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Samstag, 20. Dezember 2008

P. Thiemo Klein LC


Berufungsgeschichte des am 20. Dezember 2008 in Rom geweihten Neupriesters

P. Thiemo Klein LCVon der anderen Seite des Atlantiks drang die Stimme zu mir durch den Hörer: „Ich bin kein Theologe, aber ich weiß, dass es die Gottesmutter war, die mich aus dem Krieg heimgebracht hat.” In der Tat: Mein Opa war Frisör und überlebte als Feldwebel in einer schweren Maschinengewehrgruppe den ganzen Zweiten Weltkrieg. Malaria und Granatsplitter trug er für den Rest seines Lebens im Körper. In seinem Herzen bewahrte er die Erfahrung des lebendigen Gottes, der ihm auf dem Weg durch das Tal des Todes beigestanden hatte.

Als ich den Hörer auflegte, fühlte ich mich schon besser. Das Glaubenszeugnis meines Großvaters hatte Licht in das Dunkel meiner Zweifel gebracht. Glaubenszweifel sind wie ein Erdbeben: Man kann sich nirgends verstecken und sich nirgendwo festhalten. Eltern, Freunde, Kirche und Lehrer erscheinen plötzlich verdächtig: Erzählen mir alle etwas Falsches? Aber warum zweifelte ich?

Auf dem Rücksitz

Putzt euch noch eben die Schuhe und steigt ins Auto!” Sonntagmorgens war es wieder so weit: Nach einem guten Frühstück polierten meine beiden Schwestern und ich unsere Schuhe und fuhren mit unseren Eltern zur Kirche. Mit meiner katholischen Familie lebte ich in der Diaspora, auf dem Land nahe bei Herford in Ostwestfalen-Lippe. Nach den Hausaufgaben spielte ich gerne im Wald oder auf dem Bauernhof eines Freundes. Auch mit der Angelrute oder mit dem Luftdruckgewehr konnte ich geschickt umgehen.

Für mich war unsere Familie etwas Besonderes. Am Freitag aßen wir kein Fleisch und in der Fastenzeit keine Süßigkeiten. Niemand sonst aus meiner Grundschulklasse stand am Sonntagmorgen um sieben Uhr auf, um die heilige Messe zu besuchen. Fast alle meine Mitschüler waren evangelisch. Religion schien ihnen ohnehin kaum wichtig zu sein. Ich nahm am evangelischen Religionsunterricht in der Grundschule des Dorfes teil und fuhr jeden Dienstagnachmittag zum katholischen Religionsunterricht in die Stadt. Später sorgten unsere Eltern dafür, dass wir auf die katholische Marienschule der Ursulinen in Bielefeld gehen konnten, obwohl sie uns jeden Tag mit dem Auto abholen mussten (Danke, Mama! Danke, Papa!). All das trug dazu bei, dass der katholische Glaube Teil meiner Identität wurde.

Aber ich hatte noch nicht meinen eigenen Glaubensweg beschritten. Ich saß sozusagen noch auf dem Rücksitz und fuhr im Glauben meiner Eltern mit. Mein Glaube war wie eine Schwarzweißkopie: Der gleiche wie bei meinen Eltern, aber ohne die Farbe der persönlichen Erfahrung. Diese Farbe sollte in Kanada dazukommen…

Nordlicht

Was für ein weiter Horizont!” Das war mein erster Eindruck, als ich aus dem Flugzeug stieg. Ich war 16 Jahre alt und verbrachte das Schuljahr 1991/92 in Kanada als Austauschschüler. Dabei wohnte ich in Barrhead, einem Ort mit dreitausend Einwohnern, der sich etwa zwei Autostunden nordwestlich von Edmonton in Alberta befindet. Meine Gastfamilie bestand aus einer geschiedenen Mutter und ihren zwei Kindern im Grundschulalter. Ich war der Babysitter. Nie hätte ich geahnt, dass ich in diesem Haus Christus finden würde.

