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Samstag, 20. Dezember 2008

P. Tobias Völkl LC


Berufungsgeschichte des am 20. Dezember 2008 in Rom geweihten Neupriesters

P. Tobias Völkl LCDer bayerische Himmel, so sagt man, ist weiß-blau wie die Farben der Flagge. So findet man ihn auf einer typischen Postkarte: blau mit einigen verstreuten weißen Wölkchen.

Ich wurde in der Landeshauptstadt München in einer katholischen Familie geboren, am 11. Juni 1971, als erster von zwei Brüdern. Die Wirklichkeit in Bayern ist jedoch auch oft nicht mehr so idyllisch wie auf den Postkarten. Auch dieses Land, dessen Kultur eindeutig im katholischen Glauben seine Wurzeln hat, wurde von den Folgen der Säkularisierung nicht verschont, und in der Stadt waren diese natürlich noch mehr spürbar als draußen auf dem Land.

Diese Tatsache war nicht ohne Folgen für meinen Glauben. Mein Verständnis und meine Erfahrung des katholischen Glaubens, der eigentlich eine lebendige Wirklichkeit sein sollte, blieb, während ich heranwuchs, hinter der Entwicklung anderer Lebensbereiche zurück. Selbst die Tatsache, dass wir nur ein paar Häuser von der Pfarrkirche entfernt wohnten, half da nicht viel. Sonntags ging ich zwar zur Messe, wie ich es von meinen Eltern gelernt hatte, aber unter der Woche machte ich mir nicht viele Gedanken darüber, dass der Herr dort wirklich gegenwärtig war. Das war typisch für den Zwiespalt in meinem Leben, der mit zunehmendem Alter immer größer wurde, auch wenn ich mir dessen nicht bewusst war. In einem großen Teil meines Lebens spielte Gott eigentlich keine Rolle, obwohl im Hintergrund irgendein Gefühl und die Unruhe blieben, dass es noch mehr im Leben geben müsste als Lernen, einige Ablenkungen und die Suche nach Vergnügungen an den Wochenenden.

In diesem Zustand machte ich das Abitur und danach zögerte ich nicht lange, mich an der Fakultät für Maschinenwesen an der Technischen Universität München einzuschreiben. Vielleicht hätte Gott mich schon in jenen Jahren zum Priestertum berufen, aber ich war damals in keiner Weise bereit, eine solche Berufung zu wahrzunehmen. Ich erinnere mich, dass mir trotzdem gelegentlich der Gedanke kam, Priester zu werden, aber ich schob ihn immer schnell beiseite, weil ich mir sagte, dass dies sicher nur von momentaner Unzufriedenheit mit meinem Studium kam. Ein paar Leute hatten mich sogar hier und dort gefragt, warum ich nicht ins Seminar gegangen war, aber diese Fragen kamen nie von jemandem, der mir diese Frage wirklich aus dem Glauben heraus gestellt hätte, um mir zu helfen, meine Berufung zu finden. Sie kam eher von Leuten, die wenig mit der Kirche zu tun hatten und es vielleicht schon für außergewöhnlich hielten, dass ich sonntags zur Messe ging.

Das Studium an der TU München war anspruchsvoll und nahm fast meine ganze Zeit in Anspruch, aber ich war erfolgreich in den Studien, und außerdem war es sehr interessant. Es schien daher, dass ich meinen Weg gefunden hatte. Ich konzentrierte mich bald auf eher theoretische Fächer in der Grundlagenforschung, aber auch die Praktika, die die Studienordnung vorsah, brachten mir reiche Erfahrungen. Meine Bewerbung um eine der wenigen Praktikantenstellen für den Sommer 1991 bei Deutschlands größtem Luft– und Raumfahrttechnikunternehmen (heute Teil der Firma EADS – European Aerospace and Defense Systems) hatte Erfolg, und so lernte ich dort Abteilungen kennen, die Raketentriebwerke für die Ariane-Rakete herstellten oder Komponenten für neuentwickelte Hubschrauber testeten und montierten.

Insgesamt verbrachte ich vier Jahre meines Studiums in München. Aber Jahr für Jahr nahm meine innere Unzufriedenheit zu. Auch der Erfolg brachte nicht die gewünschte innere Erfüllung. So wuchs in mir die Überzeugung, dass sich etwas in meinem Leben ändern musste, auch wenn ich immer noch nur nach weltlichen Maßstäben dachte. Daher entschloss ich mich, mein Studium im Ausland fortzusetzen, zumindest für ein Jahr. Dies schien mir vielversprechend, weil es mir weitere berufliche Möglichkeiten eröffnen würde, aber vor allem hoffte ich, dass ich in einem neuen Umfeld ein neues Leben würde beginnen können. Mein Traumziel waren die Vereinigten Staaten von Amerika, und dort, das California Institute of Technology (Caltech) in Pasadena, Kalifornien. Ich bewarb mich jedoch auch bei einigen anderen Universitäten, da ich keineswegs sicher war, dass meine Bewerbung um einen Studienplatz am Caltech Erfolg haben würde. Aber die Forschungsmöglichkeiten am Caltech stimmten besonders gut mit meinen Interessen überein.

Es kostete viel Anstrengung, das amerikanische Hochschulsystem zu verstehen und das umfangreiche Bewerbungsmaterial zusammenzustellen. Unter anderem wurden spezielle Aufnahmetests und Empfehlungsschreiben von Professoren verlangt. Aber nach über einem Jahr Arbeit an dieser Bewerbung hielt ich schließlich das Zulassungsschreiben von Caltech in der Hand. Dank der Stipendien, die ich vom Freistaat Bayern und der Studienstiftung des Deutschen Volkes erhielt, und zusammen mit dem Geld, das ich durch einige bezahlte Forschungstätigkeiten für Institute der Technischen Universität München verdient hatte, war auch die Finanzierung des ersten Jahres in den USA gesichert.

California Dreaming

Im Sommer 1995 kam ich schließlich auf dem Campus des California Institute of Technology an. Dies war der Augenblick, von dem ich während der langen Vorbereitungszeit geträumt hatte. Die ersten Tage waren jedoch eher schwierig. Ich kam an einem Freitagabend an, die Sekretariate der Universität waren schon geschlossen, und es gab niemanden, der mich hätte empfangen können. Daher war es eine große Hilfe für mich, dass ich in einer Informationsbroschüre der Universität eine Liste aller Studentenvereinigungen und auch eine Gottesdienstordnung mit einer Sonntagsmesse auf dem Campus gefunden hatte. Als ich mich an dem angegebenen Ort einfand, traf ich eine kleine Gruppe von Studenten und Besuchern, die sich bereits für die Messe eingefunden hatten, und die mich herzlich als neuen Studenten am Caltech begrüßten.

