Donnerstag, 23. Dezember 2010

Der Schlüssel ist die Liebe


P. Valentin Gögele LC (Italien)

P. Valentin Gögele LCIm Februar 2000, ich bereitete mich gerade mal seit einem Monat auf den Eintritt ins Noviziat vor, kam mich mein älterer Bruder Thomas besuchen. Er hatte zwei Freunde und den festen Entschluss mitgebracht, mich wieder mit sich nach Hause zu nehmen. Unsere Lebenswege waren zwar immer sehr unterschiedlich verlaufen, doch als ich dann - für ihn doch etwas überraschend - in eine Ordensgemeinschaft eintreten wollte, konnte er es kaum fassen. Schließlich hatte Thomas die Legionäre Christi zuvor nie näher kennengelernt, sodass er es für seine Pflicht hielt, herauszufinden, in wessen Hände sein kleiner Bruder geraten war.

Da stand er also in der Tür. Ich freute mich über seinen Besuch. An diesem Nachmittag musste ich jedoch gerade in einer benachbarten Pfarrei eine nachmittägliche Aushilfe in der Jugendseelsorge übernehmen. „Du, ich muss gerade los. Es tut mir leid. Aber ich habe eine Idee: Geh doch einfach zu dem Vortrag, den dieser Priester dort gleich für eine Gruppe Jugendlicher über den Sinn des Lebens halten wird. Wenn ich dann wieder zurück bin, setzen wir uns zusammen und sprechen, solange Du willst. Abgemacht?” Weder er noch ich konnten zu diesem Zeitpunkt auch nur erahnen, was Gott auch mit ihm vorhatte.

Ein wunderschönes Fleckchen Erde

Doch vielleicht besser doch Schritt für Schritt. Ich bin das zweite von vier Kindern einer Familie, die mit beiden Beinen fest im Leben steht und dabei gleichzeitig seit geraumer Zeit mit dem Herzen in Gott verwurzelt ist. Die Jahre meiner Kindheit und Jugend verbrachte ich glücklich in Südtirol, einer wunderschönen Region mit Bergen und Tälern, großen Skigebieten und weiten Landschaften, die sich bestens zum Klettern und für herrliche Ausflüge eignen. Das wussten wir auch stets gerne zu nutzen, zum Beispiel damals, als ich mit einigen Freunden auf einer zweitägigen Tour barfuß einen Dreitausender erklomm… Immer schon liebte ich den Sport. So ließ ich keine Gelegenheit dazu aus, erst recht nicht, wenn es um Fußball ging. Wir spielten, wann und wo immer es uns möglich war. Einige von uns schafften es sogar in die regionale Jugendauswahl, mit der wir an mehreren internationalen Turnieren teilnahmen. Ebenso laden Land und Leute dort zu allen möglichen Wintersportdisziplinen ein, wie Skifahren und Rodeln, aber auch dem Eisstockweitschießen, einer Disziplin, in der ich mehrmals die italienische Meisterschaft gewann.

So fühlte ich mich in meiner Jugendzeit als einer der glücklichsten Menschen auf der Welt. Es kam teilweise in meinem erfüllten Glück so weit, dass ich dachte, ich befände mich in einem Film: gute Noten (trotz Mindesteinsatz), Unmengen an erfolgreichem Sport, Gesundheit, die besten Freunde der Welt, Jugendarbeit, Sommerlager, ehrliche Beziehungen, Reisen, gut bezahlte Jobs, jede Menge Ziele und Träume, ein sinnerfülltes Leben eben. Ich konnte mir keine Steigerung mehr vorstellen. Ja, der liebe Gott hatte es wirklich gut mit mir gemeint.

Mit Maria fing alles an

Meine Eltern haben vor fast 25 Jahren in Medjugorje eine starke Bekehrung erlebt. Von da an begannen sie, mit der ganzen Familie täglich den Rosenkranz zu beten und selbst jeden Tag in die heilige Messe zu gehen. Doch das war nicht alles. Sie gingen einen Schritt weiter, denn sie wollten den Ruf Gottes zur aktiven Teilnahme an der Neuevangelisierung der Gesellschaft nicht länger ungehört ignorieren.

Seit den neunziger Jahren haben sie hunderte Wallfahrten, Einkehrtage und Vorträge organisiert, durch die tausende Menschen großen Nutzen und Segen erfahren haben- sowohl aus Südtirol, als auch aus weiten Teilen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. Was als sanfter und persönlicher Ruf der Muttergottes in ihrem Leben begonnen hatte, mündete in einem ununterbrochenen Einsatz für Gott und die Errichtung seines Reiches in den Herzen der Menschen. Eine Entwicklung, die auch das Leben der Familie selbst verändern sollte.

Einer der Siebenhundert

So war es für uns Kinder nur natürlich, dass auch wir immer mehr in die Schönheit unseres Glaubens eintauchten und dass unser Leben in allen Facetten einen christlichen Charakter bekam. Die sonntägliche Messe war ebenso normal wie die Tradition des täglichen Rosenkranzgebetes zuhause, auch wenn wir häufig mit so manchen Tricks versuchten, diesem zu entgehen oder es wenigstens etwas abzukürzen… Ebenso normal waren Marienwallfahrten, die wir ab und zu als Familie unternahmen. Wenn es um die Planung der Ferien ging, scherzten wir sogar: „Und zu welchem heiligen Ort fahren wir dieses Jahr?”