Joe, ein gutkatholischer Freund aus der High-School, nahm mich mit zu einem Jiu-Jitsu-Verein. Bald trainierte ich regelmäßig diese japanische Kampfsportart. Unser Trainer war ein „born-again”-Christ, ein Lutheraner, der ein Bekehrungserlebnis gehabt hatte. Sein Name war Phil, Joseph war sein Assistent. Phil war ebenso eifrig als Protestant wie Joe als Katholik. Zwischen Liegestützen, Schulterwürfen, Tritten und Schlägen diskutierten wir über Theologie: Wie ist das mit der Gegenwart Christi in der Eucharistie? Warum kann man zu Maria beten? So begann ich meinen katholischen Glauben zu hinterfragen. War ich nur katholisch, weil ich in eine solche Familie hineingeboren worden war? Ich hatte etwas Glaubenswissen, aber nicht die Erfahrung des lebendigen Christus, die Phil zu haben schien. Phil hatte eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus, nicht nur Katechismuswissen. Seine Liebe zu Christus und sein eifriges Zeugnisgeben beeindruckten mich sehr.

Im April 1992 reisten wir zu einem Kampfturnier im Heimatort von Phil in die Rocky Mountains von British Columbia. Wir saßen 24 Stunden im Auto. Während der Fahrt erzählte mir Phil davon, dass er als Kind katholisch getauft worden war, sich dann aber als Jugendlicher der asiatischen Meditation zuwandte. Diese Meditation dient dazu, den Geist zu leeren, um das Nirwana, das Nichts, zu erreichen. Einmal saß er so da und war völlig versunken in die innere Welt des Geistes, als er plötzlich eine dunkle, böse geistige Präsenz spürte, die auf ihn eindrang, um von seiner Seele Besitz zu ergreifen. In seiner Angst rief Phil: „Oh mein Gott!”. Bei dem Wort „Gott” zog sich der Böse zurück. Phil erzählte von diesem Erlebnis seiner Freundin, die eine Lutheranerin war, und ihn zu einem evangelischen Geistlichen brachte. So entdeckte Phil den lebendigen Christus. Nun gab er Unterricht als Jui-Jitsu-Trainer, um sein Theologiestudium zu finanzieren. Er wollte selber Prediger werden. Er kannte seinen Glauben. Mit viel Nächstenliebe kümmerte er sich um mich. Wir übernachteten in seinem Elternhaus. Es war mein Geburtstag, und Phil sorgte dafür, dass seine Mutter mir einen Geburtstagskuchen backte.

Sein oder nicht sein

In den ersten Morgenstunden eines sehr kalten Apriltages kehrte ich zurück in das Haus meiner Gastfamilie in Barrhead. Alle anderen schliefen noch. Eine tiefe Stille hüllte alles in Schweigen. In der Nacht war Schnee gefallen. Die Sonne ging gerade auf. Ich setzte mich auf die Couch im Wohnzimmer und schaute durch das große Fenster vor mir hinaus in das stille Morgenlicht. In meinem Inneren ließ ich die Eindrücke der letzten Tage, Wochen und Monate nochmals Revue passieren. Was war wichtig? Was bedeutete das alles für mein Leben? Plötzlich erkannte ich mit durchdringender Sicherheit: Jesus Christus ist lebendig und wirkt! Er ist keine Tradition und keine Theorie, sondern mein Retter, mein Herr und Freund. Er ist für mich am Kreuz gestorben. Er hat mich von meiner Schuld befreit, damit ich den Weg in den Himmel finde. Da habe ich gewusst, dass seine Liebe ist das Wichtigste auf der Welt war. Die Liebe Christi hat etwas in mir geheilt und gab mir eine Kraft, die ich vorher nicht hatte. Eine Kette, die mich am Abgrund festhielt, war gesprengt, und ich war frei!