Als der Priester eintraf, war ich wirklich beeindruckt, nicht nur durch seine Kleidung mit dem Priesterkragen, die ihn klar als Priester erkennbar machte und die ich in Deutschland noch nie gesehen hatte, sondern vor allem von der echten Freundlichkeit, mit der er jedermann behandelte, ohne seine Würde als Priester zu verlieren. Erst später erfuhr ich, dass dieser Priester, P. Brian Wilson, zu einer Kongregation namens „Legionäre Christi” gehörte, von der ich vorher noch nie gehört hatte. Obwohl ich mich nicht mehr genau an jene heilige Messe erinnere, weiß ich doch noch, dass ich schon damals von der tiefen Andacht beeindruckt war, mit der P. Brian die Messe feierte. Auf wunderbare Weise kam so doch die Heiligkeit und Feierlichkeit des Augenblicks zum Ausdruck, obwohl das Umfeld eher ernüchternd war, da es auf dem Campus keine Kapelle gibt. So kam ich gerne jeden Sonntag zu dieser Messe. Bald wurde mir, vielleicht weil ich als Deutscher als besonders zuverlässig und pünktlich galt, die „Sakristei” anvertraut. Dies bedeutete aber nur, dass ich den hölzernen Altar aufbauen musste, der während der Woche in drei Teile zerlegt in einem Schrank verstaut wurde, und den Kelch, die Patene und die Hostienschale für die Messe vorbereiten musste.

Abgesehen von der Sonntagsmesse, lebte ich aber weiterhin ziemlich fern von Gott. Bald merkte ich, dass das Studium am Caltech zwar, wie ich gehofft hatte, sehr interessant war, aber dass das neue Umfeld auch nicht die ersehnte tiefe Veränderung in meinem Leben bewirkt hatte. Die Frage blieb: Wofür lebte ich eigentlich mit all dem Leistungsdruck bei den Prüfungen und den anderen Anforderungen des Studiums. Auch der Erfolg am Caltech war nicht genug, um meinem Leben einen Sinn zu geben.

Dennoch sah ich zunächst keine andere Möglichkeit als am Caltech zu bleiben, und so war ich froh, dass mir am Ende des ersten Jahres, in dem ich erfolgreich das Master-Studium in Aeronautics abgeschlossen hatte, eine Doktorandenstelle angeboten wurde, die mir auch die Finanzierung eines weiteren Aufenthalts ermöglichte. Meine Doktorarbeit, mit der ich nun beschäftigt war, befasste sich mit der numerischen Simulation von nichtlinearen, turbulenten Strömungen auf Großrechnern. Es war ein eher theoretisches Thema, aber genau das hatte ich mir gewünscht. Die Forschungsbedingungen waren ausgezeichnet, da das Projekt Teil eines großen Forschungsprogramms der Regierung war. So hatte ich Zugang zu einigen der größten Computer, die es damals weltweit gab. Einer von ihnen hieß „Blue Nirvana”, und so ergab es sich, dass ich damals viele Stunden im Nirvana verbrachte, aber, Gott sei Dank, nur in dieser virtuellen Version, die aus tausenden von Zeilen Computercodes und Gigabytes von Zahlen bestand, die man als Belohnung für all die Mühen erhielt.

Meine Doktorat, an dem ich von 1996 bis 2000 arbeitete, machte gute Fortschritte, obwohl es zahllose Stunden mühsamer Kleinarbeit erforderte. Doch auch die Aussicht auf eine wissenschaftliche Karriere ließ mir die Zukunft nicht wirklich rosiger erscheinen, und die Hindernisse in meinem täglichen Leben, die mich immer weiter von Gott wegbrachten, wuchsen nur noch mehr in dieser Zeit.

Endlich frei

Eine wirkliche Wende kam erst, als ein Mitstudent am Caltech, der sein Leben in der Personalprälatur des Opus Dei Gott geweiht hatte, sich meiner annahm und mich zu einer wirklichen Neuentdeckung des katholischen Glaubens führte. So lernte ich auch, dass wahre Freundschaft bedeutet, das Beste für den anderen zu suchen. Diese Erfahrung half mir sehr zu verstehen, was es bedeutet, dass Jesus Christus mein bester Freund sein möchte. So gab dieser Student nicht auf in seinen Bemühungen, mich zur Werktagsmesse oder zu einigen Augenblicken des Gebets und später auch ins Haus des Opus Dei in Los Angeles einzuladen. Er lebte dort mit zwei Priestern und anderen gottgeweihten Mitgliedern der Prälatur. Als ich schließlich nach langem Zögern nachgab und seine Gemeinschaft kennen lernte, fand ich dort Menschen, die wirklich ihren Alltag im Beruf für Christus lebten und auch aktiv bemüht waren, andere für Christus zu gewinnen. Vor allem aber überzeugten mich ihre innere Freude und ihr Beispiel der Nächstenliebe davon, dass dies wirkliche, katholische Christen waren. Ihre Nächstenliebe spürte ich sofort durch die herzliche Aufnahme, die ich bei meinem ersten Besuch erfuhr. Erst jetzt begann ich zu verstehen, was es wirklich bedeutete, als Christ zu leben.

Dieser Freund war auch der Ansporn, den ich brauchte, um nach langer Zeit wieder eine gute Beichte abzulegen. Dies veränderte mein Leben nachhaltig. Nachdem ich die Lossprechung erhalten hatte, erfuhr ich einen tiefen inneren Frieden und erhielt auch eine persönliche Gewissheit, dass ich von jetzt an, mit Hilfe der Gnade Gottes, ein Leben führen würde, das nicht mehr im Widerspruch zu meinem Wesen als getaufter Christ stehen würde, sondern der Liebe Christi, die ich erfahren hatte, besser entsprechen würde. Alles im katholischen Glauben begann mir nun einzuleuchten: die Sakramente der Eucharistie und der Beichte, deren regelmäßiger Empfang mir die Gnade schenkte, die ich brauchte, um meine Vorsätze zu erfüllen, das tägliche Gebet, das mit zur Gewohnheit wurde und durch das ich mit Gott als der Quelle dieses neuen Lebens verbunden blieb, und der Wunsch, die Freude, die ich erfahren hatte, mit anderen zu teilen.

Auf diese Weise, wurde Christus immer mehr zur wirklichen Mitte meines Lebens. Daher wurde auch der Gedanke immer stärker, dass ich ihm mein ganzes Leben weihen sollte. Anfangs hatte ich keine klare Vorstellung, wo und wie dies geschehen sollte, obwohl ich mich schon bald zum Priestertum hingezogen fühlte. Daher kam mir auch nie wirklich der Gedanke, mein Leben im Opus Dei Gott zu weihen, da deren Charisma eher ist, durch die Arbeit in einem weltlichen Beruf sich und andere zu heiligen. Ich dachte natürlich auch viel darüber nach, dass ich nach dem Leben, das ich bis jetzt geführt hatte, eines so großen Geschenkes wie des Priestertums völlig unwürdig war. Daher verfolgte ich zunächst diese Ideen nicht weiter und sprach auch mit niemandem darüber. Ich dachte, dass es vorerst meine Berufung war, mein tägliches Leben und meine Tätigkeit an der Universität als Christ zu leben.

