesamtheit vor Augen führt.

Seit jeher besteht eines der größten Hindernisse für das Evangelisierungswerk in der Routine und Gewohnheit, wodurch die Frische und Überzeugungskraft der Verkündigung und des christlichen Zeugnisses verloren gehen. Die Bewegungen brechen mit den üblichen Vorgangsweisen des Apostolats, nehmen eine Neubewertung der Formen und Methoden vor und legen sie auf neue Weise dar. Sie nähern sich natürlich und selbstbewusst an die schwierigen Grenzen der modernen Marktplätze der Kultur, der Massenmedien, der Wirtschaft und der Politik an. Besonderes Augenmerk richten sie auf die Leidenden, Armen und Ausgegrenzten. Zahllose soziale Werke sind durch ihre Initiative entstanden. Sie warten nicht, bis jene, die sich vom Glauben entfernt haben, selbst zur Kirche zurückkehren, sondern machen sich auf, um sie zu suchen. Im Namen der Verkündigung Christi zögern sie nicht, hinaus in die Straßen, auf die Plätze und in die Städte zu gehen, Supermärkte, Banken, Schulen und Universitäten, schlicht alle von Menschen bewohnten Orte zu besuchen. Der Missionierungseifer führt sie „bis ans Ende dieser Welt”… Sie verbreiten sich und zeigen, wie die Charismen, durch die sie geschaffen wurden, das christliche Leben von Männern und Frauen aller Gegenden, Kulturen und Traditionen bereichern können. Und nicht nur das, sie fügen sich in die Strukturen der Ortskirchen ein und werden zu eloquenten Zeichen des universellen Charakters der Kirche und ihrer Mission. Genau darin wurzelt ihre besondere Verbindung mit dem Amt des Heiligen Vaters. Auf dem Wege dieser neuen Charismen erweckt der Heilige Geist in der heutigen Kirche einen erstaunlichen missionarischen Einfallsreichtum. Für zahlreiche Laien werden die Bewegungen und neuen Gemeinschaften zu wahren Missionsschulen. In der Kirche wird heute viel von Evangelisierung gesprochen. Zu diesem Thema werden Kongresse, Symposien und Seminare abgehalten, Bücher, Artikel und offizielle Dokumente veröffentlicht. Natürlich muss man darüber sprechen, schließlich liegt der Daseinszweck für die Kirche und die Welt in der Evangelisierung. Dennoch besteht die begründete Gefahr, auf der theoretischen Ebene, auf dem Niveau der nicht verwirklichten Projekte zu verharren… Doch hier kommen die neuen Charismen ins Spiel, welche Vereinigungen von Menschen – Männern und Frauen, Jugendlichen und Erwachsenen – mit gründlicher Bildung im Glauben, voller Eifer und der Bereitschaft, das Evangelium zu verkünden, hervorbringen. Es geht also nicht um auf dem Schreibpult erarbeitete Strategien, sondern um „lebendige” Projekte, die sich anhand vieler konkreter persönlicher Geschichten und im Leben zahlreicher christlicher Gemeinschaften bewährt haben. Der große Reichtum der Kirche unserer Zeit besteht sozusagen in leicht umsetzbaren Projekten.

Die zahllosen und außergewöhnlichen Früchte dieser neuen Charismen der Kirche müssen uns schlicht in Staunen versetzen! Das evangelische Prinzip: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen” (Mt 7,16), hat nach wie vor Gültigkeit. Dank dieser Charismen sind viele Menschen Christus begegnet und haben den Glauben gefunden, oder sie sind nach langen Jahren zur Kirche und der Teilnahme an den Sakramenten zurückgekehrt. Sehr viele sind von einem reinen Pro-forma-Christentum zu einem „erwachsenen“, überzeugten und engagierten Christsein übergegangen. Wie viele Früchte hat wahres heiliges Leben getragen! Wie viele Familien wurden in Glück und gegenseitiger Liebe wiedervereint, und wie viele Berufungen zum Priestertum, Ordensleben und zu den neuen Formen des Laientums gemäß den evangelischen Räten dürfen wir miterleben! Im Wesentlichen tragen diese neuen Charismen folgende wichtige Botschaft in die heutige Welt hinaus: Es ist die Mühe wert, Christ zu sein und der Herausforderung Christi Folge zu leisten. Versuche es auch du!