Jetzt wollte ich wirklich ein Christ sein! Aber katholisch? Es war doch ein Protestant gewesen, der mir Christus als lebendigen Retter nahe gebracht hatte. Ich hatte viele Zweifel und Fragen. Als ich mit meinem Großvater am Telefon darüber sprach, gab er mir das anfangs genannte Glaubenszeugnis über die Hilfe Marias. Das half etwas, aber ich brauchte mehr.

Ich wollte mit einem Priester sprechen. Der Pfarrer war an diesem Tag nicht erreichbar, aber am Sonntag kam der Bischof in die Pfarrei. Erst viel später wurde mir bewusst, dass er über die Priesterberufung gepredigt hat. Damals dachte ich nicht an Berufung. Ich wollte nur wissen, warum ich katholisch sein sollte. Schließlich führte ich ein zweistündiges Gespräch mit dem Sekretär des Bischofs, Pater François aus Québec, der mir zeigte, wie biblisch und vollständig unser Glaube ist. Wir hatten das Original, ohne Verkürzungen und ohne Erfindungen. Das hat mich überzeugt. Auf dem Weg nach Hause auf meinem Fahrrad sagte ich mir: „Ich will katholisch sein!”

Der Rosenkranzrebell

Der Vater meines Freundes Joe sagte mir: „Wenn du keine Probleme mehr mit deinem Glauben haben willst, dann bete jeden Tag einen Rosenkranz.”

Einverstanden”, sagte ich. „Und wie geht das?” Ich wusste nicht, wie man den Rosenkranz betet, denn in meiner Pfarrei war das nicht üblich. Auf der Rückfahrt von Joes Haus schenkte er mir seinen Rosenkranz und gab mir eine kurze Erklärung und ein Blatt mit den 15 Geheimnissen. Vielleicht war ich wirklich sehr besorgt, ich könnte meinen Glauben verlieren, denn an diesem Abend betete ich alle drei Rosenkränze.

Von da an betete ich ihn täglich, auch wenn ich spät von einer Party nach Hause kam. Ich brauchte Monate, bis ich mir die Szenen der Geheimnisse betrachten und die Gefühle von Jesus und Maria mitempfinden konnte. Meine Lieblingsgeheimnisse waren die schmerzhaften, denn da kann man besonders gut sehen, wie sehr Jesus uns liebt. Ich wollte, dass die ganze Welt von der Liebe Christi zu uns Menschen erfährt.

Im Juli 1992 kam ich zurück nach Deutschland. Meine alten Freunde hatten sich sehr verändert: gefärbte Haare, Zigaretten, lange Disko-Nächte… Sie rangen um eine persönliche Freiheit, die ich schon in Jesus Christus gefunden hatte. Sie wollten Revolutionäre gegen das Establishment sein und waren doch alle irgendwie gefangen vom In-Sein, von der Mode und den Musiktrends. Der Rosenkranz eröffnete mir eine Liebe, die nicht von dieser Welt war. Ich war ich selbst, weil ich mich auf Jesus stützen konnte.

Verschiedene Erfahrungen berührten mich: Als Firmkatechet sah ich, wie sehr die Jugendlichen Jesus brauchen. „Ein Priester lebt für Jesus 24 Stunden am Tag”, sagte ich zu mir selbst. Das wäre eine Sache, die ein Arbeitsleben wert ist. Eine einzige Seele in den Himmel zu bekommen, ist ein Ergebnis für die Ewigkeit. Könnte mein Leben fruchtbarer sein?  Zudem fand ich heraus, dass ich in meinem Gebetsleben ähnliche Erfahrungen vom Auf und Ab machte wie meine Freunde in den Beziehungen zu ihren Freundinnen. Als ich das meinem besten Freund erzählte, runzelte er die Stirn und meinte: „Vielleicht hast Du wirklich eine Berufung…” Der Gedanke, Priester zu werden, kam und ging, doch je mehr ich betete, desto konstanter wurde er. Schließlich machte ich ihn zu einem Teil meiner Rebellion gegen die Mittelmäßigkeit rund um mich. Wer das nicht versteht, kann ja einmal versuchen, anderen zu sagen: „Ich möchte Priester werden!” Das löst viel mehr Nachdenken, Fragen und Reibereien aus als ein Punk. Ich war ein Rebell für die Sache Gottes!

