Montag, 26. November 2012

Er dient, liebt und leidet


Brief von P. Álvaro Corcuera LC zum Christkönigsfest 2012

Aus Anlass des Christkönigsfestes 2012 schrieb P. Álvaro Corcuera LC, Generaldirektor der Legionäre Christi und des Regnum Christi, auch in diesem Jahr einen Brief an die Mitglieder und Freunde. Wir veröffentlichen hier die deutsche Übersetzung seines Briefes. Im Anschluss daran finden Sie auch eine Übersetzung der Predigt des Päpstlichen Delegaten für die Legionäre Christi und das Regnum Christi, Kardinal De Paolis, zu Christkönig 2012, die er vor zwei Wochen bei einer Feier nach dem ambrosianischen Kalender gehalten hat. Es handelt sich um eine geistliche Betrachtung zum Christkönigsfest (Die liturgischen Lesungen waren: Is 49,17; Ps 21; Phil 2,511; Lk 23,3643).


Dein Reich komme!

  23. November 2012

P. Álvaro Corcuera LCAn die Legionäre Christi und an die Mitglieder des Regnum Christ

Liebe Mitbrüder und Freunde in Christus,

das Christkönigsfest bietet unserer geistlichen Familie jedes Jahr eine besondere Gelegenheit, um uns miteinander zu vereinen, vor allem in der Eucharistiefeier und in dem Wunsch, dass Jesus Christus der König unserer Herzen sein möge.

Wie gern würde ich Ihnen für Ihre Gebete, Worte und Nachrichten angemessen danken. Mir fehlen die Worte, um Ihnen gegenüber all meine Dankbarkeit auszudrücken. Ihre Liebe zu Christus, Ihre Antwort auf Gottes liebevolles Handeln, auf die Kirche und die Bewegung, Ihr Wunsch, das Reich Gottes aufzubauen, sind ermutigend und schenken neue Kraft. Jesus Christus gibt uns zu erkennen, dass uns alles, was er zulässt, in der Liebe zu ihm wachsen lässt und uns dem Ziel jedes Christen, der Heiligkeit, näher bringt. Seine Liebe überrascht uns wirklich auf Schritt und Tritt. Ich danke Gott immer mehr dafür, dass er mich dazu berufen hat, zu dieser Familie zu gehören.

Oft schreiben wir oben auf ein Blatt Papier die Worte: „Dein Reich komme!“ Was hat Jesus Christus an sich, dass er die Herzen der Menschen verwandeln kann? Wie kommt es, dass er unser Leben mit Sinn erfüllt? Wir wissen, dass er in unseren Herzen auf eine Weise herrscht, die wir nicht ausdrücken können. Er ist schweigsam, liebevoll, anspruchsvoll, sanft, gütig, warmherzig. – Gerade so wie Christus, der König, den wir im Evangelium betrachten, dessen Reich nicht von dieser Welt ist. Er herrscht, indem er dient, liebt, für uns leidet. Über Christus als König zu meditieren, bedeutet, den verspotteten und gekreuzigten Jesus Christus zu betrachten, der uns vor Augen führt, dass er uns bis zur Vollendung geliebt hat und von uns eine Antwort erbittet, die darin besteht, dass auch wir von ganzem Herzen lieben, ohne im Gegenzug irgendetwas dafür zu erwarten. Eine Antwort, die in jedem Augenblick unseres Lebens ein „Ja“ ist, im Kleinen wie im Großen. Wer Christus zum Herrn seines Lebens hat, der erfährt in allem die Freude der Hingabe, selbst in den größten Prüfungen – wie wir es auch in der Geschichte so vieler Heiligen und Märtyrer sehen.

Seine Herrschaft besteht nicht darin, sich in den Vordergrund zu drängen, mehr zu sein oder mehr zu haben. Es handelt sich um ein Reich, in dem Sanftmut und Demut herrschen, wo seine Krone aus Dornen besteht, seine Autorität ein Dienst ist. Wenn wir darüber nachdenken, dass er Gott ist und wir ihn dennoch auf diese Weise zugerichtet sehen, kommen wir nicht umhin, ihm entgegenzugehen und zu sagen: »Hier bin ich, Herr!« – Mit deiner Gnade, ohne nach dem Preis zu fragen, in guten, wie in schlechten Zeiten, in Freud und Leid, in Prüfungen und Mühen! Wir haben immer die Sicherheit, dass die Liebe stärker ist und dass uns deshalb Christi Herrschaft so verwandelt uns. Wer diese große Liebe betrachtet, der »macht« kein Apostolat, er ist vielmehr immer ein Apostel. Das Reich Christi ist ein volles und ganzes „Ja“, das aus reiner Liebe gegeben wird. Wenn wir diese Liebe Christi zu jedem einzelnen von uns betrachten, dann spüren wir in uns den Antrieb, sein Reich in die ganze Welt, in die Familie, in die Gesellschaft hinauszutragen, es jedem Menschen zu bringen. Unser Motto „Dein Reich Komme!“ verwandelt sich so in Anreiz und Ansporn, sein Apostel zu sein.

Wir haben unser Vertrauen auf unseren König gesetzt und betrachten ihn auf seinem himmlischen Thron, wie er unsere Geschichte mit Weisheit und liebevoller Vorsehung leitet. In diesen Tagen haben wir den Brief des heiligen Paulus an die Kolosser gelesen, einen  Brief, der ein ganzes Lebensprogramm darstellt: „»Strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt“ (Kol 3,1). Wie sehr hilft es uns, vor allem in diesen Momenten, alles im Licht der Ewigkeit zu betrachten. Wir erleben Situationen, die man nicht nur vom menschlichen Standpunkt her, sondern voller Glauben, Hoffnung und Liebe betrachten sollte, um so den Kampf nicht aufzugeben und unser Leben mit erneuertem Enthusiasmus hingeben zu können.

Wir brauchen einander mehr denn je als Brüder und Schwestern, die sich gegenseitig helfen und unterstützen. Im gleichen Brief schreibt der heilige Paulus: „Zieht nun ein neues Kleid an … Bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld! Ertragt euch gegenseitig, und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht. In eurem Herzen herrsche der Friede Christi; dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Seid dankbar!“ (Kol 3,1015). Heute danken wir Gott auf ganz besondere Weise dafür, dass er uns berufen hat, als lebendige Glieder zu den Legionären Christi und zur Bewegung Regnum Christi zu gehören. Hier stellt er uns Brüder und Schwestern, wie Sie es sind, zur Seite.