Darüber hinaus suchte ich auch nach Gelegenheiten, etwas aktiv für meinen Glauben zu tun, das heißt, ein Apostolat auszuüben. Zunächst nahm ich an einem Programm der Universität teil, die Freiwillige in Stadtteile von Pasadena vermittelte, wo mittellose Familien Nachhilfeunterricht für ihre Kinder suchten. Dort half ich dann zum Beispiel mit den Hausaufgaben in Mathematik. Aber ich suchte nach etwas, wo ich direkter für die Kirche arbeiten konnte. So war ich dankbar, dass meine Freunde vom Opus Dei mich einluden, bei ihren Jugendaktivitäten mitzuhelfen, die Kinder zu begleiten und ihnen im Einzelgespräch moralische und geistliche Orientierung anzubieten. Später half ich dann aktiver in der von den Legionären Christi geleiteten Hochschulgemeinde mit.

Im Jahr 2000 wurde P. Andrew Mulcahey LC dort der neue Studentenseelsorger. Durch ihn wurde ich sogar für einen Preis der Erzdiözese Los Angeles nominiert, den diese als Auszeichnung für die Mitarbeit in der Studentenseelsorge verlieh. Ich hatte zwar nicht viel getan, um den Preis zu verdienen, aber da es sonst niemanden gab, der hätte nominiert werden können, fiel die Wahl auf mich. Es gab eine kleine Feier zur Preisverleihung, die eher Anlass zur Verlegenheit gab. Aber es stellte sich heraus, dass auch das zum Guten diente. Es half, unsere Arbeit bekannt zu machen und die Verbindung mit der Diözese und mit der örtlichen Pfarrei, St. Philippus, zu stärken. Dort ging ich regelmäßig mit meinen katholischen Freunden zur Werktagsmesse. Eines Morgens kam der Pfarrer nach der Messe auf mich zu und zeigte mir die Kirchenzeitung der Erzdiözese, in der ein Artikel über die Preisverleihung erschienen war. Auf einem Foto all der Preisträger erschien auch ich. Der Pfarrer war froh, dass auch seine Pfarrei in positiver Weise erwähnt war, denn in der Begründung für meine Nominierung hatte P. Andrew Mulcahey LC geschrieben, dass ich zu dieser Pfarrei gehörte und dort jeden Morgen zur Messe ging. Ferner hatte er auch erwähnt, dass ich daran dachte, Priester zu werden. Da der Text in der Feier verlesen wurde, diente er auch dazu, etwas Werbung für die Priesterberufung zu machen. Einige der anwesenden Diözesanpriester und Studenten anderer Universitäten sprachen mich nachher an, um mich auf diesem Weg zu bestärken.

Zu dieser Zeit hatte ich nämlich schon begonnen, ernsthafter über eine Berufung nachzudenken. Ich war dabei, meine Doktorarbeit abzuschließen und musste an meine Zukunft denken. Im Jahr 2000 bekam ich den Doktortitel verliehen. Auf der Urkunde erschien der alte Wahlspruch der Universität: „Die Wahrheit wird euch frei machen”. Dieses Zitat aus dem Johannesevangelium war für mich am Caltech in besonderer Weise Wirklichkeit geworden: Gott hatte mich dorthin geführt und mich dort Menschen begegnen lassen, die mir geholfen hatten, meinen Glauben neu zu entdecken und zu Christus zurückzukehren, in dem ich die wahre Freiheit gefunden hatte. Darüber hinaus hatte diese Zeit den Boden bereitet für eine Berufung zum Ordensleben und zum Priestertum.

Herr, zu wem sollen wir gehen? Du allein hast Worte ewigen Lebens”

Den Anstoß, aktiv nach dem Weg zu suchen, auf den Christus mich zu seiner Nachfolge berufen hatte, kam von der Lektüre eines Buches mit dem Titel „The First Jesuits” über den hl. Ignatius von Loyola und die Gründung der Gesellschaft Jesu. Das Beispiel dieses großen Heiligen überzeugte mich, dass es sich auf jeden Fall lohnte, alles zu tun um herauszufinden, ob Gott in seinem Heilsplan nicht vielleicht sogar jemanden wie mich zum Priestertum und zum Ordensleben berufen wollte. Das Beste wäre sicher gewesen, direkt zu den Priestern der Legionäre Christi zu gehen, die mich am längsten kannten, und mit ihnen darüber zu sprechen. Damals sah ich das leider nicht so klar.

Außerdem war ich sehr wenig vertraut mit den neuen Bewegungen und Kongregationen in der Kirche, bevor ich in die USA gekommen war. Daher suchte ich zunächst bei den älteren Orden, die ich, wenigstens vom Namen her, schon aus Deutschland kannte. Ich traf sehr gute Priester dort, die mir halfen, in meinem Gebetsleben zu wachsen und auch klarer zu erkennen, dass Gott mich wirklich zum Priestertum rufen wollte. So war ich schon bereit, in das Noviziat von einem dieser Orden einzutreten, aber nach einer langen Wartezeit teilte mir der Provinzial mit, dass er zwar in mir eine mögliche Berufung zum Priestertum und sogar zu seinem Orden sah, aber dass er es für besser hielt, wenn ich mit dem Eintritt ins Noviziat noch warten würde. Damals verstand ich diese Entscheidung nicht, und sie traf mich wie ein großer Schock.

Gott sei Dank hatte ich schon, bevor die Nachricht kam, den festen Vorsatz gefasst, den Bescheid, egal wie er ausfallen würde, als erstes vor Christus in der Eucharistie zu tragen. Nachdem also der Anruf gekommen war, in dem ich über die Entscheidung des Provinzials informiert wurde, ging ich sofort zur Pfarrkirche, die nur wenige Straßenecken entfernt war. Die Eucharistie wurde dort in einer schönen Seitenkapelle aufbewahrt. In einem der bunten Glasfenster dieser Kapelle war Jesus mit seinen Jüngern nach seiner eucharistischen Rede in Kapharnaum dargestellt. Am Fuß der Szene standen die Worte des Petrus aus dem Evangelium: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du allein hast Worte ewigen Lebens” (Joh 6,68). Dort, vor der Eucharistie, erneuerte ich meinen Vorsatz, mich nicht wieder von Christus trennen zu lassen, und egal auf welchem Weg ein Leben zu führen, in dem ich mit seiner Gnade, durch die Sakramente und das Gebet ihm immer nahe sein würde.

Zunächst dachte ich nach der enttäuschenden Antwort, ich müsse den Gedanken an eine Berufung zum Priestertum oder Ordensleben ganz aufgeben und meine wissenschaftliche Karriere weiterverfolgen, obwohl ich mich davon nur mehr wenig angezogen fühlte. Die Nähe zu Christus, in der ich zu leben suchte, sorgte jedoch dafür, dass der Gedanke, ihm in ausschließlicher Weise zu folgen, nie ganz verloren ging, und dass er bald wieder stärker wurde. Mir wurde klar, dass ich weitersuchen musste, um den richtigen Weg und die Berufung zu finden, die Gott für mich geplant hatte.