Später lernte ich, nur aus Liebe zu Gott Priester werden zu wollen. Dabei half mir das gute Beispiel meines Pfarrers. Ich sah ihn immer wieder alleine vor dem Tabernakel im Gebet. „Das ist wirklich ein Mann Gottes”, sagte ich mir. Auch der Seelsorger an der Marienschule in Bielefeld spornte mich mit seinem Beispiel an. Er zeigte besondere Verehrung für Christus in der Eucharistie.

Am richtigen Ort

Die Legionäre Christi lernte ich bald darauf auf einem Einkehrtag für Jugendliche kennen. P. Eamon Kelly beeindruckte mich. Er hatte eine persönliche Beziehung zu Gott und eine brennende Liebe zu Christus, zur Kirche, zum Papst, zu Maria und für das Heil der Seelen. „So ein Priester möchte ich einmal sein”, sagte ich mir. Auch Br. Albert Gutberlet und Br. Klaus Einsle waren beim Einkehrtag und sangen ein Lied über die Berufung. Als ich die einfachen Informationsmaterialen über den Orden in die Hand nahm, war es gleichsam Liebe auf den ersten Blick. Ich wusste: „Das wird meine Ordensgemeinschaft.”

Gleich nach dem Abitur 1994 trat ich in das Noviziat ein. Als meine Eltern mich dorthin brachten und sich das Noviziat genauer anschauten, sagte meine Mutter: „Da wirst du dich ganz schön umstellen müssen.” Sie hatte Recht. Die Kandidatur war nicht einfach und das Noviziat noch fordernder. Aber ich bekam, was ich gesucht hatte: eine gut, auf Christus zentrierte Priesterausbildung und eine wirklich brüderliche Gemeinschaft.

Die Beziehung zu Christus wuchs mit den Jahren zu einer echten geistlichen Lebensgemeinschaft mit ihm heran: bei den humanistischen Studien im spanischen Salamanca, dann in den ersten beiden Jahren Philosophiestudium in New York, ebenso in Tschechien und in Polen während des vierjährigen Praktikums in der Jugendarbeit und dann besonders in Rom beim weiteren Philosophie– und Theologiestudium. Priester sein ist kein Beruf, es ist gelebte Liebe.

P. Thiemo Klein wurde am 18. April 1975 in Herford in Nordrhein-Westfalen geboren. Er besuchte die Marienschule der Ursulinen in Bielefeld (Gymnasium). Das Schuljahr 1991/1992 verbrachte er in Barrhead in der Provinz Alberta in Kanada. Nach dem Abitur trat er 1994 in das Noviziat der Legionäre Christi in Roetgen bei Aachen ein. Die humanistischen Studien absolvierte er in Salamanca (Spanien). Danach studierte er Philosophie in Thornwood, in der Nähe von New York (USA). Von 19992003 brachte ihn sein Pastoralpraktikum nach Zentraleuropa. In Tschechien, der Slowakei und Polen lernte er die Landessprache und engagierte sich in der Jugendpastoral. In den Jahren 20032008 erwarb er in Rom an der Päpstlichen Hochschule Regina Apostolorum das Lizentiat in Philosophie und den Abschluss in Theologie. Während dieser Zeit half er regelmäßig in der Pastoralarbeit des Ordens in Deutschland. Außerdem schrieb er ein Buch, das Christen zur Weitergabe des Glaubens einlädt („Von Gott erzählen”, Catholic-Media-Verlag, 2008). Seit seiner Diakonenweihe im Sommer 2008 leitet er die Jugendpastoral der Legionäre Christi in Bratislava, der Hauptstadt der Slowakei.