5. Wie sich gezeigt hat, handelt es sich bei den kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften in Wahrheit um eine „Gabe der Vorsehung”, die die Kirche dankbar und mit großem Verantwortungsbewusstsein anzunehmen hat, um die durch sie gebotene Chance nicht zu verspielen. Diese Gabe bedeutet zugleich eine Aufgabe und Herausforderung sowohl für die Laien als auch für die Hirten. Worin genau besteht nun diese Aufgabe und Herausforderung? Johannes Paul II. legte sehr viel Wert darauf, die kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften dazu aufzurufen, sich „in Demut” in die Diözese und die Pfarreien einzufügen, das heißt sich in den Dienst der Sendung der Kirche zu stellen. Jegliche Form von Hochmut und Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen Realitäten ist in kirchlichem Gemeinschaftssinn und aufrichtiger Zusammenarbeit zu vermeiden. Gleichzeitig legte der Papst den Hirten – Bischöfen und Pfarrern – ans Herz, die Bewegungen „herzlich” aufzunehmen, ihre jeweiligen Charismen anzuerkennen und zu respektieren sowie ihnen mit väterlicher Fürsorge zur Seite zu stehen [15]. Die goldene Regel des heiligen Paulus gilt auch in diesem Fall: „Löscht den Geist nicht aus! Verachtet prophetisches Reden nicht! Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1 Thess 5,1921).

Natürlich kann der außerordentlich neue Charakter der kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften in der Kirche oft Erstaunen hervorrufen, er führt dazu, die Dinge zu hinterfragen, und stiftet mitunter eine gewisse Verwirrung in der eingespielten Praxis der so genannten gewöhnlichen Pastoral. Papst Wojtyla sagte: „Durch sein Eingreifen versetzt uns der Heilige Geist stets in Staunen. Er führt Begebenheiten herbei, deren Neuheit verwirrt” [16]. Wie bereits mehrmals erwähnt stellen die Bewegungen zugleich eine Herausforderung, eine heilsame Provokation dar, auf die die Kirche aufgerufen ist zu reagieren und auf die sie reagieren muss. Mit ihrer radikalen Art des „Christseins” in der Welt stellen sich die Bewegungen dem „müden Christentum” (Benedikt XVI.) vieler Getaufter entgegen, einem aufgesetzten Christentum voller verwirrender Widersprüchlichkeiten. Der im Jahr 1990 ermordete russische Priester und Dissident Alexander Men erklärte in den schrecklichen Jahren der religiösen Verfolgungen in einer seiner Reden provokativ, der größte Feind der Christen sei im Grunde nicht der militante Atheismus des Sowjetstaats, sondern vielmehr das Pseudo-Christentum vieler Getaufter [17]. Unser Gewissen wird von diesen Worten unweigerlich wachgerüttelt. Letztendlich ist der wahre und große Feind des Christen die Mittelmäßigkeit und die Weigerung, wirklich an das Evangelium zu glauben. Mit ihrer grenzenlosen missionarischen Leidenschaft stellen die Bewegungen auch eine bestimmte, womöglich etwas zu bequeme und angepasste Art des „Kirche-Seins” in Frage. Vor einigen Jahren sprach der damalige Kardinal Joseph Ratzinger vom „grauen Pragmatismus des kirchlichen Alltags (…), bei dem scheinbar alles mit rechten Dingen zugeht, in Wirklichkeit aber der Glaube verbraucht wird und ins Schäbige absinkt“ [18]. Die Bewegungen stellen für eine Kirche, die auf „ruhige Bewahrung” bedacht ist – und das ist heute weit verbreitet –, eine Herausforderung dar seitens einer missionarischen Kirche, die sich mutig nach neuen Horizonten ausstreckt, und sie helfen der Gemeindepastoral und den Diözesen, etwas von ihrem prophetischen „Kampfgeist“ sowie den dafür nötigen Schwung wiederzugewinnen. Heute braucht die Kirche so etwas dringend. Sie muss sich dieser Neuheit öffnen, die der Heilige Geist geschaffen hat. „Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?“ (Jes 43,19).

