Brief des päpstlichen Delegaten an die Ordensgemeinschaft der Legionäre Christi
Liebe Brüder im Herrn,
mit Schreiben vom 16. Juni 2010 hat der Heilige Vater Benedikt XVI. mich zu seinem „Delegaten für die Kongregation der Legionäre Christi“ ernannt und mir die Aufgabe übertragen, in seinem Namen Euer Ordensinstitut zu leiten „so lange wie nötig, um den Weg der Erneuerung zum Ziel zu bringen und so zur Durchführung eines außerordentlichen Generalkapitels zu gelangen, dessen Hauptaufgabe es sein wird, die Überprüfung der Konstitutionen abzuschließen“. Der Heilige Vater unterstreicht „die dringende Notwendigkeit […], sich aufzumachen zu einer tiefgreifenden Überprüfung des Charismas des Ordensinstitutes“ und drückt gleichzeitig seinen Wunsch aus, „diesen Prozess aus der Nähe zu begleiten, zu unterstützen und zu orientieren“. Der Papst versteht den päpstlichen Delegaten als seinen persönlichen Delegaten. Dieser muss seine Aufgabe so ausführen, dass „er auf konkrete Weise meine (seine) Nähe bezeugt und in meinem (seinem) Namen gegenüber dieser Ordensfamilie handelt“. In dieser Familie, das heißt, Eurer Kongregation, bestätigt der Papst das Vorhandensein einer großen Zahl von Mitgliedern, die einen aufrichtigen Eifer und eine glühende Hingabe zeigen. Der Papst geht nicht auf weitere Details ein, wie der Delegat seine Aufgabe ausführen wird, sondern verweist für die notwendigen Präzisierungen auf ein weiteres Dekret, das „einige zusätzliche Durchführungsbestimmungen für die Ausübung dieses Amtes“ festlegen wird. Während wir auf diese genaueren Bestimmungen warten, können wir schon unseren Weg beginnen, gestärkt durch das Vertrauen und das Gebet, und durch den Segen des Heiligen Vaters, sowie vieler guter Menschen, die Euch schätzen und dankbar sind für Euren Einsatz im Dienst der Kirche.
In diesem Moment möchte ich betonen, dass die Kirche zwar zunächst die notwendige und unverzichtbare Aufmerksamkeit auf Tatsachen, Ereignisse und Personen gerichtet hat, welche die Kongregation selbst an der Wurzel bedroht hätten, wenn die Kirche nicht eingegriffen hätte in ihrer Liebe voller Weisheit, wobei sie sich nicht von den Kriterien des Fleisches, sondern des Geistes hat leiten lassen. Jetzt aber blickt sie, von derselben Liebe beseelt, auf die Schönheit der Wirklichkeit, die Ihr selbst, Eure Kongregation, darstellt. Der Papst möchte Euch jetzt durch mich auf Eurem Weg begleiten, damit Ihr, ohne Euch von den traurigen Ereignissen, die hinter Euch liegen, entmutigen zu lassen, Euch an der Gegenwart erfreuen könnt, an dem Geschenk der Berufung zum Ordensmann, zum Priester und zum Missionar. Diese Berufung entspringt dem Herzen Jesu, aus seiner Liebe. Der, der sein Werk im Herzen jedes einzelnen von Euch begonnen hat, der Euch vor den Gefahren bewahrt hat, die Euch bedroht haben, möchte sein Werk zur Vollendung bringen. Es ist daher vor allem angebracht, dem Herrn zu danken für das Werk, das er auf vielfältige Weise vollbracht hat. Entscheidend ist sicher der Eingriff gewesen, den der Herr Euch gegenüber durch die Kirche gewirkt hat, und den derselbe Herr auch weiterhin durch die Kirche fortführen möchte. Ich lade Euch daher ein, dem Herrn für seine Güte, seine Barmherzigkeit und seine Treue zu danken.