P. Thiemo Klein LC

P. Thiemo Klein LC

P. Thiemo Klein LCVon der anderen Seite des Atlantiks drang die Stimme zu mir durch den Hörer: „Ich bin kein Theologe, aber ich weiß, dass es die Gottesmutter war, die mich aus dem Krieg heimgebracht hat.” In der Tat: Mein Opa war Frisör und überlebte als Feldwebel in einer schweren Maschinengewehrgruppe den ganzen Zweiten Weltkrieg. Malaria und Granatsplitter trug er für den Rest seines Lebens im Körper. In seinem Herzen bewahrte er die Erfahrung des lebendigen Gottes, der ihm auf dem Weg durch das Tal des Todes beigestanden hatte.

Als ich den Hörer auflegte, fühlte ich mich schon besser. Das Glaubenszeugnis meines Großvaters hatte Licht in das Dunkel meiner Zweifel gebracht. Glaubenszweifel sind wie ein Erdbeben: Man kann sich nirgends verstecken und sich nirgendwo festhalten. Eltern, Freunde, Kirche und Lehrer erscheinen plötzlich verdächtig: Erzählen mir alle etwas Falsches? Aber warum zweifelte ich?

Auf dem Rücksitz

Putzt euch noch eben die Schuhe und steigt ins Auto!” Sonntagmorgens war es wieder so weit: Nach einem guten Frühstück polierten meine beiden Schwestern und ich unsere Schuhe und fuhren mit unseren Eltern zur Kirche. Mit meiner katholischen Familie lebte ich in der Diaspora, auf dem Land nahe bei Herford in Ostwestfalen-Lippe. Nach den Hausaufgaben spielte ich gerne im Wald oder auf dem Bauernhof eines Freundes. Auch mit der Angelrute oder mit dem Luftdruckgewehr konnte ich geschickt umgehen.

Für mich war unsere Familie etwas Besonderes. Am Freitag aßen wir kein Fleisch und in der Fastenzeit keine Süßigkeiten. Niemand sonst aus meiner Grundschulklasse stand am Sonntagmorgen um sieben Uhr auf, um die heilige Messe zu besuchen. Fast alle meine Mitschüler waren evangelisch. Religion schien ihnen ohnehin kaum wichtig zu sein. Ich nahm am evangelischen Religionsunterricht in der Grundschule des Dorfes teil und fuhr jeden Dienstagnachmittag zum katholischen Religionsunterricht in die Stadt. Später sorgten unsere Eltern dafür, dass wir auf die katholische Marienschule der Ursulinen in Bielefeld gehen konnten, obwohl sie uns jeden Tag mit dem Auto abholen mussten (Danke, Mama! Danke, Papa!). All das trug dazu bei, dass der katholische Glaube Teil meiner Identität wurde.

Aber ich hatte noch nicht meinen eigenen Glaubensweg beschritten. Ich saß sozusagen noch auf dem Rücksitz und fuhr im Glauben meiner Eltern mit. Mein Glaube war wie eine Schwarzweißkopie: Der gleiche wie bei meinen Eltern, aber ohne die Farbe der persönlichen Erfahrung. Diese Farbe sollte in Kanada dazukommen…

Nordlicht

Was für ein weiter Horizont!” Das war mein erster Eindruck, als ich aus dem Flugzeug stieg. Ich war 16 Jahre alt und verbrachte das Schuljahr 1991/92 in Kanada als Austauschschüler. Dabei wohnte ich in Barrhead, einem Ort mit dreitausend Einwohnern, der sich etwa zwei Autostunden nordwestlich von Edmonton in Alberta befindet. Meine Gastfamilie bestand aus einer geschiedenen Mutter und ihren zwei Kindern im Grundschulalter. Ich war der Babysitter. Nie hätte ich geahnt, dass ich in diesem Haus Christus finden würde.