Allein die Liebe erlaubt es uns, aus den Stürmen des Lebens siegreich hervorzugehen. Während der letzten Generalaudienzen hat Papst Benedikt XVI. gesagt: „Die menschliche Erfahrung der Liebe … hat eine Dynamik in sich, die über sich selbst hinausweist, sie ist die Erfahrung von etwas Gutem, das den Menschen aus sich selbst herausgehen lässt und ihn dem Geheimnis gegenüberstellt, das die gesamte Existenz umgibt« (Generalaudienz, 7. November 2012). Wir haben alle erlebt, wie der ganze Horizont sich verdunkelt, wenn wir zu sehr auf uns selbst schauen. Umgekehrt nimmt alles eine andere Gestalt an, wenn wir an Christus denken, an die Sendung, die er uns anvertraut, an die vielen Seelen, die seiner Liebe bedürfen.

Die Liebe führt uns immer zu einem Mehr. „Caritas Christi urget nos“. Die Antwort, die wir jeden Tag geben, die wir heute geben, die Antwort jedes Einzelnen von uns ist für Christus, für die Kirche, für das Regnum Christi wichtig. Während der erwähnten Generalaudienz meinte der Papst auch: „So lernen wir, wehrlos jenes Wohl anzustreben, das wir nicht aus eigener Kraft konstruieren oder uns verschaffen können, uns nicht entmutigen zu lassen von der Anstrengung oder den Hindernissen, die aus unserer Sünde kommen“. In dem Maße, in dem wir auf die Stärke und Macht Christi, des Königs, und nicht auf unsere eigenen Fähigkeiten bauen, werden wir zu Werkzeugen der Gnade, die vielen Menschen dabei helfen, ihm zu begegnen. Dazu hat er uns berufen.

Ich nutze die Gelegenheit, um Ihnen erneut zu danken und mit Ihnen gemeinsam Gott darum zu bitten, dass er uns weiterhin auf unserem Weg der Erneuerung leiten möge. In unseren Händen halten wir die „Leitlinien“, mit deren Hilfe wir darüber nachdenken, was es bedeutet, Jünger dieses Königs, Verkünder des Reiches Christi zu sein und uns dies zu eigen machen können.

Ich wünsche Ihnen Gottes reichen Segen und den Schutz und die Begleitung der allerseligsten Jungfrau Maria.

Mit herzlichen Grüßen in Christus 

P. Alvaro Corcuera LC

 

* * *

 

Predigt von Kardinal Velasio De Paolis bei der Eucharistiefeier am Tag des Regnum Christi
Rho (Mailand), Wallfahrtskirche der Mutter der Schmerzen
Christkönigssonntag (im ambrosianischen Kalender), 11. November 2012

Kardinal Velasio de PaolisEs freut mich, am heutigen Christkönigsfest, an dem nach dem ambrosianischen Kalender das liturgische Jahr zu Ende geht, mit Ihnen zusammen zu sein. Wir begehen diese Feier an einer schönen Pilgerstätte, der Wallfahrtskirche der Mutter der Schmerzen, der Königin, die zusammen mit ihrem Sohn über Himmel und Erde herrscht. Dieser Anlass und dieser Ort lassen in mir viele Gedanken aufkommen, über die ich reden könnte.

Als ich als kleiner Junge im Seminar war, lebte ich nicht weit von diesem Wallfahrtsort in der Region Brianza. Die Oberen unternahmen mit uns oft Fahrten zu verschiedenen Wallfahrtsorten. In Italien gibt es viele Marienwallfahrtsstätten, und besonders in der Lombardei. Wir besuchten also häufig diesen Wallfahrtsort, der schon damals von den so genannten Oblaten des heiligen Karl geleitet wurde, die hier auch heute noch den Glauben des Gottesvolkes und die Marienverehrung bewahren.

Das Christkönigsfest. Dieses Fest wurde von Papst Pius XI., dem Papst meiner Kindheit, eingeführt. Es sollte den Abschluss des liturgischen Jahreskreises bilden. Wir feiern dieses Fest am heutigen Tag, weil im ambrosianischen Ritus das liturgische Jahr heute seinen Abschluss findet; im römischen Ritus hingegen dauert das liturgische Jahr noch weitere zwei Wochen und erst dann, also am 25. November, werden wir dort, wo nach diesem Ritus gefeiert wird, dieses Fest begehen.

Geringfügige Daten, doch sie erinnern an ein für damalige Verhältnisse außerordentliches Ereignis. Ich erinnere mich daran, wie wir als Kinder aufgefordert wurden, uns begegnende Priester mit den Worten „Christus möge herrschen!“ zu grüßen, und die Antwort darauf lautete: „Immerdar!“ Möge Christus herrschen! Die Jugendlichen der Katholischen Aktion und die Gläubigen waren zutiefst von der Bedeutung dieses Festes überzeugt. Pius XI. hatte es eingeführt, weil er bemerkte, wie die Säkularisierung in der damaligen Gesellschaft zusehends um sich griff, das heißt die Gesellschaft wollte sich ein Statut geben, das Gott ausschaltete, das den Namen unseres Herrn Jesus Christus auslöschte. Seit meiner Kindheit sind schon 70 Jahre vergangen, und dieses Abrutschen der Gesellschaft in die Säkularisierung dauert tatsächlich noch an, das Ruder wurde nicht herumgerissen, ganz im Gegenteil. Heute hören wir dauernd davon, dass wir in dieser Zeit der Verweltlichung unseren Glauben erneuern müssen. Darauf besteht insbesondere der Heilige Vater. Wir müssen das Geheimnis Christi, des Herrschers über das All, wiederentdecken, damit er in unseren Herzen herrsche und unserer Menschheit durch seine Gegenwart die Freude wiederschenke, im Glauben die Begegnung und die Gemeinschaft mit Gott zu leben und so den Sinn unserer Verbundenheit als Brüder und Schwestern wiederzufinden.

Ein besonderer Anlass zum Feiern dieses Festes besteht auch darin, dass Sie, liebe Mitglieder der Bewegung Regnum Christi hier versammelt seid und das in großer Zahl. Sie haben sich hier aufgrund der gemeinsamen Reflexion eingefunden, die Sie zusammen mit den Legionären durchführen. Wir sind also hier, um das Geheimnis Christi, des Königs, und das Geheimnis des Regnum Christi in unserem Leben und in uns selbst immer weiter zu vertiefen und uns ihrer erneut bewusst zu werden, damit wir, von diesem Geheimnis angespornt und innerlich erneuert, in Christus von neuem den König unseres Daseins entdecken und dadurch zu Aposteln und Zeugen werden; Christus soll dadurch, dass er in der Welt herrscht, das Reich seines Vaters errichten können, ein Reich, das – wie wir gleich in der Präfation sagen werden – ein Reich der Gerechtigkeit, der Heiligkeit, der Liebe und des Friedens ist. Dieses Reich feiern wir, wenn wir das Christkönigsfest begehen.  