Indem Gott andere Türen verschlossen hatte, führte er mich, wie ich bald erkannte, auf den Weg, den er von Anfang an für mich vorgesehen hatte. Zunächst wusste ich jedoch einfach nicht mehr weiter, und so kehrte ich zu den Priestern der Legionäre zurück, die mich immer unterstützt hatten, als sie von meinen Gedanken an eine Berufung erfahren hatten, auch wenn ich ihnen zunächst nur gesagt hatte, dass ich mich für einen anderen Orden interessiere. Sie halfen mir auch jetzt, und so konnte ich die Legionäre Christi erst einmal besser kennen lernen. Auf diese Weise merkte ich, dass dies der Platz war, nach dem ich immer gesucht hatte. Diese Überzeugung verstärkte sich noch, als ich das Studienzentrum der Legionäre Christi und deren Päpstliche Hochschule „Regina Apostolorum” in Rom besuchen konnte, als ich mit den Legionären Christi zum Ende des Heiligen Jahres 2000 eine Pilgerreise nach Rom machte. Der Anlass war die Feier zum sechzigjährigen Gründungsjubiläum der Legionäre Christi. Bei dieser Gelegenheit entschloss ich mich auch, der Apostolatsbewegung „Regnum Christi” beizutreten. Dieser Schritt kam für mich ganz natürlich, nachdem ich schon regelmäßig geistliche Leitung von P. Andrew Mulcahey LC bekam und ihm im Apostolat der katholischen Studentenseelsorge half.

Wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es bewahren.” (Mt 10,39)

Im Sommer 2001 war es schließlich soweit und ich konnte zum Sommerprogramm der Legionäre Christi für Interessenten an der Berufung aufbrechen. Diese Wochen verbrachten wir nacheinander in San Diego, Kalifornien, und im amerikanischen Noviziat der Kongregation in Cheshire, Connecticut. Dort fühlte ich mich eigentlich sofort zuhause, aber nach den früheren Erfahrungen hatte ich doch meine Zweifel, ob ich aufgenommen werden würde, vor allem, da ich einer der ältesten Kandidaten war. Aber am Ende des Sommerprogramms stellte sich heraus, dass all meine Ängste unbegründet waren, denn der Leiter teilte mir mit, dass ich das Noviziat beginnen konnte, und zwar in Deutschland.

Im September 2001 kam ich in Bad Münstereifel an, einem kleinen Ort in der schönen Eifel, ungefähr eine Stunde südlich von Köln. Dort empfing ich das Ordenskleid und verbrachte die zwei Jahre des Noviziats. Das Leben des Gebets, der Arbeit und des Studiums, zusammen mit der notwendigen Erholung bei schönen Wanderungen in der Umgebung machte mir überhaupt keine Schwierigkeiten. Aber nach und nach merkte ich, dass ich noch viel zu lernen hatte. Denn mir fehlte noch das Wichtigste, wenn ich wirklich Christus nachfolgen wollte: Ich musste lernen, mich selbst zu vergessen, um Christus zu finden. Bis dahin, sogar auf dem Weg der Suche nach meiner Berufung, hatte ich viel an mich selbst gedacht und daran, was für mich gut sein würde. Jetzt lernte ich, dass die Nachfolge Christi darin besteht, an ihn zu denken und an die anderen. Nur wenn ich das in meinem Leben umsetzte, konnte ich zur Fülle des Lebens zu gelangen, die Gott für mich in dieser Berufung vorbereitet hatte.

Nach zwei Jahren Noviziat durfte ich die ersten Gelübde ablegen. In jenem Jahr wurde uns eine besondere Gnade zuteil: Unser Gründer, P. Marcial Maciel LC, lud die deutschen Novizen zusammen mit den italienischen nach Rom ein, wo er selbst unsere Gelübde am 14. September 2003, dem Fest der Kreuzerhöhung, entgegennahm. Danach blieb ich gleich in Rom, um das Philosophiestudium an der Päpstlichen Hochschule „Regina Apostolorum” aufzunehmen. Nach dem ersten Semester hatte ich mich schon für dieses Fach begeistert und sah mich schon als zukünftiger großer Philosoph. In Wirklichkeit war diese Vorstellung ziemlich lächerlich, und Gott musste mir wieder zeigen, dass seine Wege nicht so sind, wie ich sie mir vorstellte. Aufgrund des starken Wachstums der Legionäre Christi wurde für das Apostolat in Deutschland Hilfe gebraucht, und so musste ich meine Studien mit Reisen nach Deutschland verbinden, um dort, wenn auch mit bescheidenen Aufgaben, wenigstens etwas bei der Arbeit der Kongregation mitzuhelfen. Am Anfang fiel mir das schwer, weil ich nicht so gut studieren konnte, wie ich mir wünschte, aber später wurde mir klar, dass nicht glänzende Erfolge im Studium zählen, sondern nur, dass wir Gottes Wille tun. Auch aus rein menschlicher Sicht war es klar, dass Gott mir in Wirklichkeit auch damit viel geschenkt hatte: Ich konnte ein wenig Erfahrung im Apostolat sammeln und ich konnte damit meinen Mitbrüdern einen Dienst erweisen.

Nachdem ich das Bakkalaureat in Philosophie abgeschlossen hatte, wurde mir mitgeteilt, dass ich gleich das Theologiestudium beginnen würde, und dadurch eröffnete sich mir eine viel weitere Perspektive als allein durch die Philosophie. Natürlich lernte ich auch die Vorbereitung, die mir das Studium der ersten zwei Jahre in Rom gegeben hatte, jetzt erst richtig schätzen. Mit dem Theologiestudium, begann auch immer mehr die unmittelbare Vorbereitung auf das Priestertum. Die drei Jahre Theologie gingen sehr schnell vorbei, und schließlich stand schon die Weihe zum Diakon an. Die Exerzitien vor dem Empfang dieses Sakramentes bestärkten mich noch einmal in der Überzeugung, dass Gott in allen Augenblicken meines Lebens gegenwärtig ist, und mir immer die Fülle des Lebens geben möchte, für die er mich bestimmt hat. Ich musste ihm nur die Führung überlassen.

Pater Tobias Völkl wurde am 11. Juni 1971 in München geboren. Er machte 1990 am Karlsgymnasium in München Abitur. Nach dem einjährigen Wehrdienst studierte er vier Jahre lang Maschinenbau an der Technischen Universität München. Danach setzte er seine Studien am California Institute of Technology in Pasadena, California, fort, wo er 1996 den Master in Aeronautics abschloss und 2000 den Doktortitel verliehen bekam (Ph.D. in Aeronautics). Danach arbeitete er für ein Jahr als Postdoctoral Fellow am California Institute of Technology, bevor er im September 2001 in das Noviziat der Legionäre Christi in Bad Münstereifel eintrat. Es folgte das Philosophie– und Theologiestudium an der Päpstlichen Hochschule „Regina Apostolorum” in Rom, wo er zur Zeit auch sein Lizenziatsstudium in dogmatischer Theologie absolviert.