Joe, ein gutkatholischer Freund aus der High-School, nahm mich mit zu einem Jiu-Jitsu-Verein. Bald trainierte ich regelmäßig diese japanische Kampfsportart. Unser Trainer war ein „born-again”-Christ, ein Lutheraner, der ein Bekehrungserlebnis gehabt hatte. Sein Name war Phil, Joseph war sein Assistent. Phil war ebenso eifrig als Protestant wie Joe als Katholik. Zwischen Liegestützen, Schulterwürfen, Tritten und Schlägen diskutierten wir über Theologie: Wie ist das mit der Gegenwart Christi in der Eucharistie? Warum kann man zu Maria beten? So begann ich meinen katholischen Glauben zu hinterfragen. War ich nur katholisch, weil ich in eine solche Familie hineingeboren worden war? Ich hatte etwas Glaubenswissen, aber nicht die Erfahrung des lebendigen Christus, die Phil zu haben schien. Phil hatte eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus, nicht nur Katechismuswissen. Seine Liebe zu Christus und sein eifriges Zeugnisgeben beeindruckten mich sehr.

Im April 1992 reisten wir zu einem Kampfturnier im Heimatort von Phil in die Rocky Mountains von British Columbia. Wir saßen 24 Stunden im Auto. Während der Fahrt erzählte mir Phil davon, dass er als Kind katholisch getauft worden war, sich dann aber als Jugendlicher der asiatischen Meditation zuwandte. Diese Meditation dient dazu, den Geist zu leeren, um das Nirwana, das Nichts, zu erreichen. Einmal saß er so da und war völlig versunken in die innere Welt des Geistes, als er plötzlich eine dunkle, böse geistige Präsenz spürte, die auf ihn eindrang, um von seiner Seele Besitz zu ergreifen. In seiner Angst rief Phil: „Oh mein Gott!”. Bei dem Wort „Gott” zog sich der Böse zurück. Phil erzählte von diesem Erlebnis seiner Freundin, die eine Lutheranerin war, und ihn zu einem evangelischen Geistlichen brachte. So entdeckte Phil den lebendigen Christus. Nun gab er Unterricht als Jui-Jitsu-Trainer, um sein Theologiestudium zu finanzieren. Er wollte selber Prediger werden. Er kannte seinen Glauben. Mit viel Nächstenliebe kümmerte er sich um mich. Wir übernachteten in seinem Elternhaus. Es war mein Geburtstag, und Phil sorgte dafür, dass seine Mutter mir einen Geburtstagskuchen backte.

Sein oder nicht sein

In den ersten Morgenstunden eines sehr kalten Apriltages kehrte ich zurück in das Haus meiner Gastfamilie in Barrhead. Alle anderen schliefen noch. Eine tiefe Stille hüllte alles in Schweigen. In der Nacht war Schnee gefallen. Die Sonne ging gerade auf. Ich setzte mich auf die Couch im Wohnzimmer und schaute durch das große Fenster vor mir hinaus in das stille Morgenlicht. In meinem Inneren ließ ich die Eindrücke der letzten Tage, Wochen und Monate nochmals Revue passieren. Was war wichtig? Was bedeutete das alles für mein Leben? Plötzlich erkannte ich mit durchdringender Sicherheit: Jesus Christus ist lebendig und wirkt! Er ist keine Tradition und keine Theorie, sondern mein Retter, mein Herr und Freund. Er ist für mich am Kreuz gestorben. Er hat mich von meiner Schuld befreit, damit ich den Weg in den Himmel finde. Da habe ich gewusst, dass seine Liebe ist das Wichtigste auf der Welt war. Die Liebe Christi hat etwas in mir geheilt und gab mir eine Kraft, die ich vorher nicht hatte. Eine Kette, die mich am Abgrund festhielt, war gesprengt, und ich war frei!

Jetzt wollte ich wirklich ein Christ sein! Aber katholisch? Es war doch ein Protestant gewesen, der mir Christus als lebendigen Retter nahe gebracht hatte. Ich hatte viele Zweifel und Fragen. Als ich mit meinem Großvater am Telefon darüber sprach, gab er mir das anfangs genannte Glaubenszeugnis über die Hilfe Marias. Das half etwas, aber ich brauchte mehr.