In dieser Zeit lernten wir natürlich auch viele Geistliche kennen. Zu Ostern 1993 schickte mich meine Mutter mit einem von ihnen auf eine Wallfahrt nach Rom. Damals war ich dreizehn Jahre alt und hatte ausgesprochen wenig Lust darauf, die Ferien mit einem siebzigjährigen Pfarrer zu verbringen. Mein Unmut wuchs noch an, als ich dann auf dem Bahnhof nur einen einzigen anderen Jungen antraf, der außer mir noch mit auf diese „Jugendwallfahrt” fahren sollte.

Doch Herr Pfarrer Franz Ungerer ließ sich durch nichts von seiner großen Vorfreude abbringen. Er war (und ist es weiterhin) ein wirklich außergewöhnlicher Priester. Er lebt ganz für die Jugend und setzt sich bis zum Äußersten dafür ein, dass ein jeder der ihm Anvertrauten Jesus Christus persönlich begegne. An seiner Seite erlebte ich zum ersten Mal die Ewige Stadt und hatte sogar die Gelegenheit, Papst Johannes Paul II. bei einer Messe im Petersdom persönlich zu grüßen. Doch was mein Leben endgültig ändern sollte- mein Priesterfreund hatte dies wohl bereits geahnt- war mein erster Kontakt mit den Patres und Brüdern der Legionäre Christi. Wir wohnten in ihrem Zentrum, lebten an ihrer Seite, beteten und spielten mit ihnen Fußball und Basketball. Durch sie begann Gott damit, in meinem Herzen die Flamme der priesterlichen Berufung zu entfachen.

Erst zehn Jahre später vertraute Pfarrer Ungerer mir sein Geheimnis an. Seit langer Zeit, so erzählte er mir, führe er eine Liste mit inzwischen über siebenhundert Namen von Jungen und Mädchen aus der ganzen Welt. Es waren Menschen, denen er auf seinem Lebensweg begegnet war und für die er seither betete und Opfer brachte. Er tue dies im Bewusstsein, dass Gott mit einem jeden von ihnen einen Plan hat, den es heraus zu finden gilt. Täglich stehe er zwischen zwei und drei Uhr morgens auf, um bis zum Morgengrauen Name um Name durchzugehen, für diese seine Freunde zu beten und einem jeden seinen priesterlichen Segen zu senden. Allein während des Jubiläumsjahrs 2000 schafften es dreißig dieser jungen Menschen, einen entscheidenden Schritt der Nachfolge Jesu im Ordens oder Priesterleben zu vollziehen. Zwei davon kamen aus unserer Familie! Was der Glaube und der Eifer eines einzigen Priesters nicht alles bewirken können!

Der siebenjährige Kampf

Es kamen die komplizierten Jahre der Pubertät. Neben dem vielen Sport nahm die Zahl der Bekanntschaften, der Partys und der Reisen zu und nicht selten war all dies schwer damit vereinbar, Gott in allem den ersten Platz zu geben. Doch er hat mich nie verlassen.

Damals besuchte uns regelmäßig Br. Timothy, ein junger amerikanischer Ordensmann der Legionäre Christi. Eines Tages fasste er sich ein Herz und fragte mich: „Was hältst du eigentlich davon, Gott in diesem Sommer einige Wochen zu widmen, um zu sehen, was sein Wille für dein Leben ist?” Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Ich war zu jung! Dreizehn Jahre alt und kein bisschen scharf auf ein eintöniges Leben zwischen Kniebank und Pfarrhaus. Ich ließ den Löffel sinken, mit dem ich verlegen im Eisbecher gestochert hatte, versuchte, so sicher wie möglich zu wirken und antwortete: „Nein, ich will nicht!” Er hakte nach: „Warum?” Ich stammelte: „W…w…weil ich weiß, dass mich Gott dann einladen würde, im Kleinen Seminar zu bleiben.” Ich erschrak über meine eigenen Worte und konnte kaum glauben, was ich da eben von mir gelassen hatte. Ich hatte das erste Mal öffentlich zugegeben, den Ruf Gottes, Priester zu werden, zu verspüren. Ich schluckte. Doch was mich am meisten verwirrte war die Tatsache, dass mein Freund mich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr auf das Thema ansprach. Er respektierte meine Entscheidung und ich sprach auch sonst mit niemandem darüber. Somit hatte mein innerer Kampf begonnen, der meist ein einsames Ringen mit dem lieben Gott war. Bin ich wirklich berufen? Ja oder nein? Das war die große Frage ab diesem Moment.