P. Tobias Völkl LC

P. Tobias Völkl LC

P. Tobias Völkl LCDer bayerische Himmel, so sagt man, ist weiß-blau wie die Farben der Flagge. So findet man ihn auf einer typischen Postkarte: blau mit einigen verstreuten weißen Wölkchen.

Ich wurde in der Landeshauptstadt München in einer katholischen Familie geboren, am 11. Juni 1971, als erster von zwei Brüdern. Die Wirklichkeit in Bayern ist jedoch auch oft nicht mehr so idyllisch wie auf den Postkarten. Auch dieses Land, dessen Kultur eindeutig im katholischen Glauben seine Wurzeln hat, wurde von den Folgen der Säkularisierung nicht verschont, und in der Stadt waren diese natürlich noch mehr spürbar als draußen auf dem Land.

Diese Tatsache war nicht ohne Folgen für meinen Glauben. Mein Verständnis und meine Erfahrung des katholischen Glaubens, der eigentlich eine lebendige Wirklichkeit sein sollte, blieb, während ich heranwuchs, hinter der Entwicklung anderer Lebensbereiche zurück. Selbst die Tatsache, dass wir nur ein paar Häuser von der Pfarrkirche entfernt wohnten, half da nicht viel. Sonntags ging ich zwar zur Messe, wie ich es von meinen Eltern gelernt hatte, aber unter der Woche machte ich mir nicht viele Gedanken darüber, dass der Herr dort wirklich gegenwärtig war. Das war typisch für den Zwiespalt in meinem Leben, der mit zunehmendem Alter immer größer wurde, auch wenn ich mir dessen nicht bewusst war. In einem großen Teil meines Lebens spielte Gott eigentlich keine Rolle, obwohl im Hintergrund irgendein Gefühl und die Unruhe blieben, dass es noch mehr im Leben geben müsste als Lernen, einige Ablenkungen und die Suche nach Vergnügungen an den Wochenenden.

In diesem Zustand machte ich das Abitur und danach zögerte ich nicht lange, mich an der Fakultät für Maschinenwesen an der Technischen Universität München einzuschreiben. Vielleicht hätte Gott mich schon in jenen Jahren zum Priestertum berufen, aber ich war damals in keiner Weise bereit, eine solche Berufung zu wahrzunehmen. Ich erinnere mich, dass mir trotzdem gelegentlich der Gedanke kam, Priester zu werden, aber ich schob ihn immer schnell beiseite, weil ich mir sagte, dass dies sicher nur von momentaner Unzufriedenheit mit meinem Studium kam. Ein paar Leute hatten mich sogar hier und dort gefragt, warum ich nicht ins Seminar gegangen war, aber diese Fragen kamen nie von jemandem, der mir diese Frage wirklich aus dem Glauben heraus gestellt hätte, um mir zu helfen, meine Berufung zu finden. Sie kam eher von Leuten, die wenig mit der Kirche zu tun hatten und es vielleicht schon für außergewöhnlich hielten, dass ich sonntags zur Messe ging.

Das Studium an der TU München war anspruchsvoll und nahm fast meine ganze Zeit in Anspruch, aber ich war erfolgreich in den Studien, und außerdem war es sehr interessant. Es schien daher, dass ich meinen Weg gefunden hatte. Ich konzentrierte mich bald auf eher theoretische Fächer in der Grundlagenforschung, aber auch die Praktika, die die Studienordnung vorsah, brachten mir reiche Erfahrungen. Meine Bewerbung um eine der wenigen Praktikantenstellen für den Sommer 1991 bei Deutschlands größtem Luft– und Raumfahrttechnikunternehmen (heute Teil der Firma EADS – European Aerospace and Defense Systems) hatte Erfolg, und so lernte ich dort Abteilungen kennen, die Raketentriebwerke für die Ariane-Rakete herstellten oder Komponenten für neuentwickelte Hubschrauber testeten und montierten.

Insgesamt verbrachte ich vier Jahre meines Studiums in München. Aber Jahr für Jahr nahm meine innere Unzufriedenheit zu. Auch der Erfolg brachte nicht die gewünschte innere Erfüllung. So wuchs in mir die Überzeugung, dass sich etwas in meinem Leben ändern musste, auch wenn ich immer noch nur nach weltlichen Maßstäben dachte. Daher entschloss ich mich, mein Studium im Ausland fortzusetzen, zumindest für ein Jahr. Dies schien mir vielversprechend, weil es mir weitere berufliche Möglichkeiten eröffnen würde, aber vor allem hoffte ich, dass ich in einem neuen Umfeld ein neues Leben würde beginnen können. Mein Traumziel waren die Vereinigten Staaten von Amerika, und dort, das California Institute of Technology (Caltech) in Pasadena, Kalifornien. Ich bewarb mich jedoch auch bei einigen anderen Universitäten, da ich keineswegs sicher war, dass meine Bewerbung um einen Studienplatz am Caltech Erfolg haben würde. Aber die Forschungsmöglichkeiten am Caltech stimmten besonders gut mit meinen Interessen überein.

Es kostete viel Anstrengung, das amerikanische Hochschulsystem zu verstehen und das umfangreiche Bewerbungsmaterial zusammenzustellen. Unter anderem wurden spezielle Aufnahmetests und Empfehlungsschreiben von Professoren verlangt. Aber nach über einem Jahr Arbeit an dieser Bewerbung hielt ich schließlich das Zulassungsschreiben von Caltech in der Hand. Dank der Stipendien, die ich vom Freistaat Bayern und der Studienstiftung des Deutschen Volkes erhielt, und zusammen mit dem Geld, das ich durch einige bezahlte Forschungstätigkeiten für Institute der Technischen Universität München verdient hatte, war auch die Finanzierung des ersten Jahres in den USA gesichert.

California Dreaming

Im Sommer 1995 kam ich schließlich auf dem Campus des California Institute of Technology an. Dies war der Augenblick, von dem ich während der langen Vorbereitungszeit geträumt hatte. Die ersten Tage waren jedoch eher schwierig. Ich kam an einem Freitagabend an, die Sekretariate der Universität waren schon geschlossen, und es gab niemanden, der mich hätte empfangen können. Daher war es eine große Hilfe für mich, dass ich in einer Informationsbroschüre der Universität eine Liste aller Studentenvereinigungen und auch eine Gottesdienstordnung mit einer Sonntagsmesse auf dem Campus gefunden hatte. Als ich mich an dem angegebenen Ort einfand, traf ich eine kleine Gruppe von Studenten und Besuchern, die sich bereits für die Messe eingefunden hatten, und die mich herzlich als neuen Studenten am Caltech begrüßten.