Ich wollte mit einem Priester sprechen. Der Pfarrer war an diesem Tag nicht erreichbar, aber am Sonntag kam der Bischof in die Pfarrei. Erst viel später wurde mir bewusst, dass er über die Priesterberufung gepredigt hat. Damals dachte ich nicht an Berufung. Ich wollte nur wissen, warum ich katholisch sein sollte. Schließlich führte ich ein zweistündiges Gespräch mit dem Sekretär des Bischofs, Pater François aus Québec, der mir zeigte, wie biblisch und vollständig unser Glaube ist. Wir hatten das Original, ohne Verkürzungen und ohne Erfindungen. Das hat mich überzeugt. Auf dem Weg nach Hause auf meinem Fahrrad sagte ich mir: „Ich will katholisch sein!”

Der Rosenkranzrebell

Der Vater meines Freundes Joe sagte mir: „Wenn du keine Probleme mehr mit deinem Glauben haben willst, dann bete jeden Tag einen Rosenkranz.”

Einverstanden”, sagte ich. „Und wie geht das?” Ich wusste nicht, wie man den Rosenkranz betet, denn in meiner Pfarrei war das nicht üblich. Auf der Rückfahrt von Joes Haus schenkte er mir seinen Rosenkranz und gab mir eine kurze Erklärung und ein Blatt mit den 15 Geheimnissen. Vielleicht war ich wirklich sehr besorgt, ich könnte meinen Glauben verlieren, denn an diesem Abend betete ich alle drei Rosenkränze.

Von da an betete ich ihn täglich, auch wenn ich spät von einer Party nach Hause kam. Ich brauchte Monate, bis ich mir die Szenen der Geheimnisse betrachten und die Gefühle von Jesus und Maria mitempfinden konnte. Meine Lieblingsgeheimnisse waren die schmerzhaften, denn da kann man besonders gut sehen, wie sehr Jesus uns liebt. Ich wollte, dass die ganze Welt von der Liebe Christi zu uns Menschen erfährt.

Im Juli 1992 kam ich zurück nach Deutschland. Meine alten Freunde hatten sich sehr verändert: gefärbte Haare, Zigaretten, lange Disko-Nächte… Sie rangen um eine persönliche Freiheit, die ich schon in Jesus Christus gefunden hatte. Sie wollten Revolutionäre gegen das Establishment sein und waren doch alle irgendwie gefangen vom In-Sein, von der Mode und den Musiktrends. Der Rosenkranz eröffnete mir eine Liebe, die nicht von dieser Welt war. Ich war ich selbst, weil ich mich auf Jesus stützen konnte.

Verschiedene Erfahrungen berührten mich: Als Firmkatechet sah ich, wie sehr die Jugendlichen Jesus brauchen. „Ein Priester lebt für Jesus 24 Stunden am Tag”, sagte ich zu mir selbst. Das wäre eine Sache, die ein Arbeitsleben wert ist. Eine einzige Seele in den Himmel zu bekommen, ist ein Ergebnis für die Ewigkeit. Könnte mein Leben fruchtbarer sein?  Zudem fand ich heraus, dass ich in meinem Gebetsleben ähnliche Erfahrungen vom Auf und Ab machte wie meine Freunde in den Beziehungen zu ihren Freundinnen. Als ich das meinem besten Freund erzählte, runzelte er die Stirn und meinte: „Vielleicht hast Du wirklich eine Berufung…” Der Gedanke, Priester zu werden, kam und ging, doch je mehr ich betete, desto konstanter wurde er. Schließlich machte ich ihn zu einem Teil meiner Rebellion gegen die Mittelmäßigkeit rund um mich. Wer das nicht versteht, kann ja einmal versuchen, anderen zu sagen: „Ich möchte Priester werden!” Das löst viel mehr Nachdenken, Fragen und Reibereien aus als ein Punk. Ich war ein Rebell für die Sache Gottes!