Die 100 Millionen-Euro-Frage

Nach Abschluss des wissenschaftlichen Lyzeums zog es mich nach Wien auf die Universität für Bodenkultur. Ich wollte Ingenieur werden. Das Leben in dieser Weltstadt war genial: größere Freiheit, mehr Freunde, abgefahrenere Feten. Gleichzeitig aber stellte sich mir zum ersten Mal ernsthaft die für jeden Gläubigen so grundsätzliche Frage: Ist es denn auf irgendeine Weise möglich, beides zu haben: Gott und die Freuden dieser Welt? Oder anders gestellt: Will ich eigentlich wirklich ein wahrhaft christliches Leben führen, auch jetzt noch, da ich alleine lebe? Denn dort in Wien gab es keine Eltern mehr, die mich sonntagmorgens aus dem Bett hievten, um mich in die heilige Messe zu bringen. Außerdem lockten der Alkohol, die Partys und allerlei andere Zeitvertreibe, die nur sehr schwer mit den Idealen und Werten in Einklang zu bringen waren, die die Jahre zuvor das Leben meiner Familie und auch das meine geprägt hatten.

Ich erfuhr am eigenen Leib jenen grausamen Zwiespalt im Herzen, das einerseits mit Gott großzügig sein möchte, da ich wusste, was ihm als Herrn und Meister unseres Lebens gebührt, und auch, dass er sich an Großzügigkeit nicht überbieten lässt. Auf der anderen Seite glitzerte aber die Welt mit ihren Verlockungen, Neigungen und Leidenschaften, die ein leichtes Leben versprechen. Eben ein Leben ohne große Komplikationen, frei von jedem angeblich ungesunden Zwang. Mein Problem war demnach die ständig wiederkehrende Inkohärenz. Das eigene Gewissen war mir zur größten Last geworden. Ich erfuhr es als ein schreckliches Joch, das Gott mir aufgebürdet hatte. Ich musste mir unbedingt Luft verschaffen. Antworten mussten her! Es sollte doch irgendwie möglich sein, aus der guten Erziehung in der Familie und den ehrlichen Vorsätzen in meinem Herzen länger tragende und selbständige Überzeugungen hervorzubringen! Ich bat Gott dabei um Hilfe und begann zu beten.

Sobald ich ihm durch mein sporadisches Rosenkranzgebet auf dem Weg zur Uni die Tür meines Herzens wieder ein wenig aufgestoßen hatte, übernahm er auch schon langsam aber sicher das Ruder meines Daseins. Er begann, mich einzuführen in das große Geheimnis eines Lebens, das jene beiden sich scheinbar gegenseitig abstoßenden Welten miteinander vereinen kann. Er zeigte mir den Weg, wie sich ein authentisches christliches Leben mit seinen zeitweise fast übermenschlich scheinenden Verpflichtungen mit einer großen Lebenslust und der echten Freude am gesunden Genuss der Dinge dieser Welt verbinden lässt. Er zeigte mir den Schlüssel zum Glück. Er zeigte mir die Liebe.

Er schaute mir tief in die Augen

So kam es, dass der Herr mir inmitten dieses innerlichen Ringens und der Bitte um Klarheit eine zweite Chance schenkte und mich zum Jahreswechsel mit einer Kindergruppe erneut nach Rom brachte. In Gedanken versunken stand ich bei den Legionären Christi im Chorraum der Kapelle und blickte auf die 23 Männer, die an jenem 1. Januar 2000 zum Priester geweiht werden sollten. Auch Br. Timothy, den ich seit einigen Jahren nicht mehr gesehen hatte, war einer davon und befand sich dort in demütiger Erwartung. Er hatte wirklich alles verlassen: Freundin, Erfolg, seine Karriere als Basketballer in der amerikanischen Nationalliga. Und je mehr ich darüber nachdachte, desto weicher wurden mir Herz und Knie.

Die Lesungen, die Gesänge, der Aufruf der Kandidaten, die Allerheiligenlitanei, die Feierlichkeit des Augenblickes- all diese Elemente provozierten an meinem ganzen Körper prickelnde Gänsehaut. Ein Gefühlsschwall überkam mich. Ich weinte sogar leise vor mich hin und dachte nur immer und immer wieder: „Warum sind es nicht 24? Und was ist nun eigentlich mit mir?” Die Berufungslampe blinkte wie verrückt in grellem grün. Verstört gab ich zu Bedenken: „Aber wie, Herr, werde ich je den Mut haben, diesen Schritt zu wagen?” Aber gerade in diesem Moment zeigte sich die Kraft und die unendliche Liebe Gottes-die niemals zwingt, sondern für jeden von uns nur das Beste will-in voller Größe. Der Herr zog am Ufer meines Lebens vorbei, schaute mir tief in die Augen, liebte mich unendlich und lud mich ein, ihm nachzufolgen. Es war der alles entscheidende Ruf.