Das Lehramt von Papst Benedikt XVI. fügt sich in Hinblick auf die kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften nahtlos an jenes von Johannes Paul II. an. Ihr Werk im Dienste der Sendung der Kirche hat er seit jeher sehr hoch eingeschätzt, und er sagte, als er noch Präfekt der Glaubenskongregation war: „(…) aber hier sind in jedem Fall innovative Aufbrüche zu erleben: Hier ist Christentum als Neuheitserlebnis da und wird von Menschen, die oft von sehr weit außen herankommen, plötzlich als die Chance zu leben und in diesem Jahrhundert leben zu können, empfunden”. Und weiter: „Und in diesem Sinn, glaube ich, gibt es heute christliche Aussteiger, die aus diesem merkwürdigen Konsens der modernen Existenz heraustreten, neue Lebensformen versuchen; die zwar keine besondere öffentliche Beachtung finden, aber etwas tun, was wirklich in die Zukunft weist” [19]. Nach Ansicht des damaligen Kardinals Ratzinger macht die durch die kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften eingebrachte Neuheit sie zu etwas wie einer Prophezeiung der Zukunft. Bereits zum Papst gewählt blieb Benedikt XVI. der ihm eigenen einfühlsamen Einschätzung zur Lage der Kirche treu und erklärte zum Abschluss des Kölner Weltjugendtags im August 2005 gegenüber den deutschen Bischöfen: „Die Kirche muss diese Realitäten nutzbar machen und zugleich mit pastoraler Weisheit leiten, damit sie mit ihren verschiedenen, sehr unterschiedlichen Gaben auf beste Weise zum Aufbau der Gemeinden beitragen“. Und er führte seine Überlegungen stichhaltig zu Ende: „(…) dass Ortskirchen und Bewegungen nicht gegeneinander stehen, sondern miteinander das lebendige Gefüge der Kirche sind“ [20]. Diese wichtigen Beobachtungen sollen als Orientierungspunkt in der Evangelisierungsmission der heutigen Kirche dienen.

 

QUELLEN

[1] Siehe L. SABOURIN, Il Vangelo di Matteo. Teologia e Esegesi, Band II, Rom 1977, S. 10691070.
[2] BENEDIKT XVI., Hl. Messe auf der Ebene von Marienfeld, „L’Osservatore Romano”, deutsche Ausgabe, 26. August 2005.
[3] Siehe JOHANNES PAUL II., Ansprache zur XIX. Generalversammlung der WRI, „Insegnamenti di Giovanni Paolo IIVI, 1 (1983), S. 690699.
[4] JOHANNES PAUL II., Apostolisches Schreiben Novo millennio ineunte, Nr. 40.
[5] BENEDIKT XVI., Begegnung mit den deutschen Bischöfen, „L’Osservatore Romano”, deutsche Ausgabe, 26. August 2005.
[6] Siehe JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Christifideles laici, Nr. 29.
[7] JOHANNES PAUL II., Predigt bei der Pfingstvigil, „L’Osservatore Romano”, deutsche Übersetzung der spanischen Ausgabe, 31. Mai 1996, Nr. 7.
[8] Siehe JOHANNES PAUL II., Enzyklika Redemptoris missio, Nr. 86.
[9] JOHANNES PAUL II., Ansprache an die Mitglieder der kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften bei der Pfingstvigil, „L’Osservatore Romano”, deutsche Übersetzung der spanischen Ausgabe, 5. Juni 1998.
[10] J. RATZINGER, Hl. Messe „Pro eligendo Pontifice”, „L’Osservatore Romano”, deutsche Ausgabe, 22. April 2005.
[11] Se ci fosse una educazione del popolo tutti starebbero meglio. Appello (Gäbe es eine Erziehung des Volkes, ginge es allen besser. Aufruf), „Atlantide“, Nr. 4/12/2005, S. 119.
[12] JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Christifideles laici, Nr. 24.
[13] Siehe J. RATZINGER, Salz der Erde. Christentum und katholische Kirche im neuen Jahrtausend, DVA, München 1996, S. 17.
[14] Siehe PAUL VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nutiandi, Nr. 48.
[15] Siehe JOHANNES PAUL II., Enzyklika Redemptoris missio, Nr. 72.
[16] JOHANNES PAUL II., Ansprache an die Mitglieder der kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften, ”L’Osservatore Romano”, deutsche Übersetzung der spanischen Ausgabe, 5. Juni 1998.
[17] Siehe T. PIKUS, Aleksander Mien, Verbinum, Warzawa 1997, S. 37.
[18] Siehe J. RATZINGER, Glaube - Wahrheit - Toleranz. Das Christentum und die Weltreligionen, Herder, Freiburg 2003.
[19] Siehe J. RATZINGER, Salz der Erde, op. cit., S. 136137.
[20] BENEDIKT XVI., Begegnung mit den deutschen Bischöfen, cit.

 

Brief von P. Álvaro Corcuera LC vom 13.9.2006 an die Mitglieder der Bewegung Regnum Christi

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Montag, 9. Oktober 2006

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