Später lernte ich, nur aus Liebe zu Gott Priester werden zu wollen. Dabei half mir das gute Beispiel meines Pfarrers. Ich sah ihn immer wieder alleine vor dem Tabernakel im Gebet. „Das ist wirklich ein Mann Gottes”, sagte ich mir. Auch der Seelsorger an der Marienschule in Bielefeld spornte mich mit seinem Beispiel an. Er zeigte besondere Verehrung für Christus in der Eucharistie.

Am richtigen Ort

Die Legionäre Christi lernte ich bald darauf auf einem Einkehrtag für Jugendliche kennen. P. Eamon Kelly beeindruckte mich. Er hatte eine persönliche Beziehung zu Gott und eine brennende Liebe zu Christus, zur Kirche, zum Papst, zu Maria und für das Heil der Seelen. „So ein Priester möchte ich einmal sein”, sagte ich mir. Auch Br. Albert Gutberlet und Br. Klaus Einsle waren beim Einkehrtag und sangen ein Lied über die Berufung. Als ich die einfachen Informationsmaterialen über den Orden in die Hand nahm, war es gleichsam Liebe auf den ersten Blick. Ich wusste: „Das wird meine Ordensgemeinschaft.”

Gleich nach dem Abitur 1994 trat ich in das Noviziat ein. Als meine Eltern mich dorthin brachten und sich das Noviziat genauer anschauten, sagte meine Mutter: „Da wirst du dich ganz schön umstellen müssen.” Sie hatte Recht. Die Kandidatur war nicht einfach und das Noviziat noch fordernder. Aber ich bekam, was ich gesucht hatte: eine gut, auf Christus zentrierte Priesterausbildung und eine wirklich brüderliche Gemeinschaft.

Die Beziehung zu Christus wuchs mit den Jahren zu einer echten geistlichen Lebensgemeinschaft mit ihm heran: bei den humanistischen Studien im spanischen Salamanca, dann in den ersten beiden Jahren Philosophiestudium in New York, ebenso in Tschechien und in Polen während des vierjährigen Praktikums in der Jugendarbeit und dann besonders in Rom beim weiteren Philosophie– und Theologiestudium. Priester sein ist kein Beruf, es ist gelebte Liebe.

P. Thiemo Klein wurde am 18. April 1975 in Herford in Nordrhein-Westfalen geboren. Er besuchte die Marienschule der Ursulinen in Bielefeld (Gymnasium). Das Schuljahr 1991/1992 verbrachte er in Barrhead in der Provinz Alberta in Kanada. Nach dem Abitur trat er 1994 in das Noviziat der Legionäre Christi in Roetgen bei Aachen ein. Die humanistischen Studien absolvierte er in Salamanca (Spanien). Danach studierte er Philosophie in Thornwood, in der Nähe von New York (USA). Von 19992003 brachte ihn sein Pastoralpraktikum nach Zentraleuropa. In Tschechien, der Slowakei und Polen lernte er die Landessprache und engagierte sich in der Jugendpastoral. In den Jahren 20032008 erwarb er in Rom an der Päpstlichen Hochschule Regina Apostolorum das Lizentiat in Philosophie und den Abschluss in Theologie. Während dieser Zeit half er regelmäßig in der Pastoralarbeit des Ordens in Deutschland. Außerdem schrieb er ein Buch, das Christen zur Weitergabe des Glaubens einlädt („Von Gott erzählen”, Catholic-Media-Verlag, 2008). Seit seiner Diakonenweihe im Sommer 2008 leitet er die Jugendpastoral der Legionäre Christi in Bratislava, der Hauptstadt der Slowakei.

 

Berufungsgeschichte des am 20. Dezember 2008 in Rom geweihten Neupriesters

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Samstag, 19. Dezember 2008

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