Als der Priester eintraf, war ich wirklich beeindruckt, nicht nur durch seine Kleidung mit dem Priesterkragen, die ihn klar als Priester erkennbar machte und die ich in Deutschland noch nie gesehen hatte, sondern vor allem von der echten Freundlichkeit, mit der er jedermann behandelte, ohne seine Würde als Priester zu verlieren. Erst später erfuhr ich, dass dieser Priester, P. Brian Wilson, zu einer Kongregation namens „Legionäre Christi” gehörte, von der ich vorher noch nie gehört hatte. Obwohl ich mich nicht mehr genau an jene heilige Messe erinnere, weiß ich doch noch, dass ich schon damals von der tiefen Andacht beeindruckt war, mit der P. Brian die Messe feierte. Auf wunderbare Weise kam so doch die Heiligkeit und Feierlichkeit des Augenblicks zum Ausdruck, obwohl das Umfeld eher ernüchternd war, da es auf dem Campus keine Kapelle gibt. So kam ich gerne jeden Sonntag zu dieser Messe. Bald wurde mir, vielleicht weil ich als Deutscher als besonders zuverlässig und pünktlich galt, die „Sakristei” anvertraut. Dies bedeutete aber nur, dass ich den hölzernen Altar aufbauen musste, der während der Woche in drei Teile zerlegt in einem Schrank verstaut wurde, und den Kelch, die Patene und die Hostienschale für die Messe vorbereiten musste.

Abgesehen von der Sonntagsmesse, lebte ich aber weiterhin ziemlich fern von Gott. Bald merkte ich, dass das Studium am Caltech zwar, wie ich gehofft hatte, sehr interessant war, aber dass das neue Umfeld auch nicht die ersehnte tiefe Veränderung in meinem Leben bewirkt hatte. Die Frage blieb: Wofür lebte ich eigentlich mit all dem Leistungsdruck bei den Prüfungen und den anderen Anforderungen des Studiums. Auch der Erfolg am Caltech war nicht genug, um meinem Leben einen Sinn zu geben.

Dennoch sah ich zunächst keine andere Möglichkeit als am Caltech zu bleiben, und so war ich froh, dass mir am Ende des ersten Jahres, in dem ich erfolgreich das Master-Studium in Aeronautics abgeschlossen hatte, eine Doktorandenstelle angeboten wurde, die mir auch die Finanzierung eines weiteren Aufenthalts ermöglichte. Meine Doktorarbeit, mit der ich nun beschäftigt war, befasste sich mit der numerischen Simulation von nichtlinearen, turbulenten Strömungen auf Großrechnern. Es war ein eher theoretisches Thema, aber genau das hatte ich mir gewünscht. Die Forschungsbedingungen waren ausgezeichnet, da das Projekt Teil eines großen Forschungsprogramms der Regierung war. So hatte ich Zugang zu einigen der größten Computer, die es damals weltweit gab. Einer von ihnen hieß „Blue Nirvana”, und so ergab es sich, dass ich damals viele Stunden im Nirvana verbrachte, aber, Gott sei Dank, nur in dieser virtuellen Version, die aus tausenden von Zeilen Computercodes und Gigabytes von Zahlen bestand, die man als Belohnung für all die Mühen erhielt.

Meine Doktorat, an dem ich von 1996 bis 2000 arbeitete, machte gute Fortschritte, obwohl es zahllose Stunden mühsamer Kleinarbeit erforderte. Doch auch die Aussicht auf eine wissenschaftliche Karriere ließ mir die Zukunft nicht wirklich rosiger erscheinen, und die Hindernisse in meinem täglichen Leben, die mich immer weiter von Gott wegbrachten, wuchsen nur noch mehr in dieser Zeit.

Endlich frei

Eine wirkliche Wende kam erst, als ein Mitstudent am Caltech, der sein Leben in der Personalprälatur des Opus Dei Gott geweiht hatte, sich meiner annahm und mich zu einer wirklichen Neuentdeckung des katholischen Glaubens führte. So lernte ich auch, dass wahre Freundschaft bedeutet, das Beste für den anderen zu suchen. Diese Erfahrung half mir sehr zu verstehen, was es bedeutet, dass Jesus Christus mein bester Freund sein möchte. So gab dieser Student nicht auf in seinen Bemühungen, mich zur Werktagsmesse oder zu einigen Augenblicken des Gebets und später auch ins Haus des Opus Dei in Los Angeles einzuladen. Er lebte dort mit zwei Priestern und anderen gottgeweihten Mitgliedern der Prälatur. Als ich schließlich nach langem Zögern nachgab und seine Gemeinschaft kennen lernte, fand ich dort Menschen, die wirklich ihren Alltag im Beruf für Christus lebten und auch aktiv bemüht waren, andere für Christus zu gewinnen. Vor allem aber überzeugten mich ihre innere Freude und ihr Beispiel der Nächstenliebe davon, dass dies wirkliche, katholische Christen waren. Ihre Nächstenliebe spürte ich sofort durch die herzliche Aufnahme, die ich bei meinem ersten Besuch erfuhr. Erst jetzt begann ich zu verstehen, was es wirklich bedeutete, als Christ zu leben.

Dieser Freund war auch der Ansporn, den ich brauchte, um nach langer Zeit wieder eine gute Beichte abzulegen. Dies veränderte mein Leben nachhaltig. Nachdem ich die Lossprechung erhalten hatte, erfuhr ich einen tiefen inneren Frieden und erhielt auch eine persönliche Gewissheit, dass ich von jetzt an, mit Hilfe der Gnade Gottes, ein Leben führen würde, das nicht mehr im Widerspruch zu meinem Wesen als getaufter Christ stehen würde, sondern der Liebe Christi, die ich erfahren hatte, besser entsprechen würde. Alles im katholischen Glauben begann mir nun einzuleuchten: die Sakramente der Eucharistie und der Beichte, deren regelmäßiger Empfang mir die Gnade schenkte, die ich brauchte, um meine Vorsätze zu erfüllen, das tägliche Gebet, das mit zur Gewohnheit wurde und durch das ich mit Gott als der Quelle dieses neuen Lebens verbunden blieb, und der Wunsch, die Freude, die ich erfahren hatte, mit anderen zu teilen.

Auf diese Weise, wurde Christus immer mehr zur wirklichen Mitte meines Lebens. Daher wurde auch der Gedanke immer stärker, dass ich ihm mein ganzes Leben weihen sollte. Anfangs hatte ich keine klare Vorstellung, wo und wie dies geschehen sollte, obwohl ich mich schon bald zum Priestertum hingezogen fühlte. Daher kam mir auch nie wirklich der Gedanke, mein Leben im Opus Dei Gott zu weihen, da deren Charisma eher ist, durch die Arbeit in einem weltlichen Beruf sich und andere zu heiligen. Ich dachte natürlich auch viel darüber nach, dass ich nach dem Leben, das ich bis jetzt geführt hatte, eines so großen Geschenkes wie des Priestertums völlig unwürdig war. Daher verfolgte ich zunächst diese Ideen nicht weiter und sprach auch mit niemandem darüber. Ich dachte, dass es vorerst meine Berufung war, mein tägliches Leben und meine Tätigkeit an der Universität als Christ zu leben.