Wie man weiß, sind Könige mittlerweile fast ganz von der Weltbühne verschwunden. Aber auch deren Geschichte ist leider nicht immer eine glorreiche gewesen. Selbst die Geschichte der Könige des Gottesvolkes birgt nicht viel Erbauliches. Das geht so weit, dass wir in Bezug auf die Königreiche des Nordens und des Südens Palästinas in der Heiligen Schrift lesen, dass diese insgesamt ein sehr negatives Urteil verdienen. Der Herr hatte die Könige eingesetzt, damit sie das Volk führen und behüten. Er hatte sie zu Hirten seiner eigenen Herde gemacht und dennoch sind sie ihren Pflichten nicht nachgekommen. Später hat Jesus – er, der der Gute Hirte ist und den wir als unseren wahren König anerkennen – in einem Wort über die Könige dieser Welt gesagt, dass diese den anderen ihre Herrschaft spüren lassen und unseren Dienst und unsere Dankbarkeit einfordern; stattdessen lehrt uns Jesus, dass derjenige, der im Himmelreich der Erste sein will, der Letzte sein muss, der Diener aller. Er ist darin selbst das Vorbild, das wir betrachten und vor Augen haben müssen. Er ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben für uns alle hinzugeben. Es ist deshalb für uns nicht verwunderlich, dass die Worte der Heiligen Schrift, die wir heute in der Liturgie vernommen haben, Worte sind, die wenig nach Triumph klingen, obwohl von einer Königsherrschaft die Rede ist.

Wie wir gehört haben, handelt die erste Lesung vom geheimnisvollen leidenden Gottesknecht, von jener Persönlichkeit also, von der die Schrift folgendes Bild gezeichnet hat: Er ist der Gerechte, der Unschuldige, der Heilige, der die Sünden seines ganzen Volkes auf sich nimmt und auf diese Weise sich selbst dem Tod aussetzt, damit so das Volk wieder aufleben kann, woraufhin er in die Herrlichkeit erhoben wird.

Die Kirche erkennt in dieser Person die Gestalt dessen, der diese Sendung tatsächlich erfüllt hat, es ist die Gestalt unseres Herrn Jesus Christus. Aber wie hat Jesus dieses Heilsprojekt, dieses Projekt der Erlösung und Neuschöpfung der Welt in die Tat umgesetzt?

Wie uns der Apostel Paulus in der Lesung aus dem Philipperbrief lehrt, hat er uns dadurch gerettet, dass er in die Welt kam; er, der Gott war, hat unsere Menschennatur angenommen; er, der in die göttliche Natur gekleidet war, in den Glanz der Gottheit, hat unsere armselige menschliche Existenzweise angenommen. Nicht nur das. Darüber hinaus wurde er gehorsam, gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Das ist Königsherrschaft! Das ist die Königsherrschaft jenes Christus, den uns der heilige Paulus als denjenigen beschreibt, der Fleisch annimmt, indem er vom Himmel herabsteigt, in unsere Geschichte eintritt und die neue Menschheit erlöst und rettet, um sie dann wieder zu ihrem Zenit zu tragen, zu Gottes Herrlichkeit selbst und das verwirklicht sich ganz im Geheimnis des gekreuzigten Christus. Vom Kreuzes herab übt Christus seine Königsherrschaft aus.

Regnavit a ligno Deus.

Gott hat seine Königsherrschaft dadurch unter Beweis gestellt, dass er uns seinen Sohn geschenkt hat, also dadurch, dass er hoch oben vom Kreuz herab mit ausgestreckten Armen sein eigenes Leben hingegeben hat. Durch dieses Kreuz ist die neue Welt erstanden, ist die Kirche geboren worden, hat das neue Reich Gottes seinen Anfang genommen, sind wir alle durch die Gabe des Heiligen Geistes wiedergeboren und mit der Gabe des göttlichen Lebens, mit der Vergöttlichung, mit der Teilnahme an allem beschenkt und zu Kindern Gottes gemacht worden. Das ist die Königsherrschaft, die wir heute feiern, die Königsherrschaft unseres Herrn Jesus Christus. Und das ist die Königsherrschaft, die zu unserem Leben gehört und die, wie wir sagen könnten, die ganze Heilsgeschichte umfasst.

Lassen Sie uns nun das Reich Gottes am Anfang der Heilsgeschichte betrachten: Wenn wir von Gott reden, kommen wir unmöglich umhin, von Schönheit, von Glanz, von Licht, von Frieden zu reden, von all dem, was schön, gut und heilig ist. So ist Gott.

Und Gott offenbart sich auf geheimnisvolle Weise selbst, wenn er das erste Wort ausspricht: „Es werde Licht“, „die Welt soll sein“. Und diese Welt muss wunderschön gewesen sein, denn sie entstammte dem Herzen Gottes, der daran Gefallen fand, sich selbst mitzuteilen.

Das Geheimnis der Schöpfung findet seinen höchsten Ausdruck gerade in der Schöpfung des Menschen, der am sechsten Tag geschaffen wurde, das heißt, als Gott alles vorbereitet hatte, was für das Leben des Menschen notwendig war und nachdem er alles, was schön war, geschaffen hatte. In jedem Augenblick, nach jedem Schöpfungstag, heißt es in der Heiligen Schrift, dass Gott sagte, „dass es gut war“; dass es schön war. Die Welt, die aus dem Herzen Gottes hervorgeht, ist schön, doch sie hatte keine Stimme, sie hatte kein Herz, sie hatte kein Gefühl, keine Freiheit, die Gott hätte antworten können.

Und dann, am sechsten Tag, hat Gott den Menschen in den Zenit der Schöpfung gestellt, damit er die Welt beherrsche; und die Welt wurde dem Menschen anvertraut, damit er darin lebe und Gottes Mitarbeiter sei, damit er die Schöpfung selbst zu ihrer Fülle führe. Und als Gott den Menschen schuf, sagte er: „Lasst uns Menschen schaffen, nach unserem Abbild, uns ähnlich“, das heißt als ein Wesen, das mit Gott sprechen, mit ihm in Dialog treten kann, das die Schönheit des Universums betrachten, bewundern, die Gegenwart Gottes in dieser Schönheit und in sich selbst wiederentdecken und Gott antworten kann, indem es ihn am siebten Tag verherrlicht. Wir haben gesagt, dass am sechsten Tag der Mensch in den Zenit der Schöpfung gestellt worden war. Doch die Schöpfung hört mit dem siebten Tag auf, wenn Gott ruht. Der Mensch ist sich nicht selbst Ziel, sein Ziel ist die Verherrlichung Gottes, sein Streben nach Gott.