Nun überschlugen sich die Ereignisse. Der Herr überhäufte mich mit Gnaden, und nur zwei Wochen später war ich bereist als Gast und Kandidat im Noviziat der Legionäre Christi in Gozzano bei Mailand. So einfach war das. Vor Weihnachten noch auf der BOKU in Wien, mindestens dreimal in der Woche auf dem Fußballfeld, am Wochenende von einer Feier zur nächsten. Plötzlich jedoch im Noviziat eines recht neuen Ordens, unter lauter Novizen in Soutane, in einer Klosterzelle, umgeben von Mexikanern, Amerikanern, Brasilianern. Das hatte ich mir- rein menschlich gesehen-so nie vorgestellt. Ich war sprachlos, als sich mir in jenen ersten Wochen und Monaten auf eine unglaublich sanfte und erfüllende Weise die Tür zum Geheimnis für uns Christen endgültig aufstieß. Was Gott mir in der Zeit zuvor in Ansätzen beizubringen versuchte, zeigte sich nun in voller Klarheit. Einfache Gedanken wie „Liebe ist Hingabe”; „Gott will in allem nur das Beste für uns”; „Alles vergeht- das Einzige, was bleibt, ist das, was du für Gott und deinen Nächsten getan hast” ließen den Eisklotz, der sich in den vergangenen Jahren in meinem Herzen gebildet hatte, wie am lodernden Feuer dahinschmelzen. Der Schlüssel passte nicht nur ins Loch, sondern er begann sogar, sich zu drehen! Das Phänomen Christsein bekam einen Sinn. Regeln, Normen, Gebote wurden belebt durch einen Geist. Einen Geist, der sich- zumindest für mich- auf zweifache Weise verlebendigte. Erstens in der Liebesbeziehung mit Jesus Christus, dem menschgewordenen Gott, der meinen alten Menschen- mit seinen kleinen und großen Sünden, mit seiner ständig wiederkehrenden Inkohärenz und Schwachheit- kennt, annimmt und heilt und dadurch zum Grund und zur Triebkraft wird, um mich selbst loszulassen. Zweitens im Hauptgebot der Liebe, das wohl des Rätsels Lösung für den Menschen und seine Probleme darstellt. Aus der beschämenden Inkohärenz und der ungelösten Frage nach dem Glück wurde ein befreiendes Ja zu Christus, angespornt durch die Liebe.

Zweifaches Glück

Nun sind über zehn Jahre vergangen und ich befinde mich an den Stufen hinauf zum Altar. Hätte mir vor dem Jahr 2000 einer meiner Freunde gesagt, ich würde in absehbarer Zeit Priester sein, wäre mir wohl nur ein müdes Lächeln über die Lippen gekommen. Mir schien diese spezielle Berufung sehr fremd und ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, bis an mein Lebensende (und sogar noch in der nächsten Welt, aber das wusste ich damals sowieso nicht) einfach „nur” Priester zu sein. Doch: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege. … So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken” (Jes 55,89).

So verlief alles wunderbar. Ich lernte Gott wirklich als den ‚lieben’ Gott kennen, schloss tiefe Freundschaft mit Jesus Christus, erfuhr am eigenen Leib, dass die Gottes und Nächstenliebe alles andere auf dieser Welt in den Schatten stellt und entbrannte- wie sehr bin in Gott dafür dankbar!- in einer nie erahnten Freude über die Priesterberufung und die Dinge Gottes. Um es kurz zu machen: Heute kann ich mir einfach beim besten Willen nicht vorstellen, was ich ohne Jesus Christus, ohne die heilige Messe, ohne die mütterliche Begleitung Mariens, ohne konkrete Aufgabe für mein Leben im Herzen der Kirche machen würde. Es wäre schwer für mich, in einem solchen Leben einen wirklichen Sinn zu sehen. Und obwohl die Zeiten für die Kirche und auch speziell für unseren Orden- rein menschlich gesehen- nicht gerade rosig ausschauen, möchte ich- aus der Sicht des Glaubens betrachtet- am liebsten Luftsprünge machen, denn was gibt es Schöneres, Sichereres, Gewaltigeres, als sich in Gottes väterlicher Hand geborgen zu wissen?! Meine Dankbarkeit Gott gegenüber für das Geschenk des Priestertums werde ich wohl nie in Worten ausdrücken können.

Dass zu all dem auch noch mein Bruder Thomas- nach seinem doch recht spontanen Auftritt im Februar 2000- in derselben Ordensgemeinschaft seinen Platz gefunden hat und wir gemeinsam geweiht werden, macht die Sache nur noch unglaublich schöner. Wie das passieren konnte? Ja, das ist eine andere Geschichte, die er erzählen muss…

P. VALENTIN GÖGELE kam am 20. Dezember 1979 in Meran, Südtirol (Italien) zur Welt. Nach seiner Reifeprüfung am wissenschaftlichen Lyzeum in seinem Geburtsort begann er sein Studium an der Universität für Bodenkultur in Wien. Am 5. Mai 2000 trat er ins Noviziat der Legionäre Christi in Gozzano (Italien) ein. Nach der Ablegung der ersten Gelübde im September 2001 widmete er sich ein Jahr lang humanistischen Studien in Salamanca (Spanien). Anschließend studierte er zwei Jahre lang Philosophie an der päpstlichen Hochschule Regina Apostolorumin Rom. Von 2004 bis 2007 unterstützte er als Assistent den Novizenmeister in Bad Münstereifel (Deutschland). Es folgten das Theologiestudium in Rom und ein Pastoraleinsatz in Frankreich. Seit seiner Diakonweihe im Juni 2010 fungiert er als Vizerektor der Niederlassung des Ordens in Bad Münstereifel.

 

Die Berufungsgeschichten der 2010 geweihten Priester können auch in dem Buch „From The Heart of Christ” nachgelesen werden.


