P. Bertalan Egervári, L.C.

pbertalanegervari

Wirken Gottes in meinem Leben

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Pin on PinterestEmail this to someone

 

Wenn ich von meiner Berufung erzähle, weiß ich meistens gar nicht, wo ich anfangen soll. So vieles spielt eine wichtige Rolle. Wie kann ich am besten das Wirken Gottes in meinem Leben zeigen? Er hat mich nämlich nicht nur einmal seine Gegenwart in meinem Leben erfahren lassen.

Er hat sich mir sozusagen „gezeigt“, so dass ich schon seit langem nicht nur an Gott glaube, sondern Gewissheit über die Existenz, Nähe und Liebe Gottes besitze; nicht eine empirisch beweisbare, sondern eine innere, seelische Gewissheit, die meiner Meinung nach aber noch größer ist, als jede wissenschaftliche Sicherheit, weil sie unmittelbarer ist. Sie braucht nicht den (Um-)Weg über unsere Sinne und unseren Verstand, sondern ist eine direkte Berührung der Seele. Zweifeln könnte man später höchstens darüber, ob man sich das alles nur eingebildet hat oder psychologisch so darauf fixiert war, dass dann irgendwann, wie bei einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung, genau das eintritt, was man sich einredet oder erhofft. Aber nichts lag mir ferner als Priester zu werden! Die Erfahrungen waren viel zu unerwartet, unverhofft und andersartig, und außerdem gab es, wie gesagt, nicht nur eine.

Zum ersten mal spürbar eingegriffen in mein Leben hat Gott im Frühjahr 2001. Ich war damals 23 Jahre alt und mitten im BWL-Studium in Würzburg. Mein Leben hätte kaum besser sein können. Mehr als genug monatliches Taschengeld, Auto, riesige Studentenbude, alles von Papa bezahlt, dazu gute Freunde, Partys und ein hervorragend abgeschlossenes Vordiplom, das mir zusammen mit 13 anderen (von den knapp 500 BWL-Studenten unseres Jahrgangs) eine Einladung zur bayrischen Elite-Akademie eingebracht hat. Grund genug, rundum zufrieden zu sein und mir ziemlich toll vorzukommen. Nur die Frau fürs Leben, mit der ich eine Familie gründen und alt werden wollte, hatte sich noch nicht gefunden, aber das hatte noch mehr als genug Zeit.

So saß ich einige Tage vor Beginn des 6. Semesters in meiner Wohnung und habe mich einem meiner Hobbys gewidmet: lesen. Am liebsten habe ich Fantasy-Romane oder Science Fiction gelesen, aber auch sonst alles, was spannend oder lustig war; seit meinem 18. oder 19. Lebensjahr aber auch ab und zu Bücher über den Glauben, die mir meine Eltern immer wieder geschickt zukommen ließen. Ich fand sie meistens auch recht interessant, weil ich so nach und nach den Glauben besser verstanden habe. Es war wie Puzzle-Teile, die sich zusammenfügen und plötzlich klare Bilder erkennen lassen. Übrigens sollte ich erwähnen, dass ich „Gewohnheitschrist“ war. Ich ging sonntags in die Kirche, aber sonst gar nichts. Gebeichtet hatte ich bestimmt zehn Jahre nicht mehr, nie gebetet, mich nicht engagiert, und vom Katechismus hatte ich natürlich keine Ahnung. Die Bücher haben mir also die Tiefe des Glaubens ein bisschen näher gebracht. Eines hat mich irgendwie besonders angezogen, denn ich war gerade dabei, es zum dritten mal durchzulesen. Es heißt „Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers“ und handelt eben von diesem Pilger, der von einem einzigen Gedanken beseelt ist: Er möchte lernen zu beten ohne Unterlass. Ich war gerade an der Stelle angekommen, wo sein Lehrmeister in etwa folgenden Satz sagt: Wenn die Menschen nur einmal die Hälfte eines Tages im Gebet verbringen würden, dann wüssten sie, wie wichtig das Gebet ist. Da habe ich das Buch weggelegt und mir gedacht, ich sitze hier alleine, meine Freunde sind alle noch zu Hause und ich habe auch sonst nichts zu tun… Wieso probiere ich das nicht aus? Gesagt, getan. Damit es nicht zu anstrengend wird, habe ich acht Stunden Schlaf abgezogen, womit noch acht Stunden für Sonstiges und acht Stunden für Gebet übrigblieben. Also habe ich acht Stunden lang das Gebet gesprochen, das der Pilger unablässig wiederholen sollte: beim Einatmen „Herr Jesus Christus“, beim Ausatmen „erbarme dich meiner“. Und dann habe ich natürlich in mich reingehört: Ich fühlte mich nicht anders, ich dachte nicht anders, ich sah nicht anders aus, und doch – irgendetwas WAR anders. Ich konnte es weder fassen noch beschreiben, es entzog sich jeglichem Zugriff. Ich habe lange Jahre gebraucht, um es besser zu verstehen. Heute bin ich mir sicher, dass Gott meine Seele direkt berührt oder zu ihr gesprochen hat, ohne den Umweg über meinen Verstand oder meine Sinne zu gehen. Da Gott und die Seele geistiger und nicht materieller Natur sind und wir nicht fähig sind, geistige Dinge zu erfassen, war auch diese Erfahrung völlig anders als alles, was ich kannte, und einfach unmöglich zu verstehen oder zu beschreiben.

Aber sie war so real und hat eine solche Wirkung hinterlassen, dass ich von dem Tag an täglich mindestens 15 Minuten gebetet habe. Sehr bald wurde daraus ein Rosenkranz. Ich bin nie ins Bett, ohne ihn gebetet zu haben, selbst wenn ich erst nachts um drei oder vier aus der Disko heimgekommen bin. Nur drei Monate später habe ich mich gefragt, wie ich denn zuvor ohne Gebet überhaupt leben konnte!

Diese Erfahrung war der erste Schritt auf meinem Weg zum Priestertum. Viel anderes hat sich danach noch ereignet, aber davon muss ich bei anderer Gelegenheit erzählen.

P. Bertalan Egervári, L.C.

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Pin on PinterestEmail this to someone