Das Projekt Gottes muss, so wie er es geplant hatte, wunderbar gewesen sein. Doch in die Welt tritt bald die Finsternis ein, und die Dunkelheit bemächtigt sich ihrer aufgrund des Menschen, weil er in die Versuchung fällt, die Stelle Gottes einzunehmen. Das hat die bestehende Ordnung auf den Kopf gestellt und anstatt sich in der wunderbaren Welt Gottes zu befinden, stieß der Mensch auf Probleme, hatte Schwierigkeiten in seinen Beziehungen zu den anderen und es wurde ihm unmöglich, die Schöpfung selbst zu beherrschen. Er hat in sich Kälte gespürt und Angst gehabt, ja sogar Angst vor Gott: Er, der aus Liebe von Gott geschaffen worden war, damit er an Gottes Liebe teilnehme, hat sich vor Gott gefürchtet, vor jenem Gott der Liebe, der ihn nach seinem Abbild und ihm ähnlich erschaffen hatte; jener Gott der Liebe musste seinen Blick vom Menschen abwenden, weil er ihn nicht loben und ehren, ja sich sogar an seine Stelle setzen wollte, indem er sagte: „Ich urteile darüber, was gut und was böse ist“. Und auf diese Art und Weise geriet die Welt auf die abschüssige Bahn. Doch Gott kehrt durch die Geschichte seines Volkes in die Welt zurück, um eine neue Welt vorzubereiten, in der seine Gegenwart Grund zur Freude, zum Glück, zum Frieden, zur Brüderlichkeit werden kann.

In der Fülle der Zeit hat er seinen Sohn Jesus Christus gesandt. Er hat ihn als Ewiges Wort gesandt, als seinen eingeborenen Sohn, der aber auch unser Bruder wurde und er hat uns das Geheimnis Gottes neu offenbart. Wollen wir Gott kennen? Dann betrachten wir doch das Antlitz unseres Herrn Jesus Christus.

Der Evangelist Johannes – ein von Jesus besonders geliebter Jünger – hatte die Freude, an seiner Seite zu liegen, sein Wort zu hören, ihn beim Letzten Abendmahl und am Kreuz erhöht zu sehen. Wenn er von Gott spricht, sagt er „Gott ist die Liebe“. Wo hatte er gelernt, dass Gott die Liebe ist? In der Schule Jesu.

Hier sehen wir das erste Geschenk, das Jesus uns gemacht hat: Er hat uns das Antlitz Gottes offenbart, er hat zu uns vom Reich Gottes gesprochen, mehr noch, er hat seine Verkündigung gerade mit dieser Einladung begonnen: „Die Zeit ist erfüllt, die Zeit ist nahe, das Reich Gottes ist mitten unter euch. Kehrt um und glaubt an das Evangelium.“ Das ist auch für uns die große Gelegenheit, gemäß dem Plan Gottes umzukehren, uns zu bekehren, Gott von neuem in unser Leben eintreten zu lassen.

Jesus hat uns von Gott und seinem Reich erzählt und hat auch wieder von unserer Würde gesprochen, er hat uns wieder zu Kindern Gottes gemacht, wir sind Söhne im Sohn geworden. Wir haben die Gabe des Heiligen Geistes empfangen, uns wurden die Tore zur Ewigkeit geöffnet. Wir haben die große Offenbarung Jesu erhalten, wonach wir für das ewige Leben geschaffen sind, wonach wir Kinder Gottes, seine Brüder sind und wonach es eine neue göttliche Familie gibt, eine neue Gemeinschaft, die ihre Erfüllung darin findet, dass Gott im Herzen jedes Menschen gegenwärtig ist. Das ist die Königsherrschaft Gottes, die Königsherrschaft unseres Herrn Jesus Christus.

Und diese Königsherrschaft feiern wir heute. Dieses Königreich wollen wir in der Welt erneut aufbauen. Die Welt leidet, sie befindet sich in der Finsternis, sie ist dunkel – aber warum? Weil sie nicht mehr weiß, woher sie kommt und wohin sie geht. Sie ist voller Angst. Welche Orientierung kann der sich selbst überlassene Mensch in der Welt haben, welches Ziel, welche Sicherheit? Wie der erste Adam haben wir unser Leben in die Hand nehmen wollen, wir wollten Gottes Stelle einnehmen und so ist es im Menschen dunkel geworden. Am Ende unserer Existenz wartet der Tod auf uns. Jesus möchte in unserem Herzen herrschen, nicht um uns zu beherrschen, sondern um durch den Glauben unsere Augen wieder zu öffnen, damit wir das große Geheimnis Gottes wieder entdecken, das Geheimnis unseres Lebens, unsere wahre Würde, die nicht darin besteht, dass wir die Stelle Gottes einnehmen, sondern darin, dass wir die Würde der Gotteskindschaft und in Gott die endgültige und volle Bedeutung unserer Existenz wiedererkennen. Das Christkönigsfest ist von Papst Pius XI. eingeführt worden, um dieser Säkularisierung entgegenzuwirken, die schon zu seiner Zeit enorme Ausmaße anzunehmen begann.

Es gibt heute noch viele weitere Gründe, dieses Fest zu feiern. Insbesondere wende ich mich an Sie, die Sie der Bewegung Regnum Christi angehören: Sie tragen das Reich Gottes in Ihrem Herzen, Sie wollen das Reich Gottes behüten, es wiederentdecken und gleichzeitig seine Zeugen und Apostel sein.

Ja, es ist unser Charisma! Es ist unsere Aufgabe, – will unser Leben sein. Verhelfen wir Christus zur Herrschaft in uns, verhelfen wir ihm zur Herrschaft in der Welt und dann wird es wirklich wie im Paradies sein.

Regnavit a ligno Deus.

Bist du ein König?“, sagte Pilatus zu Jesus. „Du sagst es, ich bin ein König, aber nicht wie du es dir vorstellst, mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, hätte ich alle Macht und Gewalt, ihm zum Sieg zu verhelfen, aber mein Reich ist nicht von dieser Welt.“

Wir müssen unserem Ehrgeiz sterben, wir müssen unserem Stolz sterben, wir müssen unserem Egoismus sterben, wir müssen der Sünde sterben, um überhaupt leben und in der Königsherrschaft Christi in Fülle leben zu können.

Möge der Herr uns wahrhaft mit seiner Königsherrschaft beschenken! Möge er tatsächlich in unseren Gedanken, unserem Herzen, unserer Seele herrschen.

Möge er unsere Berufung mit neuem Leben erfüllen und uns zu Zeugen seiner Königsherrschaft machen, jener Herrschaft, zu deren Errichtung er in die Welt gekommen ist.