Der Schlüssel ist die Liebe

Der Schlüssel ist die Liebe

P. Valentin Gögele LCIm Februar 2000, ich bereitete mich gerade mal seit einem Monat auf den Eintritt ins Noviziat vor, kam mich mein älterer Bruder Thomas besuchen. Er hatte zwei Freunde und den festen Entschluss mitgebracht, mich wieder mit sich nach Hause zu nehmen. Unsere Lebenswege waren zwar immer sehr unterschiedlich verlaufen, doch als ich dann - für ihn doch etwas überraschend - in eine Ordensgemeinschaft eintreten wollte, konnte er es kaum fassen. Schließlich hatte Thomas die Legionäre Christi zuvor nie näher kennengelernt, sodass er es für seine Pflicht hielt, herauszufinden, in wessen Hände sein kleiner Bruder geraten war.

Da stand er also in der Tür. Ich freute mich über seinen Besuch. An diesem Nachmittag musste ich jedoch gerade in einer benachbarten Pfarrei eine nachmittägliche Aushilfe in der Jugendseelsorge übernehmen. „Du, ich muss gerade los. Es tut mir leid. Aber ich habe eine Idee: Geh doch einfach zu dem Vortrag, den dieser Priester dort gleich für eine Gruppe Jugendlicher über den Sinn des Lebens halten wird. Wenn ich dann wieder zurück bin, setzen wir uns zusammen und sprechen, solange Du willst. Abgemacht?” Weder er noch ich konnten zu diesem Zeitpunkt auch nur erahnen, was Gott auch mit ihm vorhatte.

Ein wunderschönes Fleckchen Erde

Doch vielleicht besser doch Schritt für Schritt. Ich bin das zweite von vier Kindern einer Familie, die mit beiden Beinen fest im Leben steht und dabei gleichzeitig seit geraumer Zeit mit dem Herzen in Gott verwurzelt ist. Die Jahre meiner Kindheit und Jugend verbrachte ich glücklich in Südtirol, einer wunderschönen Region mit Bergen und Tälern, großen Skigebieten und weiten Landschaften, die sich bestens zum Klettern und für herrliche Ausflüge eignen. Das wussten wir auch stets gerne zu nutzen, zum Beispiel damals, als ich mit einigen Freunden auf einer zweitägigen Tour barfuß einen Dreitausender erklomm… Immer schon liebte ich den Sport. So ließ ich keine Gelegenheit dazu aus, erst recht nicht, wenn es um Fußball ging. Wir spielten, wann und wo immer es uns möglich war. Einige von uns schafften es sogar in die regionale Jugendauswahl, mit der wir an mehreren internationalen Turnieren teilnahmen. Ebenso laden Land und Leute dort zu allen möglichen Wintersportdisziplinen ein, wie Skifahren und Rodeln, aber auch dem Eisstockweitschießen, einer Disziplin, in der ich mehrmals die italienische Meisterschaft gewann.

So fühlte ich mich in meiner Jugendzeit als einer der glücklichsten Menschen auf der Welt. Es kam teilweise in meinem erfüllten Glück so weit, dass ich dachte, ich befände mich in einem Film: gute Noten (trotz Mindesteinsatz), Unmengen an erfolgreichem Sport, Gesundheit, die besten Freunde der Welt, Jugendarbeit, Sommerlager, ehrliche Beziehungen, Reisen, gut bezahlte Jobs, jede Menge Ziele und Träume, ein sinnerfülltes Leben eben. Ich konnte mir keine Steigerung mehr vorstellen. Ja, der liebe Gott hatte es wirklich gut mit mir gemeint.

Mit Maria fing alles an

Meine Eltern haben vor fast 25 Jahren in Medjugorje eine starke Bekehrung erlebt. Von da an begannen sie, mit der ganzen Familie täglich den Rosenkranz zu beten und selbst jeden Tag in die heilige Messe zu gehen. Doch das war nicht alles. Sie gingen einen Schritt weiter, denn sie wollten den Ruf Gottes zur aktiven Teilnahme an der Neuevangelisierung der Gesellschaft nicht länger ungehört ignorieren.

Seit den neunziger Jahren haben sie hunderte Wallfahrten, Einkehrtage und Vorträge organisiert, durch die tausende Menschen großen Nutzen und Segen erfahren haben- sowohl aus Südtirol, als auch aus weiten Teilen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. Was als sanfter und persönlicher Ruf der Muttergottes in ihrem Leben begonnen hatte, mündete in einem ununterbrochenen Einsatz für Gott und die Errichtung seines Reiches in den Herzen der Menschen. Eine Entwicklung, die auch das Leben der Familie selbst verändern sollte.

Einer der Siebenhundert

So war es für uns Kinder nur natürlich, dass auch wir immer mehr in die Schönheit unseres Glaubens eintauchten und dass unser Leben in allen Facetten einen christlichen Charakter bekam. Die sonntägliche Messe war ebenso normal wie die Tradition des täglichen Rosenkranzgebetes zuhause, auch wenn wir häufig mit so manchen Tricks versuchten, diesem zu entgehen oder es wenigstens etwas abzukürzen… Ebenso normal waren Marienwallfahrten, die wir ab und zu als Familie unternahmen. Wenn es um die Planung der Ferien ging, scherzten wir sogar: „Und zu welchem heiligen Ort fahren wir dieses Jahr?”