Von der Dankbarkeit gehen wir dazu über, uns auf den Weg der Erneuerung zu machen, zu dem der Heilige Vater uns einlädt. Das bedeutet auch, dass wir uns klar bewusst werden müssen, in welcher Situation wir uns befinden und sehr deutlich die Gründe erkennen müssen, die uns das Unglück und das innere Leid der derzeitigen Situation gebracht haben. Der Papst zeigt uns auch die Richtung dieses Weges an: Vor allem, das Charisma des Institutes neu zu untersuchen, genauer gesagt, die Normen der Konstitutionen, die Ausdruck und Gewähr des Charismas sind. Das Ziel, das der Heilige Vater uns vorgibt ist die Durchführung eines außerordentlichen Kapitels der Kongregation, in dem der neue Text der Konstitutionen approbiert werden soll. Dies wird ein individueller und gemeinschaftlicher Weg sein, in einer Haltung der Demut, einer großen geistlichen Anstrengung und einer Bestärkung in der Berufung. Der Weg sollte zu eine erneuerten Treue gegenüber dem Herrn im Ordensleben und Priestertum, und einem erneuerten Bund der Liebe zwischen Euch und dem Herrn führen, so dass die ewige Treue des Herrn zu jedem einzelnen von Euch ihre Entsprechung in Eurer Treue findet, mit einer erneuerten Hingabe des ganzen Lebens an Ihn, im Dienst seines Reiches für immer. Ich möchte denken, dass Ihr zu denen gehört, die der Heilige Vater die große Zahl von Mitgliedern voller Eifer und Hingabe nennt.
Der Weg der Erneuerung dient nicht dazu, die eigene Berufung in Frage zu stellen, sondern sie in neuer Tiefe zu überprüfen und mit einem neuen Geist und einer tieferen Anteilnahme die eigene Hingabe an sie wiederaufleben zu lassen.
Es ist verständlich, dass dies für einige schwierige Zeiten sind, und dass einige bereits an andere Wege gedacht haben und andere vielleicht noch darüber nachdenken. Die Berufung ist ein zu wichtiges Gut, als dass man darüber in einem Moment der Verwirrung entscheiden könnte. Es ist nötig, die Ruhe des Geistes und der Seele wiederzufinden, weil es um eine Entscheidung geht, die vor Gott getroffen wird, in Treue zu Jesus Christus, den Ihr als König Eures Lebens gewählt habt.
Haben wir Geduld. Gehen wir den Weg der Erneuerung mit Demut und Glauben; überdenken wir gemeinsam das gottgeweihte Ordensleben im Licht des Charismas der Kongregation; lesen wir aufs Neue die Konstitutionen, auf deren Grundlage ihr Euer Leben eingesetzt habt. Es geht darum, da bin ich sicher, sie von Elementen zu befreien, die Euer Charisma verdunkeln könnten, so dass die Berufung zu einem Leben nach den evangelischen Räten in all ihrer Schönheit erstrahlen kann, und das Reich Christi in Euren Herzen gestärkt wird, dessen Fülle sich im Ostergeheimnis zeigt; in der Nachfolge Christi, der sich in seinem Weg der Liebe in Freiheit dem Vater und seinen Brüdern hingibt, um in seinem auferstandenen Leib die neue Schöpfung hervorzubringen. Eure Berufung, Eure Kongregation ist in Euren Händen, sie ist Eurer Verantwortung anvertraut. Die Kirche begleitet Euch; der Herr ist barmherzig und großzügig: Er gießt seinen Geist aus ohne Grenzen! Seine Gnade kommt Euch zuvor, begleitet Euch und bringt Euch zum Ziel.
Helfen wir uns auf diesem Weg gegenseitig mit dem Gebet, insbesondere vor dem Altar des Herrn, und ermutigen wir uns gegenseitig, um uns in der Treue zu Jesus, dem König der Könige, dem Herr der Herren zu erhalten: er ist alles in unserem Leben.
Ich möchte Euch dem Herzen der Allerseligsten Mutter Gottes und der Kirche anvertrauen, jeden einzelnen von Euch und die ganze Kongregation. Sie, die vom Herrn als Hüterin seines Sohnes und der Kirche eingesetzt wurde, beschütze und behüte Euch alle und Eure Kongregation in seiner Liebe. Der Herr segne Euch und lasse über Euch sein Angesicht des Friedens und der Liebe leuchten.
+Velasio De Paolis CS
(Originaltext im Italienischen, Übersetzung ins Deutsche durch die Ordensgemeinschaft)
Veröffentlichung des vollständigen Schreibens von Mons. De Paolis im Wortlaut


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