Er dient, liebt und leidet

Er dient, liebt und leidet

Aus Anlass des Christkönigsfestes 2012 schrieb P. Álvaro Corcuera LC, Generaldirektor der Legionäre Christi und des Regnum Christi, auch in diesem Jahr einen Brief an die Mitglieder und Freunde. Wir veröffentlichen hier die deutsche Übersetzung seines Briefes. Im Anschluss daran finden Sie auch eine Übersetzung der Predigt des Päpstlichen Delegaten für die Legionäre Christi und das Regnum Christi, Kardinal De Paolis, zu Christkönig 2012, die er vor zwei Wochen bei einer Feier nach dem ambrosianischen Kalender gehalten hat. Es handelt sich um eine geistliche Betrachtung zum Christkönigsfest (Die liturgischen Lesungen waren: Is 49,17; Ps 21; Phil 2,511; Lk 23,3643).


Dein Reich komme!

  23. November 2012

P. Álvaro Corcuera LCAn die Legionäre Christi und an die Mitglieder des Regnum Christ

Liebe Mitbrüder und Freunde in Christus,

das Christkönigsfest bietet unserer geistlichen Familie jedes Jahr eine besondere Gelegenheit, um uns miteinander zu vereinen, vor allem in der Eucharistiefeier und in dem Wunsch, dass Jesus Christus der König unserer Herzen sein möge.

Wie gern würde ich Ihnen für Ihre Gebete, Worte und Nachrichten angemessen danken. Mir fehlen die Worte, um Ihnen gegenüber all meine Dankbarkeit auszudrücken. Ihre Liebe zu Christus, Ihre Antwort auf Gottes liebevolles Handeln, auf die Kirche und die Bewegung, Ihr Wunsch, das Reich Gottes aufzubauen, sind ermutigend und schenken neue Kraft. Jesus Christus gibt uns zu erkennen, dass uns alles, was er zulässt, in der Liebe zu ihm wachsen lässt und uns dem Ziel jedes Christen, der Heiligkeit, näher bringt. Seine Liebe überrascht uns wirklich auf Schritt und Tritt. Ich danke Gott immer mehr dafür, dass er mich dazu berufen hat, zu dieser Familie zu gehören.

Oft schreiben wir oben auf ein Blatt Papier die Worte: „Dein Reich komme!“ Was hat Jesus Christus an sich, dass er die Herzen der Menschen verwandeln kann? Wie kommt es, dass er unser Leben mit Sinn erfüllt? Wir wissen, dass er in unseren Herzen auf eine Weise herrscht, die wir nicht ausdrücken können. Er ist schweigsam, liebevoll, anspruchsvoll, sanft, gütig, warmherzig. – Gerade so wie Christus, der König, den wir im Evangelium betrachten, dessen Reich nicht von dieser Welt ist. Er herrscht, indem er dient, liebt, für uns leidet. Über Christus als König zu meditieren, bedeutet, den verspotteten und gekreuzigten Jesus Christus zu betrachten, der uns vor Augen führt, dass er uns bis zur Vollendung geliebt hat und von uns eine Antwort erbittet, die darin besteht, dass auch wir von ganzem Herzen lieben, ohne im Gegenzug irgendetwas dafür zu erwarten. Eine Antwort, die in jedem Augenblick unseres Lebens ein „Ja“ ist, im Kleinen wie im Großen. Wer Christus zum Herrn seines Lebens hat, der erfährt in allem die Freude der Hingabe, selbst in den größten Prüfungen – wie wir es auch in der Geschichte so vieler Heiligen und Märtyrer sehen.

Seine Herrschaft besteht nicht darin, sich in den Vordergrund zu drängen, mehr zu sein oder mehr zu haben. Es handelt sich um ein Reich, in dem Sanftmut und Demut herrschen, wo seine Krone aus Dornen besteht, seine Autorität ein Dienst ist. Wenn wir darüber nachdenken, dass er Gott ist und wir ihn dennoch auf diese Weise zugerichtet sehen, kommen wir nicht umhin, ihm entgegenzugehen und zu sagen: »Hier bin ich, Herr!« – Mit deiner Gnade, ohne nach dem Preis zu fragen, in guten, wie in schlechten Zeiten, in Freud und Leid, in Prüfungen und Mühen! Wir haben immer die Sicherheit, dass die Liebe stärker ist und dass uns deshalb Christi Herrschaft so verwandelt uns. Wer diese große Liebe betrachtet, der »macht« kein Apostolat, er ist vielmehr immer ein Apostel. Das Reich Christi ist ein volles und ganzes „Ja“, das aus reiner Liebe gegeben wird. Wenn wir diese Liebe Christi zu jedem einzelnen von uns betrachten, dann spüren wir in uns den Antrieb, sein Reich in die ganze Welt, in die Familie, in die Gesellschaft hinauszutragen, es jedem Menschen zu bringen. Unser Motto „Dein Reich Komme!“ verwandelt sich so in Anreiz und Ansporn, sein Apostel zu sein.

Wir haben unser Vertrauen auf unseren König gesetzt und betrachten ihn auf seinem himmlischen Thron, wie er unsere Geschichte mit Weisheit und liebevoller Vorsehung leitet. In diesen Tagen haben wir den Brief des heiligen Paulus an die Kolosser gelesen, einen  Brief, der ein ganzes Lebensprogramm darstellt: „»Strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt“ (Kol 3,1). Wie sehr hilft es uns, vor allem in diesen Momenten, alles im Licht der Ewigkeit zu betrachten. Wir erleben Situationen, die man nicht nur vom menschlichen Standpunkt her, sondern voller Glauben, Hoffnung und Liebe betrachten sollte, um so den Kampf nicht aufzugeben und unser Leben mit erneuertem Enthusiasmus hingeben zu können.

Wir brauchen einander mehr denn je als Brüder und Schwestern, die sich gegenseitig helfen und unterstützen. Im gleichen Brief schreibt der heilige Paulus: „Zieht nun ein neues Kleid an … Bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld! Ertragt euch gegenseitig, und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht. In eurem Herzen herrsche der Friede Christi; dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Seid dankbar!“ (Kol 3,1015). Heute danken wir Gott auf ganz besondere Weise dafür, dass er uns berufen hat, als lebendige Glieder zu den Legionären Christi und zur Bewegung Regnum Christi zu gehören. Hier stellt er uns Brüder und Schwestern, wie Sie es sind, zur Seite.