Darüber hinaus suchte ich auch nach Gelegenheiten, etwas aktiv für meinen Glauben zu tun, das heißt, ein Apostolat auszuüben. Zunächst nahm ich an einem Programm der Universität teil, die Freiwillige in Stadtteile von Pasadena vermittelte, wo mittellose Familien Nachhilfeunterricht für ihre Kinder suchten. Dort half ich dann zum Beispiel mit den Hausaufgaben in Mathematik. Aber ich suchte nach etwas, wo ich direkter für die Kirche arbeiten konnte. So war ich dankbar, dass meine Freunde vom Opus Dei mich einluden, bei ihren Jugendaktivitäten mitzuhelfen, die Kinder zu begleiten und ihnen im Einzelgespräch moralische und geistliche Orientierung anzubieten. Später half ich dann aktiver in der von den Legionären Christi geleiteten Hochschulgemeinde mit.

Im Jahr 2000 wurde P. Andrew Mulcahey LC dort der neue Studentenseelsorger. Durch ihn wurde ich sogar für einen Preis der Erzdiözese Los Angeles nominiert, den diese als Auszeichnung für die Mitarbeit in der Studentenseelsorge verlieh. Ich hatte zwar nicht viel getan, um den Preis zu verdienen, aber da es sonst niemanden gab, der hätte nominiert werden können, fiel die Wahl auf mich. Es gab eine kleine Feier zur Preisverleihung, die eher Anlass zur Verlegenheit gab. Aber es stellte sich heraus, dass auch das zum Guten diente. Es half, unsere Arbeit bekannt zu machen und die Verbindung mit der Diözese und mit der örtlichen Pfarrei, St. Philippus, zu stärken. Dort ging ich regelmäßig mit meinen katholischen Freunden zur Werktagsmesse. Eines Morgens kam der Pfarrer nach der Messe auf mich zu und zeigte mir die Kirchenzeitung der Erzdiözese, in der ein Artikel über die Preisverleihung erschienen war. Auf einem Foto all der Preisträger erschien auch ich. Der Pfarrer war froh, dass auch seine Pfarrei in positiver Weise erwähnt war, denn in der Begründung für meine Nominierung hatte P. Andrew Mulcahey LC geschrieben, dass ich zu dieser Pfarrei gehörte und dort jeden Morgen zur Messe ging. Ferner hatte er auch erwähnt, dass ich daran dachte, Priester zu werden. Da der Text in der Feier verlesen wurde, diente er auch dazu, etwas Werbung für die Priesterberufung zu machen. Einige der anwesenden Diözesanpriester und Studenten anderer Universitäten sprachen mich nachher an, um mich auf diesem Weg zu bestärken.

Zu dieser Zeit hatte ich nämlich schon begonnen, ernsthafter über eine Berufung nachzudenken. Ich war dabei, meine Doktorarbeit abzuschließen und musste an meine Zukunft denken. Im Jahr 2000 bekam ich den Doktortitel verliehen. Auf der Urkunde erschien der alte Wahlspruch der Universität: „Die Wahrheit wird euch frei machen”. Dieses Zitat aus dem Johannesevangelium war für mich am Caltech in besonderer Weise Wirklichkeit geworden: Gott hatte mich dorthin geführt und mich dort Menschen begegnen lassen, die mir geholfen hatten, meinen Glauben neu zu entdecken und zu Christus zurückzukehren, in dem ich die wahre Freiheit gefunden hatte. Darüber hinaus hatte diese Zeit den Boden bereitet für eine Berufung zum Ordensleben und zum Priestertum.

Herr, zu wem sollen wir gehen? Du allein hast Worte ewigen Lebens”

Den Anstoß, aktiv nach dem Weg zu suchen, auf den Christus mich zu seiner Nachfolge berufen hatte, kam von der Lektüre eines Buches mit dem Titel „The First Jesuits” über den hl. Ignatius von Loyola und die Gründung der Gesellschaft Jesu. Das Beispiel dieses großen Heiligen überzeugte mich, dass es sich auf jeden Fall lohnte, alles zu tun um herauszufinden, ob Gott in seinem Heilsplan nicht vielleicht sogar jemanden wie mich zum Priestertum und zum Ordensleben berufen wollte. Das Beste wäre sicher gewesen, direkt zu den Priestern der Legionäre Christi zu gehen, die mich am längsten kannten, und mit ihnen darüber zu sprechen. Damals sah ich das leider nicht so klar.

Außerdem war ich sehr wenig vertraut mit den neuen Bewegungen und Kongregationen in der Kirche, bevor ich in die USA gekommen war. Daher suchte ich zunächst bei den älteren Orden, die ich, wenigstens vom Namen her, schon aus Deutschland kannte. Ich traf sehr gute Priester dort, die mir halfen, in meinem Gebetsleben zu wachsen und auch klarer zu erkennen, dass Gott mich wirklich zum Priestertum rufen wollte. So war ich schon bereit, in das Noviziat von einem dieser Orden einzutreten, aber nach einer langen Wartezeit teilte mir der Provinzial mit, dass er zwar in mir eine mögliche Berufung zum Priestertum und sogar zu seinem Orden sah, aber dass er es für besser hielt, wenn ich mit dem Eintritt ins Noviziat noch warten würde. Damals verstand ich diese Entscheidung nicht, und sie traf mich wie ein großer Schock.

Gott sei Dank hatte ich schon, bevor die Nachricht kam, den festen Vorsatz gefasst, den Bescheid, egal wie er ausfallen würde, als erstes vor Christus in der Eucharistie zu tragen. Nachdem also der Anruf gekommen war, in dem ich über die Entscheidung des Provinzials informiert wurde, ging ich sofort zur Pfarrkirche, die nur wenige Straßenecken entfernt war. Die Eucharistie wurde dort in einer schönen Seitenkapelle aufbewahrt. In einem der bunten Glasfenster dieser Kapelle war Jesus mit seinen Jüngern nach seiner eucharistischen Rede in Kapharnaum dargestellt. Am Fuß der Szene standen die Worte des Petrus aus dem Evangelium: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du allein hast Worte ewigen Lebens” (Joh 6,68). Dort, vor der Eucharistie, erneuerte ich meinen Vorsatz, mich nicht wieder von Christus trennen zu lassen, und egal auf welchem Weg ein Leben zu führen, in dem ich mit seiner Gnade, durch die Sakramente und das Gebet ihm immer nahe sein würde.

Zunächst dachte ich nach der enttäuschenden Antwort, ich müsse den Gedanken an eine Berufung zum Priestertum oder Ordensleben ganz aufgeben und meine wissenschaftliche Karriere weiterverfolgen, obwohl ich mich davon nur mehr wenig angezogen fühlte. Die Nähe zu Christus, in der ich zu leben suchte, sorgte jedoch dafür, dass der Gedanke, ihm in ausschließlicher Weise zu folgen, nie ganz verloren ging, und dass er bald wieder stärker wurde. Mir wurde klar, dass ich weitersuchen musste, um den richtigen Weg und die Berufung zu finden, die Gott für mich geplant hatte.