In dieser Zeit lernten wir natürlich auch viele Geistliche kennen. Zu Ostern 1993 schickte mich meine Mutter mit einem von ihnen auf eine Wallfahrt nach Rom. Damals war ich dreizehn Jahre alt und hatte ausgesprochen wenig Lust darauf, die Ferien mit einem siebzigjährigen Pfarrer zu verbringen. Mein Unmut wuchs noch an, als ich dann auf dem Bahnhof nur einen einzigen anderen Jungen antraf, der außer mir noch mit auf diese „Jugendwallfahrt” fahren sollte.

Doch Herr Pfarrer Franz Ungerer ließ sich durch nichts von seiner großen Vorfreude abbringen. Er war (und ist es weiterhin) ein wirklich außergewöhnlicher Priester. Er lebt ganz für die Jugend und setzt sich bis zum Äußersten dafür ein, dass ein jeder der ihm Anvertrauten Jesus Christus persönlich begegne. An seiner Seite erlebte ich zum ersten Mal die Ewige Stadt und hatte sogar die Gelegenheit, Papst Johannes Paul II. bei einer Messe im Petersdom persönlich zu grüßen. Doch was mein Leben endgültig ändern sollte- mein Priesterfreund hatte dies wohl bereits geahnt- war mein erster Kontakt mit den Patres und Brüdern der Legionäre Christi. Wir wohnten in ihrem Zentrum, lebten an ihrer Seite, beteten und spielten mit ihnen Fußball und Basketball. Durch sie begann Gott damit, in meinem Herzen die Flamme der priesterlichen Berufung zu entfachen.

Erst zehn Jahre später vertraute Pfarrer Ungerer mir sein Geheimnis an. Seit langer Zeit, so erzählte er mir, führe er eine Liste mit inzwischen über siebenhundert Namen von Jungen und Mädchen aus der ganzen Welt. Es waren Menschen, denen er auf seinem Lebensweg begegnet war und für die er seither betete und Opfer brachte. Er tue dies im Bewusstsein, dass Gott mit einem jeden von ihnen einen Plan hat, den es heraus zu finden gilt. Täglich stehe er zwischen zwei und drei Uhr morgens auf, um bis zum Morgengrauen Name um Name durchzugehen, für diese seine Freunde zu beten und einem jeden seinen priesterlichen Segen zu senden. Allein während des Jubiläumsjahrs 2000 schafften es dreißig dieser jungen Menschen, einen entscheidenden Schritt der Nachfolge Jesu im Ordens oder Priesterleben zu vollziehen. Zwei davon kamen aus unserer Familie! Was der Glaube und der Eifer eines einzigen Priesters nicht alles bewirken können!

Der siebenjährige Kampf

Es kamen die komplizierten Jahre der Pubertät. Neben dem vielen Sport nahm die Zahl der Bekanntschaften, der Partys und der Reisen zu und nicht selten war all dies schwer damit vereinbar, Gott in allem den ersten Platz zu geben. Doch er hat mich nie verlassen.

Damals besuchte uns regelmäßig Br. Timothy, ein junger amerikanischer Ordensmann der Legionäre Christi. Eines Tages fasste er sich ein Herz und fragte mich: „Was hältst du eigentlich davon, Gott in diesem Sommer einige Wochen zu widmen, um zu sehen, was sein Wille für dein Leben ist?” Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Ich war zu jung! Dreizehn Jahre alt und kein bisschen scharf auf ein eintöniges Leben zwischen Kniebank und Pfarrhaus. Ich ließ den Löffel sinken, mit dem ich verlegen im Eisbecher gestochert hatte, versuchte, so sicher wie möglich zu wirken und antwortete: „Nein, ich will nicht!” Er hakte nach: „Warum?” Ich stammelte: „W…w…weil ich weiß, dass mich Gott dann einladen würde, im Kleinen Seminar zu bleiben.” Ich erschrak über meine eigenen Worte und konnte kaum glauben, was ich da eben von mir gelassen hatte. Ich hatte das erste Mal öffentlich zugegeben, den Ruf Gottes, Priester zu werden, zu verspüren. Ich schluckte. Doch was mich am meisten verwirrte war die Tatsache, dass mein Freund mich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr auf das Thema ansprach. Er respektierte meine Entscheidung und ich sprach auch sonst mit niemandem darüber. Somit hatte mein innerer Kampf begonnen, der meist ein einsames Ringen mit dem lieben Gott war. Bin ich wirklich berufen? Ja oder nein? Das war die große Frage ab diesem Moment.