Allein die Liebe erlaubt es uns, aus den Stürmen des Lebens siegreich hervorzugehen. Während der letzten Generalaudienzen hat Papst Benedikt XVI. gesagt: „Die menschliche Erfahrung der Liebe … hat eine Dynamik in sich, die über sich selbst hinausweist, sie ist die Erfahrung von etwas Gutem, das den Menschen aus sich selbst herausgehen lässt und ihn dem Geheimnis gegenüberstellt, das die gesamte Existenz umgibt« (Generalaudienz, 7. November 2012). Wir haben alle erlebt, wie der ganze Horizont sich verdunkelt, wenn wir zu sehr auf uns selbst schauen. Umgekehrt nimmt alles eine andere Gestalt an, wenn wir an Christus denken, an die Sendung, die er uns anvertraut, an die vielen Seelen, die seiner Liebe bedürfen.

Die Liebe führt uns immer zu einem Mehr. „Caritas Christi urget nos“. Die Antwort, die wir jeden Tag geben, die wir heute geben, die Antwort jedes Einzelnen von uns ist für Christus, für die Kirche, für das Regnum Christi wichtig. Während der erwähnten Generalaudienz meinte der Papst auch: „So lernen wir, wehrlos jenes Wohl anzustreben, das wir nicht aus eigener Kraft konstruieren oder uns verschaffen können, uns nicht entmutigen zu lassen von der Anstrengung oder den Hindernissen, die aus unserer Sünde kommen“. In dem Maße, in dem wir auf die Stärke und Macht Christi, des Königs, und nicht auf unsere eigenen Fähigkeiten bauen, werden wir zu Werkzeugen der Gnade, die vielen Menschen dabei helfen, ihm zu begegnen. Dazu hat er uns berufen.

Ich nutze die Gelegenheit, um Ihnen erneut zu danken und mit Ihnen gemeinsam Gott darum zu bitten, dass er uns weiterhin auf unserem Weg der Erneuerung leiten möge. In unseren Händen halten wir die „Leitlinien“, mit deren Hilfe wir darüber nachdenken, was es bedeutet, Jünger dieses Königs, Verkünder des Reiches Christi zu sein und uns dies zu eigen machen können.

Ich wünsche Ihnen Gottes reichen Segen und den Schutz und die Begleitung der allerseligsten Jungfrau Maria.

Mit herzlichen Grüßen in Christus 

P. Alvaro Corcuera LC

 

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Predigt von Kardinal Velasio De Paolis bei der Eucharistiefeier am Tag des Regnum Christi
Rho (Mailand), Wallfahrtskirche der Mutter der Schmerzen
Christkönigssonntag (im ambrosianischen Kalender), 11. November 2012

Kardinal Velasio de PaolisEs freut mich, am heutigen Christkönigsfest, an dem nach dem ambrosianischen Kalender das liturgische Jahr zu Ende geht, mit Ihnen zusammen zu sein. Wir begehen diese Feier an einer schönen Pilgerstätte, der Wallfahrtskirche der Mutter der Schmerzen, der Königin, die zusammen mit ihrem Sohn über Himmel und Erde herrscht. Dieser Anlass und dieser Ort lassen in mir viele Gedanken aufkommen, über die ich reden könnte.

Als ich als kleiner Junge im Seminar war, lebte ich nicht weit von diesem Wallfahrtsort in der Region Brianza. Die Oberen unternahmen mit uns oft Fahrten zu verschiedenen Wallfahrtsorten. In Italien gibt es viele Marienwallfahrtsstätten, und besonders in der Lombardei. Wir besuchten also häufig diesen Wallfahrtsort, der schon damals von den so genannten Oblaten des heiligen Karl geleitet wurde, die hier auch heute noch den Glauben des Gottesvolkes und die Marienverehrung bewahren.

Das Christkönigsfest. Dieses Fest wurde von Papst Pius XI., dem Papst meiner Kindheit, eingeführt. Es sollte den Abschluss des liturgischen Jahreskreises bilden. Wir feiern dieses Fest am heutigen Tag, weil im ambrosianischen Ritus das liturgische Jahr heute seinen Abschluss findet; im römischen Ritus hingegen dauert das liturgische Jahr noch weitere zwei Wochen und erst dann, also am 25. November, werden wir dort, wo nach diesem Ritus gefeiert wird, dieses Fest begehen.

Geringfügige Daten, doch sie erinnern an ein für damalige Verhältnisse außerordentliches Ereignis. Ich erinnere mich daran, wie wir als Kinder aufgefordert wurden, uns begegnende Priester mit den Worten „Christus möge herrschen!“ zu grüßen, und die Antwort darauf lautete: „Immerdar!“ Möge Christus herrschen! Die Jugendlichen der Katholischen Aktion und die Gläubigen waren zutiefst von der Bedeutung dieses Festes überzeugt. Pius XI. hatte es eingeführt, weil er bemerkte, wie die Säkularisierung in der damaligen Gesellschaft zusehends um sich griff, das heißt die Gesellschaft wollte sich ein Statut geben, das Gott ausschaltete, das den Namen unseres Herrn Jesus Christus auslöschte. Seit meiner Kindheit sind schon 70 Jahre vergangen, und dieses Abrutschen der Gesellschaft in die Säkularisierung dauert tatsächlich noch an, das Ruder wurde nicht herumgerissen, ganz im Gegenteil. Heute hören wir dauernd davon, dass wir in dieser Zeit der Verweltlichung unseren Glauben erneuern müssen. Darauf besteht insbesondere der Heilige Vater. Wir müssen das Geheimnis Christi, des Herrschers über das All, wiederentdecken, damit er in unseren Herzen herrsche und unserer Menschheit durch seine Gegenwart die Freude wiederschenke, im Glauben die Begegnung und die Gemeinschaft mit Gott zu leben und so den Sinn unserer Verbundenheit als Brüder und Schwestern wiederzufinden.

Ein besonderer Anlass zum Feiern dieses Festes besteht auch darin, dass Sie, liebe Mitglieder der Bewegung Regnum Christi hier versammelt seid und das in großer Zahl. Sie haben sich hier aufgrund der gemeinsamen Reflexion eingefunden, die Sie zusammen mit den Legionären durchführen. Wir sind also hier, um das Geheimnis Christi, des Königs, und das Geheimnis des Regnum Christi in unserem Leben und in uns selbst immer weiter zu vertiefen und uns ihrer erneut bewusst zu werden, damit wir, von diesem Geheimnis angespornt und innerlich erneuert, in Christus von neuem den König unseres Daseins entdecken und dadurch zu Aposteln und Zeugen werden; Christus soll dadurch, dass er in der Welt herrscht, das Reich seines Vaters errichten können, ein Reich, das – wie wir gleich in der Präfation sagen werden – ein Reich der Gerechtigkeit, der Heiligkeit, der Liebe und des Friedens ist. Dieses Reich feiern wir, wenn wir das Christkönigsfest begehen.  