Indem Gott andere Türen verschlossen hatte, führte er mich, wie ich bald erkannte, auf den Weg, den er von Anfang an für mich vorgesehen hatte. Zunächst wusste ich jedoch einfach nicht mehr weiter, und so kehrte ich zu den Priestern der Legionäre zurück, die mich immer unterstützt hatten, als sie von meinen Gedanken an eine Berufung erfahren hatten, auch wenn ich ihnen zunächst nur gesagt hatte, dass ich mich für einen anderen Orden interessiere. Sie halfen mir auch jetzt, und so konnte ich die Legionäre Christi erst einmal besser kennen lernen. Auf diese Weise merkte ich, dass dies der Platz war, nach dem ich immer gesucht hatte. Diese Überzeugung verstärkte sich noch, als ich das Studienzentrum der Legionäre Christi und deren Päpstliche Hochschule „Regina Apostolorum” in Rom besuchen konnte, als ich mit den Legionären Christi zum Ende des Heiligen Jahres 2000 eine Pilgerreise nach Rom machte. Der Anlass war die Feier zum sechzigjährigen Gründungsjubiläum der Legionäre Christi. Bei dieser Gelegenheit entschloss ich mich auch, der Apostolatsbewegung „Regnum Christi” beizutreten. Dieser Schritt kam für mich ganz natürlich, nachdem ich schon regelmäßig geistliche Leitung von P. Andrew Mulcahey LC bekam und ihm im Apostolat der katholischen Studentenseelsorge half.

Wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es bewahren.” (Mt 10,39)

Im Sommer 2001 war es schließlich soweit und ich konnte zum Sommerprogramm der Legionäre Christi für Interessenten an der Berufung aufbrechen. Diese Wochen verbrachten wir nacheinander in San Diego, Kalifornien, und im amerikanischen Noviziat der Kongregation in Cheshire, Connecticut. Dort fühlte ich mich eigentlich sofort zuhause, aber nach den früheren Erfahrungen hatte ich doch meine Zweifel, ob ich aufgenommen werden würde, vor allem, da ich einer der ältesten Kandidaten war. Aber am Ende des Sommerprogramms stellte sich heraus, dass all meine Ängste unbegründet waren, denn der Leiter teilte mir mit, dass ich das Noviziat beginnen konnte, und zwar in Deutschland.

Im September 2001 kam ich in Bad Münstereifel an, einem kleinen Ort in der schönen Eifel, ungefähr eine Stunde südlich von Köln. Dort empfing ich das Ordenskleid und verbrachte die zwei Jahre des Noviziats. Das Leben des Gebets, der Arbeit und des Studiums, zusammen mit der notwendigen Erholung bei schönen Wanderungen in der Umgebung machte mir überhaupt keine Schwierigkeiten. Aber nach und nach merkte ich, dass ich noch viel zu lernen hatte. Denn mir fehlte noch das Wichtigste, wenn ich wirklich Christus nachfolgen wollte: Ich musste lernen, mich selbst zu vergessen, um Christus zu finden. Bis dahin, sogar auf dem Weg der Suche nach meiner Berufung, hatte ich viel an mich selbst gedacht und daran, was für mich gut sein würde. Jetzt lernte ich, dass die Nachfolge Christi darin besteht, an ihn zu denken und an die anderen. Nur wenn ich das in meinem Leben umsetzte, konnte ich zur Fülle des Lebens zu gelangen, die Gott für mich in dieser Berufung vorbereitet hatte.

Nach zwei Jahren Noviziat durfte ich die ersten Gelübde ablegen. In jenem Jahr wurde uns eine besondere Gnade zuteil: Unser Gründer, P. Marcial Maciel LC, lud die deutschen Novizen zusammen mit den italienischen nach Rom ein, wo er selbst unsere Gelübde am 14. September 2003, dem Fest der Kreuzerhöhung, entgegennahm. Danach blieb ich gleich in Rom, um das Philosophiestudium an der Päpstlichen Hochschule „Regina Apostolorum” aufzunehmen. Nach dem ersten Semester hatte ich mich schon für dieses Fach begeistert und sah mich schon als zukünftiger großer Philosoph. In Wirklichkeit war diese Vorstellung ziemlich lächerlich, und Gott musste mir wieder zeigen, dass seine Wege nicht so sind, wie ich sie mir vorstellte. Aufgrund des starken Wachstums der Legionäre Christi wurde für das Apostolat in Deutschland Hilfe gebraucht, und so musste ich meine Studien mit Reisen nach Deutschland verbinden, um dort, wenn auch mit bescheidenen Aufgaben, wenigstens etwas bei der Arbeit der Kongregation mitzuhelfen. Am Anfang fiel mir das schwer, weil ich nicht so gut studieren konnte, wie ich mir wünschte, aber später wurde mir klar, dass nicht glänzende Erfolge im Studium zählen, sondern nur, dass wir Gottes Wille tun. Auch aus rein menschlicher Sicht war es klar, dass Gott mir in Wirklichkeit auch damit viel geschenkt hatte: Ich konnte ein wenig Erfahrung im Apostolat sammeln und ich konnte damit meinen Mitbrüdern einen Dienst erweisen.

Nachdem ich das Bakkalaureat in Philosophie abgeschlossen hatte, wurde mir mitgeteilt, dass ich gleich das Theologiestudium beginnen würde, und dadurch eröffnete sich mir eine viel weitere Perspektive als allein durch die Philosophie. Natürlich lernte ich auch die Vorbereitung, die mir das Studium der ersten zwei Jahre in Rom gegeben hatte, jetzt erst richtig schätzen. Mit dem Theologiestudium, begann auch immer mehr die unmittelbare Vorbereitung auf das Priestertum. Die drei Jahre Theologie gingen sehr schnell vorbei, und schließlich stand schon die Weihe zum Diakon an. Die Exerzitien vor dem Empfang dieses Sakramentes bestärkten mich noch einmal in der Überzeugung, dass Gott in allen Augenblicken meines Lebens gegenwärtig ist, und mir immer die Fülle des Lebens geben möchte, für die er mich bestimmt hat. Ich musste ihm nur die Führung überlassen.

Pater Tobias Völkl wurde am 11. Juni 1971 in München geboren. Er machte 1990 am Karlsgymnasium in München Abitur. Nach dem einjährigen Wehrdienst studierte er vier Jahre lang Maschinenbau an der Technischen Universität München. Danach setzte er seine Studien am California Institute of Technology in Pasadena, California, fort, wo er 1996 den Master in Aeronautics abschloss und 2000 den Doktortitel verliehen bekam (Ph.D. in Aeronautics). Danach arbeitete er für ein Jahr als Postdoctoral Fellow am California Institute of Technology, bevor er im September 2001 in das Noviziat der Legionäre Christi in Bad Münstereifel eintrat. Es folgte das Philosophie– und Theologiestudium an der Päpstlichen Hochschule „Regina Apostolorum” in Rom, wo er zur Zeit auch sein Lizenziatsstudium in dogmatischer Theologie absolviert.

 

Berufungsgeschichte des am 20. Dezember 2008 in Rom geweihten Neupriesters

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Samstag, 19. Dezember 2008

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