Die 100 Millionen-Euro-Frage

Nach Abschluss des wissenschaftlichen Lyzeums zog es mich nach Wien auf die Universität für Bodenkultur. Ich wollte Ingenieur werden. Das Leben in dieser Weltstadt war genial: größere Freiheit, mehr Freunde, abgefahrenere Feten. Gleichzeitig aber stellte sich mir zum ersten Mal ernsthaft die für jeden Gläubigen so grundsätzliche Frage: Ist es denn auf irgendeine Weise möglich, beides zu haben: Gott und die Freuden dieser Welt? Oder anders gestellt: Will ich eigentlich wirklich ein wahrhaft christliches Leben führen, auch jetzt noch, da ich alleine lebe? Denn dort in Wien gab es keine Eltern mehr, die mich sonntagmorgens aus dem Bett hievten, um mich in die heilige Messe zu bringen. Außerdem lockten der Alkohol, die Partys und allerlei andere Zeitvertreibe, die nur sehr schwer mit den Idealen und Werten in Einklang zu bringen waren, die die Jahre zuvor das Leben meiner Familie und auch das meine geprägt hatten.

Ich erfuhr am eigenen Leib jenen grausamen Zwiespalt im Herzen, das einerseits mit Gott großzügig sein möchte, da ich wusste, was ihm als Herrn und Meister unseres Lebens gebührt, und auch, dass er sich an Großzügigkeit nicht überbieten lässt. Auf der anderen Seite glitzerte aber die Welt mit ihren Verlockungen, Neigungen und Leidenschaften, die ein leichtes Leben versprechen. Eben ein Leben ohne große Komplikationen, frei von jedem angeblich ungesunden Zwang. Mein Problem war demnach die ständig wiederkehrende Inkohärenz. Das eigene Gewissen war mir zur größten Last geworden. Ich erfuhr es als ein schreckliches Joch, das Gott mir aufgebürdet hatte. Ich musste mir unbedingt Luft verschaffen. Antworten mussten her! Es sollte doch irgendwie möglich sein, aus der guten Erziehung in der Familie und den ehrlichen Vorsätzen in meinem Herzen länger tragende und selbständige Überzeugungen hervorzubringen! Ich bat Gott dabei um Hilfe und begann zu beten.

Sobald ich ihm durch mein sporadisches Rosenkranzgebet auf dem Weg zur Uni die Tür meines Herzens wieder ein wenig aufgestoßen hatte, übernahm er auch schon langsam aber sicher das Ruder meines Daseins. Er begann, mich einzuführen in das große Geheimnis eines Lebens, das jene beiden sich scheinbar gegenseitig abstoßenden Welten miteinander vereinen kann. Er zeigte mir den Weg, wie sich ein authentisches christliches Leben mit seinen zeitweise fast übermenschlich scheinenden Verpflichtungen mit einer großen Lebenslust und der echten Freude am gesunden Genuss der Dinge dieser Welt verbinden lässt. Er zeigte mir den Schlüssel zum Glück. Er zeigte mir die Liebe.

Er schaute mir tief in die Augen

So kam es, dass der Herr mir inmitten dieses innerlichen Ringens und der Bitte um Klarheit eine zweite Chance schenkte und mich zum Jahreswechsel mit einer Kindergruppe erneut nach Rom brachte. In Gedanken versunken stand ich bei den Legionären Christi im Chorraum der Kapelle und blickte auf die 23 Männer, die an jenem 1. Januar 2000 zum Priester geweiht werden sollten. Auch Br. Timothy, den ich seit einigen Jahren nicht mehr gesehen hatte, war einer davon und befand sich dort in demütiger Erwartung. Er hatte wirklich alles verlassen: Freundin, Erfolg, seine Karriere als Basketballer in der amerikanischen Nationalliga. Und je mehr ich darüber nachdachte, desto weicher wurden mir Herz und Knie.

Die Lesungen, die Gesänge, der Aufruf der Kandidaten, die Allerheiligenlitanei, die Feierlichkeit des Augenblickes- all diese Elemente provozierten an meinem ganzen Körper prickelnde Gänsehaut. Ein Gefühlsschwall überkam mich. Ich weinte sogar leise vor mich hin und dachte nur immer und immer wieder: „Warum sind es nicht 24? Und was ist nun eigentlich mit mir?” Die Berufungslampe blinkte wie verrückt in grellem grün. Verstört gab ich zu Bedenken: „Aber wie, Herr, werde ich je den Mut haben, diesen Schritt zu wagen?” Aber gerade in diesem Moment zeigte sich die Kraft und die unendliche Liebe Gottes-die niemals zwingt, sondern für jeden von uns nur das Beste will-in voller Größe. Der Herr zog am Ufer meines Lebens vorbei, schaute mir tief in die Augen, liebte mich unendlich und lud mich ein, ihm nachzufolgen. Es war der alles entscheidende Ruf.