Wie man weiß, sind Könige mittlerweile fast ganz von der Weltbühne verschwunden. Aber auch deren Geschichte ist leider nicht immer eine glorreiche gewesen. Selbst die Geschichte der Könige des Gottesvolkes birgt nicht viel Erbauliches. Das geht so weit, dass wir in Bezug auf die Königreiche des Nordens und des Südens Palästinas in der Heiligen Schrift lesen, dass diese insgesamt ein sehr negatives Urteil verdienen. Der Herr hatte die Könige eingesetzt, damit sie das Volk führen und behüten. Er hatte sie zu Hirten seiner eigenen Herde gemacht und dennoch sind sie ihren Pflichten nicht nachgekommen. Später hat Jesus – er, der der Gute Hirte ist und den wir als unseren wahren König anerkennen – in einem Wort über die Könige dieser Welt gesagt, dass diese den anderen ihre Herrschaft spüren lassen und unseren Dienst und unsere Dankbarkeit einfordern; stattdessen lehrt uns Jesus, dass derjenige, der im Himmelreich der Erste sein will, der Letzte sein muss, der Diener aller. Er ist darin selbst das Vorbild, das wir betrachten und vor Augen haben müssen. Er ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben für uns alle hinzugeben. Es ist deshalb für uns nicht verwunderlich, dass die Worte der Heiligen Schrift, die wir heute in der Liturgie vernommen haben, Worte sind, die wenig nach Triumph klingen, obwohl von einer Königsherrschaft die Rede ist.

Wie wir gehört haben, handelt die erste Lesung vom geheimnisvollen leidenden Gottesknecht, von jener Persönlichkeit also, von der die Schrift folgendes Bild gezeichnet hat: Er ist der Gerechte, der Unschuldige, der Heilige, der die Sünden seines ganzen Volkes auf sich nimmt und auf diese Weise sich selbst dem Tod aussetzt, damit so das Volk wieder aufleben kann, woraufhin er in die Herrlichkeit erhoben wird.

Die Kirche erkennt in dieser Person die Gestalt dessen, der diese Sendung tatsächlich erfüllt hat, es ist die Gestalt unseres Herrn Jesus Christus. Aber wie hat Jesus dieses Heilsprojekt, dieses Projekt der Erlösung und Neuschöpfung der Welt in die Tat umgesetzt?

Wie uns der Apostel Paulus in der Lesung aus dem Philipperbrief lehrt, hat er uns dadurch gerettet, dass er in die Welt kam; er, der Gott war, hat unsere Menschennatur angenommen; er, der in die göttliche Natur gekleidet war, in den Glanz der Gottheit, hat unsere armselige menschliche Existenzweise angenommen. Nicht nur das. Darüber hinaus wurde er gehorsam, gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Das ist Königsherrschaft! Das ist die Königsherrschaft jenes Christus, den uns der heilige Paulus als denjenigen beschreibt, der Fleisch annimmt, indem er vom Himmel herabsteigt, in unsere Geschichte eintritt und die neue Menschheit erlöst und rettet, um sie dann wieder zu ihrem Zenit zu tragen, zu Gottes Herrlichkeit selbst und das verwirklicht sich ganz im Geheimnis des gekreuzigten Christus. Vom Kreuzes herab übt Christus seine Königsherrschaft aus.

Regnavit a ligno Deus.

Gott hat seine Königsherrschaft dadurch unter Beweis gestellt, dass er uns seinen Sohn geschenkt hat, also dadurch, dass er hoch oben vom Kreuz herab mit ausgestreckten Armen sein eigenes Leben hingegeben hat. Durch dieses Kreuz ist die neue Welt erstanden, ist die Kirche geboren worden, hat das neue Reich Gottes seinen Anfang genommen, sind wir alle durch die Gabe des Heiligen Geistes wiedergeboren und mit der Gabe des göttlichen Lebens, mit der Vergöttlichung, mit der Teilnahme an allem beschenkt und zu Kindern Gottes gemacht worden. Das ist die Königsherrschaft, die wir heute feiern, die Königsherrschaft unseres Herrn Jesus Christus. Und das ist die Königsherrschaft, die zu unserem Leben gehört und die, wie wir sagen könnten, die ganze Heilsgeschichte umfasst.

Lassen Sie uns nun das Reich Gottes am Anfang der Heilsgeschichte betrachten: Wenn wir von Gott reden, kommen wir unmöglich umhin, von Schönheit, von Glanz, von Licht, von Frieden zu reden, von all dem, was schön, gut und heilig ist. So ist Gott.

Und Gott offenbart sich auf geheimnisvolle Weise selbst, wenn er das erste Wort ausspricht: „Es werde Licht“, „die Welt soll sein“. Und diese Welt muss wunderschön gewesen sein, denn sie entstammte dem Herzen Gottes, der daran Gefallen fand, sich selbst mitzuteilen.

Das Geheimnis der Schöpfung findet seinen höchsten Ausdruck gerade in der Schöpfung des Menschen, der am sechsten Tag geschaffen wurde, das heißt, als Gott alles vorbereitet hatte, was für das Leben des Menschen notwendig war und nachdem er alles, was schön war, geschaffen hatte. In jedem Augenblick, nach jedem Schöpfungstag, heißt es in der Heiligen Schrift, dass Gott sagte, „dass es gut war“; dass es schön war. Die Welt, die aus dem Herzen Gottes hervorgeht, ist schön, doch sie hatte keine Stimme, sie hatte kein Herz, sie hatte kein Gefühl, keine Freiheit, die Gott hätte antworten können.

Und dann, am sechsten Tag, hat Gott den Menschen in den Zenit der Schöpfung gestellt, damit er die Welt beherrsche; und die Welt wurde dem Menschen anvertraut, damit er darin lebe und Gottes Mitarbeiter sei, damit er die Schöpfung selbst zu ihrer Fülle führe. Und als Gott den Menschen schuf, sagte er: „Lasst uns Menschen schaffen, nach unserem Abbild, uns ähnlich“, das heißt als ein Wesen, das mit Gott sprechen, mit ihm in Dialog treten kann, das die Schönheit des Universums betrachten, bewundern, die Gegenwart Gottes in dieser Schönheit und in sich selbst wiederentdecken und Gott antworten kann, indem es ihn am siebten Tag verherrlicht. Wir haben gesagt, dass am sechsten Tag der Mensch in den Zenit der Schöpfung gestellt worden war. Doch die Schöpfung hört mit dem siebten Tag auf, wenn Gott ruht. Der Mensch ist sich nicht selbst Ziel, sein Ziel ist die Verherrlichung Gottes, sein Streben nach Gott.