Nun überschlugen sich die Ereignisse. Der Herr überhäufte mich mit Gnaden, und nur zwei Wochen später war ich bereist als Gast und Kandidat im Noviziat der Legionäre Christi in Gozzano bei Mailand. So einfach war das. Vor Weihnachten noch auf der BOKU in Wien, mindestens dreimal in der Woche auf dem Fußballfeld, am Wochenende von einer Feier zur nächsten. Plötzlich jedoch im Noviziat eines recht neuen Ordens, unter lauter Novizen in Soutane, in einer Klosterzelle, umgeben von Mexikanern, Amerikanern, Brasilianern. Das hatte ich mir- rein menschlich gesehen-so nie vorgestellt. Ich war sprachlos, als sich mir in jenen ersten Wochen und Monaten auf eine unglaublich sanfte und erfüllende Weise die Tür zum Geheimnis für uns Christen endgültig aufstieß. Was Gott mir in der Zeit zuvor in Ansätzen beizubringen versuchte, zeigte sich nun in voller Klarheit. Einfache Gedanken wie „Liebe ist Hingabe”; „Gott will in allem nur das Beste für uns”; „Alles vergeht- das Einzige, was bleibt, ist das, was du für Gott und deinen Nächsten getan hast” ließen den Eisklotz, der sich in den vergangenen Jahren in meinem Herzen gebildet hatte, wie am lodernden Feuer dahinschmelzen. Der Schlüssel passte nicht nur ins Loch, sondern er begann sogar, sich zu drehen! Das Phänomen Christsein bekam einen Sinn. Regeln, Normen, Gebote wurden belebt durch einen Geist. Einen Geist, der sich- zumindest für mich- auf zweifache Weise verlebendigte. Erstens in der Liebesbeziehung mit Jesus Christus, dem menschgewordenen Gott, der meinen alten Menschen- mit seinen kleinen und großen Sünden, mit seiner ständig wiederkehrenden Inkohärenz und Schwachheit- kennt, annimmt und heilt und dadurch zum Grund und zur Triebkraft wird, um mich selbst loszulassen. Zweitens im Hauptgebot der Liebe, das wohl des Rätsels Lösung für den Menschen und seine Probleme darstellt. Aus der beschämenden Inkohärenz und der ungelösten Frage nach dem Glück wurde ein befreiendes Ja zu Christus, angespornt durch die Liebe.

Zweifaches Glück

Nun sind über zehn Jahre vergangen und ich befinde mich an den Stufen hinauf zum Altar. Hätte mir vor dem Jahr 2000 einer meiner Freunde gesagt, ich würde in absehbarer Zeit Priester sein, wäre mir wohl nur ein müdes Lächeln über die Lippen gekommen. Mir schien diese spezielle Berufung sehr fremd und ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, bis an mein Lebensende (und sogar noch in der nächsten Welt, aber das wusste ich damals sowieso nicht) einfach „nur” Priester zu sein. Doch: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege. … So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken” (Jes 55,89).

So verlief alles wunderbar. Ich lernte Gott wirklich als den ‚lieben’ Gott kennen, schloss tiefe Freundschaft mit Jesus Christus, erfuhr am eigenen Leib, dass die Gottes und Nächstenliebe alles andere auf dieser Welt in den Schatten stellt und entbrannte- wie sehr bin in Gott dafür dankbar!- in einer nie erahnten Freude über die Priesterberufung und die Dinge Gottes. Um es kurz zu machen: Heute kann ich mir einfach beim besten Willen nicht vorstellen, was ich ohne Jesus Christus, ohne die heilige Messe, ohne die mütterliche Begleitung Mariens, ohne konkrete Aufgabe für mein Leben im Herzen der Kirche machen würde. Es wäre schwer für mich, in einem solchen Leben einen wirklichen Sinn zu sehen. Und obwohl die Zeiten für die Kirche und auch speziell für unseren Orden- rein menschlich gesehen- nicht gerade rosig ausschauen, möchte ich- aus der Sicht des Glaubens betrachtet- am liebsten Luftsprünge machen, denn was gibt es Schöneres, Sichereres, Gewaltigeres, als sich in Gottes väterlicher Hand geborgen zu wissen?! Meine Dankbarkeit Gott gegenüber für das Geschenk des Priestertums werde ich wohl nie in Worten ausdrücken können.

Dass zu all dem auch noch mein Bruder Thomas- nach seinem doch recht spontanen Auftritt im Februar 2000- in derselben Ordensgemeinschaft seinen Platz gefunden hat und wir gemeinsam geweiht werden, macht die Sache nur noch unglaublich schöner. Wie das passieren konnte? Ja, das ist eine andere Geschichte, die er erzählen muss…

P. VALENTIN GÖGELE kam am 20. Dezember 1979 in Meran, Südtirol (Italien) zur Welt. Nach seiner Reifeprüfung am wissenschaftlichen Lyzeum in seinem Geburtsort begann er sein Studium an der Universität für Bodenkultur in Wien. Am 5. Mai 2000 trat er ins Noviziat der Legionäre Christi in Gozzano (Italien) ein. Nach der Ablegung der ersten Gelübde im September 2001 widmete er sich ein Jahr lang humanistischen Studien in Salamanca (Spanien). Anschließend studierte er zwei Jahre lang Philosophie an der päpstlichen Hochschule Regina Apostolorumin Rom. Von 2004 bis 2007 unterstützte er als Assistent den Novizenmeister in Bad Münstereifel (Deutschland). Es folgten das Theologiestudium in Rom und ein Pastoraleinsatz in Frankreich. Seit seiner Diakonweihe im Juni 2010 fungiert er als Vizerektor der Niederlassung des Ordens in Bad Münstereifel.

 

Die Berufungsgeschichten der 2010 geweihten Priester können auch in dem Buch „From The Heart of Christ” nachgelesen werden.

 

P. Valentin Gögele LC (Italien)

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