Das Projekt Gottes muss, so wie er es geplant hatte, wunderbar gewesen sein. Doch in die Welt tritt bald die Finsternis ein, und die Dunkelheit bemächtigt sich ihrer aufgrund des Menschen, weil er in die Versuchung fällt, die Stelle Gottes einzunehmen. Das hat die bestehende Ordnung auf den Kopf gestellt und anstatt sich in der wunderbaren Welt Gottes zu befinden, stieß der Mensch auf Probleme, hatte Schwierigkeiten in seinen Beziehungen zu den anderen und es wurde ihm unmöglich, die Schöpfung selbst zu beherrschen. Er hat in sich Kälte gespürt und Angst gehabt, ja sogar Angst vor Gott: Er, der aus Liebe von Gott geschaffen worden war, damit er an Gottes Liebe teilnehme, hat sich vor Gott gefürchtet, vor jenem Gott der Liebe, der ihn nach seinem Abbild und ihm ähnlich erschaffen hatte; jener Gott der Liebe musste seinen Blick vom Menschen abwenden, weil er ihn nicht loben und ehren, ja sich sogar an seine Stelle setzen wollte, indem er sagte: „Ich urteile darüber, was gut und was böse ist“. Und auf diese Art und Weise geriet die Welt auf die abschüssige Bahn. Doch Gott kehrt durch die Geschichte seines Volkes in die Welt zurück, um eine neue Welt vorzubereiten, in der seine Gegenwart Grund zur Freude, zum Glück, zum Frieden, zur Brüderlichkeit werden kann.

In der Fülle der Zeit hat er seinen Sohn Jesus Christus gesandt. Er hat ihn als Ewiges Wort gesandt, als seinen eingeborenen Sohn, der aber auch unser Bruder wurde und er hat uns das Geheimnis Gottes neu offenbart. Wollen wir Gott kennen? Dann betrachten wir doch das Antlitz unseres Herrn Jesus Christus.

Der Evangelist Johannes – ein von Jesus besonders geliebter Jünger – hatte die Freude, an seiner Seite zu liegen, sein Wort zu hören, ihn beim Letzten Abendmahl und am Kreuz erhöht zu sehen. Wenn er von Gott spricht, sagt er „Gott ist die Liebe“. Wo hatte er gelernt, dass Gott die Liebe ist? In der Schule Jesu.

Hier sehen wir das erste Geschenk, das Jesus uns gemacht hat: Er hat uns das Antlitz Gottes offenbart, er hat zu uns vom Reich Gottes gesprochen, mehr noch, er hat seine Verkündigung gerade mit dieser Einladung begonnen: „Die Zeit ist erfüllt, die Zeit ist nahe, das Reich Gottes ist mitten unter euch. Kehrt um und glaubt an das Evangelium.“ Das ist auch für uns die große Gelegenheit, gemäß dem Plan Gottes umzukehren, uns zu bekehren, Gott von neuem in unser Leben eintreten zu lassen.

Jesus hat uns von Gott und seinem Reich erzählt und hat auch wieder von unserer Würde gesprochen, er hat uns wieder zu Kindern Gottes gemacht, wir sind Söhne im Sohn geworden. Wir haben die Gabe des Heiligen Geistes empfangen, uns wurden die Tore zur Ewigkeit geöffnet. Wir haben die große Offenbarung Jesu erhalten, wonach wir für das ewige Leben geschaffen sind, wonach wir Kinder Gottes, seine Brüder sind und wonach es eine neue göttliche Familie gibt, eine neue Gemeinschaft, die ihre Erfüllung darin findet, dass Gott im Herzen jedes Menschen gegenwärtig ist. Das ist die Königsherrschaft Gottes, die Königsherrschaft unseres Herrn Jesus Christus.

Und diese Königsherrschaft feiern wir heute. Dieses Königreich wollen wir in der Welt erneut aufbauen. Die Welt leidet, sie befindet sich in der Finsternis, sie ist dunkel – aber warum? Weil sie nicht mehr weiß, woher sie kommt und wohin sie geht. Sie ist voller Angst. Welche Orientierung kann der sich selbst überlassene Mensch in der Welt haben, welches Ziel, welche Sicherheit? Wie der erste Adam haben wir unser Leben in die Hand nehmen wollen, wir wollten Gottes Stelle einnehmen und so ist es im Menschen dunkel geworden. Am Ende unserer Existenz wartet der Tod auf uns. Jesus möchte in unserem Herzen herrschen, nicht um uns zu beherrschen, sondern um durch den Glauben unsere Augen wieder zu öffnen, damit wir das große Geheimnis Gottes wieder entdecken, das Geheimnis unseres Lebens, unsere wahre Würde, die nicht darin besteht, dass wir die Stelle Gottes einnehmen, sondern darin, dass wir die Würde der Gotteskindschaft und in Gott die endgültige und volle Bedeutung unserer Existenz wiedererkennen. Das Christkönigsfest ist von Papst Pius XI. eingeführt worden, um dieser Säkularisierung entgegenzuwirken, die schon zu seiner Zeit enorme Ausmaße anzunehmen begann.

Es gibt heute noch viele weitere Gründe, dieses Fest zu feiern. Insbesondere wende ich mich an Sie, die Sie der Bewegung Regnum Christi angehören: Sie tragen das Reich Gottes in Ihrem Herzen, Sie wollen das Reich Gottes behüten, es wiederentdecken und gleichzeitig seine Zeugen und Apostel sein.

Ja, es ist unser Charisma! Es ist unsere Aufgabe, – will unser Leben sein. Verhelfen wir Christus zur Herrschaft in uns, verhelfen wir ihm zur Herrschaft in der Welt und dann wird es wirklich wie im Paradies sein.

Regnavit a ligno Deus.

Bist du ein König?“, sagte Pilatus zu Jesus. „Du sagst es, ich bin ein König, aber nicht wie du es dir vorstellst, mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, hätte ich alle Macht und Gewalt, ihm zum Sieg zu verhelfen, aber mein Reich ist nicht von dieser Welt.“

Wir müssen unserem Ehrgeiz sterben, wir müssen unserem Stolz sterben, wir müssen unserem Egoismus sterben, wir müssen der Sünde sterben, um überhaupt leben und in der Königsherrschaft Christi in Fülle leben zu können.

Möge der Herr uns wahrhaft mit seiner Königsherrschaft beschenken! Möge er tatsächlich in unseren Gedanken, unserem Herzen, unserer Seele herrschen.

Möge er unsere Berufung mit neuem Leben erfüllen und uns zu Zeugen seiner Königsherrschaft machen, jener Herrschaft, zu deren Errichtung er in die Welt gekommen ist.

 

Brief von P. Álvaro Corcuera LC zum Christkönigsfest 2012

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Montag, 26. November 2012

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